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SIMONE DE BEAUVOIR / LITERATUR Fast ein Meisterwerk

aus DER SPIEGEL 50/1955

Wie kann man auch einen Intellektuellen lieben«, spottet die zynische Sorbonne-Studentin Nadine über ihren Literaten-Freund, den geschätzten Résistance-Schriftsteller Henri Perron. »An Stelle eines Herzens habt ihr eine Waage und ... im Grunde seid ihr alle Faschisten!«

Nadine ist eine Figur in dem (mit dem Goncourt-Preis ausgezeichneten) Roman »Les Mandarins« von Simone de Beauvoir, der jüngst unter dem Titel »Die Mandarins von Paris« in deutscher Sprache erschienen ist*. Natürlich teilt die Autorin die Meinung der eifersüchtigen Nadine über die französischen Links-Intellektuellen keineswegs. Sie gibt dem mit so rüden Worten beschimpften Intellektuellen Perron darum an einer anderen Stelle Gelegenheit, die Ehre seines Standes mit ebensolchem Realismus zu verteidigen: »Ja, ich bin ein Intellektueller. Es ärgert mich, daß man aus diesem Wort eine Beleidigung macht: die Leute scheinen zu glauben, daß ihnen durch die Leere im Gehirn die Hoden gefüllt werden.«

Solche drastischen Floskeln sind der nun 46jährigen Beauvoir seit ihrer zweibändigen Sitten-Enzyklopädie über »Das andere Geschlecht« gleichsam zur zweiten Natur geworden. Außerdem gehören sie zur Prosa des existentialistischen Stils, in dem sprachliche Lässigkeit und realistischer Jargon einen legitimen Platz haben.

Gesellschaftlich rechnen die schnippische Nadine, die trotz ihrer wechselnden Liebhaber mit achtzehn Jahren noch geistig in den Flegeljahren steckt, der von ewigen Gewissens-Skrupeln geplagte Moralist Perron und schließlich die Verfasserin selbst zu einem Milieu, in dem das Wort »Faschist« als verächtliche Beschimpfung für den verhaßten Gegner, den »Bourgeois«, gebraucht wird. Alle drei gehören zu jener politisch und philosophisch überaus rührigen Clique der Intellektuellen von St. Germain-des-Prés, die Simone de Beauvoir mit ironischem Unterton - aber »voller Sympathie«, wie sie ausdrücklich wissen ließ - die »Mandarins« nennt.

Die Mandarins sind im herkömmlichen Sinne eine Gelehrten- und Beamtenkaste, die in der chinesischen Hierarchie ein hochgeachtetes Bildungsprivileg genossen. Die Kaste der »Mandarins von Paris« besitzt in der Perspektive Simone de Beauvoirs die gleichen geistigen Privilegien, aber auch den gleichen snobistischen Dünkel und die gleiche Weltfremdheit wie jene Höflinge und Weisen der chinesischen Kaiser-Dynastien: Sie denken und räsonnieren in abstrakten philosophischen Begriffen, weil das Denken bei ihnen allmählich funktionell geworden ist. »Oh, ich denke, ich denke viel«, sagt einer der Pariser Mandarins. »Ich tue nichts anderes als denken.«

Abgott dieser pausenlos denkenden, abstrahierenden, diskutierenden Intellektuellen-Kaste ist jener Philosoph, den die seelisch verwahrloste Nadine in den »Mandarins« ihren Vater nennen darf: ein gewisser Robert Dubreuilh, für den Jean-Paul Sartre das Modell lieferte. Sartre und Dubreuilh sind in groben Umrissen identisch; aber Dubreuilh ist weder ideengeschichtlich noch biographisch eine Kopie Sartres, weil Simone de Beauvoir mit einer dichterischen Freiheit, die ihr französische Kritiker als »deformierende Soziologie« übel ankreideten, die historischen Bezüge versimpelt und korrigiert hat.

In ihrem Roman erscheint Dubreuilh als ein - gegenüber dem Vorbild Sartre - um zehn Jahre älterer Philosoph der Linken, der Marxismus und humanistische Freiheitslehre im Interesse des gleichen revolutionären Ziels, nämlich der Zerstörung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung, zusammenführen will. Er ist sich darüber im klaren, daß die Werte, die er als Humanist verteidigt, in der kommunistischen Ordnung keinen Platz haben. Er wünscht den Sieg des Kommunismus, obwohl er weiß, daß er »in einer kommunistischen Welt nicht leben« könnte.

