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»Fanatiker der Verschwiegenheit«

Seit vielen Jahren besorgt der DDR-Außenhändler Schalck-Golodkowski für sein Land und dessen Staatspartei Devisen in Milliardenhöhe - mit dubiosen Mitteln: Die Geschäfte laufen über Tarnunternehmen oder Briefkastenfirmen. Jetzt sollen die Geschäfte des kapitalistischen Großbetriebs untersucht werden.
aus DER SPIEGEL 47/1989

Sie sitzen wie Hühner auf der Stange auf den unbequemen Barhockern in der Halle des Hotels Metropol und warten auf Kundschaft. Am späteren Abend findet man sie im Keller wieder: in der »Valutabar« der Ost-Berliner Devisenherberge, wo der Gast gegen Westmark Bier und Nordhäuser Korn, Whisky und Cognac kriegt - oder ostdeutsche Fräuleins. Den Service nehmen vor allem westdeutsche Kaufleute in Anspruch.

Die willigen Damen betreiben ihren Kundendienst nicht auf eigene Rechnung, sondern im Auftrag des sozialistischen Vaterlands: Wenn die Chargen des bisherigen Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) im Metropol ihre Betriebsfeste feierten, waren auch sie mit von der Partie - als verdiente Mitarbeiterinnen des MfS.

Die Berichte der Liebesdienerinnen landeten nicht nur in den Ablageschränken der Stasi an der Ost-Berliner Normannenstraße. Eifriger Leser der Dossiers ist war 1,90 Meter großer Zweizentner-Mann, der offiziell mit der inneren Sicherheit der DDR nichts zu schaffen hat - Alexander Schalck-Golodkowski, 57, ein promovierter Außenhandelswirtschaftler.

Alexander Schalck nahm in der ostdeutschen Nomenklatura nach außen hin einen bescheidenen Rang ein, in Wahrheit aber gehörte der »große Alex«, wie ihn Mitarbeiter respektvoll nennen, zu Zeiten des inzwischen gefeuerten Günter Mittag zu den mächtigsten Männern der DDR.

Der Genosse war stets dabei, wann und wo Staat und Partei versuchten, ihre Fremdwährungskasse durch Geschäfte aufzufüllen - saubere wie illegale. SED-Kenner schätzen, daß der Oberfunktionär fast die Hälfte aller DDR-Deviseneinnahmen kontrolliert. Der Gewinn, den er für sein Land und für die SED erwirtschaftete, ist gewaltig: nach Schätzungen ostdeutscher Insider zwischen fünf und zwölf Milliarden Mark.

Der Deviseneintreiber der SED, der in seiner Jugend ein erfolgreicher Ringer war und 1983 durch das Einfädeln des Milliardenkredits mit Franz Josef Strauß im Westen wenigstens dem Namen nach bekannt wurde, verwaltet ein Imperium, das selbst erfahrenen SED-Ökonomen eine rätselhafte Welt ist.

Für seine Aktivitäten interessieren sich im Westen nicht nur kapitalistische Händler und Hersteller, sondern auch Polizei, Fiskus und Geheimdienste. Schalck *___baute ein verschachteltes Konglomerat von ostdeutschen ____Außenhandelsfirmen auf, deren Vertreter bei fast allen ____West-Ost-Geschäften mitkassieren; *___hat seine Finger in einer Reihe von angeblich privaten ____ostdeutschen Handelsfirmen, über die sich das MfS ____Devisen besorgte; *___steuert von Ost-Berlin aus ein Netz illegaler ____SED-Tarnfirmen in Westeuropa, aus deren Gewinnen die ____ostdeutsche Staatspartei die DKP in der Bundesrepublik ____und Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt ____finanziert; *___verschaffte mit Hilfe manipulierter Bilanzen der ____SED-Creme bislang den erwünschten Luxus - vom Volvo für ____Politbüromitglieder bis zu Delikatessen für die ____fröhlichen Feste der Führungscrew; *___dirigiert die lukrativen Parteifirmen Forum und Genex, ____mit deren Hilfe die SED in großem Stil Devisen ____kassiert.

Ein Großteil der erwirtschafteten Valuta-Milliarden geht in einen Fonds, der Löcher in der DDR-Wirtschaft stopfen und Engpässe überwinden, außerplanmäßige Vorhaben finanzieren und Sonderwünsche aus den obersten Rängen des Staats- und Parteiapparats befriedigen soll.

