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INDIEN Feindlicher Glaube

Militante Hindus protestieren gegen den Papst-Besuch. Sie halten christliche Missionare für Spione und Aufrührer. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Zweieinhalb Wochen bevor Papst Johannes Paul II. aus Rom zu Besuch kommen wollte, traten am Strand der südindischen Stadt Triwandrum gläubige Hindus in den Hungerstreik.

Die Fastenden protestierten gegen die Errichtung eines Gerüsts, von dem der Oberhirte der Katholiken am kommenden Samstag zu seinen indischen Glaubensbrüdern sprechen will. Für die Hindus ein Fall von religiöser »Ortsbefleckung«, denn ganz in der Nähe pflegen sie eine ihrer Göttinnen anzubeten.

Schon lange vor der geplanten Ankunft des Heiligen Vaters am vorigen Samstag hatte die Hindu-Mahasabha-Partei Massendemonstrationen gegen den obersten Pilgerfahrer vorbereitet. Ihr Führer Wikram Sawarkar hatte nämlich gehört, aus Anlaß der Visite sollten 200000 Inder getauft werden. So etwas wollen die Hindus »entschlossen verhindern«, denn, sagt Sawarkar, »das Christentum ist eine feindliche Religion, die von fremden Herrschern nach Indien gebracht wurde«. Der Übertritt zum Christentum sei mithin als »Wechsel der Nationalität« zu werten.

Daß die Hindus, Bürger eines laizistischen Staates, sich über den Papst-Besuch so erregen, scheint befremdlich, bilden doch die Christen in Indien nur eine winzige Minderheit. 82 Prozent der 750-Millionen-Bevölkerung sind Hindus, nur etwa drei Prozent sind Christen (davon über die Hälfte Katholiken).

Das reicht immerhin, um sie zur drittstärksten Glaubensgemeinschaft zu machen, nach den Moslems mit gut elf Prozent, noch vor den Sikhs mit knapp zwei Prozent der Bevölkerung. Vor allem aber beunruhigt die Hindus, daß die Christen keineswegs ein kümmerliches Überbleibsel aus kolonialer Vergangenheit sind: Die katholische Kirche begann erst so richtig nach dem Abzug der Briten und Portugiesen, die Zahl ihrer Getreuen zu mehren.

Wohl waren Roms Missionare auch in früheren Jahrhunderten nicht untätig. Die ersten Christen Indiens soll der Apostel Thomas getauft haben, nachdem er 52 nach Christi Geburt in Südindien gelandet war. Im 16. und 17. Jahrhundert kamen Jesuiten und portugiesische Eroberer, den Katechismus von Bombay bis Kalkutta zu verbreiten. Als die Portugiesen 1961 von den Indern aus Goa vertrieben wurden, war die Stadt fast zur Hälfte katholisch.

Die Briten, durchweg mehr um Geschäfte als um Seelen bemüht, missionierten ebenfalls. Sie beschäftigten bekehrte Indo-Anglikaner gern als Dienstboten in ihren Häusern. Dem indischen Freiheitskampf hielten sich diese Konvertiten fern - mit der Folge, daß ihnen der Ruch anhaftete, zweifelhafte Patrioten zu sein. Viele von ihnen wechselten nach dem Abzug der Briten zum Katholizismus über.

Die Zahl der Katholiken hat sich in den letzten 30 Jahren mehr als verdoppelt, die der katholischen Priester- derzeit sind es etwa 11000 - gar verdreifacht. Die Katholiken haben sich in über 100 indischen Bistümern organisiert, über 1000 Missionare schwärmen im Dienste Roms durchs Land, hinzu kommen 50000 Ordensschwestern.

Protestanten wie Katholiken werben vor allem um die sozial Schwächsten der indischen Gesellschaft. Von den indischen Katholiken sind allein fünf Millionen

»Haridschan«, Kinder Gottes, wie Mahatma Gandhi die Parias euphemistisch nannte.

Die Unberührbaren, die aus dem Kasten-System der Hindus ausgeschlossen sind und ihr Leben mit Schmutzarbeiten wie dem Abdecken von Tierkadavern fristen müssen, sehen im Christentum einen Ausweg aus der Chancenlosigkeit. Das Christentum bietet ihnen - ähnlich wie der Islam, dem sie auch in Scharen zuströmen - Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Gleichheit vor Gott.

Die Hinwendung der Haridschan zu anderen Religionen läßt überzeugte Hindus jedoch ziemlich kalt. Was die Ausgestoßenen anstellen, berührt sie weniger als das Schicksal einer Eintagsfliege. Aufgebracht sind die Hindus vielmehr über die erfolgreiche Missionierung einer anderen Randgruppe, die sie gnädig in ihr Religionssystem einbezogen haben: die sogenannten Stammesvölker, Indiens Ureinwohner. Die siedelten, wie die Drawiden in Südindien, bereits auf dem Subkontinent, als Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends die Indo-Arier von Norden das Land eroberten.

