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USA / STRAFPROZESS Falsche Richtung

aus DER SPIEGEL 35/1970

(siehe Titelbild)

Staatsanwalt Aaron Stovitz, 45, hatte gerade einen Pappbecher Wasser getrunken, nun kehrte er vom Wasserautomaten zurück zu seinem Platz in der Mitte des Saals 816 der Hall of Justice von Los Angeles -- vorbei an den drei Mädchen, die er derzeit anklagt, am 8. und 10. August vorigen Jahres sieben Menschen »grausam ermordet« zu haben: Susan Atkins, 21, Leslie van Routen, 19, und Patricia Krenwinkel, 22.

Da sprach ihn plötzlich Susan Atkins an, fragte lächelnd, ob er sich denn unbewaffnet an ihnen vorbeitraue. Weit öffnete Stovitz seine Jacke, drehte erst die linke, dann die rechte Hüfte vor, zeigte seine Achselhöhlen -- er war unbewaffnet.

Die drei Mädchen kicherten, ihr Ankläger aber fuhr mit der Rechten in die Hosentasche und zog jäh etwas hervor: ein Paket Kaugummi.

Er ließ das Päckchen kreisen, jedes der Mädchen nahm ein Stück Kaugummi und dankte im Sitzen mit einem angedeuteten Knicks. Das letzte Gummiblättchen schob sich Stovitz selbst in den Mund, dann winkte er den Angeklagten fröhlich zu und ging weiter zu seinem Stuhl.

Auch Ankläger Vincent T. Bugliosi führt sich keineswegs wie ein unerbittlicher Strafverfolger auf: In den zahlreichen Verhandlungspausen scherzt und flüstert er mit den drei Mädchen.

Staatsanwälte treiben ihre Clownerien mit Angeklagten, denen sie die Gaskammer zugedacht haben, brutale Strafgerechtigkeit mit Operette garniert -- so Makabres wird in dem holzgetäfelten, ständig überhitzten Gerichtssaal aufgeführt, in dem, nach dem Willen der Presse und der Angeklagten, eigentlich ein »Prozeß des Jahrhunderts« stattfinden sollte: das Verfahren gegen den Hippie-Führer Charles Manson, 35, und die drei Blumentöchter.

Der Jahrhundert-Prozeß, laut »New York Times« »einer der bizarrsten Kriminalfälle in der Rechtsgeschichte Kaliforniens und vielleicht sogar der ganzen Nation«, ist längst zur Tragikomödie geworden, zur Parodie auf eines der Heiligtümer des amerikanischen Rechtsbewußtseins -- das ordentliche Gerichtsverfahren, garantiert durch unabhängige, volksnahe Geschworene, getragen von dem Glauben an unverrückbare Normen. Der Manson-Prozeß erweist: Die aus dem individualistischen Naturrecht stammende Gerechtigkeitsidee hat in den USA für die Rechtsfindung Institutionen am Leben gehalten, die ihren Zweck nicht mehr erfüllen. Das Strafrecht hat nicht nur »sein gutes Gewissen verloren«, wie der deutsche Rechtslehrer Gustav Radbruch einst schrieb, es desorganisiert sich auch nach außen hin.

»Amerikas obsoletes Rechtssystem steht vor dem Zusammenbruch«, stellte die Wirtschaftszeitschrift »Fortune« fest. Und »Life« urteilte: »Ein System, das vor nahezu zwei Jahrhunderten zum Schutz von vier Millionen Menschen geschaffen wurde, taugt nicht für 200 Millionen.«

Dieses System setzte eine Gesellschaft voraus, in der Rechtsbruch entweder ungerächt oder Ausnahme blieb. Heute dagegen überschwemmt eine Welle des Verbrechens die USA.

Dieses System setzte einen stillschweigenden Konsensus aller Beteiligten, selbst zwischen Richter und Gerichteten, voraus. Der moderne Protest-Täter akzeptiert ihn nicht mehr. Er tastet das Rechtsgut an, um das Recht und das System zu treffen, das von diesem Recht getragen und erhalten werden soll.

Im Manson-Prozeß hören die angeklagten Mädchen in ihren dunkelblauen, verwaschenen Drillichjacken nicht auf Zeugen, Anwälte oder Richter, sondern spielen mit ihren langen schwarzen Haaren, lachen, kichern, singen oder furten mit allem im Gerichtssaal, was nach Mann aussieht.

Auch Charles Manson wirkt unbeteiligt. Immer wieder streicht er mit dem Zeigefinger der Rechten über Kinn und Wangen, wo der gestutzte Vollbart erst langsam wieder nachwächst. Gelegentlich nimmt er statt des Fingers einen grellgelben Bleistift, der farbenfroh mit Mansons gefängnisbleicher Haut kontrastiert. Hin und wieder mahnt er den Richter, er sollte »mehr Liebe im Verhandlungsraum herrschen lassen«.

Für die Angeklagten treten Anwälte auf, die kaum je einen Prozeß gewonnen haben und in ihrem Ungeschick nicht einmal merken, wenn sie selbst die Schuld jener Mandanten zugeben, die sie verteidigen sollen.

Die zwölf Geschworenen, Durchschnittsalter über 50, mit grauen Haaren, grauen Anzügen, grauen Kostümen, sollen über die Schuld von Angeklagten befinden, die in nahezu allen erwachsenen Amerikanern nur »piggies«, Schweinchen, sehen.

Über allem thront auf ledernem Drehstuhl ein Richter, der sich zwar redlich bemüht, den Auftrag der Verfassung zu erfüllen und den Angeklagten einen »fairen Prozeß« zu garantieren, der aber eigentlich seit Prozeßbeginn wissen muß, daß eben das nicht möglich ist.

Denn spätestens seit dem 3. August steht, zumindest für Amerikas große unmündige schweigende Mehrheit das Urteil bereits fest: Ihre höchste Autorität, der Rechtsanwalt im Weißen Haus, Richard M. Nixon, sprach in aller Öffentlichkeit sein »Schuldig« über Charles Manson.

Amerikas 37. Präsident griff damit in ein schwebendes Verfahren ein, wie es vor ihm schon einmal ein US-Präsident, der Jurist Thomas Jefferson, getan hatte. Als gegen den ehemaligen Jefferson-Vize Aaron Burr wegen Hoch- und Landesverrats verhandelt wurde, erklärte der dritte US-Präsident in einer Botschaft an den Kongreß öffentlich, die Schuld Burrs -- der später freigesprochen wurde stehe außer Frage.

Das war vor 163 Jahren. Jetzt tadelte die »Los Angeles Times« ihren Staatschef: »Die lange Geschichte des angelsächsischen Rechts hat das Prinzip entwickelt, daß dem Gesetz nur ohne die persönliche Intervention eines Königs oder eines Präsidenten Genüge getan werden kann.«

Das Recht des Angeklagten auf einen »fair trial«, einen fairen Prozeß, wäre in Los Angeles auch ohne Nixons Eingriff zur Farce geworden:

Lange vor der Eröffnung des Prozesses bereits hatten Presse, Rundfunk und Fernsehen, wohlinformiert von interessierten Anklägern und Anwälten, all das im Detail ausgebreitet, was erst das Verfahren enthüllen sollte. Ahnungslose Geschworene konnte es mithin kaum noch geben.

Vor allem aber: Lange vor der Eröffnung des Prozesses bereits war das Verfahren seiner einzigen substantiellen Grundlage beraubt worden -des Geständnisses der Angeklagten Susan Atkins.

