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PRESSERECHT Falsche Streifen

Der Krach zwischen Boulevardblättern und dem Formel-1-Funktionär Max Mosley erreicht die deutsche Justiz. Es geht nicht nur um bizarre Sexpartys. Von Henryk M. Broder
Von Henryk M. Broder
aus DER SPIEGEL 51/2008

Der Brite an sich ist gutmütig, aber schrullig. Er futtert geschmacklosen Haferschleim zum Frühstück, trinkt warmes Bier am Abend und geht auch im Sommer nicht ohne Regenschirm aus dem Haus. Berüchtigt ist auch das Sexualleben der Briten. Ein im Königreich beliebter Witz dazu besteht aus nur zwei Sätzen: »Darling, hab ich dich verletzt?« - »Nein, hab ich mich bewegt?«

Kein Wunder also, dass die Welt aufhorcht, wenn von der anderen Seite des Ärmelkanals Geschichten bekannt werden, die darauf hinweisen, dass die Briten doch ein Sexualleben haben. Demnächst muss sich sogar ein deutsches Gericht mit einem Fall von - sagen wir - unkonventioneller britischer Sexualpraxis befassen.

Im Mittelpunkt der Affäre steht ein Ehrenmann, Sportfunktionär und Multimillionär - Max Mosley, 68, Präsident der Fédération Internationale de l'Automobile, abgekürzt Fia, die den Formel-1-Zirkus organisiert. Das allein gibt der Geschichte bereits jene Fallhöhe, die Boulevardzeitungen und TV-Magazine anlockt. Hinzu kommt, dass Max Mosley nicht nur ein Autonarr, sondern auch Sohn des britischen Faschistenführers Sir Oswald Mosley ist, der 1936 im Berliner Haus von Joseph Goebbels Diana Mitford ehelichte, eine entschiedene Verehrerin des Führers, der bei der Feier als Ehrengast zugegen war. Wäre es nach Sir Oswald gegangen, hätte sich England mit dem Dritten Reich verbündet, statt ihm den Krieg zu erklären.

Nun ist niemand für die Küche verantwortlich, aus der er kommt. Andererseits werden bei sozial auffälligen Jugendlichen der familiäre Hintergrund und das soziale Umfeld gern berücksichtigt. Deswegen ist es vielleicht nicht unfair, dies auch bei Mosley junior zu tun, den seine Eltern einst gewiss nicht nur aus rein pädagogischen Überlegungen auf eine deutsche Schule geschickt haben.

Max Mosley also ist praktizierender Sadomasochist. Seit über 40 Jahren. In einem Interview mit dem »Guardian« sagte er jüngst, Sadomasochismus und Sex seien »zwei ganz verschiedene Dinge«, obwohl auch im Sadomasochismus ein »sexuelles Element« enthalten sei. »Sex ist absurd, es ist ein sehr merkwürdiges, völlig tierisches Ding, das man nicht ganz versteht. Und die Leute wissen nicht, warum sie das mögen, was sie mögen. Aber warum sollte man sich Sorgen machen, solange man niemanden verletzt?«

Und so machte sich Max Mosley weder Sorgen noch Gedanken, als er am 28. März fünf Damen in einer Wohnung im Londoner Stadtteil Chelsea traf, um eine »Party« zu feiern, die nur zwei Tage später im Londoner Boulevardblatt »News of the World« ausgiebig beschrieben und entsprechend bebildert wurde.

Was Mosley nicht wissen konnte: Eine der Frauen, die er angeheuert hatte, war von »News of the World« mit einer Minikamera ausgerüstet worden, die sie irgendwo in der Kleidung versteckt hatte. Die Bilder, die das Hightech-Ding lieferte, waren nicht besonders klar, aber doch in jeder Hinsicht scharf genug, dass es nicht lange dauerte, bis auf YouTube ein etwa zwei Minuten langer Clip zu sehen war, mit Mosley in der Haupt- und seinen fünf Partnerinnen in der Nebenrolle.

Freilich: Man musste schon genau hinsehen, um zu erkennen, was die munteren sechs treiben. Der unbefangene, mit SM-Techniken nicht vertraute Zuschauer könnte annehmen, ein älterer Herr werde von ein paar als Dominas verkleideten Krankenschwestern physisch gedemütigt, erniedrigt und misshandelt.

