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Orchester Falscher Maestro

Ein Deutscher dirigiert beim Jubiläum die Prager Philharmoniker - für viele Tschechen ein nationales Ärgernis.
Von Hans-Ulrich Stoldt
aus DER SPIEGEL 1/1996

Am Abend treibt Schnee durch die Straßen Prags und dämpft die Stimmen und Schritte der Besucher, die zum Konzert ins Rudolfinum streben. Über dem Eingangsportal weht friedlich ein weißes Banner mit dicken roten Buchstaben: »100 Jahre Tschechische Philharmonie« steht zu lesen.

»Viel kann jetzt ja eigentlich nicht mehr passieren«, hofft Chefdirigent Gerd Albrecht, 60, und blickt durch das weiße Gestöber über die Moldau hinüber zum hell angestrahlten Hradschin.

Drüben auf der Burg sitzen seine Feinde, die ihn davonjagen wollen.

Drüben im Regierungs- und Diplomatenviertel sitzen aber auch seine Freunde, ohne die niemals gelingen könnte, was am kommenden Donnerstag bevorsteht: Albrecht wird das Eröffnungskonzert zum Jubeljahr der Philharmonie dirigieren; ausgerechnet ein Deutscher steht diesem »Kleinod des tschechischen Nationalstolzes« (Ministerpräsident Vaclav Klaus) vor.

Ein Politikum - nicht nur für Tschechen.

Seit Gerd Albrecht 1993 als Chefdirigent ins Rudolfinum zog, steht er für alles, was es an Gutem und Schlechtem im schwierigen deutsch-tschechischen Verhältnis gibt.

Was den einen Zeichen der Versöhnung und Öffnung nach Westeuropa ist, gilt den anderen als Verrat nationaler Interessen. Schließlich war die Prager Philharmonie 1896 im Habsburger Vielvölkerstaat bewußt als Akt nationaler Selbstfindung und als Kontrapunkt zum weitgehend von Deutschen beherrschten Kulturleben gegründet worden.

Zwar quälten sich die Musiker in den Anfangsjahren schwer, um ihre Existenz zu behaupten. Sie tingelten durch Prager Gaststätten, spielten als Kurorchester oder bei Schlittschuhveranstaltungen auf. Immer aber gab es einen ideellen Halt - zu Zeiten der Wiener Kaiser, in der Nazi-Zeit wie danach im Stalinismus: den Stolz auf die tschechische Nation. Bis heute spielte und spielt kein Ausländer in diesem Orchester; nur die zweite Harfe darf von einer Slowakin gestrichen werden - und sie ist wenigstens mit einem Tschechen verheiratet.

Aber Albrecht. In einem Anfall von Freiheitsdrang und Demokratiesucht wählten sich die Musiker 1991, auf einer Tournee in Japan, erstmals in geheimer und freier Wahl ihren Chef selbst: Der damalige Maestro JirI Belohlavek, ein Tscheche, versteht sich, bekam 49 Stimmen; der ausländische Gastdirigent Albrecht 17 Stimmen mehr.

»Ich habe noch versucht, den Musikern das auszureden. Ich habe gesagt, ihr seid doch wahnsinnig, wenn ihr mich, einen Deutschen, wählt«, erinnert sich Albrecht. Daß er tatsächlich befremdet war, schwingt noch im Stolz der Nachbetrachtung mit. »Mir war schon damals klar, das gibt Ärger.«

Seit Albrecht im Herbst 1993 für eine Jahresgage von 24 000 Mark - ein Klacks in dieser Branche - nach Prag kam, verging kaum ein Tag, an dem er in der tschechischen Presse nicht mit irgendwelchen Vorwürfen überschüttet worden wäre. JirI Grusa, ein Mentor Albrechts und Prags Botschafter in Bonn, findet für die Schmähungen nur zwei Attribute: »chauvinistisch und unmoralisch«.

Albrecht ist zum Symbol geworden für alles, was Deutsche den Tschechen in der Vergangenheit angetan haben. »Ich muß büßen für 300 Jahre Habsburger Herrschaft, für die Nazi-Okkupation und die Beteiligung von DDR-Truppen an der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968«, meint der Dirigent halb resigniert, halb geschmeichelt.

Mal lassen Albrechts Gegner - künstlerisch verbrämt - verbreiten, der Deutsche genüge nicht den allerhöchsten Anforderungen des tschechischen Nationalheiligtums. Mal wird ihm vorgehalten, er wirke nicht wirtschaftlich erfolgreich genug.

Mal findet er sein Arbeitszimmer verschlossen, und niemand kann öffnen. Dann wieder werden seinen Mitarbeitern die Hausausweise abgenommen. Beim Fernsehinterview fällt plötzlich der Simultanübersetzer aus, womit sich trefflich demonstrieren läßt, daß Albrecht ja nicht mal tschechisch sprechen kann.