Die »Wanawasi« oder »Adhiwasi« (Wald- oder Urbewohner), die heute an die 50 Millionen zählen, gehören verschiedenen ethnischen Gruppen an. In einigen Staaten des indischen Nordostens, in Nagaland, Misoram oder Meghalaja, machen sie bis zu 80 Prozent der Bevölkerung aus.

Im sogenannten tribal belt, dem Stämmegürtel, der sich quer durch Zentralindien vom Bundesstaat Gudscharat im Westen bis nach Westbengalen im Osten zieht, ist fast jeder vierte Inder ein Adhiwasi.

Ursprünglich huldigten sie animistischen Naturreligionen, doch die Hindus versuchten, die Stämme in ihr Religionssystem aufzunehmen, wo immer sie mit ihnen in Berührung kamen. Der Platz der Eingeborenen im Hindu-Kastensystem: weit unten.

Mit der Ausbeutung der waldreichen Stammesregionen hatten schon die britischen Kolonialherren die jahrtausendealte Autonomie und Selbstversorgung der Waldbewohner beendet. Die Engländer überführten die Waldgebiete in Staatseigentum und vergaben Besitztitel an Nicht-Adhiwasi. Holz wurde massenhaft gebraucht: für Eisenbahnschwellen und Waggons, für Stützpfeiler im Bergbau, für Häuser und Möbel im Kolonialstil. Es war der Auftakt eines Raubbaus, der bis heute anhält.

Ohne den Wald, ihre »Überlebensquelle«, wie der Südasien-Autor Uwe Hoering in seinem Buch »Indien ohne Gandhi« schreibt, waren die Waldbewohner Händlern, Grundstücksverkäufern und Geldverleihern ausgeliefert oder »gezwungen, in einem Zustand der Sklaverei« zu leben, als Tagelöhner in den Teeplantagen von Assam und Nordbengalen, in den Bergwerken von Bihar, beim Eisenbahn- und Straßenbau.

Schon in jenen Zeiten nahmen sich christliche Missionare der entwurzelten Stammesmenschen an. Die Sympathie ist geblieben, trotz etlicher Mühen der indischen Regierung, für die Waldbewohner

Parlamentssitze, Ausbildungs- und Arbeitsstätten zu reservieren sowie regionale Entwicklungspläne voranzutreiben.

Denn in ihrer Mehrheit gehören die Stammesangehörigen nach wie vor zu den Benachteiligten, und das machen sich die Botschafter Christi zunutze. Hinter den sporadisch aufflackernden, blutigen Aufständen und Rebellionen hinter dem Ruf nach Autonomie und Selbstverwaltung im Nordosten oder in Dschharkhand im Stämmegürtel sehen Hindus deshalb gern das verschwörerische Treiben der Christen. Ihr Glaube an »karma«, das selbstverursachte Schicksal, macht die Hindus immun gegen Mitleid und Barmherzigkeit. Von sozialer Fürsorge halten sie nichts, weil dies ein unerlaubter Eingriff in das Schicksal ist.

Die Abneigung gegen die Missionare wird durch den Papst-Besuch neu angefacht. Vor wenigen Wochen verlangte Indiens Ex-Premier Tscharan Singh alle 1990 in Indien tätigen Missionare auszuweisen.

Der von Hindus beherrschte Bundesstaat Madhja Pradesch verbietet in einem besonderen Religionsgesetz unter Androhung von Gefängnis- und Geldstrafen die Bekehrung von einem Glauben zum anderen »durch Anwendung von Gewalt, Verlockung oder mit betrügerischen Mitteln«. Mit solchen Paragraphen läßt sich in Wahrheit jedes Missionieren verbieten. Das Gesetz dient offenbar als Handhabe zur Ausweisung von zehn Missionaren.

Einer davon ist der belgische Pater Luc Verstraete. Der Katholik kam 1948 als 25jähriger nach Indien und hat sich fast ausschließlich der Stammesbevölkerung im Distrikt Surgudscha gewidmet.

Surgudscha und der benachbarte Distrikt Raigarh stehen ganz oben in der katholischen Erfolgsstatistik: Seit 1951 kletterte die Zahl der Bekehrten von rund 28000 auf 500000.

