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KLIMASCHUTZ »Fatale Entwicklung«

Stephan Kohler, 56, Chef der Deutschen Energie-Agentur, über den Baustopp eines der größten europäischen Steinkohlekraftwerke im nordrheinwestfälischen Datteln
aus DER SPIEGEL 39/2009

SPIEGEL: Herr Kohler, Umweltschützer feiern das Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster gegen das Kraftwerksprojekt in Datteln als Erfolg für den Klimaschutz. Haben sie recht?

Kohler: Eindeutig nein. Wer neue Kohlekraftwerke mit einem Wirkungsgrad von 45 Prozent verhindert, sorgt dafür, dass ältere, ineffizientere Anlagen länger laufen. Das führt unter dem Strich zu höheren CO2-Emissionen.

SPIEGEL: Das Oberverwaltungsgericht bemängelt aber, dass der hohe CO2-Ausstoß des Kraftwerks nicht zu den Zielen der Landesentwicklung passe. Ist es da nicht logisch, das Projekt zu stoppen?

Kohler: Offenbar haben die Richter, wie viele andere auch, dieses Projekt nur isoliert betrachtet. Wir brauchen neben dem Ausbau regenerativer Energiequellen eine gesicherte Kraftwerksleistung, um die Stromversorgung zu gewährleisten. Woher sollen 70 Prozent der Elektrizität kommen, wenn wir bis 2020 erst 30 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien gewinnen können? Außerdem wollen wir auch noch die Atomkraftwerke abschalten und alte, ineffiziente Kohlekraftwerke möglichst schnell stilllegen. Diese Frage würde

ich von den Richtern gern beantwortet bekommen.

SPIEGEL: Wer hat denn Schuld an dem Baustopp?

Kohler: Den Klägern kann man formal keine Schuld geben, sie machen von ihrem Recht Gebrauch, auch E.on nicht. Ich denke, die Planungsbehörden haben die Fehler gemacht, weil sie falsch oder lückenhaft abgewogen haben.

SPIEGEL: E.on hat schon 600 Millionen Euro in das Projekt investiert und soll nun vielleicht auch die Abrisskosten tragen ...

Kohler: ... dieses Urteil ist nicht verhältnismäßig. Datteln ist die größte Baustelle im Energiebereich in Deutschland, da geht es auch um Hunderte Arbeitsplätze. Wir brauchen in Deutschland dringend eine umfassende Modernisierung der Energie-Infrastruktur. Da wirkt so ein Urteil abschreckend auf potentielle Investoren.

SPIEGEL: Auch Öko-Investoren stoßen mit ihren Plänen oft auf Widerstand.

Kohler: Es gibt in Deutschland Widerstand gegen alles, gegen Stromleitungen, Biogasanlagen, Windanlagen, moderne Kohlekraftwerke. Alle wollen eine effizientere, umweltfreundliche, dezentrale Energieversorgung. Aber wenn sie dann vor die eigene Haustüre kommt, ist das Entsetzen groß. Das ist eine fatale Entwicklung.

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