Wie die einzelnen Bereiche des Schalck-Imperiums rechtlich miteinander verbunden sind, liegt im dunkeln. Wichtigstes Instrument ist die geheimnisumwitterte Abteilung »Kommerzielle Koordinierung«, die direkt dem Zentralkomitee (ZK) der SED unterstellt ist, offizielle Abkürzung: »KoKo«.

»KoKo« dirigiert Genex und Intershops ebenso wie die fast allen DDR-Bürgern verschlossenen Devisenhotels und die Tarnfirmen im Westen; über »KoKo« läuft der Waffenhandel der DDR in Entwicklungsländer und Krisengebiete; »KoKo« steuert den Technologie-Transfer und springt immer dann ein, wenn ein Industriekombinat in Deutsch-Ost dringend Devisen braucht, um die Produktion am Laufen zu halten.

Daß die Wirtschaftsfunktionäre in Deutsch-Ost teils auf krummen Touren reiten müssen, gehört zum deutsch-deutschen Ballast nach Hitler. Bereits Mitte September 1944 hatte der westliche Oberbefehlshaber und US-General Dwight D. Eisenhower ein Gesetz erlassen, das nach der Besetzung Reichsdeutschlands die Devisenbewirtschaftung regelte und alle Außenhandels- und Devisengeschäfte verbot. Nach der Währungsreform wurde laut Bestimmung des Militärregierungsgesetzes 53 eine Devisenbewirtschaftung »auf den Verkehr mit dem sowjetischen Besatzungsgebiet ausgedehnt«.

Die Bestimmung hat bis heute Folgen: Immer noch ist es der DDR verboten, in der Bundesrepublik und West-Berlin wirtschaftliche Tätigkeit zu entfalten oder Eigentum an Grund und Boden * Bechtle, Schlurmann, Noetzel. zu erwerben. Außerdem schränkt Artikel 1 die Möglichkeit ein, Vermögenswerte von Ost nach West zu schaffen, »abgesehen von üblicher persönlicher Habe«.

Um fürs Überleben notwendige technische Güter oder hochwertige Rohstoffe organisieren zu können, wurde Ost-Berlin schon früh erfinderisch. Wirtschafts- und Rechtsexperten entwickelten Modelle, die einerseits die Vorschrift aus Eisenhowers Zeiten zu unterlaufen hatten, andererseits - hart im kapitalistischen Markt - Gewinn garantieren sollten.

Ein Trick: Mit Hilfe verdeckten DDR-Kapitals gründeten kommunistisch gesinnte, gut beleumdete Bundesbürger Firmen, die in Holdings außerhalb der Landesgrenzen eingebracht wurden - etwa im schweizerischen Tessin oder in Liechtenstein.

In der Bundesrepublik arbeiten derzeit nach Schätzungen westlicher Sicherheitsexperten 30 solcher DDR-gesteuerter Firmen - die meisten sind reine Handelsunternehmen, der Rest Druckereien und Speditionen. Gesamtumsatz: schätzungsweise fünf Milliarden Mark.

Zu den finanzstärksten zählt die Berliner Chemo-Plast (CP), die sich laut Handelsregister mit dem »Import und Export von Grundstoffen der organischen und anorganischen Chemie« und der »Übernahme von Industrievertretungen« befaßt. CP-Chef ist seit 1980 der Altkommunist Reinhold Bechtle, der zuvor als Prokurist der West-Berliner Wittenbecher & Co. Handelsgesellschaft mbH (Wihag) »Werkzeugmaschinen aus der DDR nach Berlin (West)« (Werbetext) lieferte. Einer der beiden Wittenbecher-Geschäftsführer ist der Kaufmann Wilhelm Schwettmann. Im vorletzten Jahr spendete er der DKP 250 000 Mark, sein gleichberechtigter Geschäftsführer Walter Welker 400 000 Mark - zusammengenommen die höchste Einzelzuwendung für eine westdeutsche Partei. Es folgen jene 600 000 Mark des Vereins der Bayerischen Metallindustrie für die CSU. Schwettmann gehört zu jenen 31 Männern und Frauen, die am 22. September 1968 in Frankfurt den »Bundesausschuß zur Neukonstituierung einer Kommunistischen Partei«, der DKP, gründeten.

