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USA FANAL GEGEN WASHINGTON

Amerika fühlt sich in seinem Innersten bedroht: Der blutigste Anschlag der US-Geschichte hat das Selbstvertrauen der Weltmacht erschüttert. Die Vereinigten Staaten, von Niedergangs- und Zukunftsängsten geplagt, mußten erfahren, daß auch die heile Welt des Mittleren Westens vor hausgemachtem Bombenterror nicht sicher ist.
aus DER SPIEGEL 17/1995

Es ist wie im Fernsehen«, murmelte entgeistert ein Verletzter, der aus der gigantischen Staubwolke herauswankte. Damit hatte der Unbekannte auf den Punkt gebracht, was die meisten Amerikaner empfanden: Diese verkohlten Autos, die zerfetzten Fassaden, die blutüberströmten Gesichter, die Kinderleichen unter Trümmern - das waren Bilder aus einer anderen, weit entfernten Welt, aus Grosny, Belfast oder Sarajevo, das gehörte nicht hierher.

Terrorismus war für Amerika bisher etwas gewesen, das woanders passierte, allenfalls noch denkbar schien im Großstadtinferno New Yorks. US-Bürger wurden schon oft bevorzugte Opfer haßerfüllter Attentäter, doch das Mißgeschick widerfuhr ihnen gewöhnlich in der Fremde, im Nahen Osten vor allem.

Aber in der amerikanischen Provinz? Mitten in der Prärie? Bombenleger, die aus dem eigenen Hinterland stammen? Gerade weil das bis dahin so unvorstellbar schien, erschütterte der Sprengstoffanschlag von der Gewalt eines Erdbebens, der am vorigen Mittwoch einen neunstöckigen Gebäudekomplex der US-Regierung in Oklahoma City aufriß und dabei hundert, womöglich zweihundert Menschen tötete, die Nation in ihren Grundfesten. Amerika hatte das Gefühl, im Schmerz über das Attentat auch seine Unschuld und sein Selbstvertrauen verloren zu haben.

Denn diesmal hatten nicht ausländische Bösewichter zugeschlagen, sondern junge weiße Amerikaner, die sich als Vorkämpfer eines fundamentalistischen Patriotismus verstehen (siehe Seite 152).

Nach einer Menschenjagd, die nahezu ohne Beispiel in der jüngeren amerikanischen Geschichte war, gingen den Fahndern zwei der mutmaßlichen Täter ins Netz. Thomas McVeigh, 27, wurde zunächst wegen einer Lappalie festgesetzt - rund hundert Kilometer nördlich von Oklahoma City ertappte ihn die Polizei bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung. Zugleich fahndeten die Behörden landesweit nach den Brüdern Terry und James Nichols. Terry Nichols stellte sich am Freitag in Harrington, Kansas.

Die drei sollen Mitglieder der Michigan Militia sein, einer rechtsradikalen Vigilantentruppe (SPIEGEL 5/1995). Zugleich werden ihnen Verbindungen zu den BRANCH-Davidians nachgesagt, jener Sekte, die am Tag des Anschlags genau vor zwei Jahren im Flammeninferno ihres Quartiers in Waco, Texas, unterging. _(* Am Freitag letzter Woche vor dem ) _(Bezirksgericht in Perry (Oklahoma). )

In einer Blitzaktion hatte das FBI Tatortspuren zu den Tätern zurückverfolgt: Ein Achsenstück mit einer Identifizierungsnummer führte zur Lkw-Vermietung Ryder. In deren Niederlassung im gut 400 Kilometer entfernten Junction City, Kansas, hatten zwei junge Männer - einer von ihnen McVeigh - den Lieferwagen gemietet, in dem die Bombe hochging. Ihr soldatisch kurzer Haarschnitt flößte den Ryder-Angestellten in dem Army-Standort so viel Vertrauen ein, daß sie nicht einmal den Führerschein der Kunden verlangten.

Den Fahndern half vermutlich auch das Videoband einer Überwachungskamera. Nur einen Block entfernt postiert, hatte die Kamera den Tatort voll im Blick. Obwohl das Gerät schwer beschädigt wurde, zeigten die Aufnahmen womöglich nicht nur den Anschlag selbst, sondern auch das Tatfahrzeug und vielleicht sogar die Täter.