Eine gewisse Gleichschaltung der Ideen - des Humanismus und des Kommunismus nämlich - , die der echte Sartre im »Unendlichen« anstrebt, also sinngemäß in einer unbestimmten Zukunft, ist ihm in der Intimität seiner philosophischen Liaison mit Simone de Beauvoir bereits gelungen. Die schweigsame »Grande Sartreuse« oder »Nymphe Egeria"**, wie Simone de Beauvoir in den Kreisen der Caféhaus-Literaten des linken Seine-Ufers genannt wird, besaß früher eine ganz normale, mit dem »Absoluten vollgepropfte« Seele; sie glaubte an eine göttlich geordnete Welt, die sich mit den Sittengesetzen der idealistischen Philosophie in harmonischem Einklang befand.

In den »Mandarins« beschreibt nun Simone de Beauvoir, die dort ihr philosophisches Konkubinat mit Sartre als Ehefrau und Nervenärztin Anne Dubreuilh glücklich legalisiert hat, wie Sartre-Dubreuilh ihr bei einem romantischen Verlobung-Spaziergang im Pariser Carrousel-Garten diesen Absolutheits-Glauben ausredete: »Mein Absolutum, das war nach seiner Meinung der abstrakte Traum einer Kleinbürgerin, die unfähig ist, der Wirklichkeit zu begegnen.«

Anne Dubreuilh erfährt bei der Gelegenheit einiges über die Praxis der existentialistischen Lebensphilosophie: daß man nämlich »ohne Möbel und ohne Fahrplan leben kann, daß man ohne Frühstück und ohne Nachtruhe auskommt, daß man am Nachmittag schlafen und in Wäldern ebensogut wie im Bett lieben kann.« Freunde Simone de Beauvoirs behaupten, daß sich hinter dem Spaziergang im Carrousel-Garten eine biographisch authentische Episode verbirgt.

Die »Nymphe Egeria« bereitete nämlich zur gleichen Zeit wie Sartre an der Sorbonne ihr philosophisches Abschluß-Examen für die Zulassung als Lyzeal-Professorin vor. Aus dem in Frankreich üblichen Wettbewerb der Kandidaten um die akademischen Preise ging Sartre als erster Sieger hervor; Simone de Beauvoir wurde Zweite.

Diesem denkwürdigen Ereignis folgte jener für die Geschichte der zeitgenössischen Philosophie bedeutsame Spaziergang, der allerdings nicht im Carrousel-Garten, sondern im Jardin du Luxembourg stattfand. Die Wege der beiden Wettbewerbs-Sieger trennten sich nach jener ideologischen Bartholomäus-Nacht im Luxembourg für einige Jahre. Sartre kam als Gymnasialprofessor nach Le Havre; Simone de Beauvoir an ein Lyzeum in Marseille.

Ihre damals noch obskuren existentialistischen Thesen machten von sich reden; ebenso ihre durch strenge körperliche Askese hochgezüchtete sportliche Kondition. Die Ausdauer ihrer Waden war berühmt; sie machte 40-Kilometer-Märsche, schlief in Scheunen und kehrte frisch, mit unbedeutenden Strohspuren auf ihrem Pullover, wieder in ihr Klassenzimmer zurück.

1943 wurde sie von der Vichy-Regierung aus dem Lehramt entlassen; sie begab sich wieder nach Paris und installierte sich mit Sartre bei Ersatz-Kaffee und schwelenden Aschenbechern in jener historischen Ecke des Café Flore, die nach der Legende als die Geburtsstätte der existentialistischen Philosophie gilt.

Täglich erschien Simone in der vierten Etage eines Mietshauses in der Rue Bonaparte, in dem Sartre mit seiner Mutter ein Appartement bewohnt, und breitete dort ihre Manuskriptblätter aus. Die literarische Ehe der beiden führte nicht nur zu einer Synchronisation ihrer Ideen, sondern auch zu einem merkwürdigen Parallelismus ihrer literarischen Produktion.

Beide begannen sie mit einem Roman: Sartre schrieb schon kurz vor dem Kriege »Der Ekel«, Simone de Beauvoir verfaßte im Café Flore »Der Gast«, den vielleicht besten Roman, der aus der existentialistischen Epoche der französischen Literatur hervorgegangen ist. Dann schrieben beide ein Theaterstück, Sartre seine »Fliegen«, Simone de Beauvoir die »Unnützen Mäuler«. Sartres philosophische Schrift »Das Sein und das Nichts« entspricht Simone de Beauvoirs philosophischem Essay »Für eine doppelte Moral«, der das Ideen-Gerüst für »Das andere Geschlecht« lieferte.