Zum Ausschuß zählte auch der gelernte Maurer Karl-Heinz Noetzel aus Essen. 1976 beorderte ihn Ost-Berlin an die Spitze der Essener Firma Intema, die sich unter anderem mit der »Vermittlung von Projekten des Anlagengeschäfts und von Abschlüssen des technischen Handels . . . und Know-how für internationale Anlagenprojekte« (Handelsregister) beschäftigt - Noetzels Intema war ein typisches SED-Geldreservoir.

In Essen residiert auch das Handelsunternehmen Plast-Elast, eine Kommanditgesellschaft, die Chemikalien vertreibt. Einer der Kommanditisten war bis 1974 der ehemalige KPD-Funktionär Hans Eigner mit einer Einlage von 20 000 Mark. Eigner diente nur als vorgeschobener Posten des Ost-Berliner Außenhandelsbetriebs (AHB) Chemie-Export. Er verpflichtete sich laut Vertrag, alle »Rechte aus den erworbenen Anteilen nur in Übereinstimmung und entsprechend den Weisungen der AHB Chemie-Export auszuüben«.

Nach Eigners Tod übernahm Ehefrau Brigitte die Einlage, ehe sie auf den Remscheider Kaufmann Karl-Heinz Schlurmann übertragen wurde - wie von Ost-Berlin befohlen. Schlurmann war damals Chef von Chemo-Plast, bis er von Bechtle abgelöst wurde. Ursprünglich hieß das Unternehmen nach dem Erst-Besitzer Ottokar Hermann KG; heute führt dieser Hermann, unter anderem, als Präsident die Intrac SA im Luganer Stadtteil Paradiso. Ihr Zweck ist »Handel aller Art« (Gerichtsregister) - eine schlanke Umschreibung dessen, was er nach Einschätzung westlicher Geheimdienste tatsächlich treibt: Embargogüter in die DDR zu schmuggeln.

Die Wahl des Namens Intrac erinnert an alte Zeiten: So hieß eine der ersten Firmen in Ost-Berlin, in der Schalck sein Talent erproben durfte.

Nach dem Mauerbau im August 1961, zur hohen Zeit des Kalten Krieges, hatte im Außenhandelsministerium die Karriere des damals knapp 30jährigen Alexander Schalck-Golodkowski begonnen. Heute hat er einen legendären Ruf: »Es gibt«, sagt ein Insider, »kaum Leute im gehobenen Management der Bundesrepublik, die so eiskalt, berechnend, glashart sind wie der Schalck.«

Der oberste Devisenbeschaffer der SED steuert seine vielfältigen Aktivitäten von seiner Zentrale in der Wallstraße nahe dem Ost-Berliner Spittelmarkt aus. Der viergeschossige Bau heißt bei seinen Untergebenen immer noch »Schlüsselburg«, weil früher alle Etagentüren nur mit Spezialschlüsseln zu öffnen waren.

Schalcks Kommandoraum, ein etwa 40 Quadratmeter großes Büro in der ersten Etage, ist gediegen, aber nur spärlich möbliert: großer Schreibtisch, ein Konferenztisch, an der Wand ein Regal mit Fernseher, Radioanlage und Gesetzesbüchern. Der tüchtige Handelsvertreter der SED sei ein »Fanatiker der Verschwiegenheit«, sagt Klaus Bölling, der frühere Vertreter der Bundesrepublik in Ost-Berlin. Und Böllings Vorgänger Günter Gaus berichtet, Schalck sei einer seiner wichtigsten Partner hinter den deutsch-deutschen Kulissen gewesen, doch »unter Scheinwerferlicht und vor Fernsehkameras« habe der Staatssekretär stets durch Abwesenheit geglänzt.

Erich Honeckers SED hat Schalcks Arbeit mit Auszeichnungen - dem Karl-Marx-Orden (1982) und dem »Großen Stern der Völkerfreundschaft« (1984) - und einem Sitz im Zentralkomitee vergolten. Mehr noch: »Der Dicke« besitzt in der Schorfheide nahe bei Krenz' Sommerresidenz »Hubertusstock« eine komfortable Datscha und an der Manetstraße in Berlin-Hohenschönhausen eine weiße, mit allem westlichen Komfort ausgestattete Villa.

Die hervorragende Kooperation zwischen Schalck und der Staatssicherheit dokumentieren die Usancen der drei Devisenherbergen Metropol, Palasthotel und Grand Hotel. Im Palasthotel verfügt das MfS über eine eigene Zentrale mit vier hauptamtlichen Mitarbeitern. Ihr Chef, ein Oberst, koordiniert die Zusammenarbeit mit den Kollegen in den anderen Hotels.