Daß er mit seinen tschechischen Sprachübungen nur schleppend vorankommt, war Albrecht indes manchmal ganz recht: »So mußte ich wenigstens nicht den ganzen Käse lesen, der ständig unten am Schwarzen Brett hing.«

Selbst in den eigenen Reihen stieß Albrecht auf hartnäckigen Widerstand. Vor allem die Bürokraten in den Gremien sahen sich in ihrer Ruhe gestört. Dazu trug der selbstbewußte und forsche, nicht immer diplomatische Hausherr, der auch noch in Hamburg am Dirigentenpult von _(* Am Dirigentenpult Gerd Albrecht. )

Staatsoper und Philharmonischem Orchester steht, gewiß bei.

»Albrecht macht etwas, was bei uns nicht so sehr Tradition ist«, hat sein Freund Grusa bemerkt. »Er ist offen und sagt, was er meint. Das kompliziert die Lage bisweilen.«

»Es gibt bei mir nie lauwarm«, gesteht Albrecht, »sondern nur kalt und heiß.« Er sei eben ein Typ der Extreme: In Prag ist er dieser Selbsteinschätzung gerecht geworden.

Als fünf Mitglieder des Ensembles in einem Brief an Kulturminister Pavel Tigrid seine Abberufung forderten, weil das Orchester unter ihm Schaden nehme, konterte Albrecht kühl: In schlichter Arroganz verglich er seine Kritiker mit einem »Tennisspieler auf dem 37. Platz der Weltrangliste, der sich zu Ivan Lendls Aufschlag und Martina Navratilovas Rückhand äußert«.

Den einen Tag muß sich Albrecht öffentlich als »antikatholisch«, »antisemitisch« und »antitschechisch« beschimpfen lassen - weil er eine private Einladung ausgeschlagen hatte, beim Papst anläßlich der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und dem Vatikan zu musizieren. Er war für sein Orchester schon andere Verpflichtungen eingegangen.

Dann wieder sagt der - inzwischen verstorbene - Ehrendirigent Vaclav Neumann, eine tschechische Symbolfigur, spektakulär Plattenaufnahmen und ein Konzert mit den Prager Philharmonikern im Ausland ab, um Solidarität mit Albrecht zu demonstrieren.

Ganz wuchtig kam es im vergangenen Sommer, als Gerüchte in die Öffentlichkeit lanciert wurden, Albrecht habe sich an Tournee-Honoraren vergriffen.

Das Orchester sei doch nicht Albrechts »private Philharmonie«, giftete die auflagenstarke Zeitung Rude pravo sogleich und regte erneut an, endlich über eine tschechische Besetzung des ehrenwerten Kapellmeisterpostens nachzudenken.

»Das war eine irrsinnige Sauerei«, findet Albrecht. Eine Million Kronen Belohnung - rund 53 000 Mark -, die er damals für den Nachweis finanzieller Unkorrektheit ausgelobt hatte, ist er bis heute nicht losgeworden.

Als dann interne Kritiker an einem Gedenkkonzert der Philharmoniker im ehemaligen KZ Theresienstadt herummäkelten, bei dem Werke tschechischer Komponisten, die dort geschunden und ermordet worden waren, aufgeführt wurden, war es Kulturminister Pavel Tigrid zuviel.

Kurzerhand entließ er den Generaldirektor der Philharmonie und kippte den Aufsichtsrat - beides erbitterte Gegner Albrechts im eigenen Haus.

Ohne den Beistand Tigrids, dieses einflußreichen Intellektuellen, der zuerst vor den Nazis, dann, nach 1948, vor den Kommunisten floh, wäre Albrecht kaum noch in Prag zu halten. Aber auch sein Orchester hält erstaunlich unbeirrt zu ihm. Gut zwei Drittel des Ensembles stünden derzeit fest hinter ihm. Etliche Orchestermitglieder demonstrierten kürzlich sogar mehrere Stunden im strömenden Regen für ihren Chef.

Die Fraktion der etwa 20 harten Gegner bleibt aber auch nicht müßig und zischt weiter im Orchestergraben: »Er ist eine Schande für unser Land.«

Doch wenn der Maestro den Taktstock hebt, wenn seine Musiker die Noten vor sich haben, ist alles vergessen: »Die spielen mit allergrößter Hingabe«, sagt Albrecht versöhnlich.

So soll es auch sein, wenn am kommenden Donnerstag im Rudolfinum genau jene Kompositionen von AntonIn Dvorak erklingen, mit denen der Meister selbst am 4. Januar 1896 den Ruhm der Tschechischen Philharmonie begründet hat.

Dvoraks Nachfolger, der Deutsche Gerd Albrecht, wird dann die »Othello«-Ouvertüre und die Sinfonie »Aus der Neuen Welt« dirigieren. Einen Sieg werden indes auch seine Gegner an diesem nationalen Jubeltag verbuchen können: JirI Belohlavek, der vor vier Jahren in der Wahl gegen Albrecht unterlag, darf einen Teil des Konzertes am Pult stehen. Hans-Ulrich Stoldt

* Am Dirigentenpult Gerd Albrecht.

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