Susan war im Oktober 1969 verhaftet worden -- wegen des Verdachts, sie habe gemeinsam mit einem Robert Beausoleil den Musiker Gary Hinman ermordet. Kurz nach ihrer Einlieferung ins Gefängnis gestand sie ihrer Zellennachbarin Shelly Nadell und später auch der Staatsanwaltschaft, zusammen mit den anderen im Auftrag Mansons die Filmschauspielerin Sharon Tate, vier Tate-Freunde sowie das Kaufmanns-Ehepaar La Bianca ermordet zu haben.

Endlich hatte die Staatsanwaltschaft einen Ansatzpunkt, endlich schien klar, wie es zu den bis dahin von Geheimnissen umhüllten Mordfällen gekommen war.

Mit dem Geständnis der Atkins trat Ankläger Bugliosi im Dezember vor eine Grand Jury von 21 Geschworenen und beantragte, Anklage gegen »Manson und andere« zu erheben.

Ob Bugliosi über weiteres schlüssiges Beweismaterial verfügte, ist bis heute unklar; denn anders als etwa im US-Staat New York, wo die Beschuldigung durch einen Mitangeklagten ohne Unterstützung durch andere objektive Beweise nicht für eine Anklage ausreicht, genügt in Kalifornien bereits das Geständnis eines Mittäters.

Die Grand Jury verhandelte zwei Tage lang, verhörte 22 Zeugen und stellte dann ihre »true bill« aus, ihr Ja zur Anklage -- vor allem offenbar aufgrund der Atkins-Aussage.

Im März 1970 jedoch widerrief Susan Atkins ihr Geständnis -- vermutlich, weil die Staatsanwaltschaft ihr für ihre Aussage keine Straffreiheit auch im Falle Hinman gewähren wollte, vielleicht aber auch auf Anraten Charles Mansons, dem nach Susans Auftritt vor der Grand Jury vom Richter ein Gespräch mit der Kronzeugin zugestanden worden war.

Im Saal 816, auf dessen Tür in goldenen Lettern lediglich der Name des Richters Charles H. Older steht, wurde das Verfahren dennoch eröffnet -- und die Staatsanwaltschaft präsentierte sogar eine neue Zeugin der Anklage.

Ein Mitglied der Manson-Famille. so hatte die Atkins-Aussage ergeben, war bei den Morden dabeigewesen -- aber sie hatte nicht mitgemordet, sondern, wie man im Gauner-Rotwelsch sagt, »Schmiere« gestanden: Linda Kasabian, 21, verheiratet, Mutter von zwei Kindern, von denen das zweite im Gefängnis zur Welt kam.

Sie, so erkannte die Staatsanwaltschaft, würde eine noch bessere Zeugin der Anklage abgeben als die aktive Mittäterin Susan Atkins. Und in ihrem Fall konnte man auch leichteren Herzens offerieren, was bei schweren Verbrechen nur dem angelsächsischen Rechtskreis bekannt ist -- Straffreiheit für geständige Mittäter, mit anderen Worten: Verzicht auf Recht als Belohnung für die Gewinnung von Recht.

Das seltsame Rechtsinstitut ist an sich humanitären Ursprungs, hervorgegangen aus dem im 16. Jahrhundert in England aufgestellten Grunds- tz: »Niemand ist verpflichtet, gegen sich selbst auszusagen«.

Zwar kann auch in Deutschland ein kleiner Übeltäter frei ausgehen, wenn durch seine Aussage ein schweres Verbrechen aufgedeckt wird. Solange die Homosexualität noch unbeschränkt strafbar war, konnte beispielsweise ein erpreßter Homosexueller stets darauf rechnen, daß er -- obwohl selbst straffällig -- nicht verfolgt wurde, wenn er seinen Erpresser anzeigte.

In den angelsächsischen Ländern jedoch gibt es Straffreiheit für den »Crown's witness«, »King's witness« beziehungsweise »Queen's witness« (Großbritannien) oder den »States« witness« (USA) auch bei schweren Verbrechen

»Es ist klar«, so kritisiert der Strafrechtler Max Hirschberg in seinem Buch »Das amerikanische und deutsche Strafverfahren«, »daß die Aussage eines solchen Mitangeklagten, der sich durch schwerste Belastung der übrigen Angeklagten die ihm versprochenen Vorteile verdienen muß, das denkbar ungeeigneteste Beweismittel ist.«

Andererseits bietet dieses Verfahren häufig die einzige Möglichkeit, Verbrechen aufzuklären, die sonst mangels Beweismaterials nicht weiter verfolgt werden könnten.

So ging im Jahre 1883 in Dublin ein irischer Rebell namens Carey straffrei aus, obwohl er selbst für die Ermordung der Politiker Lord Cavendish und Burke im Phoenix-Park der irischen Hauptstadt verantwortlich gewesen war: Carey hatte sich als »Queen's witness« zur Verfügung gestellt, erst aufgrund seiner Aussage

konnten seine fünf Komplicen gefaßt, vor Gericht gestellt und später hingerichtet werden.

Und im Jahre 1961 ging, in Florida, auch der Farbige Bobby Lincoln straffrei aus, obwohl er zugab, er sei 1955 am Mord des Richters Chillingworth und dessen Ehefrau in West Palm Beach beteiligt gewesen: Sechs Jahre nach der Tat hatte sich Lincoln, vom schlechten Gewissen getrieben, der Staatsanwaltschaft anvertraut. Erst aufgrund der Lincoln-Aussage konnte Komplice Floyd Holzapfel festgenommen werden. Er endete auf dem elektrischen Stuhl.

Häufig sind jedoch alle Angebote auf Straffreiheit vergeblich, denn gerade in einem Land mit weitverbreiteter Bandenkriminalität wie den USA müssen potentielle Zeugen der Anklage fürchten, daß es ihnen so ergeht wie 1883 dem Iren Carey:

Um ihren Kronzeugen vor der Verfolgung durch andere irische Aufständische zu schützen, hatte ihn die Staatsanwaltschaft Dublin unter falschem Namen nach Südafrika geschickt. Doch die irischen Rebellen fanden und erschossen ihn.

Morddrohungen war auch Linda Kasabian ausgesetzt, als ihr die Staatsanwaltschaft von Los Angeles absolute Straffreiheit für ihre Aussage offerierte. Doch beraten von ihren geschäftstüchtigen Anwälten Goldman und Fleischman, die sofort bei der »Life«-Autorin Joan Didion ein Buch von und über Linda Kasabian in Auftrag gaben (Lindas Anteil an den Einnahmen: 25 Prozent), willigte die Angeklagte ein, denn: »Ich fühlte die ganze Zeit, daß ich diejenige sein würde, die die Wahrheit erzählt.« Fortan war sie nicht mehr Angeklagte, sondern Zeugin der Anklage; ihre Vorgängerin im Kronzeugen-Stand aber, Susan Atkins, saß auf der Anklagebank.

Unter den Flaggen der USA und Kaliforniens erzählte die neue Zeugin der Anklage ("Als ich mich zur Aussage entschloß, Wußte ich nichts von der Straffreiheit, sie ist für mich ein Wunder") ihre »Wahrheit«.

Linda war für ihren Auftritt nicht nur programmiert, sie war auch entsprechend kostümiert worden. Am ersten Tag ihrer Vernehmung bereits erschien sie mit Verspätung, weil sie -- so ein Justizbeamter -- »hübsch sein wollte bei ihrer Aussage«.

