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Japan FASZINATION DES WAHNSINNS

Neue Enthüllungen nach der Verhaftung des Sektenführers Shoko Asahara, der für den Giftgasanschlag auf die U-Bahn von Tokio verantwortlich gemacht wird: Mit Panzern, Bomben und Laserwaffen wollte der Guru die Macht im Staat übernehmen. SPIEGEL-Reporter Erich Wiedemann schildert die Geheimpläne der Aum-Sekte.
Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 21/1995

X day, 5.29 Uhr früh. Es ist die Stunde, auf die Japan acht Wochen lang gewartet hat. Ein Sonderkommando der japanischen Polizei tritt an zum Sturm auf die Festung der Aum-Sekte in Kamikuishiki am Fuße des heiligen Berges Fuji.

Zeitgleich rücken am Dienstag letzter Woche bewaffnete Einheiten gegen 120 weitere Aum-Niederlassungen überall im Land vor. Es ist der größte konzertierte Polizeieinsatz in der japanischen Kriminalgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg.

Fast vier Stunden dauert es, bis sich die Kommandoeinheit in Kamikuishiki, hundert Kilometer von Tokio, mit Brecheisen, Schneidbrennern und Winkelschleifern zum Geheimquartier des Chefs der Aum-Sekte, Shoko Asahara, vorgearbeitet hat. Der Guru hockt in einem zweieinhalb Quadratmeter großen Verschlag mit Stahlblechwänden in einem Zwischengeschoß des Hauses »Satian Nummer 6« (Sanskrit für »Wahrheit") und meditiert. Er trägt einen purpurfarbenen Pyjama, eine weiße Kapuze und eine schwere goldene Halskette.

Asahara hat streuen lassen, er sei schwer krank und ringe mit dem Tod. Doch der Polizeiarzt, der ihn untersucht, erkennt auf gute Gesundheit. Der Zweieinhalb-Zentner-Guru wird daraufhin in Handschellen gelegt und zu einem dunkelblauen Nissan-Kleinbus geführt.

Der Konvoi, der ihn und zwölf seiner Führungskräfte zum Polizeipräsidium nach Tokio bringt, besteht aus 14 Streifenwagen. Über der Wagenkolonne kreisen während der ganzen Fahrt Hubschrauber. Insgesamt sind 80 000 Polizisten im Einsatz. Für alle Fälle hat das Verteidigungsministerium Armee-Einheiten in Alarmbereitschaft versetzt, die notfalls eingreifen können.

Viel Aufwand für einen halbblinden Paranoiker und Hitler-Verehrer, der von sich behauptet, daß er schweben und hellsehen kann und daß er durch Einsatz von Willensstärke Vulkane am Ausbrechen zu hindern vermag. Aber alle Indizien deuten darauf hin, daß dieser Mann der geistige Urheber des Giftgasanschlags auf die U-Bahn von Tokio ist, bei dem am 20. März 12 Menschen getötet und mehr als 5000 verletzt wurden.

Das Verbrechen ist ein Quantensprung in der Geschichte des Terrorismus. Gift wirkt massen- und tiefenpsychologisch besonders verheerend, es weckt schlimmere Ängste als Bomben und Gewehre, die traditionellen Waffen der Terroristen. Das Attentat von Tokio hat das Zutrauen in die Beschützerfunktion des Staates im Innersten erschüttert.

Rückblende auf den 20. März: Der 711 T, der zwischen den Bahnhöfen Hibiya und Hiyoshi verkehrt, ist nur halb voll. Normalerweise stehen die Fahrgäste Montag vormittags zwischen acht und neun Uhr in den U-Bahnen, die in Richtung Zentrum fahren, wie die Sardinen. Aber es ist der Tag vor Frühlingsanfang, der in Japan als gesetzlicher Feiertag in hohem Rang steht. Viele Angestellte haben sich ein verlängertes Wochenende genehmigt und sind aufs Land gefahren. Blaumachen ist auch in der Weltmetropole der preußischen Tugenden kein Tabu mehr.

Der Mörder steigt in der Station Naka-Meguro zu. Er hat eine dunkle Sonnenbrille auf und eine Maske aus weißem Mull vor dem Mund. An der nächsten Haltestelle stellt er ein in Zeitungspapier eingewickeltes Paket von der Größe einer Zigarrenkiste neben sich auf den Boden, springt auf und verläßt mit schnellen Schritten den Waggon.

Unterwegs zur Station Kamiyacho brechen mehrere Passagiere zusammen. Plötzlich bricht Panik aus. Irgend jemand schreit: »Gas!« Der Zug hält. Alles drängt zum Ausgang.

