Zur Ausgabe
Artikel 24 / 113
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SPRACHE Feldzug gegen den Bandwurm

Wissenschaftler der Universität Bochum wollen Behördenmitarbeitern das Amtsdeutsch austreiben.
Von Andrea Brandt
aus DER SPIEGEL 16/2007

Manchmal sind sogar die Sprachexperten der Universität Bochum zunächst ratlos. Ein Mann solle doch bitte seiner »gesteigerten Erwerbsobliegenheit« gegenüber seinem Kind nachkommen, lasen sie zum Beispiel in einem Behördenbrief aus Wolfsburg.

Hans-Rüdiger Fluck, 65, und seine Mitarbeiter vom Germanistischen Institut haben inzwischen herausgefunden, was die Formulierung bedeutet: Der angeschriebene Mann soll gefälligst den Unterhalt für sein Kind überweisen. In einer Neufassung des amtlichen Standardbriefs wird das nun säumigen Vätern in klaren, knappen Sätzen mitgeteilt.

Die Bochumer Sprachkenner haben sich zum Ziel gesetzt, was Generationen von

Autoren einschlägiger Sachbücher nicht schafften: Sie wollen das Amtsdeutsch republikweit ausrotten. Verquaste Formulierungen und Bandwurmsätze sollen aus Behördenbriefen verschwinden. Fluck bedient sich auf seinem Feldzug wider die »Wahllichtbildvorlagen« und »Rechtsbehelfsbelehrungen« moderner Technik. Über eine Datenbank bietet er Beispielbriefe für besseres Behördendeutsch an. Immerhin 17 Kommunen von Wolfsburg bis Witten haben sich bereits zu einem bundesweiten Netz zusammengeschlossen. Eine »Revolution von unten« zur Erneuerung der Verwaltungssprache sei da im Gange, schwärmt der Bochumer Stadtdirektor Gerd Kirchhoff.

Noch ist es wohl eher ein Revolutiönchen. 700 Kommunen hatte Flucks Projektleiterin Michaela Blaha angeschrieben. 100 antworteten gleich, ihnen fehle das Geld. Die kleine Truppe der Pioniere zahlt nun je nach Einwohnerzahl einmalig 1000 bis 12 000 Euro, um zunächst bis Mitte 2008 am »Internet-Dienst für eine moderne Amtssprache« (Idema) teilzunehmen.

Dafür dürfen sie nach Belieben krude Behördenbriefe, Bescheide und Info-Blätter einreichen. Von den Bochumern sollen sie dann verständlichere Fassungen zurückbekommen. »Es gibt nicht den typischen schrecklichen Behördenbrief«, so Blaha, »aber viele gruselige Formulierungen.«

Oft sind es nur einzelne Wörter, die den Unterschied machen. Statt »Oberflächenwasser« heißt es nun »Regen«, statt »Kindesmutter« einfach »Mutter«.

Einfacher, aber in der Sache korrekt sollen die neuen Sätze sein. 1500 misslungene Behördentexte haben die Forscher bislang eingesammelt, Verbesserungsvorschläge sind in Arbeit. Die Datenbank ist inzwischen mit den ersten 20 Vorher-nachher-Versionen gefüttert. Außerdem stehen in einem Online-Wörterbuch 120 Tabubegriffe. Anstelle von »Eignungsfeststellungsverfahren« wird etwa das Wort »Eignungstest« empfohlen.

Die Skepsis vieler Kommunen hofft Fluck ausräumen zu können. Langfristig werde sich seine Initiative auch bei klammen Gemeindekassen rechnen. Stadtväter, die sich an Idema beteiligen, bestätigen das. So glaubt der Bochumer Stadtdirektor Kirchhoff, dass seine Mitarbeiter nun Zeit sparen. Dank der einfacheren Behördenbriefe hätten die Bürger weniger Rückfragen. ANDREA BRANDT

* Mit der juristischen Beraterin Anne-Katrin Herbig (l.) in derBibliothek der Universität Bochum.

Zur Ausgabe
Artikel 24 / 113
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.