Die »Mandarins« sind nun der Epilog zu jener turbulenten Zeit der Ideen-Überschwemmung. Sie sind die melancholische Chronik einer geistigen Niederlage, die Simone de Beauvoir zwischen den Zeilen deutlich eingesteht. Dabei mußten einstige Weggenossen Sartres indigniert feststellen, daß Simone de Beauvoir Sartres Konversion zum Kommunismus historisch vorverlegt hat. Sie behandelt dieses Ereignis in ihrem Roman, als hätte es schon Ende 1944 begonnen, als Sartre sich vom kommunistischen Dogma noch fernhielt. Drei Jahre später prägte er sogar in seinem Essay »Was ist Literatur?« den Satz: »Da wir noch frei sind, werden wir uns nicht zu den Wachhunden der kommunistischen Partei schlagen.«

Diese damalige Position Sartres nimmt statt seiner in den »Mandarins« der Literat und Journalist Henri Perron ein, dem die Autorin karikaturistisch einige Züge des Schriftstellers Albert Camus verliehen hat. Perron-Camus ist - nach der eigenwilligen und nicht sehr gerechten Darstellung der Beauvoir - ein idealistischer Schwärmer, der sich der Illusion hingibt, daß er sich als abstrakter Bundesgenosse der Kommunisten seine geistige und moralische Unabhängigkeit bewahren könne: »Ich bin kein Kommunist«, so behauptet Perron, »weil ich die Freiheit behalten will, gerade das zu sagen, was die Kommunisten nicht sagen wollen und nicht sagen können.«

Irreführend ist auch die konventionelle Lösung, die Simone de Beauvoir in ihrem Roman der historischen Auseinandersetzung zwischen Sartre und Camus gibt: Perron-Camus endet, nachdem er seine moralischen Skrupel begraben hat und aus Menschenfreundlichkeit meineidig geworden ist, als heimlicher Kommunist; während sich - in Wirklichkeit - Camus von Sartre trennte und ihm unmißverständlich vorwarf: »Der Existentialismus befreit den Menschen nur von allem Zwang, um ihn der kommunistischen Sklaverei auszuliefern.«

Aus solchen Verkehrungen kann allerdings niemand der Beauvoir einen ernstlichen Vorwurf machen, denn sie hat ausdrücklich davor gewarnt, ihren Roman als »Schlüsselroman« aufzufassen. Dubreuilh und Perron sind Figuren, in deren Denken sich die Ideen und Dispute der authentischen »Mandarins« spiegeln; sie sind aber individuell glaubwürdig nur als Romangestalten. Trotzdem ist die historische Szene, auf der sie agieren, vorhanden; genauso wie es die Vorbilder sind, denen sie ihre Roman-Existenz verdanken.

»Immer klug, schrecklich klug«

In den »Mandarins« beschreibt Simone de Beauvoir die Situation einer Intellektuellen-Schicht, die nach der Libération entdeckte, daß der Mythos der Résistance endgültig tot und daß die Welt in zwei feindliche Machtblöcke aufgespalten war, zwischen denen es keine Verständigungsmöglichkeit gab.

Das Sprachrohr dieser Kreise war die aus der Résistance hervorgegangene Zeitung »Combat« (die in den »Mandarins« nicht mehr »Combat«, also »Kampf«, sondern »Espoir«, also »Hoffnung« genannt wird). Ihr Mitbegründer war der Schriftsteller Albert Camus. Sartre machte den Versuch, die um »Combat« und seine eigene Monatsschrift »Les Temps Modernes« gescharten Literaten zur politischen Aktion aufzurufen: er gründete mit den Schriftstellern Albert Camus und David Rousset eine Aktionsgruppe, die sich den Namen »Demokratisch-Revolutionäre Sammelbewegung« zulegte.

Die französischen Kommunisten beobachteten das Treiben dieser zur Politik entschlossenen literarischen Avantgarde, die ihnen abwechselnd Komplimente und Vorhaltungen machte, mit steigendem Mißtrauen. Sie gingen zum Angriff über und nannten Sartre einen intellektuellen »Spitzel« und »Agenten der Amerikaner«; aber bevor es recht Ernst wurde, war die »Sammelbewegung« bereits zerfallen. Camus zog sich aus dem Journalismus zurück und widmete sich wieder der Literatur; Rousset veröffentlichte im rechtsstehenden »Figaro Littéraire« einen Bericht über die russischen Zwangslager.

In den »Mandarins« tauchen nun alle diese Fakten in einem geschickten szenischen Arrangement wieder auf. Die eigentliche Romanhandlung bringen aber die Frauen in Fluß, die im Gegensatz zu den Gehirn-Männern leiblich plastischere Gestalten sind und sich in der Welt der Ideen nach Kräften zu behaupten wissen. In ihrem »gut organisierten weiblichen Existentialismus« - wie Emile Henriot in einem Artikel den Lebensstil der »Mandarin«-Frauen nannte - geht es sehr lebhaft und kurzweilig zu; je nach der Art des Talents nämlich, das die Männer bei ihnen bevorzugen. Talentiert sind die Frauen in jedem Falle.