Bis zum Wochenende stand nicht fest, ob die Verdächtigen McVeigh und sein Mittäter auf eigene Faust handelten oder im Auftrag ihrer Truppe unterwegs waren. Die Bürgerwehr vom Ufer des Lake Michigan gilt jedenfalls als eine der bekanntesten und rabiatesten im Land. Mit angeblich über 10 000 Mitgliedern ist sie auch eine der größten in Amerika.

Einer ihrer Führer, der Baptistenprediger und Inhaber eines Waffenladens Norman Olson, hatte erst kürzlich gewarnt: »Wir stehen vor einer Situation, in der bewaffneter Kampf unvermeidlich sein könnte.« Und Ray Southwell, Sprecher der Miliz, hatte düster verkündet: »Wir sind bereit, alles aufs Spiel zu setzen.«

Nur, warum ausgerechnet in Oklahoma? Selbst Lokalpatrioten räumen ein, daß Oklahoma City (450 000 Einwohner) kaum mehr als ein überdimensioniertes Kuhdorf ist, ein Provinznest mit ein paar Dutzend Wolkenkratzern. Eines der beliebtesten amerikanischen Musicals heißt schlicht »Oklahoma«, denn der Name sagt offenkundig alles: die Prärie des Mittleren Westens als heiter-unschuldiges Idyll; Amerika, wo es am amerikanischsten, am gesündesten zu sein glaubt - und am sichersten.

In Oklahoma City steht die »Cowboy Hall of Fame«, das Walhall der Rindvieh-Hirten. Aus Oklahoma stammte der Lassokünstler und Alleinunterhalter Will Rogers, der während der Depression der dreißiger Jahre Präsident Roosevelt mit seinen hintersinnigen Volksweisheiten amüsierte. Und wer sich der Stadtgrenze heute auf dem Highway nähert, den grüßt die für Fremde unverständliche Inschrift: »Oklahoma City, Heimat von Vince Gill« (einem Country-Sänger).

Wenn aber der mörderische Wahnwitz selbst Oklahoma City treffen kann, dann ist das ganze Land gefährdet. Die Explosion einer halben Tonne Sprengstoff verletzte das Herz Amerikas und erregte gleichermaßen Furcht wie Wut. Präsident Bill Clinton sprach mit seiner Feststellung der Nation aus der Seele: »Dies ist ein Angriff auf die Vereinigten Staaten von Amerika, auf unsere Lebensweise und auf alles, woran wir glauben.«

Ob die Killer nun ein Fanal gegen die Regierung in Washington, gegen die Bundespolizei FBI oder gegen die Drogenbehörde DEA setzen wollten - eines schien Ende voriger Woche sicher: Amerika muß sich nach dem Massaker von Oklahoma City auf eine neue Form der Bedrohung einstellen. Es gibt auf der Welt keine geschützten Idyllen mehr, selbst nicht für eine Supermacht.

Eine Kostprobe dieser bitteren Erkenntnis hatten die USA schon vor zwei Jahren bekommen. Ein blinder Prediger aus Ägypten stiftete in New Jersey seine fanatisierten Jünger zu dem Versuch an, das kolossale World Trade Center an der Südspitze Manhattans, das zweithöchste Gebäude der Welt, in die Luft zu sprengen. Bei dem Attentat wurde nur ein Teil der Untergrundgarage zerstört; sechs Menschen kamen ums Leben. Die arabischen Attentäter, von denen einer geständig ist, stehen derzeit vor Gericht.

Aber was im kosmopolitischen New York an Schrecklichem passieren kann, empfindet das übrige Amerika noch längst nicht als Bedrohung der eigenen Lebensart. Anders das Massaker von Oklahoma City: Ein Gebäude für Bundesbehörden, wie es das Alfred P. Murrah Building war, existiert in jeder größeren amerikanischen Stadt.