Die Menschen knicken, buchstäblich mit Schaum vor dem Mund, auf dem Bahnsteig zusammen und erbrechen sich. Drei junge Frauen sind, ängstlich wie kleine Kinder, kniend ineinander verklammert. Sie schreien. Aber man kann sie nicht hören. Denn das Gift hat ihre Stimmbänder gelähmt.

Ähnliche Szenen spielen sich auf der Station Kasumigaseki ab. Kazumasa Takahashi, der stellvertretende Stationsleiter, sieht, wie in einem Wagen des Zuges der Chiyoda-Linie Menschen mit weit aufgerissenen Mündern ihre Köpfe an die Fenster schlagen und wie sie in Klumpen aus den Türen fallen, als diese geöffnet werden.

Nach Kasumigaseki greift sich das Grauen einen Bahnhof nach dem anderen. Die Feuerwehr-Notrufzentrale registriert Gasalarm von 15 Stationen entlang der Hibiya-Linie, der Chiyoda-Linie und der Marunouchi-Linie, die alle drei den zentralen Knotenbahnhof Kasumigaseki passieren.

Vor den Büros der Stationsvorsteher auf sechs Bahnhöfen stehen an diesem Abend kleine Schüsselchen mit Salz. Das ist eine alte japanische Sitte. Salzschälchen sollen nach Unglücksfällen den schlechten Geist des Todes vertreiben. In Kasumigaseki, Tsukiji und Kodenmacho stehen jeweils zwei Schälchen, in Hatchobori, Nakano-Sakaue und Kamiyacho steht je eines. Knapp 5000 Menschen werden mit akuten Atem- und Kreislaufbeschwerden in die Krankenhäuser der City von Tokio eingeliefert.

Der Terror war ganz offensichtlich gegen den Bahnhof Kasumigaseki gerichtet, um den sich das Büro des Premierministers, die Polizeidirektion, der Oberste Gerichtshof von Tokio und sechs weitere Ministerien (Justiz, Finanzen, Erziehung, Inneres, Äußeres, Handel und Industrie) gruppieren. Ein Regierungssprecher sagt, dies sei nicht nur ein Anschlag auf Menschen gewesen, sondern ein Anschlag auf den gesamten japanischen Staat.

Japan ist, kriminologisch gesehen, ein heiles Land. Es hat mehr als 17mal so viele Einwohner wie New York, aber viel weniger Kapitalverbrechen. 1994 wurden in Japan 38 Menschen erschossen; in den USA dagegen sterben täglich 44 Menschen an Schußwunden. In Japan findet keiner was dabei, wenn Fünfjährige allein per Eisenbahn zur Großmutter aufs Land fahren und daß unbewaffnete Boten zu Fuß die Tageseinnahmen von Bankzweigstellen in unverschlossenen Spankörben transportieren.

Die Fernsehbilder von adretten Büromenschen, die sich auf dem U-Bahnsteig in Erbrochenem wälzen, waren für die Nation ein schrecklicher Schock. Und was am schlimmsten ist: Es kann jederzeit wieder geschehen.

Gegen Giftgas gibt es auch keine zuverlässigen Frühwarnsysteme. Bomben und Sprengstoffpakete kann man gegebenenfalls mit Detektoren orten, bevor sie explodieren. Aber Giftgasalarmanlagen zeigen die Gefahr immer erst dann an, wenn das Gift schon angefangen hat seine vernichtende Wirkung zu entfalten.

Sarin dringt nicht nur über die Atemwege, sondern auch durch die Haut in den Körper ein. Die Volksgasmaske in Dosen mit Quickverschluß, die seit Anfang des Monats in Tokio für 160 Mark angeboten wird, bietet mit Sicherheit keinen zuverlässigen Schutz.

Drei Tage vor dem Attentat war bei der Polizei eine anonyme Warnung vor einem bevorstehenden großen Giftgasattentat eingegangen. Doch zu diesem Zeitpunkt muß Polizeichef Takaji Kunimatsu prinzipiell schon im Bilde gewesen sein. Er hatte nämlich am 15. März, also fünf Tage vor dem Attentat und zwei Tage vor dem Eingang der Warnung, von der Armee mehrere tausend Gasmasken für einen Einsatz gegen die Giftlabors in der Zentrale der Aum-Sekte angefordert.

Nur, warum fand der Einsatz denn nicht statt? Es war doch klar, daß es sich bei der Aum-Sekte um einen militanten paramilitärischen Geheimbund unter der Führung eines wahnsinnigen Egomanen handelte, der sich zu seinem Ziel bekennt, die staatlichen Strukturen zu zerschlagen und sich selbst zum Diktator von Japan zu machen.

