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»Fehler macht jeder Mensch«

Von Siegfried Kogelfranz
aus DER SPIEGEL 52/1979

Inmitten von Gori, in der Hauptstraße, die seinen Namen trägt und vor einem marmornen Museum endet, das seinem Gedenken gewidmet ist, steht er noch ehem und riesengroß -- aber namenlos.

Eine Inschrift ist für Menschen dieses Jahrhunderts nicht nötig. Der Mann im Soldatenmantel, mit dichtem Haar über niedriger Stirn und Schnauzbart, ist allgegenwärtig zwischen Elbe und Gelbem Meer.

In seiner engeren Heimat, der kleinen Kaukasus-Republik Georgien, deren Kultur mindest ein Jahrtausend älter ist als die der Russen, ist er, was immer andere im großen Reich oder gar außerhalb über ihn sagen mögen, der Allergrößte geblieben.

Dschugaschwili, der sich Stalin nannte, vergöttert und verflucht von Abermillionen, ist den Georgiern mindest, was Napoleon für die Korsen war: Sproß eines kleinen, von der Geschichte getretenen Volkes, der es allen Großen seiner Zeit mit eiserner Faust gegeben, der selbst unterdrückt hat und nicht geknechtet wurde.

Wen kümmert's, daß er seine Heimat eher noch rüder behandelt hat als andere Nationalitäten des Vielvölkerreiches; daß er sie dem Sowjetstaat gewaltsam eingemeindete (wofür Lenin ihn des »russischen Großmachtchauvinismus« bezichtigte); daß er Bauernaufstände dort brutal niederschlagen, die Weggefährten früher Jahre erschießen ließ, den jüngeren Freund aus den heimatlichen Bergen, Sergo Ordschonikidse, nach fast vier gemeinsamen Jahrzehnten in den Selbstmord trieb.

Keine Hochzeit in Georgien, kein Geburtstag, kein zufälliger Umtrunk, auch mit Fremden, wo nicht mindest ein Toast dem »Stählernen« gilt, makaber dort, wo jeder Gast weiß, daß der Gefeierte die halbe Familie des Hausherrn ausgerottet bat, wie es beim 50. Geburtstag eines Abgeordneten geschah.

Das Stalin-Museum von Gori ist voller Reliquien. Die Lehmziegelhütte, in der seine Eltern für anderthalb Rubel im Monat ein Zimmer bewohnten und wo er geboren wurde, wird als eine Art Altar unter einem Marmortempel erhalten.

Drinnen ein Tisch, ein breites Bett, ein Samowar, eine Petroleumlampe, ein runder Spiegel, ein paar Kerzen, ein paar Nägel an den Wänden, alles vielleicht vier mal vier Meter groß, eine hölzerne Veranda davor. Wenn Besucher kommen, und immerhin pilgern jährlich etwa eine halbe Million nach Gori, finden sich Devotionalien-Händler ein, mit Photos, kleinen Büsten, Kalendern, die für jeden Monat ein anderes Porträt des Größten zeigen.

Die Georgier sind doppelt stolz, wenn Gäste aus fernen Ländern kommen, um am Geburtsort des Tyrannen zu erschauern.

In den offiziellen »Intourist«-Broschüren, das sonnige Georgien gebührend feiernd, kommt Gori nur mit seiner sehr fernen Historie vor -- wegen der verfallenen Bergfeste Gorisziche, eines Klosters, einer vorzeitlichen Höhlenstadt oder aber als »größtes Zentrum von Gärtnerei und Konservenindustrie«.

Doch Taxi- und Busfahrer zeigen offen, wessen Stadt dies ist. Sein Bildnis baumelt von Innenspiegeln, der Schuster hat Stalin, in Marschalluniform, wie eine Ikone an der Wand hängen.

Auch in Georgiens Hauptstadt Tiflis, auf die einst eines seiner gewaltigsten Monumente niederblickte, verdrängt sein Andenken keineswegs. Der große Kulturpark der Stadt trägt immer noch den Namen Stalins. Die prächtige Ufer-Allee am Kurafluß inmitten der Stadt heißt nach Stalin, und auch eine große Maschinenfabrik fand keinen Anlaß zur Umbenennung.

Auf halber Höhe des Stadtberges, im Pantheon der Großen Georgiens, liegt in einem Marmorgrab, nur georgisch beschriftet, die Mutter Jekaterina, die Georgien nie verlassen hat, auch nicht, als ihr einzig überlebendes von vier Kindern halb Europa und halb Asien beherrschte.

Stalin-Straßen gibt es in etlichen Orten des Landes, in der zweitgrößten Stadt, Kutaissi, etwa. Sich dessen zu schämen, sieht kein Georgier Anlaß, keinem ist, wie keinem Bürger des großen Reiches, das volle Maß seines Massenmordes vermittelt worden.

Bis zu seinem Ende sprach er Russisch mit dem Akzent seiner Heimat, er behielt die wilde Art der Georgier, sich zu amüsieren, er hielt dem »Kismarauli«-Wein aus seinen Bergen die Treue. »Fehler«, sagen die Georgier über Stalins Untaten, »macht jeder Mensch.«

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