Die staatliche Sozialversicherung, die Verwaltung für Kriegsveteranen, das Wohnungsbauministerium, die Kontrollbehörde für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen, verschiedene Polizeiabteilungen: Hunderte von Gebäuden mit Niederlassungen dieser oder anderer Bundesbehörden können in den 50 Unionsstaaten als Symbole für »Washington« dienen, als willkommenes Demonstrationsobjekt für die Sprengmeister des Schreckens.

Die benutzten eine glitschige Paste aus Kunstdünger, Harnstoff und Schwefelsäure - auch noch in einer Menge von 500 Kilo ein billiges Konzentrat, das in den USA den Klassiker Dynamit verdrängt hat und zu Sprengungen aller Art benutzt wird.

Komplizierte und teure Detonatoren werden nicht benötigt: Im Lieferwagen vor dem World Trade Center steckten die Attentäter mit einem Feuerzeug einfach vier jeweils sechs Meter lange Zündschnüre an, die mit Schwarzpulver gepudert waren; damit sie ohne verräterische Rauchentwicklung abbrannten, hatten die Terroristen die Lunten mit chirurgischen Kanülen umgeben.

Der Zeitpunkt der Detonation von Oklahoma City war mit Bedacht gewählt, um eine größtmögliche Zahl von Opfern auf engstem Raum zu treffen. Kurz nach Dienstbeginn um neun Uhr befanden sich in dem Gebäude über 500 Angestellte, dazu an die 200 Besucher. In der Kindertagesstätte, die im zweiten Geschoß untergebracht war, schickten sich 30 Zwei- bis Siebenjährige gerade an, ihr Frühstück einzunehmen.

In Stunden des Schocks blickt Amerika immer auf seinen Präsidenten. Und Bill Clinton reagierte denn auch mit einer rhetorischen Schärfe, die der Größe des Verbrechens und der Erschütterung Amerikas zu entsprechen suchte. »Ich werde nicht zulassen, daß die Bürger dieses Landes von bösartigen Feiglingen eingeschüchtert werden«, rief der Präsident. »Diese Leute sind Killer, und sie müssen wie Killer behandelt werden.«

Seine Justizministerin Janet Reno stellte klar, daß die Rechtsgrundlage für ein Strafmaß vorhanden ist, das im modernen Amerika immer öfter angewandt wird: Wenn es bei Angriffen auf Gebäude der Bundesregierung Tote gebe, sagte die streng blickende Frau, »dann steht auch die Todesstrafe zur Verfügung, und wir werden ihre Verhängung anstreben«. Zwei Millionen Dollar Belohnung bot ihr Ministerium für Hinweise zur Ergreifung der Täter.

Gemessen an Nordirland oder Spanien, aber auch an der Bundesrepublik zu Zeiten der Roten Armee Fraktion, haben die heutigen Amerikaner zu Hause wenig Erfahrung im Umgang mit den Fanatikern des Terrors. Attentate, die sich mit dem Anschlag von Oklahoma City vergleichen ließen, liegen Generationen zurück:

1920 hatte eine Explosion an der New Yorker Wall Street 40 Menschen getötet und Hunderte verletzt. Die Polizei schrieb diese Untat »Anarchisten« zu, doch alle Verdächtigen waren in die junge Sowjetunion geflohen. 1927 war es ein erbitterter Gegner der Einkommensteuer, der in Michigan eine ganze Schule in die Luft jagte, wobei 45 Menschen ums Leben kamen, darunter 38 Kinder.

Verbohrten Gegnern des Staats, besessenen (und selbstverständlich schwerbewaffneten) Feinden jeder zentralen Gewalt im Lande war das Attentat auch diesmal zuzutrauen. Doch obwohl die meist rechtsradikalen Privatmilizionäre die nötige kriminelle Energie aufbringen, absolvierten sie ihre Amokläufe bisher lieber in klassisch amerikanischer Manier: mit Gewehr oder Revolver im Anschlag.

