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SPANIEN / STIERKAMPF Feile und herrsche

aus DER SPIEGEL 31/1960

Anhänger des umstrittenen spanischen Stierkampfs* mußten Anfang des Monats der Madrider Zeitung »ABC« entnehmen, daß einer der am meisten vergötterten Matadore, der 34jährige Millionär und Ava-Gardner -Begleiter Luis Miguel Dominguin, in aller Öffentlichkeit als Angsthase angeprangert wurde.

Der Herzog von Pinohermoso, prominenter Besitzer einer Stierzucht, warf dem Degenhelden in einer von »ABC« veröffentlichten Erklärung vor, Dominguin scheue das Duell mit voll kampffähigen Stieren und trete nur noch gegen Tiere an, die infolge bestimmter Manipulationen in ihrer Kampfkraft erheblich geschwächt seien. Der adlige Bullenzüchter enthüllte, er habe auf seinem Gelände unlängst Helfer Dominguins bei dem Versuch ertappt, die Hornspitzen derjenigen Stiere zu kappen, die für Stierkämpfe im französischen Arles als Gegner Dominguins vorgesehen waren.

»Ich werde die Hörner meiner Stiere unter allen Umständen zu schützen wissen«, erboste sich der Züchter und behauptete, Dominguin habe auf Zweikämpfe mit den Pinohermoso-Stieren verzichtet, nachdem er erfahren hatte, daß seine Gegner wider Erwarten voll bewehrt waren.

Kaum hatte sich die Überraschung über diesen Schlag gegen das Prestige eines angesehenen Toreros gelegt, da schreckte eine noch ärgere Hiobsbotschaft das Stierkampf-Volk aus seiner Torero-Verehrung hoch: Die Polizei verhängte gegen den Stierzüchter Antonio Perez de San Fernando mit 14 000 Mark die bisher höchste Geldstrafe in der Geschichte des Stierkampfes. Dem Zuchtstätten-Inhaber wurde nachgewiesen, daß er an einer Reihe seiner Kampfstiere sogenannte Rasuren vornehmen ließ, durch die laut einer Veröffentlichung der Polizei die Hörner der Tiere »in Größe und Gestalt künstlich verändert wurden«.

Drei Stierkämpfer von ähnlichem Format wie Dominguin - unter ihnen der von dem Stierkampf-Barden Hemingway just als

gegenwärtig bester Torero der Welt eingestufte Dominguin -Schwager Antonio Ordonez - hatten den Züchter zu den verbotenen Manipulationen angestiftet, um insgeheim die Kampfkraft der Stiere und damit auch ihr eigenes Risiko herabzumindern.

Die beiden Vorfälle bestätigen alle Zweifler und Stierkampfgegner in ihrer Meinung, daß in den Stierkampf-Arenen schon seit langem nicht mehr ehrlich gekämpft wird, daß vielmehr immer noch all jene Tricks

angewandt und Eingriffe vorgenommen werden, die vor sieben Jahren in einer Generalbeichte von einem verärgerten Torero enthüllt und von der Polizei verboten worden waren.

Was Stierkämpfer, Manager, Veranstalter und Züchter jahrelang als strenges Geheimnis ängstlich gehütet hatten, war 1953 von dem Torero Antonio Bienvenida, einem Anhänger der klassischen Formen des Stierkampfes, aus Sorge um die Zukunft des makabren Volksvergnügens verraten worden. So erfuhr die Öffentlichkeit, daß

- besonders temperamentvolle Kampfstiere

durch Drogen geschwächt,

- weniger angriffslustige Tiere durch

geeignete Stimulantien aufgeputscht,

- Stiere in bestimmten Fällen durch

Schläge mit Sandsäcken in die Nierengegend oder durch Kopfstände in der dunklen Transportkiste eingeschüchtert und

- durch Manipulationen an den Hörnern in vergleichsweise harmlose Rindviecher verwandelt wurden, ohne daß es der Masse des Publikums auffallen konnte.

