Zur Ausgabe
Artikel 19 / 88
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Tourismus Feind im Rücken

Peenemünde, einst Symbol für Hitlers Raketenwahn, soll umgerüstet werden - zum Friedenspark nach Disney-Art.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Existenzangst geht um bei der Volksmarine in Peenemünde, Gefahr droht vom Wasser und zu Lande.

Die 1. Flottille der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR, die seit der Wende Dienst beim Küstenschutz schiebt, ist unversehens mit »massiven Gebietsforderungen« von gegnerischer Seite konfrontiert, »die jeder zivilen Umgangsform widersprechen«, sagt der Kommandeur des Stützpunktes, Kapitän zur See Gerd Leupold. Bedroht sehen sich Leupold und seine Soldaten auf der Ostseeinsel Usedom nahe der polnischen Grenze von westdeutschen Zivilisten.

Finanzkräftige Investoren sind scharf auf das Peenemünder Marinegelände. Um Arbeitsplätze für rund 120 Kraftwerker, 1400 Soldaten und 600 Zivilbedienstete zu sichern und noch einige hundert neu zu schaffen, will der Flensburger Unternehmer Volker Thomsen, 48, auf ehemals militärischem Sperrgebiet zwischen Greifswalder Bodden und Pommerscher Bucht einen »Weltfriedenspark« errichten - für mindestens 600 Millionen Mark.

Eine historische Gedenkstätte und ein populär gestaltetes Raumfahrtzentrum sollen Millionen von Touristen aus aller Welt anlocken. Das angepeilte Areal ist unseliger historischer Boden: In Peenemünde entwickelten für Hitlers Luftwaffe der Physiker Wernher von Braun und der Ballistik-Ingenieur Walter R. Dornberger die ersten funktionstüchtigen Raketen, die Überschallgeschwindigkeit erreichten.

Durch die »Flügelbombe« V1 sowie die Großrakete V2 kamen Tausende von Menschen ums Leben, als Hitler mit diesen »Wunderwaffen« (Nazi-Propaganda) noch in den letzten Kriegsmonaten das Blatt zu seinen Gunsten zu wenden suchte und London sowie Paris bombardieren ließ.

Ruinen und Überreste der Produktionsstätten, an denen bis zu 15 000 Menschen für die nationalsozialistische Kriegsindustrie arbeiteten und forschten, erinnern an die Vergangenheit. An der Hauptstraße des 826 Einwohner großen Dorfes Peenemünde überragt der monumentale rote Backsteinbau einer Fabrik, in der von Braun flüssigen Sauerstoff für den Antrieb seiner Raketen produzieren ließ, die tristen grauen Wohnzeilen des Kaffs.

Im Umkreis der Gemeinde sind, überwuchert mit Sträuchern und Gestrüpp, Beton- und Mauerreste der alten Raketentestanlagen zu finden. Vom Prüfstand VII etwa, auf dem am 3. Oktober 1942 die erste flugtüchtige V2 mit der Arbeitsbezeichnung »Aggregat 4« gestartet wurde, sind die Ableitungen für das Abgas fast vollständig intakt.

In den Pfützen eines Betonbeckens für Raketenwagen, in dem die Flugkörper vormontiert und startklar gemacht wurden, liegen noch immer Teile eines V2-Motors herum, als wär's erst gestern gewesen. Gleich nebenan, hinter Betonpisten und alten Schienensträngen, stehen Überreste der Katapultanlagen, mit denen die NS-Luftwaffe ihre Flügelbomben in die Luft feuerte.

Die NS-Kriegssymbole möchten die Planer des Weltfriedensparks zu Mahnmalen aufrüsten. Im Hafen könnten dazu, friedlich nebeneinander vertäut, abgetakelte Kriegsschiffe der sowjetischen Flotte und der U. S. Navy, der Bundesmarine und der NVA dümpeln. Auf Jahrmarkt-Luftschiffen und Schießständen hätten die Kleinen Gelegenheit, sich auszutoben - unter Aufsicht ehemaliger NVA-Soldaten.

Die Pläne vom »Disneyland auf Nazi-Gelände« (Lübecker Zeitung) haben die Inselbewohner entzweit. Die Volksarmisten von der Marine und ihre Angehörigen, die ein gut Teil der Bevölkerung in Peenemünde sowie in den Nachbargemeinden Karlshagen und Trassenheide stellen, fürchten um ihre Existenz. »Auf unsere Kosten«, sagt Kommandeur Leupold, »sollen Arbeitsplätze geschaffen werden, indem wir hier verschwinden.«

Mit den Berufssoldaten, großenteils als Elektroniker, Elektrotechniker oder Schiffstechniker ausgebildet, sei die »gewünschte und benötigte Beschäftigungsstruktur« eines Freizeitparks nicht aufzubauen. Leupold jedenfalls überkommen Zweifel, wie seine Leute »sich wohl am Karussell machen«.

Unterstützt werden die Militärs von Umweltschützern und Pastoren. Die Ökologen sehen ihr gerade wiedergewonnenes Biotop mit Dachsen, Mufflons oder Fischreihern im ehemaligen NVA-Sperrgebiet entlang dem kilometerlangen Sandstrand gleich wieder von Kapitalisten zertrampelt.

»Bedenken gegen die Großvermarktung von außen« macht Pfarrer Rainer Berndt, 47, geltend. Die Region sei »unser Gebiet, unser Land«, bekamen Volksvertreter und Verwaltungschefs auf einem öffentlichen Forum in der Karlshagener Kirche Mitte Juli zu hören, und »schon wieder schmieden andere die Pläne«.

Doch viele Einwohner der von Arbeitslosigkeit bedrohten Inselgemeinden »verbinden auch Hoffnungen« mit dem Unternehmer Thomsen, sagt Peenemündes Bürgermeisterin Kerstin Kühne, 28.

Die große Industrie ist weit, die Peene-Werft im 25 Kilometer entfernten Wolgast, die 1000 Menschen Arbeit gibt, steht kurz vor der Schließung, die umliegenden Tiermastbetriebe werden demnächst aufgeben. Und in den Ferienheimen, die jedes Jahr zuletzt Hunderttausende DDR-Urlauber anlockten, bleiben die Touristen aus. Der Friedenspark, beteuert Thomsen, sei »die einzige Chance für die Leute, die dort leben«.

So sieht es auch der einzige zivile Arbeitgeber der Region, das Energiekombinat Rostock. Das Kombinat mußte das verrottete Kohlekraftwerk Peenemünde im April abschalten, der Betrieb, sagt Betriebsleiter Hans-Joachim Pahl, 53, war »umweltmäßig nicht mehr vertretbar«. In einem Schreiben an den Ost-Berliner Abrüstungsminister Rainer Eppelmann hat das Energiekombinat für die »Einrichtung eines Raketen- und Marinemuseums« votiert.

Den Feind haben die Widerständler von der Marine mittlerweile auch schon im Rücken: Eine Gruppe von einheimischen Jungunternehmern hat eine GmbH gegründet, um in der Region Supermärkte, Hotels und Campingplätze zu bauen.

Initiatoren der ehrenwerten Gesellschaft mit beschränkter Haftung sind hohe NVA-Offiziere, unter ihnen ein Fliegerkommandeur und der Leiter der Unterkunftsabteilung in Rostock, Oberst Braun. Dem obliegt die treuhänderische Verwaltung der NVA-Immobilien an der Küste. o

Zur Ausgabe
Artikel 19 / 88
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel