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PORTUGAL Feilschen um jede Kuh

Unter dem Druck der Rechten gibt die sozialistische Minderheitsregierung illegal besetzte Ländereien an ihre Eigentümer zurück. Aber mehr als 450 000 Hektar sollen noch enteignet werden.
aus DER SPIEGEL 45/1976

Einmal im Monat kommt der deutsche Industrielle Friedrich Happel mit seinem gelben Mercedes auf sein Landgut in der Nähe des Dorfes Säo Pedro da Gafanhoeira im nördlichen Alentejo, um seinen Schafhirten Fortuna Pereira zu entlohnen.

Am Zahltag im September bat der Hirte den Deutschen um mehr Lohn: 4500 Escudos (rund 350 Mark) reichten nicht mehr aus. Der Deutsche lehnte ab -- weil das Gut leider nicht mehr erwirtschafte.

Einen Tag später bekam Pereira Besuch von den Landarbeitern der an das deutsche Gut grenzenden »Kooperative 6. August«. Sie rechneten dem Schafhirten vor, was sie verdienen -- 5400 Escudos bei acht Stunden Arbeit täglich. Seither zweifelt der Hirte an den Wirtschaftskünsten seines Herrn.

Das Gut, ein mit Saubohnen und Korkeichen bewachsenes, ausgedörrtes Stuck Land, ist 300 Hektar groß. Der Deutsche hatte es vor drei Jahren gekauft und eine Wohnung für den Schäfer sowie einen Stall für 3000 Schafe darauf gebaut. Heute aber weiden nur noch 330 Schafe, und die sind klapperdürr. Erst neulich lagen ein Muttertier und ein zwei Tage altes Lamm tot im Stall -- sie waren verhungert.

Fortuna Pereira hat sich daran schon fast gewöhnt. Die Arbeiter der benachbarten Genossenschaft aber sind empört.« Kein einziges Schaf muß hier sterben, wenn richtig gewirtschaftet wird«, sagt Jesuino Manuel Cristo, der Schäfer der Kooperative. Er weidet vier Tiere pro Hektar, für die Kooperative ein einträgliches Geschäft.

Doch Friedrich Happel aus Frankfurt hat es offenbar nicht geschafft, sein Land rentabel zu bewirtschaften. Und er ist wohl auch nicht mehr bereit zu Investieren.

Seit die Landarbeiter im Alentejo vergangenes Jahr auf eigene Faust ihre Landreform begannen, mag kein Privatmann mehr auch nur einen Escudo in sein Land stecken. Denn die früher fast wie Leibeigene gehaltenen Tagelöhner hatten das Wort »Revolution«, von dem in Lissabon nach dem Sturz der Caetano-Diktatur im April 1974 so viel geredet wurde, ernst genommen.

In dem Gefühl, frei und vereint auch stark zu sein, zogen sie durch den Alentejo und verjagten ihre Herren von den Gütern. Eigenmächtig trieben sie die im Juli vergangenen Jahres von der Revolutionsregierung beschlossene Landreform voran.

Dabei schossen sie freilich oft über das vom Gesetz gesteckte Ziel hinaus. Die Landarbeiter besetzten nicht nur die Acker der Reichen, sondern auch kleine Stückchen Land, die Kleinbauern »wegen besonderer Verdienste« von ihren Gutsherren geschenkt oder zur Pacht bekommen hatten.

Die Kleinbauern versuchten sich zu wehren: Der Handel mit Jagdwaffen war zu jener Zeit im Alentejo ein Riesengeschäft. »Meine Flinte ist geladen«, drohte damals ein Kleinbauer im Städtchen Elvas. »Der erste, der auf meinen Acker kommt, fällt. Ich werde schießen, solange ich Munition habe.«

Aber dann mußten Groß- wie Kleinbesitzer vor der Übermacht der landlosen Arbeiter schließlich doch kapitulieren -- und über eine Million Hektar Land sind inzwischen in den Händen der Arbeiter.

Die Minderheitsregierung des Sozialisten Mário Soares hat diese Enteignung zwar im September ausdrücklich gebilligt. Aber sie hat auch zugleich die Bremse gezogen: Widerrechtlich okkupierten Kleinbesitz rund 17 000 Hektar Land -- erhielten die Eigentümer in diesen Tagen zurück.

