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MACHTKAMPF Feindliche Brüder

aus DER SPIEGEL 28/1962

Sie nannten sich »Brüder« und waren ihrer neun - neun junge algerische Nationalisten, die falsche Pässe besaßen, zerknitterte Anzüge trugen und mit dem Plan umgingen, ihre Heimat Algerien von der französischen Herrschaft zu befreien.

Wann immer sie sich zu erkennen gaben, stets traten sie als eine Einheit auf, als die neun Brüder, die gemeinsam Leben und Gesundheit für ein freies Algerien wagten. Ob sie sich Ben Bella nannten oder Krim Belkassim -

sie waren das kollektive Gewissen des algerischen Freiheitskampfes.

»Wir sind durch einen moralischen Kontrakt gebunden«, schwor Rebellenführer Ben Bella zu jener Zeit. »Der Kontrakt erlaubt keinem von uns, auf eigene Faust zu handeln.«

Im Sommer 1954 entwarfen die Brüder den Feldzugsplan des algerischen Freiheitskrieges. In einem Genfer Hotelzimmer kamen Ben Bella und drei andere Brüder zusammen und eröffneten einen Krieg, der 20 000 französischen Soldaten und 350 000 Algeriern das Leben kosten, siebeneinhalb Jahre dauern und die politische Landkarte Nordafrikas revolutionieren sollte.

Doch die neun Väter des Algerienkrieges traten nie zu einem gemeinsamen Kriegsrat zusammen. Zwar stampften sie die »Algerische Befreiungsfront« (FLN) aus dem Boden, zwar wuchs unter ihrer Führung das Heer der algerischen Freischärler, aber niemals sah der Krieg die Brüder vereint.

Sie wurden Opfer ihres eigenen Krieges: Zwei Brüder fielen im Partisanenkampf, einer wurde von den Gegnern zu Tode gefoltert, fünf fielen in französische Gefangenschaft, unter ihnen auch der Exfeldwebel Ben Bella.

Nur einer blieb in Freiheit: Krim Belkassim, der Vizepremier der algerischen Exilregierung. Er setzte schließlich seinen Namen unter das 93seitige Friedensdokument von Evian-les-Bains, das im März 1962 Algerien die Unabhängigkeit und dem gefangenen Ben Bella die Freiheit sicherte.

Als jedoch die Stunde des Triumphes herannahte, als am vorvergangenen Sonntag 99 Prozent der muselmanischen Bevölkerung Algeriens in einem historischen Referendum für die algerische Freiheit votierten, hatte sich die Bruderschaft der Freiheitsväter in Feindschaft gewandelt.

Noch hatte Charles de Gaulle die 132jährige Herrschaft Frankreichs über Algerien offiziell nicht für beendet erklärt, da standen sich bereits zwei Kampfgruppen feindlicher Algerier gegenüber - angeführt von zwei Brüdern: dem Friedensunterhändler Krim Belkassim in Algier und dem befreiten Rebellen Ben Bella in den Randgebieten Algeriens.

»Man befürchtet«, kabelte die britische »Guardian«-Korrespondentin Clare Hollingworth aus Algier, »daß Ben Bella mit Einheiten der Befreiungsarmee binnen 48 Stunden einen Putsch unternehmen wird. Der Kampf um die Macht wird von Stunde zu Stunde heftiger.«

Die Ironie der Zeitgeschichte will, daß in der Stunde des französischen Abschieds von Algerien nur Frankreich einen algerischen Bürgerkrieg verhindern kann. Französische Bajonette sind zur letzten Hoffnung Krim Belkassims und des von ihm gestützten Algerien-Premiers Ben Chedda geworden.

Daß Frankreich die ihm liebgewordene Rolle, dem Frieden zum Wohle französischer Interessen zu dienen, noch einmal übernehmen kann, verdankt es dem algerisch-französischen Vertrag von Evian über die Unabhängigkeit des Landes, der die Einheit der FLN-Führer stärker strapazierte, als zunächst an der Oberfläche sichtbar geworden war.

Denn das Werk von Evian öffnete dem radikalen Ben Bella, dessen revolutionäre Leidenschaft sich in langen Haftjahren angestaut hatte, die Tore zu einer politischen Aktivität, die den Evian-Kompromiß bald zu zerstören drohte.

Exilpremier Ben Chedda und Bruder Krim Belkassim waren zwar umsichtig genug, dem heimgekehrten Märtyrer als stellvertretenden Ministerpräsidenten Einfluß im Kabinett einzuräumen. Doch Volksheld Ben Bella wollte mehr:

die Führung der nationalistischen Bewegung.

Zudem hatte der Exhäftling in einsamen Kerkerstunden ein Programm ausgetüftelt, das unweigerlich das kunstvolle Vertragswerk von Evian sprengen mußte.