Die vier vom Palasthotel überwachen mit Hilfe von TV-Kameras Empfangshalle, Aufzüge, sämtliche Hotelkorridore und, bei Bedarf, auch diverse Gästezimmer, die besonders interessanten Gästen zugeteilt werden. 25 bis 30 Etablissements im ganzen Haus sind technisch präpariert, die meisten von ihnen werden mit Hilfe von Mikrofonen überwacht. Bandgeräte und Videoanlagen stehen in der Stasi-Suite 51.01/51.03 in der fünften Etage.

Schalck und das MfS haben auch andere gastronomische Einrichtungen in der DDR-Hauptstadt unter Kontrolle, etwa das von Diplomaten und vor allem von deren Sprößlingen bevölkerte Pankower Nachtlokal »Yucca«.

Die für seine SED höchst lukrativen Geschäfte steuert Schalck mehrgleisig - über die offiziellen in Ost-Berlin residierenden DDR-Firmen und über die der SED-gehörenden zahlreichen Tarnfirmen.

In der Pestalozzistraße 5-6 im Ost-Berliner Stadtteil Pankow hat die Schalck-Firma Intrac (200 Mitarbeiter) ihr Hauptquartier. Das Unternehmen vermittelt vor allem Ost-West-Geschäfte in der Metall- und in der Chemiebranche, jedoch auch im Finanzsektor. Intrac besitzt eine eigene Abteilung »Umwelt«, die den Mülltransport aus dem Westen auf ostdeutsche Deponien organisiert.

Unter derselben Adresse firmiert die Intrac-Tochter Zentral-Commerz. Sie kümmert sich um den Verkauf von Produkten aus der DDR-Leichtindustrie (außer Textilien vornehmlich Zucker) in den Westen, den Ankauf von Waren für die heimischen Intershops, um den Export von Altpapier sowie die Ein- und Ausfuhr von Getreide.

Das Schalck-Unternehmen Transinter mit Sitz im Internationalen Handelszentrum an der Friedrichstraße hatte ursprünglich die Aufgabe, die Marktchancen westlicher Firmen in der DDR zu erkunden und interessierte Betriebe in Deutsch-Ost zu vertreten. Heute sitzen Transinter-Leute in fast allen DDR-Büros westlicher Konzerne in Ost-Berlin, ihre Repräsentanten sind immer dabei, wenn ostdeutsche Außenhandelsbetriebe mit Westfirmen Geschäfte abschließen. Sie streichen Provisionen ein, die in Wahrheit Schmiergelder sind. Dank solcher Schalck-Drehs verteuern sich Importe westlicher Konsumgüter in die DDR gleich mehrfach.

Italienische Schuhe etwa beziehen die Exquisit-Läden in der DDR über die Mailänder Handelsfirma Rest Ital, die im Internationalen Handelszentrum eine Dependance unterhält. Bürovorsteherin ist eine Abgesandte von Transinter. Rest Ital bekommt acht bis zehn Prozent Provision; da bei den Verhandlungen mit Exquisit stets ein Transinter-Konfident zugegen ist, streicht dessen Firma nochmals fünf Prozent ein.

Lukrative Provisionsgeschäfte betreiben neben Intrac die staatseigenen Betriebe Camet (Spezialität: Geschäfte mit Schweden) und Asimex (Lebensmittel, Kosmetik, Schmuck) sowie die offiziell privaten Firmen Gerlach, Forgber und Berag.

Diese Privatfirmen gehören zu den dubiosesten Posten in Schalcks verschachteltem Reich. Zumindest Gerlach und Forgber arbeiten vor allem für die Stasi, besorgen ihr fast alle High-Tech-Ware, die Staatsschützer zur Überwachung brauchen - von der Spezialwanze über Lasermikrofone bis zum IBM-Computer für die MfS-Zentrale im Bezirk Lichtenberg.

Die Berag Export-Import in der Friedrich-Engels-Straße 35 mit ihrem Chef Karl-Heinz Schneider vertritt unter anderem den westdeutschen Staatskonzern Veba.