Die Aum ist bei weitem nicht die größte, aber die militanteste - und eine der reichsten - unter den 185 000 registrierten Sekten und religiösen Gruppen des Landes. Sie hat etwa 10 000 Anhänger in Japan und mindestens 25 000 in Rußland. Außerdem ein paar hundert auf Sri Lanka und in der westeuropäischen und nordamerikanischen Diaspora, die aber alle keine große Rolle spielen.

Die Aum-Sekte verfügt über Produktionsbetriebe und Immobilien im Buchwert von fast zwei Milliarden Mark, darunter Nudel-Shops, Datenverarbeitungsbetriebe, Schiffsagenturen und eine kleine Computerfabrik. Außerdem verfügt sie über den Alleinvertretungsanspruch für die »höchste Wahrheit«, wie der verlängerte Firmenname Aum Shinri Kyo in der wörtlichen Übersetzung heißt.

»Aum« kann man nicht übersetzen. Es ist ein mystischer Laut, der in verschiedenen asiatischen Sprachen vorkommt. Der damit assoziierte Begriff steht nach hinduistischer Auffassung zugleich für Erde, Luft und Himmel. Die Aum-Exegeten übersetzen ihn mit »Schöpfung« und »Zerstörung«.

Die Aum-Sekte geriet schon letztes Jahr in den Verdacht der Giftmischerei. Nachbarn in Kamikuishiki hatten sich über den Giftmief beklagt, der aus der benachbarten Aum-Kommune zu ihnen herüberwehte. Jeder wußte, daß da irgendwas gebraut wurde, was wohl nicht im Einklang stand mit dem Verfassungsgrundsatz der freien Religionsausübung. Doch eine Sekte wird in Japan nicht ohne wirklich zwingende Gründe belästigt. Glaubensgemeinschaften genießen in Japan große Freiräume. Langzeitfolge des Traumas, das der totalitäre Staats-Shintoismus in den dreißiger Jahren durch seine mörderische Unterdrückung der nichtshintoistischen Konfessionen geschaffen hat.

Nur, waren die Gründe denn nicht zwingend genug? Die Polizei wußte, daß die Aum-Sekte in Kamikuishiki große Mengen gefährlicher Chemikalien hortete. Und wenn sie es nicht gewußt hätte, dann hätte sie es spätestens aus dem elfseitigen Dossier zur Sache erfahren, das Anfang September 1994 in Kopie bei verschiedenen Behörden und bei den großen Zeitungen in Tokio einging. Darin wurde durchaus glaubwürdig dargestellt, warum die Aum-Sekte für das sogenannte Matsumoto-Massaker verantwortlich war.

In Matsumoto, einer Kleinstadt in den japanischen Alpen, waren am 27. Juni 1994 sieben Menschen einem mysteriösen Giftgasanschlag zum Opfer gefallen. Wenige Wochen danach schilderte der Chemiewaffenexperte Kyle Olson _(* Mit verkabeltem »Gehirnhut«. ) vom Institut zur Kontrolle von chemischen und biologischen Waffen im US-Bundesstaat Virginia in einem Gutachten das Ergebnis seiner Untersuchungen. Er gab zu bedenken, Matsumoto könne ein Testlauf für einen größeren Anschlag in einer japanischen Großstadt, zum Beispiel in der U-Bahn in Tokio, gewesen sein. Doch das wollte eigentlich keiner so genau wissen.

Deshalb wurde auch die Spur nicht verfolgt, aus der sich die Antwort auf die bis dahin offene Frage nach dem Motiv ergab. Für den Tag nach dem Sarin-Vorfall hatte das Präfekturgericht einen Ortstermin in Matsumoto angeordnet, bei dem die Zivilklage eines Ortsbewohners verhandelt werden sollte. Doch der Termin fiel aus, weil alle drei Richter wegen akuter Übelkeitsanfälle nicht verhandlungsfähig waren. Sie hatten in einem Haus in der unmittelbaren Nachbarschaft der Stelle übernachtet, an der die Quelle des Sarin-Austritts angenommen wurde. Die Beklagte in dem Zivilverfahren war zufällig die Aum-Sekte. Zufällig?

