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TELEPHON Famose Unterhose

Weil viele einfach auflegen, wenn sie auf einen Anrufbeantworter sprechen sollen, versuchen es Postkunden mit originellen Ansagen - Animation vom laufenden Band.
aus DER SPIEGEL 3/1989

Wer beim Fernsehjournalisten Franz Alt anruft, erfährt ungefragt von Tochter Christiane, 17, daß es der Familie »total super geht«, sie »jede Menge Action« habe und überhaupt im Hause Alt »echt voll was los« sei.

Die Photographin Lisa Valder entführt ihre Freunde am Telephon mit Sphärenklängen ins All und verkündet »I'm from planet Mars«. Der Hamburger Konzertveranstalter Clemens Grün schickt in melancholischer Voraussicht schon jetzt einen »Tagebucheintrag« vom 1. Januar 1990 über den Draht: »Das letzte Jahr war wieder furchtbar langweilig.«

Derlei Bekenntnisse als Ansagetext gehören zum guten Ton, seit Anrufbeantworter ebenso wie Mikrowellenherd und Personal Computer zur technischen Grundausstattung deutscher Haushalte zählen. Da wird gereimt und gefrotzelt, musiziert und deklamiert - manchmal witzig, bisweilen peinlich.

Mit alten Schellack-Schlagern ("Ich hab' eine ganz famose, lange, grüne Unterhose") versuchen Spaßvögel gute Laune übers Postnetz zu verbreiten. Andere animieren ihre Bekannten, »mal etwas über Schwangerschaftsgymnastik oder serbische Bauernmöbel« auf Band zu hinterlassen - Hauptsache, es wird gequatscht.

Der Trend zum lockeren Spruch macht Sinn: Reine Auskunftstexte, etwa über Sprechzeiten von Ärzten oder Kinoprogramme, lassen die meisten noch gefaßt über sich ergehen. Doch legt erfahrungsgemäß ein Drittel aller Anrufer wieder verschreckt den Hörer auf, wenn sie gebeten werden, nun selber etwas zu sagen. Manchmal sind dann auf Kassette Dialoge der folgenden Art gespeichert: (Frauenstimme) »Wat is los? Jupp, da is'n Automat dran. Wat soll ich machen?« (Männerstimme) »Leg auf!«

Wie gelähmt lassen Ungeübte oft den Piepton verstreichen; selbst Vielredner verhaspeln sich plötzlich und brechen entnervt ab. Psychologen erklären die Ausfälle mit dem Unbehagen, gleichsam ins Leere sprechen zu müssen. Irritierend wirke auch der häufig vorgegebene Zeitrahmen von maximal 60 Sekunden und die Gewißheit, daß jedes Stottern erbarmungslos aufgezeichnet wird. In ihren Gebrauchsanweisungen empfehlen deshalb einige Hersteller eine »persönliche Färbung« der Ansagen, um den paralysierenden Roboter-Effekt zu beseitigen.

Nach Schätzungen der Industrie sind mittlerweile 1,5 Millionen Anrufbeantworter ans Netz angeschlossen. Allein im vorigen Jahr gingen rund 180 000 Geräte über den Ladentisch, und 1989 werden weit über 200 000 dazukommen. »Der Markt boomt wie Sau«, berichtet ein Berliner Händler.

»Der Kunde ist mobiler geworden«, begründet Olaf Hansen vom Hamburger »Telefonladen« die Nachfrage. »Wenn man wenig zu Hause ist, will man natürlich wissen, was dort aufläuft.«

Auch ein ganz spezieller Service, den Anrufbeantworter bieten, gilt als Kaufanreiz: die Möglichkeit zum Aussortieren unliebsamer Gesprächspartner. Im sogenannten Schwiegermutter-Test lassen die Besitzer ihr Gerät selbst dann eingeschaltet, wenn sie direkt daneben stehen. Über Lautsprecher lauschen sie dem elektronisch verstärkten Gestammel und klinken sich nach Belieben in die Leitung ein: »Hallo, ich bin gerade zur Tür hereingekommen.«

Parallel zum Hardware-Markt haben sich in Großstädten bereits Dienstleistungsunternehmen angesiedelt, die phantasielosen Kunden Gag-Ansagen per Nachnahme liefern. Gini Henning und Coco Heeckt von der Hamburger Firma Hotline arbeiten vor allem für Ärzte, Rechtsanwälte, Kaufleute und produzieren mit Vorliebe Knittelverse. Eine Berliner Agentur hat neben Mitarbeiter-Stimmen auch Marilyn Monroe, John Wayne und den Bundeskanzler im Programm - 30 Sekunden für 149 Mark.

Auf den Dreh mit dem Überraschungsband ist Jägermeister schon vor Jahren gekommen. Seit 1980 röhrt im Auftrag des Schnapsfabrikanten der Hirsch Rudi, »ein prächtiger Zwölfender aus der Eifel«. Statt Name und Rufnummer zu hinterlassen, wird der Anrufer aufgefordert, reglos am Telephon zu verharren, »damit Rudi nicht erschrickt«.

Waren leistungsstarke Anrufbeantworter vor einem Jahr nicht unter 700 Mark zu haben, bieten Kaufhäuser und Telephonläden die Geräte jetzt schon für 398 Mark an. Der Grund für den Preisverfall sind Billigangebote ohne amtliche Zulassungsnummer, die - so der obligatorische Hinweis - nur für den Export bestimmt sind. Ihr geschätzter Marktanteil: 30 Prozent.

Entgegen den Postvorschriften werden die Apparate dennoch vielfach ans heimische Netz angeschlossen; die entsprechende Dose liefert der Händler beim Kauf gleich mit.

Was viele Bastler nicht wissen: Laut Fernmeldeanlagengesetz droht ihnen eine Geldstrafe oder sogar Gefängnis bis zu fünf Jahren. Doch nur in Ausnahmefällen wird das illegale Treiben überhaupt aktenkundig. »Da muß uns schon der liebe Nachbar einen Tip geben«, berichtet ein Postler, »wir tappen im Grunde in einer Grauzone.«

Spüren die »Entstörer« der Fernmeldeämter durch Zufall mal jemanden auf, kommt der Ertappte meist mit einer Verwarnung davon. Der Export-Automat wird eingezogen und »der Entsorgung zugeführt«, wie es im Postjargon heißt.

In Hamburg beispielsweise landen pro Monat ein bis zwei Schwarzgeräte auf dem Tisch des Postbeamten Klaus Sommer. Er greift dann in die Werkzeugkiste, zieht einen Vorschlaghammer und zerstört die Anrufbeantworter »mit zwei, drei gezielten Schlägen«. Ähnlich wie bei der Drogen-Vernichtung muß beim Amtsakt ein Zeuge zugegen sein, »sonst könnte man sich das Zeug ja schnappen und wieder verhökern«. #

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