Pater Lucs Ausweisung, verfügt vom Polizei-Superintendenten der Distrikt-Hauptstadt Ambikapur, ist datiert vom 7. Juli vorigen Jahres. »Binnen 30 Tagen« sollte er das Land verlassen, bei Zuwiderhandlung droht ihm Deportation. Die unterblieb bisher, der Pater harrt aus, aber: »Es kann täglich passieren, daß sie kommen und mich rausschmeißen. Das schwebt über mir wie ein Damoklesschwert.«

Über die 38 Jahre seiner indischen Mission sagt er: »Ich habe den Ureinwohnern Lesen und Schreiben beigebracht. Sie sind meine Kinder, meine Brüder. Ich habe mit ihnen gelitten. Ich spreche ihre Sprache. Mein einziges Verbrechen ist, daß ich nicht in Indien geboren bin.«

Der Pater hat sie über die Methoden der Geldverleiher aufgeklärt, die den Waldbewohnern das Vieh wegtrieben wenn die ihre Schulden nicht bezahlen konnten. Er hat protestiert, als Regierungsabgesandte die Eingeborenen betrügen wollten, indem sie Quittungen für

Staatsdarlehen erpreßten, die nie in voller Höhe ausbezahlt wurden.

Als Fürsprecher und Lobbyist der derart Düpierten erwarb sich Missionar Verstraete nicht eben Freunde unter den Hindus im Verwaltungsapparat. Hindus und reiche Grundbesitzer, argwöhnt denn auch der Bischof von Ambikapur, Pascal Topno, steckten hinter dem Ausweisungsbeschluß.

Bischof Topno ist selbst ein Adhiwasi, er gehört zum großen Stamm der Munda. Den Vorwurf, die Katholiken bekehrten Andersgläubige mit unerlaubten Mitteln, weist er zurück: »Natürlich sind Stammesangehörige bekehrt worden, aber ohne Gewaltanwendung. Die Leute haben ihren Glauben freiwillig gewechselt, denn wir haben sie gelehrt, auf eigenen Füßen zu stehen.« Nur kann auch das aus orthodoxer Hindu-Sicht eine unzulässige »Verlockung« sein.

In der kleinen Stadt Ambikapur betreiben die Katholiken 29 Grundschulen, zwölf Mittelschulen, drei Oberschulen, je ein College für Jungen und Mädchen, ein Krankenhaus, 18 Medikamentendepots und etliche andere Hilfsstationen. Bischof Topno verbittert: »Bevor solche Menschen wie Pater Verstraete kamen, um mitten unter der Stammesbevölkerung zu arbeiten, haben sich nur wenige Inder überhaupt hierher getraut.«

Aus Madhja Pradesch verschwinden sollen auch die Protestanten Bernel Edwin Getter und dessen Frau Joan. Beide sind seit 1948 in Indien, ihre Ausweisungsverfügung kam im vergangenen September.

Die Getters, von Geburt Amerikaner, haben »zahllose« Ureinwohner zum Christentum bekehrt, »ohne Gewalt«, wie Edwin Getter betont: »Sie kamen freiwillig, denn wir gaben ihnen alles, was wir hatten.«

Zwei höhere Lehranstalten und eine Grundschule haben die Getters mit amerikanischen Spenden in dem kleinen Dörfchen Sur, 50 Kilometer von Ambikapur entfernt, aufgezogen. 400 Jungen und Mädchen leben und lernen in Getters Schulkomplex, Bedürftige bekommen freie Kost und Kleidung.

Edwin Getter unterweist Adhiwasi-Bauern in der Landwirtschaft, für junge Männer hat er eine Automechaniker-Lehrwerkstatt eingerichtet. Als Lehrmaterial dient ein alter Laster, der auch als Krankentransporter zum katholischen Hospital in Ambikapur eingesetzt wird.

Als sie nach Indien kamen, waren die Getters Twens, jetzt sind sie 59 und 60 Jahre alt und ziemlich ratlos: »Wo sollen wir denn hin? Indien ist unsere Heimat, die Ureinwohner sind unsere Familie.«

Als Fürsprecherin der zehn aus ihrem Bundesstaat ausgewiesenen Missionare agitiert die katholische Feministin Indira Ijengar, Präsidentin der Christlichen Vereinigung Madhja Pradeschs in Bhopal. »Wie töricht«, schimpft sie, »diese Leute möglicherweise ausgerechnet dann rauszuschmeißen, wenn der Papst kommt.« Sie hat einen Bittbrief an eine prominente Glaubensgenossin gerichtet - Sonia Gandhi, 38, Katholikin aus Italien und Ehefrau des Premierministers Radschiw Gandhi.

Der First Lady bleibt ein Loyalitätskonflikt nicht erspart. Auch militante Hindus appellieren an sie: »Sonia Gandhi - beschützen Sie keine anti-indischen Missionare. Es sind ausländische Agenten. Werfen Sie sie raus!«

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