Sie trug Kleider mit rundem, halsfernem Ausschnitt, und das hatte zur -- berechneten -- Folge, daß sich die Spitzen ihrer Gretel-Zöpfe spielerisch in ·den Schlüsselbeingrübchen kringelten, mit jedem Wort, jedem Atem-

* Als Beweismaterial präsentiert Stovitz einen angeblich beim Tate-Mord benutzten Revolver.

** Das Urteil wurde zwölf Jahre später, 1966, aufgehoben, Sheppard in einer Berufungsverhandlung freigesprochen.

zug wippend -- eine Verführte, gewiß, aber doch bereit, den Weg der Besserung zu gehen, sich von der Gesellschaft wieder aufnehmen zu lassen.

Stets mit dem rechten Gespür für die Situation, mal leise, erschöpft, mal lauter, erregt, schilderte sie, wie -- in ihrer Erinnerung -- am 8. August 1969 Sharon Tate, Abigail Folger, Steven Parent, Jay Sebring und Voiteck Frykowski umgebracht, wie am 10. August 1969 die Eheleute La Bianca ermordet wurden.

Ausführlich beschrieb sie, wie man auf der Ranch der Manson-»Familie« neben-, auf-, unter- und durcheinander geschlafen hat -- und als erstmals das Wort »Geschlechtsverkehr« fiel, wurde es für einen Augenblick noch stiller als sonst im Saal 816.

Stiller als sonst war es auch, als einer der Verteidiger, Ex-Boxer Paul Fitzgerald, die Zeugin der Anklage ins Kreuzverhör nahm, als er fragte: »Mit wem waren Sie aktiv?«

»Ich habe viele geliebt in jener Nacht«, antwortete die Zeugin. »Zuerst Leslie van Houten und Tex Watson zusammen, dann kamen Clem, Miz und Shake. Vielleicht kamen auch mehr, ich weiß es nicht.«

»Hat es Ihnen Spaß gemacht?« wollte der Anwalt wissen. »Ja, es hat mir schon gefallen.« Fitzgerald setzte sich, im Saal wurde erregt getuschelt, hastig machten sich die Geschworenen Notizen.

Und wieder griff der Ex-Boxer an: »Sie nahmen Rauschgift?«

Antwort: »Ja, ich habe LSD genommen, vielleicht 50mal, später auch andere Sachen.«

Frage: »Und wie war das, als Sie schwanger waren?«

Antwort: »Unverändert, eher schöner. Ich nahm LSD.«

Folgerichtig hätte Fitzgerald jetzt weiterfragen müssen: Was ist das für ein Mädchen, das quer durch die »Familie« liebte und auch noch Spaß daran hatte? Was ist das für eine Mutter, die sogar während der Schwangerschaft Rauschgift nahm?

Aber die Fragen durfte der Anwalt laut Gesetz nicht stellen. Wohin das Kreuzverhör zielte, war dennoch klar: Es sollte die Glaubwürdigkeit der Zeugin erschüttern. Unausgesprochen stand der Fall des Arztes Sam Sheppard im Raum, der 1954 angeklagt war, seine Frau ermordet zu haben, dem die Staatsanwaltschaft aber kaum etwas anderes als mehrfachen Ehebruch nachweisen konnte. Sheppard wurde dennoch zum Tode verurteilt**, für die puritanische Jury, so urteilte die Prozeß-Berichterstatterin Dorothy Kilgallen, stand fest: »Wer die Ehe bricht, der mordet auch.«

Linda Kasabian aber hielt dem Fragefeuer der Anwälte mehr als zwei Wochen lang stand, antwortete -- je nach den Erfordernissen der Situation -- mit Schluchzen und Tränen oder mit verhaltener Erregung. Und sie brach auch nicht zusammen, widerrief nichts, als Charles Manson sie während ihrer Aussage anstarrte und eine Geste machte, als wolle er ihr den Hals durchschneiden.

So sicher, so souverän hatte selten eine Kronzeugin ein Kreuzverhör durchgestanden, so schwach allerdings waren auch selten Verteidiger gewesen.

Das mußte auch die sieben Männer und fünf Frauen in der Jury beeindrucken, wenngleich ihre Gesichter nichts verrieten. Zumindest seit sich Film-Anwalt Perry Mason und Ankläger Hamilton Burger ihre endlosen Fernseh-Duelle liefern, weiß jeder Amerikaner, was erst einen Geschworenen ausmacht: das in allen Situationen unbewegte Gesicht, in dem sich keine Regung widerspiegeln darf.

In der Hand dieser zwölf Geschworenen -- in fast fünfwöchiger Prozedur ausgewählt aus 151 Kandidaten -- liegt es schließlich, ob Charles Manson, Susan Atkins, Leslie van Houten und Patricia Krenwinkel schuldig gesprochen und, möglicherweise, zum Tode verurteilt werden.

Aber können Manson und die Mädchen, so fragte die »New York Times«, überhaupt »von eben den Leuten ein offenes Ohr erwarten, denen sie den Krieg erklärt haben«?

Können die zwölf Geschworenen noch, wie es das Gesetz verlangt, unvoreingenommen über einen Fall urteilen, über den die »Los Angeles Times« und andere Zeitungen bereits im vorigen Winter die damalige Kronzeugin Susan Atkins in der ersten Person erzählen ließen, den ein Vertreter der Anklage noch kurz vor Prozeßbeginn im Pop-Magazin »Rolling Stone« kommentierte und über den schon mehrere Taschenbücher erschienen sind?

Läßt sich im Zeitalter der totalen Information überhaupt noch eine Das Schwurgericht zehrt von einer Aura demokratischer Gerechtigkeit und volksnaher Rechtsfindung -- und von der Geschichte: Während der deutsche Laienrichter im 16. Jahrhundert durch den des Römischen Rechts kundigen, dem Landesherrn oft ergebenen Beamtenrichter verdrängt wurde, gilt das Laiengericht den Angelsachsen, die das Römer-Recht nicht übernahmen, nach wie vor als Bollwerk bürgerlicher Freiheit.

unvoreingenommene Jury finden, ist die Institution des Schwurgerichts überhaupt noch zeitgemäß?

Doch heute entspricht dieser Symbolwert des Schwurgerichts nicht mehr seiner Leistungsfähigkeit. In den USA dauert es zuweilen Wochen, ja Monate, bis sich auch nur eine halbwegs geeignete Jury findet. In Los Angeles beispielsweise suchten Ankläger und Verteidiger einmal drei Monate lang unter 2371 Laien nach befähigten Geschworenen.

Denn viele Bürger empfinden es nicht mehr als Ehre, sondern als Mühsal, in eine Jury berufen zu werden. Die Prozesse dauern lange, die Geschworenen werden ihrem Beruf entzogen und oft von der Außenwelt abgeschlossen -- in Los Angeles wurden sie sogar in einem Bus mit geschwärzten Fenstern in ihr Hotel gefahren -, während der Angeklagte gegen Kaution auf freiem Fuß ist.