Am 22. März um sieben Uhr früh, zwei Tage nach dem U-Bahn-Attentat, rücken 2500 Polizeibeamte gleichzeitig gegen 25 Aum-Büros und Aum-Niederlassungen im ganzen Land vor. In Kamikuishiki, wo die Aum ein Areal von 45 000 Quadratmetern zusammengekauft hat, führen die Polizisten neben der üblichen Bewaffnung Maschinengewehre, Gasmasken, Schutzanzüge sowie ein paar Kisten Dynamit mit sich, mit dem sie sich gegebenenfalls den Weg in die Kommune freisprengen wollen. Außerdem haben sie ein halbes Dutzend Kanarienvögel in Metallkäfigen dabei, die gegebenenfalls Gasalarm zwitschern sollen.

Die Polizeistreitmacht ist ganz offensichtlich erwartet worden. In der Nacht vor der Polizeiaktion haben Aum-Mitglieder über Faxgeräte, Telefone, Computer und über den sekteneigenen Rundfunksender im russischen Hafen Wladiwostok ein Feuerwerk von Warnungen und Brandrufen gezündet. Kurz nach Mitternacht jagt eine Eilmeldung über »Nifty Serve«, die Computer-Datenautobahn, an die die Aum angeschlossen ist: »Tausend Mann sammeln sich vor unserer Kommune . . . Schaltet unser Radio auf 1476 Kilohertz ein!«

Das Letzte, was Asaharas Anhänger von dem »verehrungswürdigen Meister« hören, ist eine Botschaft, in der er offen zum Massenselbstmord aufruft. Man solle nun den »großen Rettungsplan« in die Tat umsetzen. »Schüler, die Zeit des Erwachens ist gekommen. Nehmt den Tod ohne Bedauern.«

Der Aufruf bleibt aber folgenlos. Niemand bringt sich um. Das heißt aber nicht, daß die Gefahr damit gebannt ist. Tod und Untergang als höchstes Gemeinschaftserlebnis sind aus dem Aum-Weltbild nicht herauszulösen.

Im Hof der Kommune bietet sich ein bizarres Szenario: In 50 kleinen hölzernen Kabinen liegen 50 abgemagerte, hohläugige, zum Teil schmutzstarrende Gestalten auf Reisstrohmatten, teils meditierend, teils bewußtlos vor Hunger.

In »Satian Nummer 6« ein Bild, von dem ein Rundfunkreporter sagt, es sei in der Lage, Herzen herauszureißen: drei Dutzend abgerissene, schrecklich dünne Kinder mit suchenden Gesichtern und mit verdrahteten ledernen Rugby-Kappen auf den Köpfen. Die Kappen sind über Kabel mit Batterien verbunden, die die Kinder an den Hüften tragen.

Die »Gehirnhüte« geben in Minutenintervallen leichte Stromstöße in einer Stärke zwischen vier und zehn Volt ab, die es den Schülern des Meisters angeblich erleichtern, dessen Gedanken zu begreifen. Sogar Dreijährige mußten diese Hüte tragen, und wehe, sie nahmen sie unaufgefordert ab.

Die Kinder sagen fast einheitlich, daß sie gern bei der Aum-Sekte sind. Alle sind in ihrer Motorik und ihrer Entwicklung deutlich zurückgeblieben. Sie wissen nicht, wie man mit Stäbchen ißt, wie man die Toilettenspülung bedient und daß man sich in einer Badewanne beim Waschen hinsetzt. Wenn man sie streicheln will, drehen sie den Kopf weg. Zärtlichkeiten werden hier als suspekt empfunden. Die meisten bekennen sich dazu, daß sie nicht ihre Eltern lieben, sondern den Meister Shoko Asahara.

Die Kinder führen ein Leben wie im Straflager: zwei Mahlzeiten am Tag, vier Stunden Schlaf pro Nacht, zweimal duschen die Woche. Die Ernährung besteht im wesentlichen aus Seetang, Kletterwurzeln, Rettich und Karotten. Die Tage sind ausgefüllt vom Studium der Werke des verehrten Meisters. Sonst findet kein Unterricht statt. Ein neunjähriges Mädchen sagt, sie wolle nicht mehr draußen in der Welt leben, man wisse ja, daß da überall die Luft mit Gas vergiftet sei. Gehirnwäsche total.

Erwachsene Novizen durchliefen stets eine grausame Katharsis, bevor sie als vollwertige Mitglieder in die Gemeinschaft aufgenommen wurden. Sie bekamen einen Monat lang täglich eine Injektion mit einem unbekannten Präparat, das sie willenlos machen sollte. Sie lebten in fensterlosen Zellen, wo sie nachts drei bis vier Stunden schlafen durften, und mußten jeden Tag - »zur Entgiftung« - 10 bis 20 Liter warmes Wasser trinken und anschließend wieder erbrechen. Ein Ehemaliger sagt, er sei gezwungen worden, solange klares Wasser zu schlucken, bis ihm klares Wasser zum After hinausgelaufen sei.