Er freilich scheint die Sonderbehandlung zu genießen. Das ist nicht gerade schön anzusehen, würde aber unter die kölsche Grundregel »Jeder Jeck ist anders« fallen, wenn nicht ein paar irritierende Details dazukämen.

Max Mosley wird »entlaust«, es werden Befehle ("Höschen runter!") auf Deutsch gegeben, drei der Frauen tragen quergestreifte Sträflingsanzüge. Es ist ein Spiel mit verteilten Rollen, das verschiedene Assoziationen und Konnotationen zulässt, je nach Blick und Disposition des Zuschauers. Er wird vielleicht an brutale Strafrituale in der Fremdenlegion denken. Oder an eine Gefängnisszene. Wer schon mal eine Ausstellung über die Zustände in einem Konzentrationslager besucht hat, könnte auch etwas ganz anderes assoziieren.

»News of the World« druckte die härteste Variante und präsentierte die Fete seinen Lesern als »Nazi Orgy«. Einen Tag später zogen »Bild« und »Welt« nach, kurz darauf auch andere Springer-Blätter wie »Bild am Sonntag«, »Welt am Sonntag«, »Hamburger Abendblatt« und weitere deutsche Blätter. Auch der SPIEGEL berichtete, wogegen sich Mosley mit Erfolg zur Wehr setzte.

Die Schlagzeilen lasen sich, als stünde eine neue »Machtergreifung« unmittelbar bevor, diesmal allerdings in London: »Wirbel um Nazi-Sex-Party!« - »Huren trugen Nazi-Uniformen« - »Das perverse Doppel-Leben des Formel-1-Chefs« - »Erste Hure packt aus! Meine Sex-Orgie mit dem Formel-1-Boss«. Mosley selbst hat den Vorwurf der Nazi-Orgie stets bestritten. Ein Gutachten seines Verbands Fia gab ihm recht.

Illustriert waren die Berichte mit Fotos aus dem YouTube-Clip, der seinerseits nur aus dem Umfeld von »News of the World« stammen konnte. Max Mosley ging sofort zum Gegenangriff über.

Er verklagte das britische Boulevardblatt. Die Verhandlung vor dem High Court fand an fünf Tagen im Juli statt. Und schon am 24. Juli verkündete der »ehrenwerte Richter Mr. Eady« das Urteil: »News of the World« wurde wegen Verletzung der Intimsphäre des Klägers zu 60 000 Pfund Schadensersatz verurteilt.

Die Strafe sei »milde ausgefallen«, kommentierte ausgerechnet die deutsche »Welt« das Urteil. Es werde sich »nicht viel ändern« an der »Tendenz zum Kitzeln des Publikums mit saftigen Geschichten«.

Das 54-seitige Urteil immerhin lässt erkennen: »Justice Eady« hat sich nicht nur mit den Bräuchen in der SM-Szene vertraut gemacht, sondern auch mit einschlägigen Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Zugleich ist das in Ich-Form verfasste Urteil eine sprachliche Delikatesse, die sogar den Anwalt des Springer-Verlags, Jan Hegemann, beeindruckt: »Im Ergebnis daneben, aber ein Genuss zu lesen.«

Der britische Richter nämlich geht der Frage nach, ob der Einbruch in Mosleys Intimsphäre durch »ein öffentliches Interesse an der Enthüllung« gerechtfertigt sein könnte. Dies wäre vermutlich dann der Fall, wenn tatsächlich, wie von »News of the World« behauptet, eine »Nazi-Orgie« stattgefunden hätte. Wenn also die »session«, wie Richter Eady die Party nennt, »ein Nazi- Thema« gehabt hätte. Dies aber gehe aus den heimlich gemachten Videoaufnahmen nicht hervor: »Schläge, Erniedrigung und die Zufügung von Schmerz gehören zu SM-Praktiken«, seien aber an sich »neutral«. Kein Beleg für NS-Nähe, so das britische Urteil.