Als etwa 1967 der Lyndon-Johnson-Intimus Bobby Baker unter der Anklage zahlreicher schwerer Betrügereien und anderer Delikte vor Gericht stand, wurde die Jury drei Wochen lang kaserniert, Baker jedoch konnte sich frei bewegen. Jury-Mitglied Lenzie Barnes: »Maxi kommt sich vor wie ein Kriegsgefangener oder ein Zuchthäusler.«

Immer mehr Amerikaner versuchen deshalb, sich dem Geschworenen-Dienst zu entziehen, meist mit der einfachsten Begründung: Befangenheit.

Die Rechtsprechung durch das Volk aber wird zur Fiktion, wenn auf der Geschworenenbank fast nur noch Platz nimmt, wer sich selbst zum Richter -- sprich: Rächer -- berufen fühlt und sich wider besseres Wissen als unvoreingenommen bezeichnet; oder wenn die Jury nichts anderes mehr darstellt als -- so der britische Philosoph Herbert Spencer -- »eine Gruppe von zwölf Menschen durchschnittlicher Ignoranz«. Ein analphabetischer Hilfsarbeiter zum Beispiel, Jury-Kandidat im Sheppard-Prozeß, begründete seine Eignung für das Geschworenenamt mit der Feststellung: »Ich lese noch nicht einmal Zeitungen.«

Die Puritaner in der Jury, Vertreter des »clean cut«-Amerika, urteilen noch immer, wie die Puritaner vor Jahrhunderten urteilten: In New York etwa sprach ein Geschworenengericht eine Frau, die ihren Geliebten erschossen hatte. mit der Begründung frei, ihre Empörung über sein Verlangen ·nach »oral intercourse«

und von der »gruppe durchschnittlicher ignoranz« ist nicht zu erwarten. daß sie den immer komplizierter werdenden verfahren des 20. jahrhunderts überhaupt noch zu folgen vermag.

mindestens jedes zweite schwurgerichtsurteil, so schätzen die beiden us-autoren harry elmer barnes und negley teeters, ist ein fehlurteil -- unwiderruflich, falls es nicht gelingt, verfahrensmängel nachzuweisen.

so spiegelt sich auch in der justiz die zerrissenheit der ganzen nation wider, die fassungslos zuschaut, wie ihre geheiligten fundamente, die familie zum beispiel oder die kirche, zerbröckeln, wie das land aus einer krise in die nächste, größere taumelt.

»das ganze system list zusammengebrochen«, so erklärte der kongreßabgeordnete brock adams, demokrat aus seattle, dem spiegel, »und das ist auch der grund für unsere steigende kriminalität.« man kann es auch umgekehrt sehen.

»alle verbrechen«, so bestimmt es amerikas verfassung in artikel iii, sollen von einem geschworenengericht abgeurteilt werden.« doch zu den »verbrechen« zählen auch manche kaum verbrecherischen delikte: ein drittel aller verhaftungen erfolgt allein wegen übermäßigen alkoholgenusses; ein drittel der verfügbaren zeit nimmt in manchen gerichtsbezirken die behandlung von autounfällen ein. (in manchen us-staaten werden sogar bis zu 50 prozent der zivilprozesse vor einer jury verhandelt, die beispielsweise über die höhe von schadenersatz zu befinden hat.)

zwar kommen die meisten dieser straftaten nicht vor eine jury, denn wer sich schuldig bekennt, wird von einem einzelrichter abgeurteilt. dennoch lähmen sie die arbeit der strafverfolgungsbehörden. »das ist lächerlich«, erregt sich brock adams, »solche sachen sollten aus dem strafgerichtsverfahren ausgegliedert werden.«

der abgeordnete plädiert dafür, geschworene nur noch bei gewaltverbrechen einzusetzen. das aber ist ebensowenig ein ausweg aus dem dilemma der amerikanischen strafjustiz wie die methode des staates florida, die jury auf sechs mitglieder zu verkleinern.

denn allein in new york hat sich die zahl der gewaltverbrechen wie mord, bewaffneter raubüberfall oder vergewaltigung in den sechziger jahren mehr als verdreifacht; im landesdurchschnitt schnellte sie um 148 prozent empor; jetzt steigt sie jahr für jahr um etwa 15 prozent.

»wenn wir alle diese verbrechen vor geschworenengerichten verhandeln wollten«, so kommentierte ein jurist in san francisco, »dann müßten wir alle erwachsenen amerikaner zu geschworenen machen.«

angelsächsische juristen bedienen sich deshalb bereits seit je eines hilfsmittels, das fortschrittlich zu sein scheint, dessen auswüchse aber die gerechtigkeit nur noch zu »einer sache des feilschens« machen ("life"): ankläger und verteidiger verhandeln über schuld und sühne, bevor es überhaupt zum verfahren kommt.

die grundidee dieses »plea bargaining« (großbritannien) oder »negotiated plea« (usa) stammt wiederum aus dem germanischen recht, das die strafe als eine art persönlicher rache des verletzten ansah nach dem grundsatz: »wo kein kläger, da kein richter.« das römische recht nahm den strafanspruch aus der privatsphäre des einzelnen heraus und überantwortete ihn dem staat nicht jedoch der angelsächsische, vom römischen recht unberührte rechtskreis.

in england gehört »plea bargaining« (geständnishandel) zum üblichen strafverfahren. gelegentlich macht sogar der richter mit. beim amerikanischen »negotiated plea« bekennt sich der angeklagte schuldig -- meist jedoch nicht des ihm zur last gelegten verbrechens, sondern einer weniger schweren straftat. der ankläger honoriert das geständnis, indem er eine entsprechend niedrigere strafe beantragt.

so bekannten sich einbrecher, die im us-staat michigan nachts auf frischer tat ertappt wurden, bis vor sechs jahren lediglich des einbruchs bei tage für schuldig: bis 1964 war die strafe für einbruch zur nachtzeit in michigan dreimal so hoch wie für einbruch am hellen tage.

und als in einer kleinstadt in wisconsin ein schnellfahrer erwischt wurde, gab er nicht etwa die überhöhte geschwindigkeit zu -- was ihn seinen führerschein gekostet hätte --,sondern bekannte sich auf empfehlung seines anwalts schuldig. eine einbahnstraße in falscher richtung durchfahren zu haben. er behielt seinen führerschein obwohl es in der ganzen stadt keine einzige einbahnstraße gab.

so vorteilhaft es auch sein mag, den angeklagten zur aktiven mitarbeit zu bewegen und durch ein »negotiated plea« den rechtsapparat zu entlasten, um so abschreckender wirkt das verkürzte verfahren, wenn es dazu mißbraucht wird, prominente zu schonen oder die völlige aufklärung eines verbrechens aus durchsichtigen gründen zu verhindern.

so werden die hintergründe des mordes an dem negerführer martin luther king jr. wohl nie aufgeklärt werden, weil die ankläger im südstaat tennessee damit zufrieden waren, daß sich der mutmaßliche king-mörder james earl ray schuldig bekannte, und auf ein gründliches gerichtsverfahren verzichteten.

zwar durchkreuzte staatsanwalt phil m. canale die pläne des ray-verteidigers percy foreman und forderte nicht »lebenslänglich« (was eine begnadigung nach zwölfeinhalb jahren möglich gemacht hätte), sondern 99 jahre haft (was die aussicht auf begnadigung erst nach 30 jahren eröffnet). dennoch sah die »new york times« in dem summarischen verfahren eine »verhöhnung der gerechtigkeit« und einen »schockierenden vertrauensbruch gegenüber dem amerikanischen volk«.

