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Am Rande Falsche Lügen

aus DER SPIEGEL 50/1999

Mit Dichtung und Wahrheit ist es manchmal wie beim Empfang von Rundfunksendern mit einem alten Röhrenradio. Sie sind nicht genau voneinander zu unterscheiden.

In diesem Sinne war die DDR ein besonders betagtes Radio - ohne jede Trennschärfe. Eine Ansammlung leerer Regale galt als Laden, Absolventen des Studiengangs für Schreibkader der Leipziger Universität nannten sich Journalisten, und das mit ihren Texten bedruckte Papier wurde als Zeitung unter die Leute gebracht.

Manche dieser Journalisten sitzen heute wieder auf Chefposten, und eine Befragung unter ihnen brachte Erstaunliches hervor: Die Ausbildung im »Roten Kloster« von Leipzig hat die Propaganda-Schreiber mit einer guten Portion Humor ausgestattet. Konfrontiert mit dem damaligen Widerspruch zwischen ihrer Dichtung und der Wahrheit, erklärten sie: Die DDR-Bürger hätten ja eh gewusst, wie es im Land zugeht. Die Lügen waren mithin keine wirklichen Lügen. Ihre Kader-Ausbildung könne so schlecht auch nicht gewesen sein - sonst hätten sie es im Westen niemals so weit gebracht.

Damit scheinen sie nicht falsch zu liegen. Bis an ihr Berufsende werden Honeckers Journalisten davon profitieren, dass viele die Techniken der Anpassung noch intensiver studiert haben als den Marxismus-Leninismus.

Heute freilich möchten die roten Klosterschüler keine Kämpfer für Frieden und Sozialismus mehr sein, sondern nur noch schreiben, was ihre Leser wirklich brauchen können. Ja, wenn es denn diesmal wenigstens stimmt.

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