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INDUSTRIE / BASF/SIEGLE Farbige Bombe

aus DER SPIEGEL 29/1970

Auf dem Hof der Farbenfabrik G. Siegle & Co. in Stuttgart parkten. vier schwarze Limousinen mit Ludwigshafener Kennzeichen. Werksangehörige scherzten: »BASF will uns kaufen.«

Wenig später lieferte vor der eilig zusammengerufenen Belegschaft der Chef des Ludwigshafener Chemiekonzerns Badische Anilin- & Soda-Fabrik, Bernhard Timm, 60, zum flauen Witz die Pointe. Timm in der Werkskantine zu den verdutzten Farbenbrauern: »Meine lieben BASF-Mitglieder.«

Mit Buh-Rufen und Zischlauten kommentierten die aufgebrachten Arbeiter und Angestellten die Nachricht, daß ohne Vorankündigung die Unternehmensgruppe Siegle samt Stuttgarter Schwesterfirma Kast + Ehinger GmbH (3000 Beschäftigte, 265 Millionen Mark Umsatz) in den großen Farbtopf des Chemieriesen am Rhein gefallen war.

Die Siegle-Führungsmannschaft blickte betreten drein. Fünf der sechs Geschäftsführer waren von dem Firmenverkauf gleichfalls überrascht worden. Hans-Adolf Lenze vom Verband der Mineralfarbenindustrie über den BASF-Coup: »Das hat bei uns wie eine Bombe eingeschlagen.«

Für die Farbbombe sorgten süddeutsche Edelleute, die Familien von Gemmingen-Hornberg« Tessin und Schrenck-Notzing. Die publizitätsscheuen Edelleute, seit hundert Jahren Besitzer der Siegle-Farbenfabriken, mußten verkaufen, weil -- so Caspar Freiherr von Schrenck-Notzing -- »die weitverzweigte Familie die enormen Investitionen der Zukunft« nicht mehr aus eigener Tasche zahlen konnte. Die Adelsherren sind auch bei der angeschlagenen Württembergischen Metallwarenfabrik WMF engagiert (SPIEGEL 26/1970).

Siegle-Käufer Timm verhalf ihnen nun zu Dividenden ohne Unternehmer-Beschwerden. Ihre kleinen, meist ererbten BASF-Aktienpakete stockte er, als Preis für die Stuttgarter Farbenfabriken, um weitere BASF-Aktien im Börsenwert von 200 Millionen Mark auf und legte etwas Bargeld dazu.

Chemie-Professor Bernhard Timm brachte mit dem Neuerwerb, den er über die BASF-Tochter Wintershall abwickelte, seinen Ludwigshafener Konzern an die Spitze der europäischen Lack- und Farbenbranche. In den letzten Jahren hatte er bereits die renommierten Lackfabriken Glasuritwerke M. Winkelmann AG in Hamburg (223 Millionen Mark Umsatz), Dr. Beck & Co. AG in Hamburg (25 Millionen) und Herbol-Werke Herbig-Haarhaus AG in Köln (95 Millionen Mark Umsatz) seinem Chemie-Imperium einverleibt. Die Siegle-Gruppe, ein führender Hersteller von Druckfarben und Pigmenten (Rohstoffe für die Lackproduktion), brachte ihm zusätzlich über 20 Tochtergesellschaften im In- und Ausland ein.

Auch andere Chemieriesen sicherten sich in den letzten Jahren Anteile am lukrativen deutschen Lackmarkt, auf dem jährlich eine Milliarde Mark umgesetzt wird. So kauften die Farbwerke Hoechst die Lackfabrik Flamuco in München und Stuttgart, der Schweizer Geigy-Konzern erwarb die Bonner Bonaval-Werk GmbH, und der holländische Mischkonzern AKZO nahm sich die Stuttgarter Lechler-Gruppe.

Die letzten noch freien Großunternehmen der Lackindustrie -- Herberts in Wuppertal und Wiederhold in Hilden -- wollen trotz sinkender Gewinne ihre Stellung gegen die Großchemie behaupten. Lack-Verbandsgeschäftsführer Manfred Bode hoffnungsvoll: »Deren Besitzer sind knorrige Charaktere, die geben nicht so schnell auf.«

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