Zweifel an Meister und Lehre wurden gewaltsam gebrochen. Eine geflüchtete Dissidentin berichtete, man habe ihr bis kurz vorm Ertrinken den Kopf unter Wasser gehalten. Wer die Weisheit des Meisters wirklich verinnerlicht habe, der könne aufs Atmen verzichten, sagten sie ihr.

Wer sich in Shoko Asaharas Reich begab, mußte alles aufgeben - seine Gewohnheiten, seine Familie, vor allem sein Kapital. Sparbücher, Wertpapiere, Immobilien, Schmuck, alles war der Sekte zu übereignen. Hospitierende Mitglieder wurden mit saftigen Gebühren ausgenommen. Ein Gläschen Sperma aus den Lenden des verehrungswürdigen Meisters, das die Erleuchtung fördern sollte, wurde mit zehn Millionen Yen berechnet. Asaharas Badewasser kostete pro Fläschchen immerhin auch noch 20 000 Yen.

Trotz der Abzockerei und der erbarmungswürdigen Schinderei hatte die Sekte niemals Personalprobleme. Im Gegenteil. Ihren Werbern, die an den Hochschulen des Landes Jagd auf wissenschaftlich qualifizierten Nachwuchs machten, gingen scharenweise Rekruten ins Netz, darunter viele Einser-Absolventen von den besten Universitäten des Landes.

Die frenetische Bereitschaft vor allem intelligenter junger Leute, den spirituell aufgestylten Unsinn der Aum-Priester ernst zu nehmen und sich dem Sektentotalitarismus zu unterwerfen, ist weitgehend ungeklärt. Ist es Hypnose, die Faszination des Bösen, das dämonische Timbre des pickligen, fetthaarigen Propheten, das die Gehirnströme ins Irrationale umkanalisiert?

»Wir haben es mit der gleichen Faszination zu tun, die ganze Völker dazu bringt, sich wahnsinnigen Diktatoren begeistert zu unterwerfen, die sie erkennbar ins Unglück führen«, sagt der Lehrer Jokosuna Idei, dem vor zwei Jahren der Absprung aus Kamikuishiki gelang.

Asahara behauptet, sein Erfolg entstamme der Weisheit, die aus den Tiefen der tibetischen Mystik über ihn gekommen sei. Richtig ist eher: Sie stammt aus seiner Befähigung, die Ängste seiner Mitmenschen für sich auszuschlachten. Er zieht ihnen das Fell über die Ohren, indem er den nahen Untergang verkündet und sich dann als Retter anbietet.

Shoko Asahara alias Chizuo Matsumoto begann seine Beglückerkarriere 1981 als Heilmittelhändler in dem Ort Funabashi. 1982 mußte er ein paar Wochen aussetzen, nachdem ihn die Polizei verhaftet hatte, weil er irgendwelche chinesischen Fetische gegen Rheuma verkauft hatte. Er schlug sich ein paar Jahre als Akupunkteur und Yoga-Lehrer durch, bevor er 1987 die Aum-Sekte gründete.

Sekten sind ein gutes Geschäft in Japan. Es gibt welche, die ihren Anhängern die Reinkarnation als Gänseblümchen verheißen, und andere, die Schutz gegen die Angriffe von Außerirdischen versprechen. Fast alle sind finanziell gut unterfüttert, auch weil sie Steuervorteile genießen wie anderswo die großen Konfessionen.

Asahara spielte sich mit allerlei flirrendem Hokuspokus an die Rampe. Er sagte ein Desaster nach dem anderen - Erdbeben, Meteoritenkollision, Vulkanausbruch - voraus und erklärte, wenn es nicht eintraf, er habe es mit Psychokinese verhindert. Er ließ sich auf Prospekten als schwebender Heiland abbilden und zog das Foto auch nicht zurück, nachdem ihm eine Zeitung nachgewiesen hatte, daß die Aufnahme mit Hilfe eines Trampolins entstanden war.

Seine Laufbahn ist ein Beleg für die außerordentliche Verdummbarkeit eines zivilisationsverdrossenen Publikums. Suduma Oda, Professor für Psychopathologie an der Universität Tsukuba, sagt, das Kultwesen habe die gleiche Bedeutung für die Japaner wie die Drogenkultur für die Amerikaner.