»Für diese Art Damen bleibt einem die Wahl zwischen den höheren und niederen Regionen ihres Talents«, bemerkte giftig die Wochenzeitung »Rivarol«, das Blatt eben jener Bürgerlichen, die in der Sartreschen Terminologie als »schleimige Ratten« etikettiert sind. »Die höheren Regionen sind kompliziert und abstrakt, die anderen furchtbar konkret.«

Anne Dubreuilh, das andere Ich Simone de Beauvoirs, zählt demnach zu den Damen, deren Talente in den höheren Regionen liegen. »Wenn man mich fragen würde, wer ich bin«, erklärt sie, »so könnte ich einen Zettelkasten vorweisen ... Man entdeckte einen ziemlich ausgeprägten Ödipuskomplex, der meine Ehe mit einem um zwanzig Jahre älteren Mann erklärt, eine betonte Neigung zur Aggressivität meiner Mutter gegenüber, einige homosexuelle Tendenzen, die in annehmbarer Weise überwunden wurden. Meiner katholischen Erziehung verdanke ich ein stark entwickeltes Über-Ich, aus dem sich mein Puritanertum und ein nicht genügendes Vorhandensein von Narzißmus erklärt.«

Ein mißglücktes Liebes-Experiment im Ritz-Hotel, zu dem sie ein Mann namens Scriassine einlädt, scheint der puritanischen Anne ihre Zugehörigkeit zu jenen »höheren Regionen« obendrein zu beweisen. Allerdings ist dieser Scriassine mit seinem barbarischen »slawischen« Charme für Anne der denkbar schlechteste Partner. Scriassine ist ein kommunistischer Renegat, er ist heimatlos, ein landfremder Emigrant, der sich mit den Amerikanern verbündete, obwohl er sie nicht gerade liebte. Anne war daher ihm gegenüber nicht nur physisch, sondern auch ideologisch befangen.

Hinter dem asiatisch-charmanten Scriassine verbirgt sich Arthur Koestler. Aber diese Begegnung mit Koestler, die Simone de Beauvoir mit der boshaften Realistik eines klinischen Rapports erzählt, hat es in Wirklichkeit nie gegeben. Für eine andere Roman-Liaison der Madame Beauvoir-Dubreuilh dagegen, die in den »Mandarins« einen zentralen Platz einnimmt, gibt es freilich ein Indiz aus der Biographie der Verfasserin.

Simone de Beauvoir widmete die »Mandarins« dem amerikanischen Romanschriftsteller Nelson Algren, den sie in ihrem Buch Louis Brogan nennt. Sie lernte Nelson Algren, einen jener »jugendlichen Vagabunden, die die große Krise nach dem ersten Weltkrieg auf die Straßen Amerikas warf, ohne ihnen die Zeit zu lassen, ihr Studium zu beenden oder einen Beruf zu erlernen«, 1947 bei einem Besuch in Chikago kennen. Algren gehört zur linken Avantgarde der amerikanischen Neo-Realisten. Für seinen dritten Roman »Der Mann mit dem goldenen Arm« erhielt er 1951 in Amerika den »Preis für den besten Roman des Jahres«.

Simone de Beauvoir übersetzte 1948 eine seiner Novellen und veröffentlichte sie in den »Temps Modernes«. Bei dieser Gelegenheit stellte sie ihn damals in einem Zeitungsartikel dem französischen Publikum vor: »Er war nacheinander Hausierer, Geschirrwäscher, Kellner, Jahrmarkts-Verkäufer, Masseur, Würstchenverkäufer und sogar Bettler.« Dieses Porträt übernahm sie fast wörtlich - nun aber für Louis Brogan - in die »Mandarins«.

Das sentimentale Abenteuer mit Algren-Brogan, das keine Erfindung ist, illustriert im Vergleich zu der Koestler-Episode, daß sogar die abstrakte Spezies der »Mandarin«-Frauen für konkrete Gefühle nicht unempfänglich ist.