ungeklärt wird auch bleiben, was tatsächlich geschah, als in der nacht zum 19. juli 1969 die blonde mary jo kopechne im auto des senators edward m. kennedy ertrank. einem gründlichen verfahren kam kennedy zuvor, indem er sich der fahrerflucht schuldig bekannte. strafmaß: zwei monate gefängnis mit bewährung.

wie sehr die beschuldigten oft darauf vertrauen, daß ihre anwälte und die vertreter der anklage einen kompromiß geschlossen haben, bewies ein wegen schweren diebstahls angeklagter amerikaner in kalifornien: als sein name aufgerufen wurde, sprang er auf, trat vor den richter und bekannte sich der vergewaltigung schuldig. seine erklärung: »weil, ich dachte, mein anwalt hätte vielleicht etwas für mich ausgehandelt.« insgesamt werden mittlerweile 95 prozent -- in new york sogar 99 prozent -- aller straftaten, für die eigentlich ein ordentliches schwurgerichtsverfahren erforderlich wäre, durch ein »negotiated plea« erledigt. der meineid der angeklagten, die dem richter schwören, daß ihnen für ihr schuldbekenntnis keine vergünstigungen angeboten werden, ist vermutlich das häufigste verbrechen in den usa.

doch selbst mit den restlichen fünf prozent der verfahren wird amerikas justiz kaum noch fertig; denn die zahl aller straffälle wächst um ein vielfaches schneller als die bevölkerung -- in los angeles zum beispiel zehnmal so schnell. staatsanwälte und gerichte können mit dem tempo des verbrechens nicht mehr schritt halten. in new york lag die zahl der noch nicht bearbeiteten fälle anfang 1970 bei 700 000. für die aufarbeitung würden die gerichte zweieinhalb jahre benötigen -- vorausgesetzt, daß keine neuen fälle hinzukommen.

aber allein im manhattan court house von new york wird alle zehn minuten ein verdächtiger vorgeführt. die meisten fälle werden zunächst einmal vertagt, damit verteidiger und ankläger zeit zum aushandeln eines »negotiated plea« gewinnen; sechs von zehn verhafteten dürfen das gerichtsgebäude gegen zahlung einer kaution wieder verlassen.

geschickte verteidiger nutzen die personalnot der justizbehörden. so berichtete ein anwalt, ihm sei es gelungen, den prozeß gegen seinen des mordversuchs beschuldigten mandanten acht- oder neunmal zu verschieben: »opfer und polizisten waren vor gericht erschienen, aber jedesmal amtierte ein anderer richter, dem ich erzählte, ich benötigte mehr zeit für meine vorbereitung. schließlich kam das opfer nicht mehr, und nun war es sache der anklage, eine verschiebung zu beantragen. nachdem das opfer dreimal nicht erschienen war, wurde die anklage fallengelassen.«

zwar werden alle prozeßbeteiligten schriftlich vorgeladen. doch die mißachtung einer vorladung ist nur strafbar, wenn das papier durch justizangestellte zugestellt wurde. in new york aber kommen die meisten vorladungen per post, und immer mehr prozeßbeteiligte -- angeklagte eingeschlossen -- bleiben dem verfahren einfach fern.

daraufhin erlassene haftbefehle bleiben ebenso wirkungslos; denn täglich werden hunderte ausgestellt, den justizbehörden stehen jedoch nur so wenig vollstreckungsbeamte zur verfügung, daß allenfalls zehn prozent der gesuchten vor gericht gebracht werden können. die anderen fälle werden meist abgelegt und erst dann wieder aufgerollt, wenn die gesuchten zufällig in anderem zusammenhang verhaftet werden; sonst geraten sie in vergessenheit.

»wer in der stadt new york ein gewaltverbrechen begeht«, so resümierte »life«, »für den sind die aussichten, verhaftet, angeklagt, wegen des tatsächlich begangenen verbrechens für schuldig befunden und ins gefängnis gesteckt zu werden, weit niedriger als 1 zu 200.«

tatsächlich sank die zahl der wegen gewaltverbrechen einsitzenden häftlinge in new york von fast 20 000 anfang der sechziger jahre auf jetzt etwa 14 000, die zahl der auf ihren prozeß wartenden häftlinge jedoch stieg von 4316 ende 1965 auf 7518 ende 1969.

amerikas konservative glauben den grund für diese beängstigende entwicklung zu kennen. die angeklagten, so argumentieren sie, hätten zu viele rechte, und schuld daran sei der oberste gerichtshof.

tatsächlich hat der supreme court der usa in drei grundsatzentscheidungen festgelegt:

* der staat muß armen angeklagten kostenlos einen anwalt stellen (1963).

* jeder us-bürger hat das recht, einen anwalt hinzuzuziehen, sobald die polizei gegen ihn ermittelt (1966).

* jeder festgenommene us-bürger muß darauf hingewiesen werden, daß er bei einem verhör schweigen darf und daß jedes seiner worte gegen ihn verwendet werden kann (1967).

vor allem die beiden letzten entscheidungen -- nach den beteiligten »escobedo« und »miranda« genannt -- empörten viele polizisten. »eine überspannte rechtsprechung für eine unreife gesellschaft«, kommentierte new yorks polizeichef howard j. leary das miranda-urteil. und der top-cop von garland, texas, schnappte·. »das ist die verfluchteste sache, die ich je gehört habe. da können wir unseren laden genausogut dichtmachen.«

der polizisten-Ärger ist verständlich. bis zum escobedo- und miranda-urteil hatten die cops die zeit zwischen verhaftung und voruntersuchung genutzt, um ihre häftlinge psychisch -- und physisch -- unter druck zu setzen und ihnen ein geständnis zu entlocken. oft waren solche geständnisse die einzigen beweise des staatsanwalts.

»die urteile in sachen escobedo und miranda«, so erklärte der sprecher der us-konservativen, rechtsanwalt richard m. nixon, im präsidentschaftswahlkampf 1968, »haben den friedlichen kräften in unserer gesellschaft die hände gebunden und die kriminellen gestärkt.«

jetzt wartet präsident richard m. nixon darauf, daß der supreme court unter dem vorsitz seines neuen, von nixon ernannten chefs warren burger einige der liberalen urteile der vergangenheit aufhebt.

zwar warnte der ehemalige bundesrichter und uno-botschafter der usa arthur goldberg, eine aufhebung der urteile sei gleichbedeutend mit dem verzicht auf das geheiligte prinzip des gleichen rechts für alle.

doch nixons justizministerium, geleitet vom law-and-order-advokaten und einstigen nixon-sozius john mitchell, wies seine staatsanwälte bereits an, in ihren prozessen künftig auch solche geständnisse als beweismaterial zu benutzen, die ohne die warnungen gemäß miranda-urteil erlangt wurden. offenbar soll dem supreme court die möglichkeit gegeben werden, das miranda-urteil aufzuheben.

einstweilen aber gilt noch, was der supreme court unter dem burger-vorgänger earl warren festlegte: will die staatsanwaltschaft die eröffnung der hauptverhandlung erreichen, muß sie mehr beweise für die schuld des angeklagten vorlegen können als nur ein geständnis, das unter mißachtung der entscheidungen »escobedo« und »miranda« erlangt wurde.