Die Geschichte der Firma F. C. Gerlach, die sich schon vor dem Krieg einen Namen im Außenhandel gemacht hatte, ist typisch für den vielfach mit konspirativen Methoden arbeitenden Westhandel der DDR. Nach dem Krieg übertrugen die Sowjets einem erfolgreichen Schwarzhändler, Herschel Libermann alias Wischnewski, und G. Simon die Lizenz zum Weiterbetrieb. Wenig später gehörten Wischnewski und Simon alias Simon Goldenberg, der sich 1976 in den Westen absetzte und dessen Firma Camet dann Schalck direkt unterstellt wurde, zu den schillernden Figuren zwischen Ost und West. Sie hatten vor allem die Aufgabe, Embargogüter zu beschaffen. Nebenher arbeiteten sie als Repräsentanten kapitalistischer Firmen in der DDR.

Gerlach vertritt heute die Creme der westdeutschen Schwerindustrie in der DDR: Krupp, Mannesmann und Klöckner, Thyssen und fast das gesamte ehemalige Flick-Imperium. Das Vertretungsmonopol, das sich die Partei durch die Schalck-Firmen gesichert hat, ist eine sichere, von der staatlichen Planung unabhängige Einnahmequelle. Allein im innerdeutschen Handel macht die SED jährlich sieben bis acht Milliarden Mark Umsatz und kassiert bei einer auf drei Prozent geschätzten Provision rund 200 bis 240 Millionen Westmark - für nichts.

»Der Vergleich mit den Schutzgebühren der Mafia«, stellt nüchtern ein ostdeutscher Insider fest, »ist nicht zu weit hergeholt.«

Die anderen Methoden der Geldbeschaffung und -verteilung sind genauso unfein - etwa der von den westdeutschen Zollbehörden vielfach beklagte staatlich sanktionierte Schmuggel mit Alkohol und Zigaretten über die DDR in die Bundesrepublik und andere westliche Länder oder Finanzbetrügereien mit in Südkorea gefertigten Hemden.

Schalck finanziert auf Kosten des Fiskus auch führende westdeutsche Kommunisten. Ein Fall wurde sogar gerichtskundig:

Im Frühjahr 1981 hatte die Oberfinanzdirektion (OFD) Berlin im Rahmen der »Überwachung des innerdeutschen Wirtschaftsverkehrs und des Außenwirtschaftsverkehrs« eine Prüfung bei Chemo-Plast angeordnet. Sieben Verstöße wurden registriert, die OFD erließ ein Bußgeld.

Ein pfiffiger Finanzbeamter bohrte weiter. Er fingerte verdächtige Gehalts- und Spesenberechnungen heraus und addierte, daß in nur einem Jahr *___Hans-Jürgen Kölling, Fahrer des DKP-Chefs Herbert Mies, ____mit 76 849,26 Mark, *___Gerda Mies, Frau des DKP-Vorsitzenden, mit 72 595,01 ____Mark, *___der Aktivist Heinz Nieth aus Solingen mit 68 895,62 ____Mark zu Buche gestanden hatten.

Der Prüfer gab seine Erkenntnisse der Berliner Staatsanwaltschaft weiter, die unter dem Aktenzeichen 1 St Js 70/82 ein Verfahren wegen des Verdachts der »fortgesetzten Körperschaft-, Gewerbe- und Umsatzsteuerhinterziehung« einleitete, weil die Firma »Zahlungen von Löhnen und Reisekosten« steuermindernd in den Bilanzen als Betriebsausgaben geltend gemacht habe, obschon die »Personen tatsächlich nicht für die Gesellschaft, sondern für die DKP tätig waren«.

Im Sommer 1983 erließ das Amtsgericht Berlin-Tiergarten einen Strafbefehl gegen den damaligen Geschäftsführer, 300 Tagessätze a 400 Mark. Der akzeptierte die Strafe sofort, sein Verteidiger wurde von Chemo-Plast gestellt.

Zu den Hauptakteuren in diesem Pankower Geldspiel gehört die rothaarige Traudl Lisowski, 54, eine enge Mitarbeiterin Schalcks, die für den kriminellen Teil bei der D-Mark-Beschaffung zuständig ist.

Geschäftsführer DDR-gesteuerter Firmen müssen der Lisowski ein bleistiftgeschriebenes Rechenwerk der Einnahmen und Ausgaben vorlegen; sie ändert es, dann erst erhält es Dokumentencharakter und kann dem Fiskus im Westen eingereicht werden. Hat ein Unternehmen beispielsweise bei einem Umsatz von 300 Millionen Mark rein rechnerisch vor Steuern einen Gewinn von 25 Millionen gemacht, verlangt Traudl Lisowski Korrekturen.