Vor ihrem Spiegel hebt Anne, die andere Simone de Beauvoir, ihre Haare hoch: es sind weiße Strähnen darunter; das Gespenst des Alterns blickt ihr entgegen. »Mein Kopf wird, noch lebendig, die Farben meiner Knochen annehmen. Mein Gesicht kann noch glatt und fest erscheinen, aber von einem Augenblick zum andern wird die Maske abschmelzen und die verquollenen Augen der alten Frau entblößen. Die Frühlinge beginnen immer wieder, die Niederlagen lassen sich gutmachen: aber es gibt keine Möglichkeit, mein Altern aufzuhalten.«

Vor dem Altern flieht sie in die Idylle mit Louis Brogan, aber auch dieser Traum geht vorbei. »Vielleicht werde ich eines Tages von neuem glücklich. Wer weiß?« lauten die letzten Sätze des Buches.

Der Schriftsteller Christian Mégret war von dieser Episode der »Mandarins« so betroffen, daß er den Fall zum Anlaß einer Spezial-Studie nahm, die den Beweis erbringen sollte, daß Simone de Beauvoir gar kein Blaustrumpf sei, sondern eine Durchschnittsfrau, die sich nicht nach dem Nobel-Preis, sondern nach liebender Zweisamkeit sehne.

Nach der Lektüre der »Mandarins« beklagte sich die kommunistische Parteipresse über die unscheinbare, fast alberne und stupide Rolle, die jene zwei oder drei Kommunisten spielen, die in dem Roman der Beauvoir zu Wort kommen. André Wurmser, Literatur-Kritiker der kommunistischen »Lettres Françaises«, nannte sie »Roboter, Sektierer, Propagandisten, Macchiavellisten, Leute ohne Ehre und ohne Talent«. Am schlimmsten schien ihm, daß »sie sich dabei zu Tode langweilen, Kommunisten zu sein«. Vielleicht fühlte sich aber Wurmser nur aus parteipolitischen Gründen dazu verpflichtet, dies festzustellen - im übrigen hatte er nämlich seine helle Freude an den »Mandarins«. Er nannte das Buch »lebendig, amüsant und immer klug, schrecklich klug« - »ein Auswahl-Werk«.

Simone de Beauvoir dankte ihm und seinen kommunistischen Kritiker-Kollegen für dieses Wohlwollen, indem sie nach der Goncourt-Preisverleihung, zu der sie nicht erschienen war, der parteiamtlichen kommunistischen Zeitung »L'Humanité« das einzige offizielle Interview gewährte, das jemals über sie erschienen ist. »Trotz allem, was uns trennt«, sagte sie, »haben sie (die kommunistischen Kritiker) ein Verständnis gezeigt, das die Richtigkeit der Ideen, die ich in meinem Buch zum Ausdruck bringe, bestätigt: Die Intellektuellen der Linken müssen auf der Seite der Kommunisten stehen und mit ihnen zusammenarbeiten ...«

»Ich wollte vor allem die schwierige Situation beschreiben, in der sich die Intellektuellen der Linken gegenüber dem Kommunismus befinden. Aus literarischen und ästhetischen Gründen habe ich sie gerade vor besonders schwer zu lösende Probleme stellen wollen; so vor allem vor die Feindseligkeit gewisser Kommunisten. Ich wollte, daß meine Helden, bevor sie sich endlich entschließen, mit den Kommunisten zusammenzuarbeiten, auf ein Maximum von Widerstand stoßen.«

Als der würdige Senior-Kritiker der Zeitung »Le Monde«, Emile Henriot, Mitglied der »Académie Française«, die 580 eng bedruckten Seiten der »Mandarins« in einer schlaflosen Nacht durchgelesen hatte, gab er dem Verleger Gaston Gallimard den gutgemeinten Rat, er möge sich doch in Zukunft »bitte vor solchen Wälzern fürchten«. Henriot fragte, warum die Beauvoir denn alles, was ihre Feder zu Papier bringe, partout in die Druckerei schicken müsse. Aber in seinem Seufzer steckt viel Lob: »Hundert Seiten weniger hätten die 'Mandarins' vielleicht zu einem Meisterwerk gemacht - denn es war fast eines durch die Dichte, die Kraft der Erzählung und die Wirksamkeit der Dialoge, die Intelligenz der Analyse und die Wichtigkeit des Themas.«

* Simone de Beauvoir: »Die Mandarins vn Paris«; Rowohlt Verlag, Hamburg; 704 Seiten; 19,80 Mark. ** »La Grande Sartreuse« ist ein Wortspiel mit dem Namen des Stammklosters des Kartäuser-Ordens »La Grande Chartreuse« bei Grenoble. Die Kartäuser sind ein Einsiedler-Orden, sie leben nach strengen Schweige- und Fastenregeln. Auch ein Likör, dessen Rezept von Kartäuser-Mönchen stammen soll, führt den Namen »La Grande Chartreuse«. - Die Nymphe Egeria war die Ratgeberin des legendären Römer-Königs Numa Pompilius.

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