Der zunächst befürchtete Widerstand der bewaffneten Landarbeiter blieb jedoch aus. Widerwillig höchstens feilschten sie mit den früheren Besitzern um jeden Meter Land, um jede Kuh und jeden Hahn, wohl weil sie hoffen, daß die Maßnahme der Regierung doch zu ihrem Vorteil ausschlägt.

Denn wenn das Gesetz zur Landreform so buchstabengetreu angewandt werden soll, wie die Regierung verspricht, werden zwar die kleineren Güter (nach einem vom Landwirtschaftsministerium ausgeklügelten Bewertungssystem) künftig wieder privatwirtschaftlich betrieben. Aber alle über der gesetzlich fixierten Grenze liegenden Güter müssen dann auch enteignet werden -- und das sind immerhin noch mehr als 450 000 Hektar.

Ob es dazu kommt, ist zweifelhaft. Schon blasen ehemalige Großgrundbesitzer aus dem Alentejo und Kleinbauern aus den nördlichen Provinzen über den Bauernverband CAP zum Sturm gegen jegliche weitere Verstaatlichung.

Dabei hat sich zumindest im Alentejo gezeigt, daß die Landreform für die bislang so rückständige Provinz durchaus ein Segen war. Innerhalb nur eines Jahres wurde das Jahrhunderte alte Problem der Arbeitslosigkeit fast gelöst -- rund 200 000 Alentejaner bekamen durch die Agrarreform feste Arbeit und festen Lohn.

Denn früher hatten die Ländereien den Gutsherren zumeist nur als Kulisse für Jagdausflüge und Bankette gedient. Trotz Arbeitslosigkeit lag ein großer Teil des Landes brach -- »zur natürlichen Erneuerung des Bodens«. wie die Besitzer sich zu rechtfertigen pflegten. So mußten die Alentejaner Arbeit im Ausland suchen, das Agrarland Portugal war gezwungen, Nahrungsmittel in großen Mengen zu importieren.

Doch seit der Landreform stieg Portugals Agrarproduktion immerhin so. daß nach Auskunft der Landarbeitergewerkschaft in Evora für rund 50 Millionen Mark weniger Nahrungsmittel importiert werden müssen als zuvor. Die größere Existenzsicherung für Tagelöhner und Landarbeiter zahlt sich auch für den Handel aus: Lebensmittelgeschäfte, Kneipen und Mopedhändler melden steigende Umsätze. Lenin Filhao, Landmaschinenfabrikant in Evora, schwärmt: »So viele Landmaschinen wie in diesem Jahr habe ich noch nie abgesetzt«

Das im Oktober vergangenen Jahres illegal besetzte Landgut »Dos Castellos« zum Beispiel -- Besitzer war der deutsche Bauunternehmer Hans-Joachim Gerike aus Braunschweig -- gehört heute zu einer Genossenschaft, die nach einem verstorbenen KP-Führer »Kooperative Pedro Soares« heißt.

Heute arbeiten dort 170 Landarbeiter früher waren es auf den fünf jetzt zur Kooperative gehörenden Gütern nur 50. Innerhalb eines Jahres haben die neuen Eigentümer die Anbaufläche von Weizen verdoppelt, zum erstenmal Hafer und Gerste angebaut. Statt 50 Rinder gibt es jetzt 400, statt 300 Schweine fast 2000.

Ein fest angestellter Buchhalter rechnet die Ernteerträge zusammen und legt auf der alle zwei Wochen stattfindenden Vollversammlung der Gutsarbeiter Rechenschaft ab.

Die Kooperative Pedro Soares ist. wie die meisten Genossenschaften im Alentejo, über die Landarbeitergewerkschaft von der Kommunistischen Partei organisiert -- sehr zum Leidwesen der regierenden Sozialisten. Die fürchten, so der Leiter der sozialistischen Kooperative »Rico Homem«, daß die Kommunisten den Ex-Gutsbesitzer »nur durch die Partei ersetzen wollen«.

Die Gefahr besteht womöglich. Zumindest ein einstiger Gutsherr, Kaufhausbesitzer in Lissabon, fürchtet es: Er machte sein Landgut, die heutige Kooperative »Rico Homem« (Reicher Mann), den Sozialisten zum Geschenk -- weil er nicht wollte, daß sie den Kommunisten in die Hände fällt.

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