Für 1997 hat der Guru einen endgültigen Krieg zwischen den Kräften der Finsternis und den Kräften des Lichts vorausgesagt. Zu den 20 Prozent Überlebenden würden auch die Mitglieder der Aum-Sekte gehören. Für die Zeit danach will er in Kamikuishiki hinter drei Meter hohen Metallzäunen seinen »Japan Shangri-La-Plan« verwirklichen. Er ist benannt nach dem sagenhaften tibetischen Klosterdorf Shangri-La, dessen Bewohner nach der Sage über hundert Jahre alt wurden und bis zum Ende ihrer Tage fortwährend Glück, Gesundheit und die Lieblichkeit ihrer Mitmenschen genossen.

Aus den wellblechgedeckten Lagerhallen der Aum-Sekte freilich, die den Blick auf den heiligen Berg verschandeln, ist noch nie etwas Liebliches gekommen. Ganz im Gegenteil. Die weinerlichen Leiersuren aus Tausend-Watt-Dröhnboxen, der ewige Baulärm, die weißen Gesichtsmasken und die spitzen Hüte der Kommunarden, die so aussehen wie Ku-Klux-Klan-Kapuzen, die nach Chemie stinkenden Plastikeimer, die sie einfach über den Zaun warfen, machten die Aum-Leute bei ihren Nachbarn verhaßt.

Deshalb hat das »Bürgerkomitee für Maßnahmen gegen die Aum« auf der Zufahrtsstraße ein großes Schild aufstellen lassen, auf dem es in 50 Zentimeter großen Buchstaben heißt: »Aum, ihr seid hier nicht willkommen.«

Das Aum-Lager in Kamikuishiki ist keine Betkommune, in der auch chemische Laboratorien betrieben werden, sondern eine Chemiefabrik mit angeschlossener Betkommune. In einem Warenlager unterhalb der Wohngebäude entdecken die Fahnder bei der ersten Durchsuchung ein riesiges Chemikalienlager - 650 eiserne Fässer und 2050 Zentnersäcke aus Kunststoff und Papier. Für den Abtransport werden 37 große Lastwagen benötigt.

Es sind auch reichlich Stoffe darunter, die zur Herstellung von Sarin, von Sprengstoff und von biologischen Waffen benötigt werden. Phosphortrichlorid, Schwefel und Salpetersäure, außerdem 200 Metallbehälter mit Peptonen, Nährstoffen zum Züchten von Bakterienkulturen.

Die Verarbeitungsanlagen, die sich über zwei Stockwerke erstrecken, sind hinter einer bunten Sakralkulisse verborgen, einem Buddha-Kopf, einem 14 Meter langen Altar, der mit Asahara-Bildern sowie mit Bananen- und Mandarinenschalen dekoriert ist. Kernstück ist eine 5 Meter hohe Schiwa-Statue aus grellfarben bemaltem Polyester. Der Hindu-Gott, der für Zerstörung und Heilsbringung zugleich steht, als Camouflage für eine gigantische Undercover-Giftmischerei, ein wahrhaft eindrucksstarkes Symbol.

Die Räume und Gänge werden ständig von einem leichten Windzug aus Luftreinigungsaggregaten durchweht. Denn der Meister lebte in ewiger Angst vor Gasattacken.

Im Satian Nummer 6 lebte Shoko Asahara mit seiner Frau und seinen Kindern in einer Zimmerflucht mit angeschlossenen Entspannungsstätten wie Pool, Fitneßraum und Sauna. Der Guru, seine Ehefrau Tomoko Ishii und die sechs Kinder genossen einen Komfort, der deutlich über dem Ortsüblichen liegt. Allein das Schlafgemach des Meisters mißt 99 Quadratmeter - 60 Tatami-Matten, wie es in Japan heißt. Asahara hatte alles, was Parvenüs seines Genres zum Wohlfühlen brauchen: Privathubschrauber, Brillantuhren, eine Flotte von hochkarätigen Automobilen, darunter ein Rolls-Royce und ein Mercedes mit spezialangefertigter Zehn-Liter-Maschine.

Im Tresor fand die Polizei 600 Millionen Yen (etwa 10 Millionen Mark) in bar. Außerdem ein Tagebuch mit allen Details der Aum-Saga. Es gibt Auskunft über Mitgliederbewegungen, geschäftliche Transaktionen, Todesfälle - und über die hierarchischen Strukturen der Sekte.

Die Sektenführung ist aufgebaut wie eine konventionelle Regierung: obenan der »göttliche Kaiser« Shoko Asahara, unmittelbar unter ihm das Küchen-Kabinett mit den Ressorts Inneres, Verteidigung, Bauwesen, Wissenschaft und Technologie, Gesundheitswesen, Medizin, Geheimdienstliches und »Geheime Kommando-Einheit«. »Sie wollten einen eigenen Staat im Staate«, sagt der Soziologe und Sektenexperte Hiro Takagi von der Universität Tokio.

