Zur Ausgabe
Artikel 43 / 102
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ARBEITERDICHTER Feindliche Züge

Nach einem Betriebsunfall schrieb ein Wuppertaler Arbeiter ein sozialkritisches Theaterstück. Erfolg: Er wurde von seiner Firma entlassen.
aus DER SPIEGEL 47/1971

Chemiefachwerker Gerd Sowka, 48, schrie vor Schmerz. Eine Stahlbandwalze zerquetschte seine linke Hand, das Sicherheitspedal klemmte. »Nach zehn oder fünfzehn Minuten«, erinnert er sich, befreiten ihn Kollegen mit Brechstangen. Da war die Hand »wie so"n Kuchen« und »sah aus wie Dracula«.

Gummiarbeiter Paul Wollnitza, 49, rutschte mit seiner Linken in eine Spaltmaschine. Von einem Schlosser verlangte er: »Hau mir die Hand ab ... bitte, hau mir die Hand ab!« Der aber schweißte eigenmächtig die Maschine auf -- für seinen Produktionsleiter »Sabotage« und daher Kündigungsgrund. Zwei von täglich 10 000 Arbeitsunfällen in Westdeutschland, die Gerd Sowkas »Leben veränderten« und sein »Bewußtsein erweiterten": Den einen erlebte er an seinem Arbeitsplatz in der Wuppertaler Textil- und Gummifabrik Vorwerk Sohn am 3. Juli 1970, den anderen betrachteten die Teilnehmer des Kulturforums der Rhein-Ruhr-Städte »urbe 71« am 10. Juni 1971 in Wuppertal-Vohwinkels Gaststätte »Stadtsaal« -- bei der Uraufführung des Sowka-Einakters »Im Mittelpunkt steht der Mensch«.

Der erste Unfall brachte Sowka eine steife Hand und eine 50prozentige Minderung der Erwerbsfähigkeit, der zweite -- erdachte -- trug ihm die Kündigung ein.

Die Idee zu dem Werk-Stück kam Sowka, »der schon vorher im »Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, Werkstatt Wuppertal« mit Prosa und Dichtung Gehör gefunden hatte, auf dem Unfall-Lager.

In seinem Stück läßt er Wollnitza, der seine Tagesleistung zum Zwecke höheren Arbeitgeber-Profits drastisch steigern muß, schimpfen: »Akkord ist Mord« und läßt ihn sagen: »Heute, wo ... die Unternehmer Geld scheffeln wie noch nie, heute tritt man uns in den Arsch.«

Als Wollnitzas Hand in der Maschine steckt, beklagen Vorgesetzte zwar den Produktionsausfall, in Sachen Rettung aber sind sie ratlos. Einen Werksarzt gibt es nicht, der Unfallwagen wurde »aus Ersparnisgründen« abgeschafft.

Wuppertals Arbeitgeberverbände reagierten verschreckt auf solches Hand-Werk. Noch vor der Eröffnung von »urbs 71« hielten sie »es für geboten«, ihre Mitglieder in einem »Sonderrundschreiben« auf die »Aktion aufmerksam zu machen«, die »eindeutig unternehmerfeindliche Züge trägt«. Nach der Sowka-Premiere fühlte sich auch die Unternehmensleitung von Vorwerk Sohn »diffamiert« und mochte den inzwischen als Pförtner eingesetzten Arbeiter-Autor nicht mehr beschäftigen.

Als Gewerkschafts-Vertrauensmann Sowka -an einer Streikkundgebung der IG Chemie in Köln teilnahm, wurde er wegen »Unzuverlässigkeit« von seinem Wächterposten am Werkstor freigestellt. Die Gummi-Bosse verlangten von Sowka überdies ultimativ eine schriftliche Erklärung, nach der sein Stück »nicht einem tatsächlichen Geschehensablauf entspricht« und in »keinerlei Verbindung« zu seiner siebzehnjährigen Vorwerk-Tätigkeit stehe. Nur dank der »tatkräftigen Hilfe« von »Vorgesetzten und Kollegen« sei ihm »der Verlust« seiner Hand »erspart geblieben«.

Sowka, der Gegenteiliges nie behauptet hatte, erhielt Rechtsschutz von seiner Gewerkschaft und klagte vor dem Arbeitsgericht. Seine Firma beschied er, das Stück sei »keine naturalistische Abschilderung des Verlaufs eines bestimmten Unfalls« und »die Verbindung des Stückinhalts mit meinem Unfall« liege allein darin, »daß »dieser mich zum Schreiben des Einakters angeregt hat«.

Das Unternehmen mochte sich damit »in keinem Fall zufriedengeben« und kündigte Sowka -- »aus wichtigem Grund« -- zum 31. 9. 1971 und gleich noch einmal »vorsorglich« und ordentlich zum 31. Oktober. Der Betriebsrat, so das Kündigungsschreiben. »teilt unsere Meinung«.

Darsteller des Sowka-Stückes sahen einen »Anschlag der Unternehmer auf freie Meinungsäußerung«, denn »nicht nur Sowka soll mundtot gemacht werden«; der Kölner Werkkreis spendete 400 Mark für den Gefeuerten.

»Die außerordentliche Kündigung«, befand Gewerkschafts-Rechtssekretär Hans Müsgen, »ist rechtsunwirksam«, die »ordentliche Kündigung sozial ungerechtfertigt«, und zudem sei die erforderliche »Zustimmung der Hauptfürsorgestelle nicht eingeholt« worden.

Müsgen riet Sowka dennoch, die von der Firma diktierte Erklärung zu unterschreiben. Sowka ("Ich war fertig") willigte ein. Am Mittwoch letzter Woche wurde ein Vergleich vor dem Arbeitsgericht protokolliert. Sowka, der inzwischen die Wollnitza-Fortsetzung »Stromstörung« vollendet hat, soll nun nach einer Umschulung in der Warenkontrolle weiterbeschäftigt werden. »Das Kapital«. sagt er. »hat"s geschafft.«

Zur Ausgabe
Artikel 43 / 102
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.