so mußte beispielsweise 1967 in new york der 23jährige jose suarez freigelassen werden, obwohl er auf der polizeiwache gestanden hatte, seine frau und fünf kinder ermordet zu haben. die polizisten hatten »escobedo« vergessen und ihn nicht auf sein recht hingewiesen, einen anwalt hinzuzuziehen. weitere beweise gegen suarez gab es nicht, richter michael kern bei der freilassung des mörders: »selbst ein tier wie dies -- und ich glaube, das ist eine beleidigung für das tierreich -- verdient jeglichen schutz des gesetzes.«

die prüfung des beweismaterials ist aufgabe einer grand jury, der -- je nach bundesstaat -- zwischen 12 und 23 geschworene angehören. nur wenn dieses ermittlungsgericht das beweismaterial für ausreichend hält, wird eine hauptverhandlung anberaumt.

die hauptverhandlung im amerikanischen strafprozeß aber ist für den juristen meist ein alptraum.

zwar bietet sich für anwälte hier die gelegenheit, ihre kunst zu zeigen; anwälte nehmen seit je in amerikas gesellschaft einen hervorragenden rang ein und stellten bislang 25 von 37 us-präsidenten -- von jefferson über lincoln und franklin d. roosevelt bis hin zu nixon.

aber diese kunst erschöpft sich vor allem darin, einer jury von zwölf durchschnittsmenschen glaubhaft vorzuspielen, man sei allein im besitz des steins der weisen, die gegenseite hingegen wolle lediglich die wahrheit unterdrücken oder verfälschen.

außerdem sind die regeln dieses zweikampfes so kompliziert und teilweise auch so antiquiert, daß ihm, ähnlich wie beim kricket, nur liebhaber und experten folgen können.

auf dem abgesteckten spielfeld des gerichtssaals, wo sie auf gleicher höhe, oft sogar am selben tisch sitzen, versuchen ankläger und verteidiger, sich gegenseitig auszupunkten, lauern sie wie boxer auf eine blöße des gegners, der verteidiger nur darauf bedacht, die anklage und ihre beweismittel zu zerpflücken, der ankläger nur an einem »schuldig« interessiert.

denn anders als sein deutscher kollege ist er nicht verpflichtet, auch die den angeklagten entlastenden gesichtspunkte zu berücksichtigen, im gegenteil: ihm steht es sogar frei, entlastendes beweismaterial zurückzuhalten.

und amerikas staatsanwälte machen von dieser freiheit rigoros gebrauch. denn meist sind sie nicht karriere-juristen, sondern wahlbeamte. und das heißt: sie müssen erfolge vorweisen können. als »guter« staatsanwalt gilt bei den wählern nur, wer möglichst viel verurteilungen im verhältnis zur zahl der erhobenen anklagen erreicht oder aber besonderen mut und unerschrockenheit beweist.

so wurde beispielsweise im vorjahr der staatsanwalt von new orleans, jim garrison, im amt bestätigt, obwohl sein versuch, den mord an john f. kennedy aufzuklären, kläglich gescheitert und sein hauptangeklagter, der kaufmann clay shaw, freigesprochen worden war. die wähler von new orleans honorierten es dem district attorney offenbar, daß er nicht gezögert hatte, auch gegen die allmächtigen bundesbehörden fbi und cia anzurennen.

der gegenspieler des staatsanwalts, der verteidiger, hat von anfang an unbeschränkten zugang zu den ermittlungsakten, aufgrund deren er dann frühzeitig zusätzliche ermittlungen anstellen und eigene beweismittel in die verhandlung einführen kann.

die großen strafverteidiger der us-geschichte wie clarence darrow, chippy patterson oder jake ehrlich retteten ihre mandanten noch vor allem durch treffliche kreuzverhöre oder rhetorisch meisterhafte plädoyers vor dem »schuldig« -- in 55 mordprozessen erreichte ehrlich 41 freisprüche und 14 »negotiated pleas«.

die strafverteidiger von heute jedoch müssen sich obendrein auch noch auf die zusammenarbeit mit findigen detekteien und erfahrenen wissenschaftlern stützen; denn die kriminologie ist für einen juristen allein nicht mehr überschaubar.

für den angeklagten, so entschied der supreme court bereits im jahre 1932, sei der gesamte strafprozeß nahezu unverständlich: »er braucht während des ganzen verfahrens die führende hand eines anwalts.« nur noch bei leichten vergehen ("misdemeanors") darf sich der angeklagte selbst verteidigen, bei verbrechen ("felonies") wird ihm im normalfall auch gegen seinen willen ein anwalt zugewiesen.

in einem solchen »felony«-prozeß ist der angeklagte dann kaum mehr als ein spielball in den händen der juristen, der fähigkeit seines verteidigers beinahe mehr ausgeliefert als dem urteil der jury.

der angeklagte kann während der ganzen hauptverhandlung schweigen, denn -- so bestimmt es das gesetz -- die anklage kann ihn nicht zur aussage zwingen. hält es der verteidiger aber für sinnvoll, seinen mandanten in eigener sache aussagen zu lassen, dann muß er ihn als »zeugen der verteidigung« benennen. in einem solchen fall freilich muß sich der beschuldigte auch dem kreuzverhör durch die staatsanwaltschaft stellen.

die vorstrafen des angeklagten dürfen nicht bekanntgegeben werden. tritt er jedoch in den zeugenstand, darf auch sein vorleben erörtert werden. der verteidiger muß je nach lage der verhandlung entscheiden und den angeklagten beraten, ob dieser aussagen soll oder nicht.

andererseits muß ein geisteskranker angeklagter seine zurechnungsunfähigkeit selbst beweisen. gelingt ihm das nicht, so kann es ihm ergehen wie charles guiteau, dem mörder des 20. us-präsidenten, james garfield. guiteau, offenbar zurechnungsunfähig, konnte seine schwäche nicht beweisen und wurde hingerichtet. der verteidiger muß den angeklagten bei der auswahl eines gutachters beraten und für dessen standhaftigkeit vor gericht sorgen.

vor allem jedoch muß der verteidiger gemeinsam mit seinen helfern nach präzedenzfällen forschen.

denn amerika hat -- ebenso wie england -- kein strafgesetzbuch. seit sich die amerikanischen siedler im 18. jahrhundert gegen gesetze des londoner parlaments empörten, gilt gesetzesrecht als obrigkeitlich. die sittlichen normen werden gemäß natur-, rechtlicher auffassung als vorgegebenes, fertiges system angesehen, aus dem das gericht dann das recht »schöpft«, das heißt konkretisiert. jeder spruch hat somit gesetzesähnliche kraft.

»nichts ist so wichtig«, heißt es in dem von gresham m. sykes und thomas e. drabek herausgegebenen buch »law and the lawless«, »wie vergilbte folianten mit alten urteilen. denn was gut genug war für den ur-ur-opa, ist heute um so besser.« je älter ein präzedenzfall, desto größer ist die chance, daß die gegenseite ihn nicht kennt.

Über dem zweikampf zwischen ankläger und verteidiger präsidiert ein (schieds-)richter, keineswegs immer ein gelernter jurist (wenn aber, dann ein früherer anwalt), sondern häufig nur aufgrund politischer beziehungen eingesetzt und somit durchaus nicht gefeit gegen äußeren druck oder -- je nach bundesstaat -- nach teurem wahlkampf vom volk gewählt.

er überwacht, ohne selbst partei zu sein, die regeln des spiels im gerichtssaal. und die sind derart kompliziert, derart formalistisch, derart unsinnig auch zuweilen, daß der richter, selbst wenn er wollte und dürfte, gar nicht in versuchung kommt, das verhör selbst durchzuführen.

der richter muß beispielsweise von fall zu fall entscheiden, ob eine zeugenaussage auf »hearsay« (hörensagen> beruht und damit unzulässig ist oder ob der Zeuge wirklich wiedergibt, was er weiß.