Das Gesundheitsministerium war mit der Erforschung von biologischen und bakteriologischen Waffen befaßt. Die Geheime Kommando-Einheit organisierte das Kidnapping von entsprungenen Sektenmitgliedern und den Terror gegen Familien, die ihre Kinder den Klauen der Sekte entreißen wollten.

Die Kommando-Einheit und das Geheimdienstministerium - formell von Asaharas sechsjähriger Tochter geführt - werden verdächtigt, die Entführung des 69jährigen Notars Kiyoshi Kariya inszeniert zu haben. Kariya verschwand, nachdem die Sekte vergebens versucht hatte, seine Schwester, seit zwei Jahren Aum-Mitglied, um 60 Millionen Yen zu erleichtern.

Unter dringendem Kidnapping-Verdacht steht der 28jährige Sektensoldat Takeshi Matsumoto. Seine Fingerabdrücke fanden sich auf dem Mietvertrag für den Kleinlaster, mit dem Anwalt Kariya abtransportiert wurde. Der Beweis ist aber nicht mehr verwertbar, weil sich Matsumoto inzwischen alle zehn Fingerkuppen abgehackt hat, wie bei seiner Festnahme festgestellt wurde.

Die Nachstellungen von seiten der Polizei läßt sich die Sekte nicht widerspruchslos gefallen. Am 30. März schlägt die Aum zum erstenmal zurück. Um 8.25 Uhr morgens wird Takaji Kunimatsu, der Chef der japanischen Polizei, vor seinem Haus im Nordosten von Tokio mit vier Schüssen aus einer langläufigen Smith & Wesson .38 Spezial niedergestreckt.

Alle Schüsse trafen - einer ins rechte Bein, einer in die Brust, zwei in den Bauch. Kunimatsu wird aber in einer sechsstündigen Operation gerettet. Ein anonymer Anrufer teilt abends mit, es werde weitere Attentate auf prominente Polizisten geben, wenn die Schikanen gegen die Aum-Einrichtungen nicht eingestellt würden.

Zeigt der Sektenterror das Ende der »antei na kuni« an, der »stabilen Gesellschaft«, auf die die Japaner so stolz sind? Es sieht ganz so aus. Am 19. April wird ein Giftgasanschlag auf den Hauptbahnhof von Yokohama verübt. 271 Menschen müssen ins Krankenhaus.

Am 23. April fällt Aum-»Wissenschaftsminister« Hideo Murai einem Mordanschlag zum Opfer. Kurz nach halb neun Uhr abends attackiert ihn vor dem schwerbewachten fünfgeschossigen Aum-Hauptquartier in Minato Ward im Stadtteil Aoyama-Süd ein Mann, der dort mehrere Stunden auf ihn gewartet hat, und sticht ihm ein Küchenmesser mit einer 21 Zentimeter langen Klinge in den Bauch. Murai stirbt frühmorgens um 2.33 Uhr in einem Krankenhaus an schweren Nieren- und Leberverletzungen.

Der Mörder, ein Transportarbeiter namens Hiroyuki Jo, sagt im Verhör, er habe als pflichtbewußter Patriot ein Zeichen setzen wollen. Nur, warum hat er dann nicht den nächstbesten Aum-Mann umgebracht, den er fassen konnte? Im Fernsehen konnte man später deutlich sehen, wie er in den Stunden vor dem Mord im Pulk der Fotografen stand, erst den Sektenanwalt Aoyama und dann Asaharas Pressesprecher Joyu unbehelligt passieren ließ. Warum hat er von diesen beiden keinen getötet? Warum mußte es ausgerechnet Murai sein? Weil er zuviel wußte und weil er auspacken wollte?

Am 5. Mai vereiteln Feuerwehrleute einen Giftgasanschlag gegen die Tokioter U-Bahn. Sie können im letzten Moment zwei brennende Beutel voll Natriumzyanid und Schwefelsäure löschen, die sich zu Blausäuregas hatten vermischen sollen. Wenn das Attentat vom 20. März der GAU war, dann wäre dies der Super-GAU gewesen. Polizeichemiker rechnen vor, daß 10 000 Menschen hätten sterben können, wenn sich die Gasdämpfe aus dem Brand frei entfaltet hätten.