Fürs Finanzamt, so die Weisung, sei die Summe »auf sieben bis acht Millionen« zu drücken. Und stets lautet die offizielle Begründung: »Jede abgezwackte Mark ist ein Garant mehr dafür, daß die BRD weniger Panzer baut.«

Gängiger Dreh ist, neben dem Frisieren der Bilanzen, die Zahlung hoher Provisionen für Geschäfte, die nie oder nicht im angegebenen Umfang getätigt wurden. Diese Ausschüttungen wirken nach bundesdeutschem Recht steuermindernd.

Will ein westdeutsches Unternehmen mit einem DDR-Produzenten ins Geschäft kommen, wird generell ein Vermittler zwischengeschaltet - eine SEDgesteuerte Firma. Sie tut nichts oder wenig, kassiert aber Provision. Jenseits der Mauer ist ein weiterer Vermittler tätig, der wiederum den gesteuerten Unternehmen Provisionen abverlangt - etwa für angeblich notwendige Behördengänge: die Firma Simpex an der Oranienburger Straße (vollständiger Name: Büro für Handel und Beratung GmbH), hinter der sich ein Referat der ZK-Abteilung »Verkehr« verbirgt. Als Chef fungiert der Alt-Funktionär Hans Springmann.

Der ausgewiesene Bilanzgewinn wird, falls nicht aktiviert, der zuständigen ausländischen Trägergesellschaft überwiesen - im Fall der West-Berliner Chemo-Plast etwa, vorbei am Uralt-Gesetz der Militärregierung, an die Briefkastenfirma Rexim SA mit Sitz im schweizerischen Morcote, einer 100prozentigen DDR-Gesellschaft. Von dort wird das Geld nach Ost-Berlin transferiert.

Die DDR-gesteuerte liechtensteinische Briefkastenfirma Etablissement Monument besitzt im rheinischen Neuss jenes Grundstück, das die DKP-Hausdruckerei Plambeck & Co. nutzt. Die Anstalt Hanseatic im Alpenstädtchen Vaduz ist Besitzerin des Hauses in Hamburg-Eppendorf, in dem die Ernst-Thälmann-Gedenkstätte untergebracht ist.

Die Rexim SA zeichnet für das Terrain an der Düsseldorfer Prinz-Georg-Straße 79, wo der Parteivorstand der DKP sein Domizil hat. Auch eine Wuppertaler Eigentumswohnung war formell Rexim-Besitz: Dort wohnte Georg Polikeit, bis Januar 1989 Chefredakteur der DKP-Zeitung Unsere Zeit.

Einziger Verwaltungsrat der 1969 gegründeten Rexim SA war jahrelang der schweizerische Professor Rolando Fedele, ein früherer Freund des Kommunistenführers Max Reimann. Seit seinem Tod führt Tochter Clelia Fedele die Geschäfte von ihrem Traumhaus an der Strada dal'Arbostora überm Luganer See aus - für ein Entgelt von schätzungsweise 400 000 Franken jährlich.

Mehrmals im Jahr holen sich die Geschäftsführer der DDR-Firmen bei der Deutschen Außenhandelsbank AG Aktentaschen voller Geldscheine ab, Beträge über 100 000 Mark (West) sind keine Seltenheit. Einen Teil, steuerfrei, behalten sie für sich, einen anderen spenden sie kommunistisch dirigierten Gruppen.

Als Firmenchefs für seine Betriebe im Westen nimmt Schalck nicht jeden. Die Geschäftsführer waren allesamt Genossen der DKP, müssen allerdings bei Antritt ihres Jobs jegliche politische Tätigkeit in der Partei einstellen. Damit sie nicht in ihrer strammen Gesinnung verdorben werden, müssen sie sich zweimal jährlich in komfortablen Heimen des Zentralkomitees in der märkischen Heide von leitenden Ideologen trimmen lassen, etwa von Professor Max Schmidt, Direktor des SED-gesteuerten »Instituts für Politik und Wirtschaft« in Ost-Berlin oder vom Chef der ZK-Akademie für Gesellschaftswissenschaften, Professor Otto Reinhold.