Sagt ein vom Angeklagten überfallener Zeuge aus, er werde nach Auskunft seines Arztes nie wieder richtig hören können, so ist diese Aussage »hearsay evidence« und damit unzulässig. Der Arzt muß selbst vernommen werden.

Eine Zeitlang »ging der Formalismus sogar so weit, daß es strittig war, ob ein Zeuge auf die Frage nach seinem Alter selbst antworten dürfe, da es sich ja im Grunde um »hearsay evidence« handele. Die Frage wurde letztlich positiv beantwortet.

Auch wenn eine der Parteien im Kreuzverhör dem Zeugen eine Suggestivfrage stellt, wird der Richter eingreifen. Und er wird auch die Aussage: »Dann wurde er sehr wütend und stürmte aus dem Saal« nicht zulassen, da sie eine Schlußfolgerung enthält. Unangreifbar wäre die Aussage: »Dann haute er mit der Faust auf den Tisch, rief: »Das mache ich nicht mehr mit« und stürmte aus dem Saal.«

Die Vielzahl der Beweisregeln erleichtert nicht etwa den Weg zur Feststellung des wahren Tatbestands, sie blockiert ihn eher, weil die Regeln im Formalismus erstarrt sind. Und auch das Kreuzverhör, mit dem die Zeugen theoretisch härter geprüft werden könnten als anderswo, wird paralysiert durch die Unzahl von »objections«, Einwänden, die von Anklage und Verteidigung gegen die Fragen der Gegenseite erhoben werden und über die der Richter in jedem einzelnen Fall entscheiden muß.

»Trotz allen Respekts, den die USA heute für die wissenschaftliche Suche nach der Wahrheit haben«, heißt es in »Law and the Lawless«, »sind die Verfahrenstechniken so unwissenschaftlich wie eine Blinddarmoperation mit dem Tomahawk.«

Sie sind gewiß unwissenschaftlich und unrealistisch, solange ein Zeuge nicht alles sagen muß, was er weiß, obwohl er geschworen hat, »die ganze Wahrheit zu sagen«. Im Kreuzverhör jedoch wird er von dem Anwalt geführt, der ihn in den Zeugenstand gerufen hat und nur hören will, was in sein Konzept paßt.

Sie sind gewiß unrealistisch, solange die seltsame Regel gilt, daß die Partei, die einen Zeugen gerufen hat, seine Aussage zwar in Einzelheiten beanstanden, seine Ehrlichkeit und Integrität aber nicht in Frage stellen darf.

Sie sind gewiß ungerecht, solange es erlaubt ist, mittellose Augenzeugen eines Verbrechens, die keine Kaution stellen können, »bis zu ihrer Aussage einzusperren -- aus Furcht, sie könnten in einen anderen Bundesstaat der USA reisen. So wurde 1968 ein Charles Quitman Stephens nur deshalb verhaftet, weil er den Mord an Martin Luther King beobachtet hatte. Erst als die Presse den Fall aufgriff, wurde Stephens wieder freigelassen. In einem anderen Fall mußten zwei Farmarbeiter, die einen Totschlag beobachtet hatten und nicht in der Lage waren, je 5000 Dollar Kaution zu hinterlegen, 158 Tage lang gemeinsam mit verurteilten Verbrechern leben. »Für einen Unschuldigen ist selbst eine kurze Freiheitsberaubung unerträglich«, kommentierte der Supreme Court, »158 Tage sind empörend.«

Schwurgericht und Parteienprozeß mit all ihren Auswucherungen passen nicht ins 20. Jahrhundert, haben ihren Platz allerhöchstens noch auf Fernsehschirm und Kinoleinwand. »Das amerikanische Strafrecht«, so erklärte Star-Verteidiger F. Lee Bailey dem SPIEGEL, »ist nur noch gut für Schuldige und für Reiche.«

Die Schuldigen können sich wegen der Überfüllung der Gerichte gute Chancen ausrechnen, gar nicht abgeurteilt zu werden oder sich durch ein »negotiated plea« eine milde Strafe einzuhandeln.

Die Reichen profitieren vom Strafrecht, weil sie sich Verteidiger wie F. Lee Bailey leisten können, die einfach

· Pressezeichnung aus dem Gerichtssaal, in dem Photographieren verboten ist.

fähiger sind als die meisten Staatsanwälte und daher den Zweikampf um die Gunst der Jury in der Regel siegreich beenden.

»Wir haben das Parteiensystem mit dem Duell der Anwälte glorifiziert und idealisiert, tatsächlich aber ist das System unwirksam und zu aufwendig«, gab jüngst auch der Chef des Supreme Court, Warren Burger, zu. Und diese Meinung teilen zunehmend mehr US-Juristen.

Während die Juristen noch über eine Reform des alten Systems nachdenken, werden sie bereits von einer Revolution im Gerichtssaal überrollt: Ein neuer Angeklagten-Typus schickt sich an, seine Richter herauszufordern. Er will nicht mehr hilflos dem Spiel der Juristen ausgeliefert sein, er will sich selbst verteidigen -- oder gar nicht verteidigen, sondern anklagen: eine Gesellschaft, die er verachtet und die ihn nicht begreift.

Angeklagte neuer Art standen erstmals im vergangenen Winter in Chicago vor Gericht: acht, später nur noch sieben Amerikaner, die 1968 auf dem Parteikonvent der Demokraten gegen den Krieg in Vietnam, vor allem aber gegen die Heuchelei der Gesellschaft demonstriert hatten.

Kaum war das Verfahren eröffnet, erklärte der Angeklagte Bobby Seale, Führer der radikalen »Schwarzen Panther«, er habe seinen Anwalt entlassen und wolle sich fortan selbst verteidigen.

Richter Julius Hoffman, 74, lehnte ab, Doch jedesmal, wenn die Verteidiger der übrigen Angeklagten die Vernehmung eines Zeugen beendet hatten, sprang Seale auf, rief entweder: »Keine Fragen« oder versuchte seinerseits, den Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen.

Vergebens forderte Hoffman den Angeklagten auf, er solle sich hinsetzen und schweigen. Schließlich wies er einen Justizbeamten an, Seale hinauszuführen und »so zu behandeln, wie es den Umständen entspricht": Seale kehrte an Armen und Beinen gefesselt, den Mund mit Pflaster verklebt, in den Saal zurück.

»Wann wollen wir diese mittelalterliche Tortur beenden?« fragte einer der Anwälte, William Kunstler. »Dies ist eine Schande für das Recht, und ich schäme mich, ein amerikanischer Rechtsanwalt zu sein.«

»Sie sollten sich für Ihr Benehmen schämen«, rief der greise Richter zurück. Zuweilen begriff er kaum, was um ihn herum vorging, und vor allem konnte er nicht begreifen, daß diese Angeklagten es wagten, seine Autorität lächerlich zu machen. Schließlich ließ er Seale sogar an den Stuhl binden,

Nach über einem Monat wurde das Verfahren gegen den Panther-Führer abgetrennt. Doch auch die übrigen sieben Angeklagten waren entschlossen, sich weder vom Richter noch von den Formalismen und Spielregeln des Strafprozesses einschüchtern zu lassen. »Unser Ziel ist es«, so erklärte der Angeklagte Jerry Rubin, »diesen Prozeß durch außergesetzliche Mittel zu stoppen.«

Die Angeklagten stellten eine Vietcong-Flagge auf den Tisch, weigerten sich, beim Eintreten des Richters aufzustehen, warfen der Jury Handküsse zu, diskutierten langatmig darüber, welche Toilette sie benutzen sollten, und lachten über den Richter.

