Zur Ausgabe
Artikel 11 / 96

Festung ohne Ausgang

Am Khyber-Pass und an der langen Grenze zu Afghanistan sucht Pakistan den Ansturm Hunderttausender von Flüchtlingen zu verhindern.
Von Joachim Hoelzgen
aus DER SPIEGEL 39/2001

Wolken umspielen die kahlen Bergrücken am Khyber-Pass. Scheinbar endlos lange Serpentinen führen zum Grenzort Torkham hinunter, eine Art Wartesaal der Geschichte. Hier drängten sich Eroberer durch und geschlagene Armeen.

Torkham, eine Karawanserei der Lastwagen, Händler, Schmuggler und Reisenden, hat sich in eine Festung ohne Ausgang verwandelt: Niemand darf hier die Grenze passieren. Ein Eisentor trennt den pakistanischen Teil des Orts von der afghanischen Seite. Am Ende der Straße, neben dem Geheimdienst-Gebäude der Turbane, haben Taliban eine Schnellfeuerkanone aufgestellt.

Mit einer Art kindlicher Mitleidlosigkeit halten die Gotteskrieger so Flüchtlinge in Schach, die es nicht mehr über die Grenze geschafft haben und nun an einem Ort verwüsteter Empfindungen gefangen sind. Unheimliche Unberechenbarkeit umgibt den Khyber-Pass.

Und doch: Manchmal werden noch Lastwagen, bemalt mit den Farben psychedelischer Alpträume, nach Pakistan durchgelassen. Die Fahrer haben die Nacht auf Holzliegen neben den Trucks verbracht. Sie transportieren verderbliche Ware: Trauben und Tomaten in Kisten. Bei der Anfahrt am Berg jaulen die Motoren und übertönen den gespenstischen Sprechgesang, der über Hänge und Geröllfelder schallt. Irgendwo in einem Seitental fordert ein Mullah über die Lautsprecher einer Moschee zum Morgengebet auf.

Die pakistanischen Grenz-wächter der Khyber Rifles sind fast durchweg im Alter von Veteranen, jedenfalls spiegeln die Falten in ihren Gesichtern bittere Erfahrungen wider. Vom Plateau auf der Passhöhe blicken sie auf die bedrückend geschlossene Welt von Torkham hinab. Angst scheint ihre Gesichter noch mehr zu zermürben.

Aus Landi Kotal, dem Basar am Khyber-Pass, nähert sich ein Geländewagen. Auf dessen Pritsche kauern Männer, Kalaschnikows zwischen den Knien. Sie fordern dazu auf, an einer Demonstration teilzunehmen. »Wir werden die Raketen der Amerikaner zu Altmetall verarbeiten«, ruft einer von ihnen.

Yussuf, ein zwölfjähriger Junge, handelt lieber - mit Geldscheinen aus Afghanistan, die so gut wie wertlos sind. Einen kompletten Satz Afghani, die er fein säuberlich gefaltet hat, bietet er für 100 Rupien an. Yussuf gehört nicht zu denen hier, die aussehen, als hätten sie sich der apathischen Erstarrung am Pass ergeben.

In Peschawar rechnet der Gouverneur Iftikhar Hussain Shah mit dem Schlimmsten - mit nicht nur einer, sondern mit Wellen von fliehenden Afghanen. Zehntausende, ja Hunderttausende könnten in den nächsten Tagen an die Grenze kommen, hat er dem Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) mitgeteilt.

Aus Kabul und Jalalabad strömten Kolonnen von Menschen herbei - menschliches Schwemmgut, das Shah fürchtet. Es könnte »eine schwere Bedrohung für die Sicherheit, Integrität und den sozialen Frieden unseres Landes« sein, sagte er dem UNHCR-Vertreter Roy Hermann.