Der Wunsch nach schnellen Schuldzuweisungen dürfe nicht dazu führen, »daß wir uns von ethnischen Klischees blenden lassen«, warnte Clinton wohlweislich einen Tag nach dem Anschlag. Damit wollte der Präsident verhindern, daß in der Öffentlichkeit vor allem die »islamische Spur« diskutiert würde. Denn die Machart der Bombe sowie die Ähnlichkeit mit dem Anschlag auf das World Trade Center mußten den Verdacht zunächst zwangsläufig auf islamische Fundamentalisten lenken.

Einwanderer aus dem Nahen Osten oder Amerikaner islamischen Glaubens fürchteten sogleich, zum Sündenbock gemacht zu werden. Ron Kuby, ein New Yorker Anwalt, beschwor gar in krasser Übertreibung das Schicksal der japanstämmigen US-Bürger nach dem Überfall auf Pearl Harbor 1941: Zehntausende wurden damals auf Jahre in Lager gesteckt.

Schon der Anblick der gewaltigen Ruine inmitten von Oklahoma City, mit den herabhängenden Kabeln und dem verbogenen Stahlgestänge, erinnerte viele Amerikaner an ähnliche Schreckensszenen aus Beirut. Dort waren 1983 erst Washingtons Botschaft und dann das Hauptquartier der US-Marineinfanteristen von sprengstoffbeladenen Fahrzeugen in die Luft gejagt worden, mit Hunderten von Toten.

Der Schock veranlaßte Präsident Ronald Reagan damals dazu, die amerikanischen Truppen abzuziehen und den Libanon seinem Bürgerkrieg zu überlassen. Der erzwungene Rückzug erschien - nur acht Jahre nach dem Einmarsch der Nordvietnamesen in Saigon - zunächst wie eine weitere Etappe im unaufhaltsamen Abstieg der Weltmacht.

Doch Reagan fand seinerzeit blitzschnell ein Mittel, um die Nation wiederaufzurichten. Nur zwei Tage nach dem Debakel von Beirut ließ er die US-Streitkräfte auf der winzigen Karibikinsel Grenada landen, wo ein konfuser Putsch von linken Ultras und die angebliche Gefährdung amerikanischer Studenten einen Vorwand für solchen Völkerrechtsbruch geliefert hatten.

Reagan riß mit seinem Streich die Nation aus ihrer Katerstimmung: Patriotismus trieb junge Amerikaner im Oktober 1983 zuhauf in die Rekrutierungsbüros der Streitkräfte - und fortan blieb Reagan, bis ans Ende seiner zweiten Amtszeit, ein überaus populärer Präsident.

Er glaubte nach diesem Schlag, ein Allheilrezept im Umgang mit Schurken jeder Art zu besitzen: Im April 1986 ließ er überfallartig das Wohnquartier des libyschen Irrwischs Gaddafi in Tripolis bombardieren. Der Revolutionsführer entkam dem ihm zugedachten Schicksal nur, weil er statt im Schlafzimmer nach Beduinenart im Zelt genächtigt hatte.

Vielleicht würde ja auch der militärisch unerfahrene Clinton gern so reagieren, mit Dreinschlagen und Dazwischenfahren. Aber der moderne Terror hat keine eindeutige Adresse, die sich mit einem Bombardement ausschalten ließe. Gaddafi jedenfalls beeilte sich diesmal, seinen Abscheu zu übermitteln.

Auch Clinton hätte nun gute Aussichten, durch entschlossenes Auftreten das nationale Desaster in einen persönlichen Sieg umzuwandeln. Doch in Wahrheit hat er es in den zweieinhalb Jahren seiner bisherigen Amtszeit noch nie geschafft, der Nation das Gefühl einer Wende zu geben. Amerikas Selbstbewußtsein, von Zukunfts- und Niedergangsängsten ausgehöhlt, blieb angeschlagen; der Optimismus der Reagan-Jahre - schon unter dessen Nachfolger Bush verlorengegangen - wollte sich nicht wiedereinstellen.

Die Bombe von Oklahoma traf die US-Gesellschaft deshalb zu einem überaus empfindlichen Zeitpunkt, in einer Phase tiefer Verunsicherung, da sie sich allenthalben von Kriminalität und Verfall bedroht sieht. Die Supermacht, die den Kalten Krieg gewonnen hat, leidet unter dem Gefühl, allmählich die Kontrolle zu verlieren - über die Welt, aber auch über sich selbst.