Um die gefährlichen Hörner zu entschärfen - im Matadoren-Jargon »Rasur« genannt -, wurden Instrumente verwendet, die gemeinhin benutzt werden, um Holz, Metall oder Stein zu bearbeiten, nämlich Raspel, Feile, Säge, Fräsmaschine, Meißel und Formstein. Zunächst begnügten sich die Horn-Entschärfer damit, lediglich etwa daumenbreit die Hornspitze zu entfernen, um sie durch eine auf Hochglanz polierte hölzerne Spitze zu ersetzen, die im entscheidenden Moment abbrach. Falls der Stier seinen Gegner traf, wurde der Torero nur im ungünstigsten Fall so gefährlich verletzt, wie es die dolchartigen Natur -Hornspitzen bewirkt hätten.

Bald schon entdeckten Stierkämpfer und Manager eine viel bessere Methode, das Gehörn der Stiere zu präparieren. Nach der neuen Masche wurden die Hörner mit Spezialfeilen so verkürzt, daß ein hochempfindlicher Nerv nahezu frei lag. Dadurch wurde das Horn häufig so empfindlich wie ein angebohrter Zahn. Ein Zeitungskorrespondent schrieb dazu aus Madrid, er habe in der Arena »manchen Stier gesehen, der nach dem ersten Versuch nicht mehr wagte, mit seinen Hörnern zuzustoßen«.

Der von den Horn-Kürzern angestrebte Haupteffekt stellte sich jedoch auch bei jenen Stieren hundertprozentig ein, denen die Schmerzempfindlichkeit ihrer Waffen offenbar nichts mehr ausmachte, wenn sie - zu hellem Zorn gereizt - auf ihre Peiniger losgaloppierten. Da der Horn-Nerv nach dem Feilprozeß kaum noch geschützt war, geriet nämlich der Tastsinn des Tieres außer Gefecht, so daß der Stier, der laut Tauromachie -Forscher Hemingway wie ein Boxer »eine Linke und eine Rechte« besitzt, seine Hornstöße nicht mehr so zielgenau wie vorher anzubringen vermochte.

Genau das wollten die Toreros und ihre Manager erreichen, denn nun konnten die Matadore so beklemmend nahe am Stier »arbeiten«, das heißt ihre vorgeschriebenen kunstvollen Figurenkornbinationen und Bewegungen ausführen, daß es dem Publikum den Atem verschlug. Die Qualität eines Toreros und damit sein Marktwert werden ausschließlich danach beurteilt, wie nahe er sich während der ganzen Schau an den Stier heranwagt und in welchem Maße er den zentnerschweren Muskel-Koloß beherrscht.

So gelang es mit Hilfe von vergleichsweise unfairen Tricks, den Stierkampf künstlich attraktiv zu halten und das Millionengeschäft des öffentlichen Schlachtens gegen die mächtig aufkommende Konkurrenz des Fußballsports zu behaupten, ohne die Eintrittspreise (durchschnittlich zwischen fünf und 50 Mark) zu senken. Es scheint den Fachleuten jedoch fraglich, ob die Stierkämpfer auch in Zukunft neue Stammkunden in der wünschenswerten Anzahl zu werben vermögen, denn »der breitere Menschenstrom, voran die spanische Jugend und die Arbeiterschaft, ergießt sich des Sonntags in jeder Stadt nicht mehr zur Plaza de Toros (Stierkampf-Arena), sondern zu den riesigen... Fußballstadien. Die wahren Matadore heißen heute Real Madrid und FC Barcelona« (so die »Süddeutsche Zeitung").

Die Manipulationen an den Rindviehhörnern

dienten indes hauptsächlich dem Zweck, das Berufsrisiko der Stierkämpfer ihre durchschnittliche Lebenserwartung lag unter 40 Jahre - zu reduzieren. Von dem Slogan der himmelnden Fans - »Je kürzer das Leben des Toreros; desto glorreicher ist seine Karriere« - wollen die Manager nichts mehr wissen. Da sie prozentual an den Einnahmen der höchstbezahlten Schlächter der Welt beteiligt sind, richtet sich ihr Streben vielmehr darauf, daß ihre Toreros die rund acht Monate umfassende Saison heil überstehen.

Arrivierte Stierkämpfer kassieren für das Abstechen zweier Stiere an einem Nachmittag Honorare zwischen 10 000 und 40 000 Mark, und ihre Protagonisten - wie Dominguin und Ordonez - werden innerhalb weniger Jahre Millionäre. Verletzungen und Krankenhausaufenthalt der Toreros bedeuten mithin auch für die Manager Ausfälle an Einnahmen, die nicht wettzumachen sind. Selbst in der Epoche des Hörner -Feilens liegen im Stierkämpfer-Sanatorium in Madrid ständig Patienten mit gefährlichen Hornwunden. Berichtete ein Besucher: »Manche Toreros brüllten vor Schmerzen tagelang in ihren Betten.«

Der letzte tödliche Betriebsunfall eines berühmten Matadors ereignete sich vor 13 Jahren, als dem umschwärmten Nationalhelden Manuel Laureano Rodriguez, genannt »Manolete«, im Moment des tödlichen Degenstichs von dem Stier »Islero« der Leib aufgerissen wurde. Manolete, das Vorbild einer Torero -Generation, verblutete im Alter von 30 Jahren.

Es gibt freilich keinen Zweifel, daß schon damals, 1947, »rasierte« Stiere in die Arenen gerieten. Der traditionelle Auftrag der Toreros, getrieben vom »Durst nach Tod und dem Geschmack des Todes« (so der während des Bürgerkriegs umgekommene spanische Dichter Federico Garcia Lorca), den Stier als Symbol für mythische Mächte zu bekämpfen, wurde hinter monetäre Interessen zurückgedrängt. Selbst die passioniertesten Züchter vermochten sich diesem Trend nicht zu entziehen.

Die Auswahl der kampfreifen Stiere bestimmen denn auch seit langem weder die Züchter selbst noch die Veranstalter, sondern allein die Manager als Geschäftsführer der Toreros. Es ist üblich, im Vertrag zwischen Torero und Arena-Unternehmen festzulegen, daß die Torero-Partei die Stiere vermittelt. Auf diese Weise fallen dem Bevollmächtigten des Stierkämpfers nicht nur die Provisionen zu, sondern er kann dem am Stier-Umsatz interessierten Züchter außerdem noch vorschreiben, wie die benötigten Stiere beschaffen sein müssen.

Alsbald knirschen Feile und Fräsmaschine, um das Gehörn des Todeskandidaten in den gewünschten Zustand zu bringen. Die verhängten Geldstrafen sind offenkundig zu niedrig, um derartige Eingriffe zu unterbinden. Ein Züchter wiederum, der sich dem Feil-Begehren der Torero-Abgesandten widersetzt, läuft Gefahr, auf seinen Bullenherden sitzen zu bleiben.

Folglich muß auch der vor kurzem als scharfer Kritiker des manipulierfreudigen Stierstechers Dominguin hervorgetretene Züchter Pinohermoso damit rechnen, daß ihn der Stierkämpfer-Clan künftighin boykottiert. Dominguin hat dem aufsässigen Züchter außerdem angedroht, er werde mit seinen Rechtsanwälten gegen ihn vorgehen.

Seine gekränkte Stierkämpfer-Ehre suchte Dominguin indes mit einer spitzfindig formulierten Erklärung in der Zeitung »ABC« wiederherzustellen: »Keiner der Stiere, mit denen ich kämpfte, war jemals Gegenstand einer Geldstrafe für Manipulation.« Mit anderen Worten: Bisher hat es kein Polizeiagent gewagt, den großen Bullenkiller zu erwischen.

* Im Gegensatz zum Stierkampf in Portugal und Mexiko wird der Stier im spanischen Stierkampf in jedem Fall getötet, auch dann, wenn es ihm gelingt, den Matador außer Gefecht zu setzen. Ersatz-Stierkampfer sorgen dann dafür, daß der Stier die Arena nicht lebend verläßt.

Hemingway, Matador Ordonez: Durst nach Tod

Spaniens angeprangerter Star-Matador Dominguin, Gegner: Tod nach Rasur

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