Den Gouverneur der pakistanischen North West Frontier Province drücken schwere Probleme. In Waziristan, in der Khyber Agency und in Malakand droht im Falle eines Kriegs der Umsturz. Viele Taliban stammen aus den wilden Gebirgsregionen der Paschtunen, und die unerbittlichen Gebote der Scharia werden in Teilen der Distrikte schon seit langem praktiziert. Selbst öffentliche Hinrichtungen wie in Afghanistan hat es hier schon gegeben.

Südlich des Khyber waren letzte Woche Tausende vom Stamm der Waziris aufmarschiert, ein Kontingent trug sogar Kommandouniformen. Im Hauptort Miram Shah wurde ein islamischer Gelehrter im Rang eines Maulana - gewissermaßen ein Mullah mit Promotion - mit Sprechchören gefeiert. Sieben Millionen Menschen in der Nordwestprovinz würden sich erheben, falls in Islamabad die Regierung Musharraf den USA beim Angriff auf Afghanistan behilflich sei, behauptete der Maulana.

Angesichts des Feuerwerks an Drohungen und Indoktrination fand ein Unfall kaum Beachtung, der sich nahe der Stadt Tank im Norden von Waziristan abspielte: Acht Angehörige einer afghanischen Flüchtlingsfamilie kamen ums Leben, als eine Stromleitung auf sie herabfiel. Für die pakistanischen Zeitungen nur eine kurze Notiz.

Die Streitkräfte des Landes mit dem weißen Halbmond auf der grünweißen Fahne schlossen unterdessen eine Sicherheitslücke an der Grenze - mit der Fertigstellung eines Großradars im Distrikt Dir, unweit des Hindukusch-Giganten Tirich Mir (7690 Meter). Das Rüstungsprojekt war 1987 begonnen worden, nachdem während des Afghanistan-Kriegs Dörfer in der Gegend von russischen Kampfflugzeugen angegriffen und zerstört wurden. Nun soll man von dem Berg, auf dem die Radarstation errichtet wurde, den Luftraum im Norden Afghanistans bis hinab zum Khyber überwachen können.

Jenseits der Grenze wächst die Not. Knapp eine Million Menschen irren schon seit langem wegen der Dürre und des Bürgerkriegs im Land umher, das World Food Programme (WFP) der Uno richtet sich aber auf 1,5 Millionen neue Kriegsflüchtlinge ein. Doch die Weizenlieferungen - 90 Prozent stammten bisher aus den USA - sind nun unterbrochen. Der Weizen wurde bisher aus dem Hafen von Karatschi an die Grenze und dann nach Afghanistan gebracht.

Doch auch die Verteiler, das WFP selbst oder etwa die Deutsche Welthungerhilfe, fallen nun aus - die zurückgebliebenen afghanischen Helfer sind hilflos. Und die pakistanischen Fuhrunternehmer fürchten, bei einem Einsatz jenseits der Grenze die Lastwagen an die Taliban oder unter dem amerikanischen Bombardement zu verlieren.

Viele Menschen wird gar keine Hilfe erreichen. Sie können die Städte und Dörfer nicht mehr verlassen, weil sie zu schwach sind, um sich wenigstens auf die Suche nach essbarem Wintersaatgut zu machen. Die Vorräte des WFP reichen nur noch knapp drei Wochen - eine Frist, die womöglich eine Apokalypse des Hungers bedeutet.

Im Niemandsland der Wüstenprovinz Belutschistan ist die Flucht noch möglich - falls es den Menschen gelingt, im Grenzgebäude des afghanischen Fleckens Spin Boldak ein Visum zu erhalten. Leicht war das schon im Frieden nicht. Auf dem Holztisch des Taliban-Postens stehen als Brief- und Dokumentenbeschwerer Flakgranaten, an der Wand hängen Fotos der Gegner: amerikanische Jagdbomber vom Typ F-15E. Fast alle Afghanen, die es bis hierher geschafft haben, sind aus der Taliban-Zentrale Kandahar geflüchtet. Die Stadt der Holzschuppen und Granatäpfel-Märkte gleiche einer Geisterstadt, heißt es. JOACHIM HOELZGEN

Zur Ausgabe
Artikel 11 / 96
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.