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GROSSBRITANNIEN Fette Beute

Nördlich der Falklandinseln wird nach Erdöl gebohrt - das weckt neue Begehrlichkeiten der Argentinier und schürt die Ängste der Insulaner.
aus DER SPIEGEL 25/1998

Das letzte, was die Falkländer von den Argentiniern vernahmen, war ein unsittliches Angebot: Bis zu einer Million Pfund, bar auf den Tisch, versprach Staatspräsident Carlos Menem 1994 jedem Inselbewohner, falls die Bevölkerung sich bereit erkläre, auf ihre britische Staatsbürgerschaft zu verzichten und ihre sturmumtoste Felsenheimat als argentinische Islas Malvinas in alle Atlanten eintragen zu lassen. Die Offerte hatte damals bei den Insulanern wahre Emotionsausbrüche hervorgerufen: Herr Menem möge sich das Geld bitte schön dahin stopfen, wo die Sonne nicht reinscheint. Man sei und man bleibe britisch, die wichtigste Straße in der Hauptstadt Port Stanley heiße nicht umsonst »Margaret Thatcher Drive«.

Die Eiserne Lady hatte nach der argentinischen Invasion 1982 das Leben von 255 britischen und (mindestens) 746 argentinischen Soldaten geopfert, um die Falklands für die Krone zu retten. Außerdem das Leben von drei einheimischen Frauen, die durch eine fehlgeleitete Granate aus den eigenen Reihen getötet wurden.

Die Abfuhr, die die rund 2500 Falkländer, Herren über 750 000 Schafe, Carlos Menem erteilten, war nicht nur angemessen patriotisch, sie war auch wirtschaftlich richtig. Denn die erdverbundenen Insulaner können auf ungleich fettere Beute hoffen: theoretisch 16 Millionen Pfund Sterling für jeden - Mann, Frau und Kind.

Soviel käme zusammen, wenn die Ölfelder im Norden der Inselgruppe wirklich etwa 100 Milliarden Pfund abwerfen, wie Analysten in der Londoner City schätzen. 40 Prozent aller Erlöse flössen dann als Lizenzgebühren und Steuern an die Falkländer zurück. Die Regierung in London, die sich vom Nordsee-Öl insgesamt 150 Milliarden Pfund gesichert hat (was vor allem die Schotten beklagen), versichert: »Alle Öleinkünfte gehören den Falkländern.«

Es könnte schon bald soweit sein. Am 5. Februar nahmen Schlepper die Bohrinsel »Borgny Dolphin« im schottischen Hafen Aberdeen an die Trossen und brachten sie in den Südatlantik. Insgesamt 14 Firmen, darunter Multis wie Shell, Fina und Amerada Hess, haben sich nördlich der Falklands Explorationsrechte gesichert. Kleinere Unternehmen erlebten einen Anstieg ihrer Aktienkurse nach Beginn der Bohrungen - Desire Petroleum beispielsweise, dessen Vizechef der einstige Falkland-Gouverneur Rex Hunt ist. Hunt hatte, bevor er sich der Übermacht beugen mußte, den Invasoren am 2. April 1982 entgegengeschmettert: »Dies ist britischer Besitz. Wir haben Sie nicht eingeladen und wollen Sie hier nicht sehen.«

Eigentlich könnten die Falkländer auch ohne den reichen Ölsegen zufrieden sein. Ihr Leben hat sich seit dem Krieg deutlich verbessert. Eine neue Verfassung hat ihnen demokratischere Verhältnisse und eine weitgehende Selbstverwaltung beschert; eine Bodenreform schuf die Voraussetzungen, ortsfremde Großgrundbesitzer, vor allem die Londoner Falkland Island Company und ihre Aktionäre, zu enteignen und das Land unter die Einheimischen aufzuteilen.

Frau Thatchers anachronistischer Kolonialkrieg hat den Falkländern einen richtigen Wohlfahrtsstaat hinterlassen. Neue Straßen verbinden auch entlegene Gehöfte mit der Hauptstadt. Gesundheitsversorgung, selbstverständlich kostenlos, und die neue Schule sind vom Feinsten; die Hälfte der Bevölkerung arbeitet in der Verwaltung, und alle Bewohner haben unter bestimmten Bedingungen Anspruch auf kostenlose Auslandsreisen.

Kein Wunder, daß bei Andrew Gurr, dem Verwaltungschef der Inseln, aus allen Ecken des Königreichs Anfragen nach den Bedingungen für Neusiedler eintreffen. Gurrs Standardantwort: Sicher, jeder müsse allerdings den Nachweis erbringen, über ein eigenes Haus auf den Falklands zu verfügen. Nur, derzeit steht nichts zum Verkauf.

Der Ölboom könnte neue Bedingungen schaffen. Wenn sowohl die Produktion als auch die Verschiffung des Öls weit draußen vor den Inseln abgewickelt werden könnten, müßten die Falkländer mit nur 20 neuen Familien rechnen. Sollten sie sich aber entscheiden, auch noch eine eigene Raffinerie auf der Insel einzurichten, müßten sie bis zu 500 Neuzugänge hinnehmen.

Das paßt den Falkländern gar nicht, denn schon der bisherige Reichtum hat etwas mitgebracht, was vor dem Krieg unbekannt war: Kriminalität. Alle paar Wochen verschwindet einer ihrer 874 geländegängigen Rover, den sich dann für gewöhnlich ein britischer Soldat für ein paar Tage »ausgeliehen« hat. Die Wochenendprügeleien im Upland-Goose-Hotel haben ebenfalls zugenommen.

Zudem fürchten die »Kelpers«, wie sie sich selbst nennen, nicht nur einen unschicklich hohen Lebensstandard mit unbritischer Verweichlichung, sondern auch neue Aggressionsgelüste bei den Nachbarn.

Ende vorigen Monats hat im Parlament von Buenos Aires das Abstimmungsverfahren für ein Gesetz begonnen, das den Ölfirmen vorschreibt, Abgaben in Höhe von drei Prozent auf die Erlöse für alles im Gebiet der Falklands geförderte Öl zu entrichten. Andernfalls müßten sie mit Sanktionen im Argentinien-Geschäft rechnen.

Mit Skepsis sehen die Falkländer dem November entgegen, wenn erstmals seit dem Krieg ein argentinischer Präsident zum Staatsbesuch nach London reist. Sie fürchten eine Einigung auf ihre Kosten.

Für das vergangene Wochenende war auf der britischen Luftwaffenbasis Aldershot das erste große Treffen von Falkland-Veteranen geplant - komplett mit Auftritt der Falkland-Siegerin Thatcher und der Enthüllung eines Mahnmals für die Kriegstoten.

Von sich aus haben sie deshalb schon mal versprochen, die 70 Millionen Pfund zu erstatten, die die Verteidigung der Inseln die britischen Steuerzahler jährlich kostet - vorausgesetzt natürlich, daß das viele Öl auch wirklich fließt.

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Lage der Ölfelder vor den Falkland-Inseln

[GrafiktextEnde]

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Lage der Ölfelder vor den Falkland-Inseln

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