Als sie lachten, befahl Richter Hoffman einem Justizbeamten: »Sagen Sie ihnen, sie sollen ruhig sein, ich lasse mich nicht auslachen.« Dabei deutete er mit dem Finger auf den Angeklagten Jerry Rubin. Doch nicht Rubin hatte gelacht, sondern Abbie Hoffman stand auf und beteuerte: »Ich habe gelacht, ich war's.

Darauf Richter Hoffman zur Protokollführerin: »Notieren Sie bitte, daß Mr. Dellinger dazwischenredet.« Nun sprang der Angeklagte David Dellinger auf: »Das ist eine Lüge, und dies ist nicht das erstemal, daß Sie hier im Gerichtssaal lügen ... Sie werden sich Ihr ganzes Leben lang für diese Lügen schämen müssen, wenn Sie überhaupt dazu fähig sind, sich zu schämen.«

Hoffman verteilte eine Ordnungsstrafe nach der anderen. Insgesamt belegte er Angeklagte und Verteidiger mit 160 Strafen von zusammen 15 Jahren und 25 Tagen Haft für »contempt of court«, Mißachtung des Gerichts. Allein Anwalt Kunstier erhielt ein rundes Dutzend »contempt of court«-Strafen von zusammen vier Jahren und 13 Tagen.

Das Urteil des Schwurgerichts -- fünf Schuld-, zwei Freisprüche -- war kaum noch von Bedeutung. Viel wichtiger war: Das Auftreten des neuen Angeklagten-Typs signalisierte einen »Markstein im amerikanischen Recht und Leben« ("Newsweek"). Auf einmal war die ganze Antiquiertheit des amerikanischen Strafverfahrens deutlich geworden.

Doch Amerikas höchstes Gericht, der Supreme Court« bestätigte wenig später: Das Binden und Knebeln eines Angeklagten sei durchaus zulässig, wenn auch nur »als letzter Ausweg«.

Richter Hugo Black begründete die Entscheidung: »Unsere Gerichte, Hort der Freiheit« der sie sind, dürfen nicht ungestraft respektlos behandelt werden. Es würde unser Land und unser Rechtssystem entwürdigen, wenn man den Angeklagten erlaubte, unsere Gerichte zu tyrannisieren, zu beleidigen, zu schmähen und den ordentlichen Ablauf eines Verfahrens zu vereiteln oder zu unterminieren.«

Richter Black hatte, von seinem Standpunkt aus, recht: Kein Staat wird es dulden, daß Randgruppen seine Justiz praktisch ausschalten. Aber kein Staat kann auch justiz- oder kriminalpolitisch heilen, was er gesellschaftspolitisch versäumt hat.

Der Knebel-Spruch des Supreme Court bezog sich zwar auf einen 13 Jahre zurückliegenden Fall, aber er rechtfertigte auch den Chicago-Richter Julius Hoffman. Spontan lud Richard Nixon den Greis zu einer Abendgesellschaft ins Weiße Haus.

Beim Chicago-Prozeß beließ es Amerikas Law-and-Order-Präsident noch dabei, den Richter Hoffman auszuzeichnen, der auf seine Art auch im Gerichtssaal für Law und Order gesorgt hatte.

Im Prozeß gegen Charles Manson sprach Richard Nixon gleich selbst das Urteil. Sein »Schuldig« war nicht nur ein Beweis dafür« daß der Präsident »redete, ohne vorher gedacht zu haben« (James Reston).

Sein »Schuldig«, gesprochen kurz nach dem Besuch eines John-Wayne-Western, reflektiert auch die Sehnsucht vieler Amerikaner nach einer Rückkehr in jene heile, einfache Welt des Wilden Westens, in der die Unterschiede zwischen Gut und Böse noch deutlich erkennbar waren, in der das Gute immer siegte und in der man notfalls das Gesetz auch einmal in die eigene Hand nehmen konnte.

Anders als die Angeklagten von Chicago, versuchen Manson und seine Mädchen nicht, das System durch Attacken auf Richter und Gericht, sondern durch Gleichmut und Desinteresse ad absurdum zu führen.

Sie fühlen sich fehl am Platz im Saal 816 der Hall of Justice von Los Angeles, wo eine Gesellschaft über sie zu Gericht sitzt, von der sie sich längst losgesagt haben. In die Stirn haben sie sich blutige Kreuz geritzt -- Symbole ihres Austritts aus dem Kreis der »piggies«, der Schweinchen.

lind als Verteidiger haben sie konsequent Anwälte gewählt, die gar nicht fähig sind, sie zu verteidigen, die vielmehr laut die Schuld ihrer Klienten zugeben. Manson-Anwalt Kanarek zur Kronzeugin Linda Kasabian: »Ich werde Ihnen schon noch beweisen, daß Sie mit den anderen im Haus von Sharon Tate waren und mitgemordet haben.« Kollege Fitzgerald: »Die Zeugin ist schließlich mit auf ein Unternehmen gegangen, bei dem sieben Menschen ermordet wurden.«

Verteidigen, wenn überhaupt, wollen sich die Angeklagten lieber selbst, zumindest Charles Manson, wenn er demnächst auf eigenen Wunsch in den Zeugenstand treten sollte.

Doch die Geschworenen, die Juristen, die Amerikaner werden wahrscheinlich gar nicht zuhören, wenn er die Gesellschaft anklagt, zu der er sich selbst nicht mehr rechnet.

Wie auch immer das Urteil der Jury lauten wird -- es dürfte kaum das letzte Wort im Verfahren »gegen Charles Manson und andere« sein. Jetzt schon gibt es, angefangen bei der praktischen Unmöglichkeit, eine tatsächlich unvoreingenommene Jury zu finden, bis hin zu Richard Nixons öffentlichem Schuldspruch, genügend Revisionsgründe.

Eines jedoch hat das Verfahren von Los Angeles schon jetzt bewiesen wie kaum je ein US-Strafprozeß zuvor: Amerikas Rechtssystem der Vergangenheit ist den Erfordernissen der Gegenwart. und erst recht denen der Zukunft, nicht mehr gewachsen.

Da aber andererseits Amerikas schweigende Mehrheit dieses System mit so ehrwürdigen Einrichtungen wie Jury, Parteiverfahren, negotiated plea und möglicher Straffreiheit für Mittäter wahrscheinlich nach wie vor hervorragend findet, dürfte auch vom Manson-Prozeß kaum der Anstoß zu einer grundlegenden Reform ausgehen.

»Das amerikanische Strafrechtssystem«, so gab Amerikas Chefrichter Warren Burger Anfang dieses Monats zu, »arbeitet im günstigsten Fall nicht sonderlich gut, und im schlimmsten Fall hat es die Tendenz, zum Zuschauersport zu werden.«

Und er fügte hinzu: »Im Zeitalter des Supermarktes kommen wir uns vor wie ein Krämer, der mit den Methoden und Arbeitsmitteln des Jahres 1900 versucht, einen Gemischtwarenladen zu betreiben.«

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