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PRESSE / BIER-KÖNIGIN Feine Zunge

aus DER SPIEGEL 12/1971

Im Hamburger Hotel »Vierjahreszeiten«, bevorzugte Absteige für die Elite, vollzog Peter Boenisch, exquisiter Blatt-Macher für die Masse, eine seiner letzten Amtshandlungen als »Bild«-Chefredakteur -- er krönte ein bürgerliches Haupt.

Der Bremer Hausfrau Helma Ley, 29, wurde ein zackiger Kopfputz aufgestülpt und ein pelzverbrämter Mantel über die Schultern gelegt. Dann schickte Boenisch sie, wie »Bild« tags darauf dem Volk überlieferte, mit guten Worten in die Regentschaft: »Na, denn viel Spaß.«

Helma I. -- schwarzhaarig, braunäugig, Mutter einer zehnjährigen Tochter -- flog mit einer Sondermaschine, überwand kleinere Etappen mit Hubschraubern und ließ sich, so »Bild«, »in einem Salonwagen der Bundesbahn durch die Lande fahren, den schon Präsidenten und Königin Elisabeth II. von England bestiegen« hatten.

Wo immer sie Quartier nahm, erwiesen ihr Bund und Länder, Kommunen und Künstler ihre Reverenz.

In Hamburg wurde ein halbes Dutzend Schutzpolizisten zum Spalierstehen kommandiert, in der hanseatischen Staatsoper gab ihr der Pantomime Marcel Marceau eine Extra-Nummer. In Braunschweig wurde sie von Oberstadtdirektor Hans-Günther Weber (SPD) und von einer Blaskapelle der Bundeswehr ("Marsch der Medici") begrüßt, in Bremen ("Bild": »Da stimmen sogar die Bremer Stadtmusikanten ein Ständchen an") machte ihr Innensenator Franz Löbert (SPD), in Bonn am Mittwoch letzter Woche sogar Bundesverkehrsminister Georg Leber (SPD) den Hof.

All dieser Aufwand, für den auch Steuergroschen flossen, galt Helma, der »Bier-Königin« des Hamburger Groschenblattes. Und Helma diente nicht dem Volke, sondern den deutschen Brauern. Sie war die Beste ("Bild": »29 Jahre und schon eine solch feine Zunge") bei einem »Bier-Test«, den »Bild« ("König werden Sie dann, wenn Sie möglichst viele Biersorten voneinander unterscheiden können") in 16 Städten der Republik veranstaltet hatte. Daß sie über das von »Bild« strapazierte »starke Geschlecht« siegte, findet der Hauptgeschäftsführer Otto Meyer, 55, vom Deutschen Brauer-Bund »für uns sehr wünschenswert, denn wir bemühen uns, das Bier gesellschaftsfähig zu machen, und dazu gehört« daß mehr Frauen Bier trinken«.

Fast drei Monate berichtete »Bild« nahezu täglich über die bundesdeutschen Bier-Examen und animierte so unverhüllt zum Gerstensaft-Genuß. Die Hof-Berichterstatter der Bier-Zeitung registrierten die Sorgen der Braunschweiger Test-Frau Antje Al-Kanani ("Ich frage mich, ob es nicht die Liebeskraft schwächt") ebenso wie das Versagen des Test-Manns Albert Brandes aus dem niedersächsischen Bortfeld ("Wo war heute bloß meine Bierzunge?") -- und vergaßen dabei nie, auf die Brauereien zu verweisen.

Mehr als zwanzigmal wurden -- im Textteil des Springer-Blattes -- Gerstensaft-Fabriken beim Namen genannt. Der Brauer-Bund stiftete der Siegerin zum Dank denn auch einen goldenen Bier-Dukaten.

Die aus Steuermitteln bezahlten und Steuermittel verwaltenden Bundes- und Stadtoberen ficht es nicht an, daß sie »Bild« und Brauereien beim Schaumschlagen halfen. Bonns Verkehrsminister Leber etwa findet, so sein Referent Hans-Peter Colditz« »nichts dabei, wo doch die Bierkönigin den Zug benutzt und so unsere Anti-Promille-Aktion unterstützt«. Und Braunschweigs Stadtdirektor Weber will gar nicht gewußt haben, daß er für »Bild« agierte, denn »Bild« hatte ja in »geschickter Weise die Braunschweiger Brauereien vorgeschickt«.

Während sich Weber noch wundert, »daß die Lokal-Zeitungen nicht mit da waren«, freut sich Brauer-Boß Meyer bereits über den Erfolg des Werbe-Feldzuges: »Das hat uns eine Menge Publicity gebracht -- da sind wir sehr günstig zu einer PR-Maßnahme gekommen, für die wir wenig aufwenden mußten.«

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