Hatte Krim Belkassim eine glimpfliche Behandlung der Algerien-Franzosen und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Frankreich zugesagt, so forderte Ben Bella nun eine marxistischen Vorbildern angeglichene Sozialreform, die eine Enteignung der französischen Siedler vorsieht und damit einen neuen Konflikt mit Frankreich heraufbeschwören muß.

Angesichts solcher Pläne waren Ben Chedda und Krim Belkassim entschlossen, dem Volkshelden den Weg an die Macht zu versperren. Ihr Plan:

Gründung eines Politbüros der FLN, das Algerien in der Übergangszeit zwischen dem Referendum (1. Juli) und den Wahlen für die Verfassunggebende Nationalversammlung (21. Juli) regieren sollte.

Mit diesem Politbüro, in dem die Anhänger des Exilpremiers die erdrückende Mehrheit erhalten sollten, hofften Ben Chedda und Krim Belkassim sich eine Schlüsselrolle in der jungen Republik sichern zu können. Vor allem war das Politbüro von ihnen dazu ausersehen, die Kandidaten für die Wahlen des 21. Juli zu bestimmen.

Doch das Politbüro-Projekt Ben Cheddas scheiterte am Widerstand des Exilparlaments, des in Tripolis residierenden »Nationalrates der algerischen Revolution«. Als das Exilparlament Anfang Juni über den Plan der Regierung beriet, gewannen die radikalern Parolen Ben Bellas die Oberhand. Nur durch einen Trick konnte sich Premier Ben Chedda einem Mißtrauensvotum entziehen: Mit seinen Ministern verließ er in der Nacht Tripolis und machte damit das FLN-Parlament beschlußunfähig. Der in Tripolis um seinen Sieg geprellte Vizepremier Ben Bella verlagerte daraufhin den Machtkampf an den Sitz der in Tunis angesiedelten Exilregierung und in die Stäbe der algerischen Befreiungsarmee in Marokko und Tunesien.

Ende Juni kam dem Premier zu Ohren, Ben Bella plane, sofort nach dem Referendum des 1. Juli an der Spitze der Armee in Algerien einzumarschieren und dort die Herrschaft an sich zu reißen, bevor die Regierung Zeit gefunden habe, von Tunis nach Algier überzusiedeln.

Noch zögerte Ben Chedda, noch ließ er alle Meldungen über regierungsinterne Differenzen als »faschistische Lügen« hinwegdementieren. Doch schließlich klangen die Informationen seiner Vertrauensleute in der Armee so bedrohlich, daß er einen Tag vor dem Referendum den Generalstab der Befreiungsarmee auflöste, deren Oberbefehlshaber, Oberst Boumedienne, absetzte und degradierte sowie Verhaftungsbefehle für drei führende Offiziere ausschrieb.

Die »verbrecherischen Machenschaften« dieser Offiziere, klagte Ben Chedda - in einem Kommuniqué, hätten »nichts anderes erreichen können als einen Bruderkampf mit dem Ziel, das Volk seiner Souveränität zu berauben und die Diktatur zu errichten«.

Indes, zahlreiche Offiziere der Armee, in deren Schutz Ben Bella sich inzwischen geflüchtet hatte, verweigerten der Regierung den Gehorsam. In diesem Augenblick höchster Verlegenheit kamen dem bedrängten Ben Chedda Frankreichs Soldaten und Diplomaten zu Hilfe.

Während meuternde Einheiten der Befreiungsarmee sich unter dem Befehl des abgesetzten Obersten Boumedienne großer Gebiete im Westen des Landes bemächtigten und Ben-Bella-treue Präfekten einsetzten, erklärte der französische General Fourquet, seine 280 000 -Mann-Armee stehe der Regierung Ben Cheddas zur Verfügung. Er versuchte, möglichst wenig algerische Soldaten ins Land zu lassen.

Mehr noch: Frankreich stimmte stillschweigend einer Abänderung des Evian-Vertrages zu, der zunächst vorsah, Algerien bis zu den Parlamentswahlen von einer Übergangsverwaltung regieren zu lassen. Statt dessen darf Premier Ben Chedda schon jetzt gemeinsam mit jener Übergangsverwaltung die Macht übernehmen.

Solcherart von Frankreich gestützt, konnten Premier Ben Chedda und Bruder Krim Belkassim am Dienstag vergangener Woche unter dem Jubel der Algerier in die Hauptstadt des Landes einziehen - vorerst noch ohne ihren Bruder Ben Bella.

Heimkehrer Ben Chedda, Krim Belkassim beim Einzug in Algier: Gestützt auf Frankreichs Bajonette

Rebell Ben Bella

Um den Sieg geprellt

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