Zu Erich Honeckers 65. Geburtstag ließ dessen Sekretärin Elli Kelm unter den finanzkräftigen Genossen Direktoren in der BRD eine Liste mit erwünschten Geschenken kursieren. Die Palette reichte vom Spezialschreibtisch bis zu 65 Kisten Portwein des Jahrgangs 1912, dem Geburtsjahr des Jubilars.

Zum 50. Geburtstag von Honecker-Ehefrau Margot im April 1977 bestellte Josef Steidl, der damalige Leiter der konspirativen Abteilung »Verkehr«, die Bruderparteien in aller Welt mit Devisen versorgt, bei einem der Schalck-Partner eine Schmuck-Garnitur, bestehend aus Collier, Armband, Brosche, Ohrringen und einem Ring für 9405,40 Mark.

Als regelmäßigen »Freundschaftsdienst« erhalten Parteisekretär oder Kaderchef eines AHB pro Jahr Geschenke im Wert von 10 000 (West-)Mark - Schuhe, Anzüge, Küchengeräte, Lebensmittel, Zigaretten, der Kontordirektor für 25 000 Mark Naturalien, der stellvertretende Generaldirektor das Doppelte; der Generaldirektor vereinnahmt zum Gehalt rund 100 000 Mark.

»Eigenhändig«, so berichtet ein Münchner Kaufmann, habe er »mindestens 50 DDR-Bossen die komplette Einrichtung für ihre Datschen eingefahren«, das Teuerste sei gerade gut genug gewesen.

Vor Gericht in Hamburg landete der jüngste Fall einer möglichen Ost-West-Affäre. Fast 17 Monate lang verhandelte die Große Strafkammer I des Landgerichts Hamburg gegen einen Bolivianer und einen Türken wegen der Ermordung dreier Menschen. Eines ihrer Opfer war, nach Auffassung der Staatsanwaltschaft, der Manager Uwe Harms, 47, Geschäftsführer der traditionsreichen Hamburger Spedition Richard Ihle, die damals zu 80 Prozent der liechtensteinischen Firma Unisped gehörte - einer DDR-Tochter.

Der Kaufmann fühlte sich seit langem bespitzelt - wohl mit Recht. Die Firma Ihle war (und ist) nämlich auch offizielle Vertretung der staatseigenen DDR-Spedition Deutrans, deren Fahrpersonal unter Spionageverdacht steht. Wenn die Deutrans-Lastwagen im westlichen Ausland unterwegs waren, mußte Harms die Kosten vom Privatkonto vorstrecken, damit die anrüchigen Geschäfte nicht durch die Ihle-Bücher gingen; später zahlte Simpex zurück.

Harms mißfielen solche Tricks von Mal zu Mal mehr. Zu Beginn des Jahres 1987 verlangten Deutrans-Funktionäre von ihm, die Verschiffung von Waffen nach Übersee zu organisieren - ab Hamburg-Freihafen, doch er weigerte sich, erzählt ein Bekannter. In der letzten März-Woche 1987 ließ ihn Schalcks Büro nach Ost-Berlin bestellen. »Irgend was war anders mit ihm«, sagt ein Freund, »so kannte ich ihn gar nicht. Er war geknickt.«

Am Montag, dem 31. März, folgte im Hamburger Hotel Berlin eine Besprechung mit mehreren DDR-Geschäftsleuten.

Harms sei »in höchstem Zorn« aufgebrochen - und wurde erst Wochen später in einer Wohnung wiedergefunden, am 25. April als Leiche in einem Plastikbündel. Zwei Projektile aus einer Pistole hatten ihn getötet.

Die Wohnung gehörte dem Stricher Hugo Victor ("Nico") Vargas, er und sein Kumpel Fikri Akmanla wurden festgenommen. Vargas erklärte der Polizei, Uwe Harms an jenem 31. März in der Homo-Kneipe »Tusculum« kennengelernt und in seine Wohnung mitgenommen zu haben, wo ihn ein Mario Ziegler erschossen habe.

Die Beweislage ist sonderbar dünn. Mario Ziegler, der angebliche Mörder, wurde getötet, bevor er aussagen konnte. Hugo Victor Vargas will angeblich geschlafen haben, als Ziegler angeblich schoß. Und Fikri Akmanla sagte vor Gericht, daß er nichts sagt - der Staatsanwalt hatte bereits im Mai 1988 auf Freispruch plädiert. Im Oktober wurde das Urteil gesprochen: Der Mordvorwurf im Fall Harms wurde fallengelassen. f

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