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ARGENTINIEN-IMPORTE Falscher Hase

aus DER SPIEGEL 50/1963

Hasenbraten wird auf westdeutschen Speisekarten kaum noch angepriesen. Treibjagden wurden abgeblasen. Bratfertige Nager, die tonnenweise in den Kühlhäusern lagern, werden statt in Schmorpfannen auf die Seziertische der Lebensmittelchemiker gelegt.

Anlaß zur Hasenpanik, von der die bundesdeutschen Konsumenten zu Beginn der Adventszeit befallen wurden, waren Alarmnachrichten aus mehreren Gesundheitsämtern: Ein Teil der etwa zwei Millionen aus Argentinien eingeführten Nager, so gaben die Behörden bekannt, sei von Salmonella-Bakterien befallen.

Käufer des billigen Wildbrets - der Verkaufspreis liegt bei 1,80 Mark pro Pfund - wurden belehrt, daß Salmonellen Fleischvergiftungen, Typhus und Paratyphus hervorrufen können: Hamburgs-Gesundheitssenator Schmedemann gab die Losung aus: »Ich jedenfalls werde in nächster Zeit keine Hasen essen.«

Wenig später lamentierte Import-Abteilungsleiter Hans Koschella von der Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Konsumgenossenschaften (GEG), die etwa 600 Tonnen argentinischer Nagetiere eingeführt hat: »Hasen, ganz gleich, wo sie herkommen, sind unverkäuflich.«

Der Duisburger Kreisoberveterinärrat Dr. Hammer bereicherte die bundesdeutsche Öffentlichkeit um die Erkenntnis,

daß das, was als argentinischer Hase angeboten wird, gelegentlich eine ausgewachsene Hasenmaus (Viscacha) oder ein zur Familie der Meerschweinchen zählender Pampas-Hase ist.

Bei ihrer Übung, deutsche Speisekarten auch mit entfernten Verwandten des gemeinen Rammlers (Lepus europaeus) anzureichern, müssen Argentiniens Hasenfleischer allenfalls den Zoologen fürchten. Dank dem Brauch, dem Wildbret nicht nur das Fell zu nehmen, sondern ihm überdies noch Kopf und Läufe abzuhacken, bleibt die Abkunft dem Laien verborgen.

Beim Abziehen und Ausnehmen der Hasen in argentinischen Großbetrieben kam es zu sogenannten Schmierinfektionen: Der salmonellenhaltige Darminhalt erkrankter Hasen wurde auf das Fleisch übertragen. Durch Berühren des rohen Hasenfleisches können sich beispielsweise Hausfrauen mit Salmonellen infizieren.

Westdeutschlands Behördenmaschinerie kam erst in Gang, als am 20. September 250 Kisten mit salmonellen verdächtigen Hasenbraten von Berlin nach Hamburg zurückgeschickt wurden und einen Monat später die Berliner Gesundheitsbeamten ihre Hamburger Kollegen informierten, daß elf von 24 untersuchten Nagern mit Salmonellen -Bakterien verseucht seien.

Nach diesem »Donnerschlag aus Berlin«, so der Rechtsdezernent der Hamburger Gesundheitsbehörde, Dr. Dr. Otto von Borcke, dauerte es immerhin noch bis zum 1. November, bevor die Hamburger Bakterienjäger darangingen, die noch vorhandenen Lagerbestände vorerst sicherzustellen:

Bei der GEG beispielsweise tauchten die Beamten sogar erst am 6. November auf. Importchef Koschella: »Da hatten wir die Hälfte schon verkauft.«

Nach dieser Aktion - auch das Bundesgesundheitsministerium und die zuständigen Länderbehörden waren alarmiert worden - mußten zumindest die Importeure und Großhändler von dem Salmonella-Verdacht wissen.

Dr. von Borcke argwöhnt ohnehin, daß Exporteure wie Importeure den Bakterien-Braten schon vorzeitig gerochen haben, denn in den Begleitpapieren der letzten Hasensendungen sei - was vorher nicht der Fall war - plötzlich vermerkt worden, die Hasen seien »frei von Salmonellose«. Grübelte von Boreke: »Warum haben die Argentinos das wohl plötzlich reingeschrieben?«

Nach geltendem deutschen Recht ist Wildbret von der obligatorischen Fleischbeschau ausgenommen. Diese Bestimmung gilt analog auch für Importe, mit Ausnahme des Känguruhfleisches. Für die australischen Riesenhüpfer soll in einer Sonderverordnung die tierärztliche Beschau vorgeschrieben werden, nachdem die Veterinäre bereits 1960 in einer Anzahl Beuteltier-Portionen Blutfadenwürmer entdeckt hatten.

Die Öffentlichkeit erfuhr von dem Einmarsch der Salmonellen freilich erst Ende November. Es trat das ein, was die Eingeweihten schon länger befürchtet hatten: Schlagartig waren Hasen so gut wie unverkäuflich. Sogar einwandfreie deutsche und polnische Ware wurde von den Kunden verschmäht. An den Schaufenstern Hamburger Wild -Geschäfte prangten Schilder mit dem Vermerk: »Keine Argentinos, garantiert aus deutscher Jagd«.

Unterdes arbeiten sich landauf landab Gesundheitswächter durch die Kistenstapel in den Kühlhäusern, um die verseuchten Partien auszusondern. In Hamburg wurden von 962 Tonnen Hasenbraten bisher erst 60 Tonnen freigegeben. Weitere 480 Tonnen, die noch kontrolliert werden müssen, schwimmen zur Zeit in Schiffsbäuchen Richtung Hamburger Freihafen.

Während die Bundesregierung erwägt, im Verordnungswege die Einfuhr argentinischer Langohren generell zu untersagen, bereiten sich einige Importeure auf einen Rechtsstreit mit der Hamburger Gesundheitsbehörde vor. Sie fordern Schadenersatz, weil die Behörde es unterlassen habe, sie rechtzeitig zu warnen.

Rechtsdezernent von Borcke: Die Behörde habe »keinen Anlaß« zu Warnungen gesehen; außerdem sei »jeder, der Lebensmittel in den Verkehr bringt, strafrechtlich dafür verantwortlich«.

Während die Konsumenten um die Tiefkühltruhen der Kaufhäuser und Lebensmittelgeschäfte noch einen großen Bogen machten, wurden sie bereits von neuem geschockt: Letzte Woche fanden die Lebensmittel - Überwacher auch in australischen Kaninchen und Känguruhs Salmonella-Bakterien.

Hasen-Auslage in Hamburg

Treibjagd auf Salmonellen

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