Einen Monat nach dem Sarin-Attentat sind etwa 120 Aum-Mitglieder in Haft. Aber fast alle sind nur wegen Kinkerlitzchen hinter Gittern: Falschparken, fehlende Ausweispapiere, abgelaufene TÜV-Plaketten, verbotener Besitz eines Küchenmessers.

»Die Polizeigesetze sind bei uns sehr restriktiv«, sagt Yutaka Tsuyinaka, Professor für Politische Wissenschaften an der Universität Tsukuba. Das liege an den bösen Erfahrungen, die Japan vor dem Krieg mit der Polizei gemacht habe. Es liegt aber sicher auch daran, daß die japanische Polizei grundsätzlich niemanden verhaftet, wenn sie nicht sicher ist, daß die Beweise im Haftprüfungstermin Bestand haben.

Die Zögerlichkeit hat allerdings wohl auch mit der Sorge vor der unkalkulierbaren Reaktion der Sektierer zu tun. Niemand wußte zunächst, wie viele giftige Chemikalien die Aum noch in ihren Arsenalen hatte. Die Polizei fürchtete, sie könne mit der Verhaftung des Gurus einen Massenmord oder Massenselbstmord auslösen. Deshalb räumte sie erst den Führungsstab ab, bevor sie sich den Chef holte.

Inzwischen steht fest: An der U-Bahn-Operation waren mindestens zehn Sektenmitglieder beteiligt. Sie standen unter dem Kommando von Yoshihiro Inoue, dem smarten jungen Geheimdienstchef der Aum. In einem Apartment, das die Gruppe im Stadtteil Shibuya mietete, fand sich später ein Terminkalender, in dem Einsatzleiter Inoue die Abfahrtzeiten der Züge auf den drei zu attackierenden Linien und das mutmaßliche Passagieraufkommen notiert hatte.

Yoshihiro Inoue wurde am Montag vergangener Woche, einen Tag vor seinem Chef, verhaftet. Er bestreitet jede Beteiligung an dem U-Bahn-Attentat. Aber er erklärt auch, Shoko Asahara habe den Befehl für das Sarin-Attentat auf Matsumoto gegeben. Der Messias hatte vor seinen Jüngern mehrfach die Vorzüge von Giftgas gepriesen. Sarin war für ihn shoene genbaku. Auf deutsch: eine Energiespar-Atombombe.

Jetzt beginnen die Dominosteine zu fallen. Am Mittwoch gestand Ikuo Hayashi, der Leibarzt des Sektenführers, er selbst sei am Angriff auf die U-Bahn beteiligt gewesen. Er habe ein Loch in einen Sarin-Beutel geschnitten, während ein anderer Aum-Mann Schmiere stand.

Die Verhöre enthüllen auch, daß das U-Bahn-Attentat Vorspiel für einen Staatsstreich war. Shoko Asahara wollte gewaltsam die Macht im Staate übernehmen. Über seine Hochrüstungspläne geben die Aufzeichnungen Auskunft, die bei der Verhaftung von Tesuya Kibe gefunden werden, einem der Abteilungsleiter im »Verteidigungsministerium«. In seinem Terminkalender finden sich folgende Vermerke: »Atomsprengköpfe - wieviel?« Und: »T-72-Panzer, gebraucht, 20 000 bis 300 000 Dollar«. Und: »Schiffe, 200 Soldaten, Frachtraum, möglich, wenn Betten installiert werden«. Das ist der Polizei genug Anlaß zu der Vermutung, daß Asahara Söldner im Ausland rekrutieren wollte. In anderen Memos war sogar von MiG-29-Kampfflugzeugen die Rede.

Anfang 1992 hatte sich Asahara überdies mit Physik-Nobelpreisträger Nikolai Bassow getroffen, dem russischen Spitzenexperten für Laserwaffen. Aum-Kontakter in Moskau waren 1992 auch monatelang hinter Wiktor Michailow, dem Minister für Atomenergie, her, um ein Treffen zwischen ihm und Asahara zu arrangieren. Keine Frage, die Aum-Sekte strebte auch nach Atomwaffen.

Shoko Asahara will sich in der Haft nicht zur Schuldfrage äußern. Er gibt nur zu bedenken, daß ein Invalide wie er, der kaum sehen könne, körperlich gar nicht in der Lage sei, eine so komplizierte Operation wie den Giftgasangriff auf die U-Bahn von Tokio zu organisieren. Er sagt: »Was meine Leute in ihrer Freizeit treiben, das kann ich auch nicht sagen, dazu sind es viel zu viele.« Y

[Grafiktext]

Die Sektenkommune in Kamikuishiki

[GrafiktextEnde]

* Mit verkabeltem »Gehirnhut«.

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