Auch die Tatsache, dass Deutsch gesprochen wurde, beweise nichts. Es sei »unangemessen und beleidigend, alles Deutsche mit der Nazi-Ära gleichzusetzen«. Die deutsche Sprache habe einen »harten und kehligen Klang« und sei für SM-Spiele »besser geeignet als Französisch oder Italienisch«, fand Richter Eady heraus: »Russisch wäre auch geeignet gewesen, aber leider sprach keiner der Beteiligten Russisch.«

Dafür trugen die weiblichen »Opfer« quergestreifte Pyjamas. Auch darin sah Richter Eady keine Nähe zur NS-Symbolik, denn die Anzüge, die von Gefangenen in NS-Lagern getragen wurden, waren meist längs gestreift. Darauf muss man erst mal kommen. Zum Beweis legten Mosleys Anwälte auch ein Bild vor, auf dem der heiliggesprochene katholische Priester Maximilian Kolbe als KZ-Häftling in einem längsgestreiften »Pyjama« zu sehen ist.

Alles in allem, resümiert Richter Eady, sei er nicht in der Lage, »ein legitimes öffentliches Interesse« festzustellen, das »die Verletzung der Intimsphäre durch die heimlichen Aufnahmen noch die nachfolgende Publikation« rechtfertigen könnte.

Mosley hatte den Prozess gegen »News of the World« klar gewonnen. Dennoch reicht ihm das britische Urteil nicht. Als Nächstes ist nun die Springer-Presse dran. Von dem Verlagsriesen verlangt er 1,5 Millionen Euro Schmerzensgeld.

Grund: Die Berichterstattung der Springer-Medien stelle nicht nur einen schweren Eingriff in seine Intimsphäre dar. Sein Leben werde nun von der ständigen Sorge begleitet, was seine Mitmenschen über ihn denken würden. So habe man ihn bereits vom Formel-1-Rennen in Bahrain ausgeladen. Auf der Fia-Vollversammlung sei über seine Absetzung debattiert worden.

Außerdem machte sich Mosley Sorgen um das Ansehen der Frauen, die mit ihm gefeiert hatten. Sie seien keine »Huren«, erklärte er dem »Guardian«, sondern »intelligent und kompetent«. Sie würden das, was sie mit ihm gemacht haben, manchmal »auch umsonst tun, nur aus Spaß an der Sache«. Eine der Damen sei Deutsche, eine habe ihre Doktorarbeit »beinah beendet«. Eine »könnte sogar jüdisch gewesen sein«.

Außer gegen Springer hat Mosleys Anwältin Tanja Irion auch gegen die Nachrichtenagentur dpa geklagt, auf 350 000 Euro Schmerzensgeld. Eine Forderung gegen »Die Zeit« und »Zeit Online« in Höhe von 50 000 Euro wird vorbereitet. »Die Schmerzensgelder, die deutsche Gerichte bisher verhängt haben, waren viel zu niedrig, um Rechtsverletzungen zu verhindern«, sagt Irion. »Hier wurde jemand heimlich beim privaten Sex gefilmt. Das ist ein eklatanter Fall.«

Dermaßen abgefedert, wird der Fia-Präsident seinen Fall demnächst beim Hamburger Landgericht vortragen. Es wird, davon geht der Anwalt des Springer-Verlags aus, ein »spektakulärer Prozess« werden. Doch bei aller Bewunderung für »Justice Eady« hat Hegemann einiges an dem britischen Urteil auszusetzen:

»Er hat jeden Punkt einzeln geprüft und verworfen. Er stellte fest, das und das muss nicht NS-bezogen sein, also ist es nicht NSbezogen. Das greift zu kurz. Man muss das ganze Spiel betrachten und alle Zeichen, die da gesetzt werden, im Kontext sehen.«

Ebenso würde es auf den Subtext ankommen. »Wir wissen doch, wie man mit Nazi-Symbolen spielt, ohne sie zu verwenden.« Die deutschen Richter, glaubt Hegemann, hätten »einen anderen Zugang zu solchen Zeichen« und würden es sich »nicht so leicht machen wie Richter Eady«. Er hofft auf seine Chance, die mögliche Verletzung der Intimsphäre mit einem übergeordneten Informationsinteresse rechtfertigen zu können. »Zumal vor dem Hintergrund von Mosleys Familiengeschichte.«

So wird es vermutlich darauf ankommen, ob das deutsche Gericht am Ende dem britischen Beispiel folgen und zwischen quer- und längsgestreiften Häftlingsanzügen unterscheiden wird. Doch was würde das eigentlich bedeuten, wenn sich herausstellte, dass in irgendeinem KZ quergestreifte Kleider getragen wurden? Dass dort ebenfalls nur Pyjama-Partys mit SM-Elementen gefeiert wurden?

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