Bei den Kongreßwahlen im November vorigen Jahres bekam Clinton die Quittung dafür, daß er zaudernd und stets kompromißbereit einen Kurs steuert, dem die klare Vision fehlt. So mehrte er die Frustrationen und diffusen Ängste, statt Zukunftshoffnungen zu verbreiten.

Zum erstenmal in vier Jahrzehnten gelang es deshalb den Republikanern wieder, auf dem Kapitolshügel in beiden Häusern des Parlaments die Mehrheit zu erringen. Kraftmeierisch gelobte ihr Führer Newt Gingrich, dem Demokraten Clinton das Regieren abzunehmen. Und in den ersten hundert Tagen im neuen Amt als Sprecher des Repräsentantenhauses gelang es Gingrich tatsächlich, eine Reihe von Gesetzen durchzudrücken, für die er das Schlagwort vom »Vertrag mit Amerika« geprägt hatte.

Der vitale und einfallsreiche Demagoge aus Georgia, drei Jahre älter als Clinton und doch eine Art antagonistischer Zwilling des Präsidenten, ist ein Meister im Ausnutzen der Verunsicherung, die den amerikanischen Mittelstand während der letzten Jahre erfaßt hat.

Sein Sendungsbewußtsein nährt sich beständig aus dem angeblichen Verfall Amerikas, den er selbst so eindrucksvoll beklagt. »Leute wie ich sind es, die zwischen uns und Auschwitz stehen«, hatte der Abgeordnete Gingrich letztes Jahr seiner Heimatzeitung The Atlanta Constitution versichert.

Nur: Was er mit dem Schreckenswort Auschwitz meint, hat nichts mit Gaskammern zu tun. Gingrich will mit diesem Begriff den Verfall der amerikanischen Städte, die lauernde Kriminalität und den Drogenkonsum anprangern - und damit die Ängste der Mittelstandsbürger weiter schüren, denen er seinen Aufstieg verdankt.

Daß Menschen, die dem breiten Mittelstand anzugehören glaubten, sich auf einmal unter den Armen wiederfinden - ja, manchmal sogar unter den Obdachlosen -, fügt der sozialen Lage eine Verbitterung hinzu, die es vorher nicht gegeben hatte. Dabei war für Clinton die Ökonomie lange der einzige Bereich, der für gute Nachrichten sorgte. Die US-Wirtschaft wuchs seit Frühjahr 1991 mit schöner Regelmäßigkeit, die Börse eilte von einem Hoch zum anderen, und die Notenbank mußte sogar die Zinsbremse ziehen, um eine Überhitzung der Konjunktur zu vermeiden.

Die Arbeitslosigkeit ist seit 1992 von 7,4 Prozent auf jetzt 5,5 Prozent gefallen; in Clintons Amtszeit entstanden rund fünf Millionen neue Jobs. Sogar die Autohersteller, die schon unter dem Druck der unerbittlichen Konkurrenz aus Japan zusammenzubrechen schienen, sind wieder das Schmuckstück der heimischen Industrie.

Der wirtschaftliche Aufschwung brachte der Nation dennoch kein psychologisches Hoch. Denn nur 20 Prozent der 260 Millionen Amerikaner konnten vom Aufschwung profitieren und ihren Lebensstandard verbessern. Dem großen Rest dagegen geht es nicht besser als früher, vielen sogar schlechter. Die Zahl der Bürger, die in offizieller Armut leben, ist mittlerweile auf 40 Millionen angewachsen. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen sank auf 31 241 Dollar; 1989 lag es noch 2344 Dollar höher.

»Dieses ist die Fortsetzung eines schon seit 15 Jahren anhaltenden Trends zur Ungleichheit«, klagte Arbeitsminister Robert Reich. »Die Lücke zwischen Armen und Reichen wächst enorm. Das macht mir große Sorgen«, urteilt auch Clyde Prestowitz vom Economic Strategy Institute in Washington, denn: »Keine Gesellschaft mit solchen Gegensätzen konnte jemals die soziale Stabilität erhalten.«

Gleichzeitig rutschte das Bildungssystem in eine bedrohliche Krise. Zwar haben die USA nach wie vor die besten Universitäten der Welt; doch in den Grund- und Höheren Schulen ist der Niedergang unaufhaltsam. Die größte Industrienation der Welt ist nicht einmal in der Lage, jedem Kind Lesen und Schreiben beizubringen.

In der Hauptstadt Washington verlassen 50 Prozent der Kinder die Schule vorzeitig. »Für die meisten praktischen Zwecke sind sie Analphabeten«, urteilt ein Sozialwissenschaftler. »Diese Jugendlichen kriegen keinen Job, sie gleiten ab in die Kriminalität oder halten sich an den Wohlfahrtsstaat.« Oder sie rebellieren gegen die Staatsgewalt.

Besonders schmerzlich spüren die Amerikaner die Symptome des Niedergangs derzeit, wenn sie ins Ausland reisen. Der Dollar, einst unangefochtene Leitwährung der Welt, ist in einen bedrohlichen Abwärtsstrudel geraten, der die Finanzmärkte verunsichert und den gesamten Welthandel gefährden kann.

Wie sehr die mächtigste Nation der Welt in die Defensive geraten ist, wurde deutlich, als Ende des vergangenen Jahres das Schwellenland Mexiko seine Währung drastisch abwertete und eine gewaltige Finanz- und Wirtschaftskrise auslöste. Plötzlich wurde der nördliche Industrienachbar von den mexikanischen Turbulenzen mitgeschüttelt.

Nur mühsam konnte US-Finanzminister Robert Rubin 20 Milliarden Dollar an Stützungskrediten zusammenkratzen. Damit aber bürdete die Clinton-Regierung Amerika eine gewaltige Last auf: Das Schicksal der Weltmacht USA war aus der Sicht ausländischer Investoren plötzlich an das schlingernde Mexiko gekoppelt; der Dollar galt als Peso-infiziert. Die Schreckensvorstellung vieler weißer Mittelstandsamerikaner, daß ihr Land in den Sog der Dritten Welt geraten könnte, schien plötzlich Realität zu werden.

Hätte demnach Lee Kuan Yew recht, der Begründer (und immer noch heimliche Herrscher) des winzigen Stadtstaats Singapur, der die Amerikaner als dekadente »Schlappschwänze« geißelt, unfähig, im freien Wettbewerb gegenüber Japan und den Wirtschaftstigern Ostasiens zu bestehen?

Die nachlassende Qualität der Erziehung, die zweifelhafte Arbeitsmoral, der wachsende Drogenkonsum bei zunehmender Kriminalität, dazu die alarmierende Gebärfreude der Ghetto-Teenager: Tommy Koh, Singapurs einstiger Botschafter bei der Uno und in Washington, zählte die Vorwürfe der hochmütig gewordenen Asiaten genüßlich auf.

Als letztes Jahr in Singapur ein amerikanischer Teenager, der Autos mit Farbe besprüht hatte, zu der landesüblichen Prügelstrafe verurteilt wurde, protestierte das liberale Amerika zwar heftig gegen solche Grausamkeit. Aber es gab eben nicht nur Protest: Nicht wenige Bürger gratulierten dem Stadtstaat für seine kompromißlose Haltung - und wünschten Amerika selbst die Einführung der Prügelstrafe.

Hinter dem Ruf nach immer härteren Strafen steckt offenkundig ein schwer erschüttertes Selbstbewußtsein. Um so nachhaltiger wirkte da der Schlag von Oklahoma. Viele sahen darin schon »ein neues Kapitel in der Geschichte Amerikas«.

Die Bombe habe »das Gefühl der nationalen Sicherheit erschüttert, der dünne Firnis ist weg«, schrieb der Cincinnati Enquirer. Und die Chicago Tribune sah bereits »weitreichende Folgen für das tägliche Leben aller Amerikaner« voraus.

Nicht in der Lage, jedem Kind Lesen und Schreiben beizubringen

* Am Freitag letzter Woche vor dem Bezirksgericht in Perry(Oklahoma).

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