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FELDLAZARETT / SORBONNE

Hans Kuno Kley, 30, Medizinalassistent an der Universitätsklinik Bonn, hielt sich während der Unruhen Im Quartier Lohn zu einer siebentägigen Studienreise in Paris auf Freiwillig meldete sich der Mediziner am Himmelfahrtstag bei einem Notlazarett in der Sorbonne, um Verletzten der Schlacht zwischen Demonstranten und Polizisten zu helfen. Darüber berichtet er dem SPIEGEL:
aus DER SPIEGEL 23/1968

Privatwagen, mit Filz- und Lippenstiften als Rote-Kreuz-Fahrzeuge gekennzeichnet, wiesen mir den Weg zum Hauptverbandplatz der Barrikadenkämpfer in der Sorbonne. Polizisten und Demonstranten machten den Studentenautos bereitwillig Platz.

Seit sieben Uhr abends wurden ununterbrochen Verletzte in einen engen Innenhof des Universitätsgebäudes an der Rue Saint-Jacques geschafft blut verklebt, gasgetränkt, hustend, halb bewußtlos.

Hier war in einer Baracke die Ambulanz eingerichtet. Systematisch hatten die Studenten nach den ersten Barrikadennächten die Sorbonne zum Feldlazarett ausgebaut: Fast hundert Notlager waren in einem Saal hinter dem Amphitheater aufgeschlagen. In der ehemaligen China-Bibliothek füllten säuberlich sortierte Medikamentenreserven die Regale, zwei gespendete Eisschränke kühlten Blutkonserven.

Ich ging in die Ambulanzbaracke, die aus zwei zehn Quadratmeter großen Räumen bestand. Fünf Ärzte und an die 20 Medizinstudenten versorgten die Verwundeten. Viele von ihnen hatten Platzwunden am Kopf.

Wir arbeiteten unter kriegsähnlichen Bedingungen: Die Instrumente konnten nicht richtig sterilisiert werden; wir kochten sie lediglich auf einem elektrischen Kocher aus.

Die Studentenhelfer -- die meisten waren Medizinerinnen arbeiteten wie ein gutirainiertes Team. Trotzdem mußten wir die Kopfwunden oft ohne Betäubung ausschneiden, säubern und vernähen, weil einfach die Zeit fehlte. Doch viele Verwundete waren von dein Schock so benommen, daß sie den Schmerz kaum spürten. Unsere Fragen beantworteten sie apathisch mit Ja und Nein

Die meisten der Hilfesuchenden litten unter Tränengas-Vergiftungen. Ihre Augen tränten, ihre Nasen tropften, da das Gas die Schleimhäute angreift und bei stärkerer Kozentration sogar ablöst. Das löst Erstickungsanfälle aus. Manche Patienten bäumten sich auf in ihrer Atemnot und mußten mit Sauerstoff beatmet werden.

Die Kleider der Gasopfer gaben noch derart viel Reizstoff frei, daß wir die ganze Nacht niesen und weinen mußten. Schlimm sah ein Student aus, dem eine explodierende Gaspatrone das Gesicht aufgerissen hatte. Ein Auge glich einem Blutklumpen; wir schickten ihn in die Augenklinik.

Waren die Patienten verarztet. konnten sie sich auf Luftmatratzen im Hof erholen. Andere wurden dort noch im Schein von Schreibtischlampen, die aus den umliegenden Fenstern hingen, mit Sauerstoff behandelt. Ich glaube, ohne Sauerstoff hätten mehrere Verletzte nicht überlebt.

Einige der Vergifteten mußten wir, bevor sie mit Sauerstoff versorgt werden konnten, erst aus mächtiger Vermummung befreien. mit der sie sich vor dem Gas hatten schützen wollen. Sie trugen enganliegende Schutzbrillen. Wachspfropfen in der Nase. nasse Taschentücher vor dem Mund und dicke Handschuhe -- um die Gaspatronen gegen die Polizei zurückzuschleudern.

Auch nach zehn Tagen des Chaos hielt die Solidarität der Pariser mit den Demonstranten noch: Ärzte brachten die ganze Nacht hindurch Medikamente, Verbandzeug und die so dringend benötigten Sauerstoff-Flaschen. Ein Arbeiter durchquerte ganz Paris -- mit einer Schachtel Aspirin. Bald stapelten sich die Arzneispenden einen Meter hoch. Anwohner und Taxifahrer gaben bei den Studenten-Wachen an den Sorbonne-Eingängen Brot, Wein und Schinken für die Lazarett-Insassen ab.

Erst gegen vier Uhr morgens war unsere Arbeit getan. In neun Stunden hatten wir mehr als 150 Verletzte versorgt, ein Drittel davon Mädchen. Die meisten Verwundeten konnten entlassen werden.

Ein knappes Dutzend etwa mußte zu stationärer Behandlung in der Sorbonne bleiben; zehn kompliziertere Fälle wurden in Kliniken transportiert, von denen sicher war daß sie die Namen der Patienten nicht an die Polizei weitergeben würden.

Kurz nach vier Uhr verließ ich die Sorbonne. Der Gestank schwelenden Abfalls vermischte sich mit den Tränengasschwaden, die noch immer in den Straßen hingen. Die Boulevards im Quartier Latin waren leer, aber von Polizisten abgeriegelt.

Als ich eine Polizeisperre passieren wollte, wurde ich gefragt, woher ich komme. Ich trug eine Armbinde mit dem roten Kreuz und dem Arztemblem, der gewundenen Schlange. Ich erklärte, ich sei Mediziner und hätte Verletzten geholfen. »Wo?« fragten die Polizisten.

Auf meine Antwort »in der Sorbonne« rissen sie mir die Armbinde ab und schlugen mich mit Knüppeln. Ich lief zur Sorbonne zurück.

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