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DDR Ferner Gedanke

Mit der DDR kann nun per Durchwahl telephoniert werden. Aber der Fortschritt kommt teuer.
aus DER SPIEGEL 52/1977

Es scheint schon ein beachtlicher Ruck nach vorn zu sein in der Politik der kleinen Schritte. »Wer die Einführung des Selbstwählverkehrs in die DDR nüchtern betrachtet«, lobt der Fernmeldeingenieur Hartmut Gehrhoff aus dem Bundespostministerium, »muß zugeben, daß es sich da um eine große Verbesserung handelt.«

In der Tat nehmen sich die Fakten, späte Früchte einer Vereinbarung der Bundespost mit der Deutschen Post der DDR vom 30. September 1971, lichtvoll aus im grauen Ost-West-Einerlei: Von den insgesamt 1470 DDR-Ortsnetzen sind seit Mitte vergangener Woche 646 und damit 393 mehr als zuvor von West-Berlin aus per Durchwahl zu erreichen; 305 Ortsnetze .- in den Bereichen Leipzig, Magdeburg und Neubrandenburg -- können erstmals auch von der Bundesrepublik aus direkt angewählt werden.

Zudem wurden auch noch die Tarife, sagt die Bundespost, »gerechter": Während bislang im handvermittelten Dienst auch für ein Gespräch unter drei Minuten die volle Drei-Minuten-Gebühr bezahlt werden mußte und die darüber hinaus vertelephonierte Zeit jeweils auf volle Minuten aufgerundet wurde, gilt nun für den Durchwahl-Verkehr mit der DDR »der im Bundesgebiet übliche Inlandstarif für Selbstwählgespräche«. Danach kosten nun, »korrekter als bisher«, bei Entfernungen über 100 Kilometer jeweils zwölf Sekunden exakt 22,77 Pfennig.

Doch was so gerecht und korrekt und fortschrittlich erscheint, wird manchem Postkunden eher als deutschdeutsches Störmanöver vorkommen -- spätestens dann, wenn er die Telephonrechnung erhält. Denn der korrekte Inlandstarif kommt die Bundesbürger im Selbstwählverkehr mit der DDR je nach Entfernung bis zu 107 Prozent teurer zu stehen als der Tarif im handvermittelten Inlandsverkehr. Diesen »Hand«-Verkehr hatte die Bundespost seit 1964 unverändert niedrig gehalten, um die Telephon-Kontakte von West nach Ost nicht zu erschweren.

Nun aber verteuert sich beispielsweise ein Zehn-Minuten-Gespräch von München, Frankfurt oder Düsseldorf ins nordöstliche Neubrandenburg -- bislang 10,10 Mark und künftig 11,39 Mark -- immerhin schon um ~2,8 Prozent; ein Fünf-Minuten-Gespräch von Hamburg nach Magdeburg -- bislang 3,60 Mark und künftig 5,69 Mark -- um 58 Prozent; ein Fünf-Minuten-Gespräch von Braunschweig nach Magdeburg -- früher 2,20 Mark und künftig 4,55 Mark -- gar um 106,8 Prozent. Das geht für viele ins Geld, denn bei den 11,3 Millionen Telephonaten, die im vergangenen Jahr von Deutschland West nach Deutschland Ost geführt wurden, waren Gesprächszeiten bis zu einer Stunde keine Seltenheit. Und für manchen könnte deshalb künftig die Alternative lauten: entweder bei gleicher Gesprächszeit wie bisher einige hundert Mark jährlich mehr aufzubringen oder das Telephonieren nach drüben drastisch einzuschränken.

Daß es der politischen Lage wegen geboten sein könnte, die zwischenmenschlichen Telephonkontakte zwischen den Deutschlands mit politischen Preisen zu stützen, ist in Bonner Ministerien allem Anschein nach ein fernliegender Gedanke. Das Ministerium für innerdeutsche Beziehungen hält es sowieso nicht für seine Aufgabe, sich mit den westöstlichen Telephongebühren zu befassen, wie dessen Pressesprecher Gerhard Finn kundtat: »Da müssen Sie das Postministerium fragen.«

Und die Bonner Post-Beamten sehen die Sache staatsmännisch: »Gerade aus politischen Gründen« wurde dem Postler Gehrhoff zufolge »im Verkehr mit der DDR jetzt der bundesdeutsche Inlandstarif eingeführt« -- freilich ohne den verbilligten Nacht- und Wochenendtarif.

Ein preiswerter Ausweg, der den Postlern wohl nicht erwähnenswert erscheint, bleibt immerhin: Handvermittelte und mithin erheblich billigere Telephonate sind selbst mit jenen DDR-Bereichen weiterhin möglich, die jetzt für die Direktwahl ausersehen wurden.

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