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BERLIN / POLIZEI Feind im Innern

aus DER SPIEGEL 33/1967

Kaum im Amt, argwöhnte Helmut Kentler, »psychologischer Berater für Polizeifragen« beim West-Berliner Senat, »in weiten Kreisen« seiner Ordnungstruppe herrsche »ein vordemokratisches Denken«. Er hatte recht.

Denn vorletzte Woche, 51 Tage nach seinem Dienstantritt, gab er seinen Posten auf -- bedrängt von einer empörten Polizei, die Kentlers Kritik als üble Nachrede empfand. »Das Experiment«, so resignierte der Wissenschaftler, »muß als gescheitert gelten.«

Das Experiment hatte bald nach dem 2. Juni begonnen, als jugendliche Demonstranten vor der West-Berliner Oper von Schupo-Scharen wie eine Partisanenhorde aufgerieben worden waren. Damals hatte Berlins liberaler Schulsenator Carl-Heinz Evers empfohlen, der Polizei nach Münchner Vorbild einen Psychologen zu attachieren« »damit im Präsidium wenigstens einer zwischen protestierenden Bürgern und Staatsfeinden unterscheiden« könne.

Um »die Zeit bis zur Berufung eines ... Umbach (so der Name des Münchner Psychologen) zu überbrücken«, trug Sozialdemokrat Evers den Parteigenossen im Senat die guten Dienste seines Diplom-Psychologen Kentler aus dem »Pädagogischen Zentrum« der Halbstadt an, der Erfahrung im Umgang mit verhärteten Beamtenseelen besaß. Dankbar akzeptierte Innensenator Wolfgang Büsch das Angebot, und er hieß den Psychologen, »alle, auch die politischen Ursachen« der Haß-Haltung seiner Polizei zu den Studenten zu erforschen.

Kentler, 39, Sohn eines aktiven Offiziers, sah hinter dem Zwist mehr politische denn psychologische Probleme: Ursachen des Konflikts waren für ihn

> mangelhaftes Verständnis der Bevölkerung wie der politischen Führung für die veränderte Situation West-Berlins seit dem Mauerbau;

> Mangel an Toleranz gegenüber der politischen Linken, die seit Bildung der Großen Koalition in der Opposition verharrt.

Bürgermeister Heinrich Albertz applaudierte. Der Stadtchef zu Kentler: »Damit rennen Sie bei mir offene Türen ein«. Und von ihrem obersten Befehlshaber angehalten, bequemte sich auch Berlins Polizeiführung dazu, den Psychologen (Albertz: »Das ist doch ein vernünftiger Mann") anzuhören.

Am 19. Juni durfte Kentler dem Offizierskorps im Präsidium erläutern, wen die Polizei als vermeintliche Handlanger der SED vor der Oper verprügelt hatte: »Gemeinsam ist diesen Leuten ihre Sorge um die Demokratie ... sie leiden an ihrer Machtlosigkeit und erleben, daß man fast schon Partisan sein muß, um Demokrat zu sein.«

Alsdann warnte Kentler die Polizeioberen, den Rebellen weiterhin nur mit Gewalt zu begegnen: »Ich fürchte, daß sich dann ein 17. Juni in West-Berlin ereignen könnte.«

Genau das aber hatten Berlins betreßte Uniformträger nicht hören wollen. Schon einen Tag nach dem Kentler-Vortrag verlangten die Dienstältesten im Präsidium, voran Polizeidirektor Günter Dittmann, vom Innensenator Büsch die sofortige Entlassung »dieses unmöglichen Mannes Zugleich durchforsteten Polit-Polizisten ihre Aktenbestände nach möglichen dunklen Punkten aus Kentlers Vergangenheit. Es kam nichts zutage.

Vom Senat noch beschützt, machte sich der Psycho-Pädagoge nun daran, Verhalten und Dienstauffassung der Berliner Polizei zu analysieren. An Anschauungsmaterial mangelte es ihm dabei nicht, denn Kentler konnte sich auf telephonische Informationen von Polizeioffizieren stützen, »denen der Kommißbetrieb über ist, die aber unter keinen Umständen ihren Namen nennen wollten«.

Was Kentler erfuhr, brachte ihn zu einer bitteren Bilanz, die er zunächst in einem internen Gutachten zog, dann aber auch, durch pauschale Erlaubnis des Innensenators ermächtigt, öffentlich ausbreitete -- unter anderem in einem Vortrag vor Mitgliedern der »Humanistischen Union« (siehe Kasten):

> Die West-Berliner Polizei sei zu einer paramilitärischen Einheit entartet;

> weil der äußere Feind fehle, suche sich die Polizei Feinde im Innern, um überschüssige Aggressionen loszuwerden;

> unter den Beamten seien »eigenartige undemokratische hierarchische Vorstellungen« verbreitet.

Unverzüglich trat danach der Polizei-Senior und Ritterkreuzträger Dittmann, von Axel Springers »Berliner Morgenpost« bereitwillig mit redaktionellem Raum versorgt, zum Gegenangriff an: Der Psychologe, so schrieb Dittmann« habe »einen ganzen Berufsstand in unglaublicher Weise verurteilt«.

Polizei-Vizepräsident Georg Moch erhob gegen Kentler Dienstaufsichtsbeschwerde, weil er sich »bei der politischen Betätigung« nicht die »Mäßigung und Zurückhaltung auferlegte, wie sie Paragraph 19 des Landesbeamtengesetzes vorschreibt«. Und eine dritte Breitseite der paramilitärischen Einheit kam aus der Polizeiabteilung des Innensenators. In einer »Erklärung des Senators für Inneres« schmähte sie Kentler und dessen Mission: »Sollte er sich ... als »Polizeipsychologe' verstehen, so muß festgestellt werden, daß die Ausführungen des Herrn Kentler ... ihn nicht als einen erfahrenen Polizeipsychologen ausweisen, sondern ihn eher für eine solche Aufgabe disqualifizieren.«

Vergrämt zog sich Kentler auf seinen alten Arbeitsplatz im Pädagogischen Zentrum zurück. Zwar versuchte Senator Büsch vergangene Woche in einem mitternächtlichen Telephongespräch, den Psychologen wieder umzustimmen. Doch Kentlers Grimm war zu groß: »Für Sie arbeite ich nicht mehr.«

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