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Südafrika Fette Jahre

Am Kap sind die Kommunisten auf dem Vormarsch - weil Apartheid und Kapitalismus für viele Schwarze identisch sind.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Rote Socken kennzeichnen den Mann. »Auch wenn ich für den ANC am Verhandlungstisch sitze«, gestand Anwalt Joe Slovo, 64, und lüpfte dabei das Hosenbein, »so bleibe ich dennoch Kommunist.« Genau das hatten viele weiße und wohl auch etliche schwarze Südafrikaner befürchtet.

Jahrzehntelang hatte die amtliche Propaganda ihnen eingebleut, daß die schwarze Revolte gegen die Apartheid von Moskau ferngesteuert werde. Jetzt fühlen sie sich in ihrer Angst vor der »rooi gevaar« bestätigt. Denn Slovo, Generalsekretär der Südafrikanischen Kommunistischen Partei, ist zugleich der einflußreichste Weiße im Exekutivrat der schwarzen Befreiungsbewegung African National Congress (ANC). Von 22 führenden Kommunisten sitzen 8 auch im höchsten, 36köpfigen Gremium des ANC.

Der an politischen Anachronismen nicht gerade arme Apartheidsstaat macht wieder Schlagzeilen, diesmal als Bollwerk des Kommunismus. Verblüfft registrierte die Johannesburger Sunday Times, Südafrika sei »das einzige Land der Welt, wo die roten Fahnen mit Stolz hochgehalten werden«.

Denn während der Kommunismus in der Sowjetunion auf dem Rückzug ist, breitet er sich am Kap gerade erst aus. Slovo ist die rechte Hand des ANC-Altmeisters Nelson Mandela. Bei der ersten Verhandlungsrunde mit der Regierung Anfang Mai saß er neben ihm. Nach einem »freundlichen Gespräch« zwischen dem Buren-Präsidenten Frederik Willem de Klerk und Mandela am letzten Mittwoch war klar, daß Slovo auch bei der zweiten Runde am Montag dieser Woche wieder dabei ist. De Klerk bestand nicht länger auf seiner Forderung, der ANC müsse den KP-Chef aus der Delegation entfernen.

»Die Kommunisten sind unsere ältesten und treuesten Verbündeten«, so verteidigte Mandela sie gegen eine Verleumdungskampagne der Sicherheitskräfte. Wenige Tage vor der ersten legalen Großveranstaltung der KP am vorletzten Sonntag in Soweto deckte die Polizei - kaum zufällig - einen »Putschplan« auf. Sicherheitsbeamte, seit Jahrzehnten für die Jagd auf vermeintliche und tatsächliche Kommunisten gedrillt, beschlagnahmten einige tausend Computerseiten.

Sie entdeckten geheime Waffenlager, verhafteten mehr als 40 Aktivisten, darunter den ANC-Funktionär und Kommunisten Mac Maharaj, der zwölf Jahre auf der Gefängnisinsel Robben Island gesessen hatte.

Die Staatssicherheit mußte später zugeben, daß sie ihre Vorwürfe nicht aufrechterhalten konnte. Die Affäre gab dem Soweto-Treffen den richtigen Schwung. Fast 50 000 Menschen aus allen vier Provinzen des Kap-Staats strömten ins größte südafrikanische Fußballstadion und feierten nach 40 Jahren Illegalität die Wiederauferstehung der KP.

Die Popularität der Roten in Südafrika hat historische Gründe. Die Allianz mit dem ANC, aber auch die Sturheit der Apartheidsherrscher trugen dazu bei, »daß die Leute für gut halten, was vom Regime verteufelt wurde«, so KP-Sprecher Jeremy Cronin. Außerdem sei in Südafrika, anders als in Europa, »nicht der Kommunismus, sondern der Kapitalismus in der Krise - weil er für die Schwarzen identisch mit der Apartheid ist«.

»Fette Jahre« prophezeit Slovo seiner Partei. »Nur weil es falsch benutzt wurde«, so seine Entschuldigung für den Stalinismus, »ist nicht gleich das ganze Werkzeug schlecht.«

Slovo kam als Neunjähriger mit seinen Eltern aus Litauen nach Johannesburg. Daß er Jude ist, machte ihn bei den burisch-nationalistischen Herrschern erst recht suspekt. Der Anwalt, der im Zweiten Weltkrieg auf seiten der Engländer gegen die Hitler-Armee gekämpf hatte, wurde als Verteidiger in politischen Prozessen bekannt.

1949 heiratete er Ruth First, Tochter des KP-Schatzmeisters. Schon in den frühen fünfziger Jahren gehörte das Paar zu den führenden Köpfen im ANC und in der ab 1950 verbotenen Kommunistischen Partei. Nach dem Verbot auch des ANC 1960 ging Slovo in den Untergrund und baute zusammen mit Nelson Mandela den militärischen Flügel des ANC auf, dessen Stabschef er zwei Jahrzehnte lang war.

Slovos älteste Tocher Shawn hat die Geschichte ihrer Kindheit in dem Anti-Apartheid-Film »Zwei Welten« beschrieben: die Flucht des Vaters ins Ausland, die Verhaftung der Mutter, den Haß der weißen Gesellschaft, der auch die Töchter traf. Die Mutter wurde 1982 in Mosambik von einer aus Südafrika abgeschickten Briefbombe getötet.

Der Auftritt des »Genossen Joe« schockierte die meisten weißen Südafrikaner weitaus mehr als etwa Mandelas Freilassung im Februar. Tief sitzt die Furcht vor dem Mann, der jahrelang als Drahtzieher der Terroranschläge des militärischen ANC-Flügels galt.

Mit Witz und propagandistischem Schliff beeindruckte Slovo unlängst etwa 50 000 Hörer der Johannesburger Radiostation 702. In einer Zwei-Stunden-Sendung beantwortete er Fragen, etwa nach Religionsfreiheit ("Ja, natürlich") und einer gesicherten Zukunft der Weißen ("Kein Problem").

Der KP-Chef, der einst die sowjetische Invasion in Prag als »brüderliche Hilfe« gelobt hatte, spricht nur noch von »demokratischem Sozialismus«.

Eine rasche Ausbreitung des Sozialismus im Kap-Staat könnte allerdings an leeren Kassen scheitern. Außer einer 5000-Dollar-Spende der Kommunistischen Partei Österreichs bekamen die südafrikanischen Genossen bislang keine Unterstützung.

Die ehemaligen Ostblock-Gönner sind derweil mit Südafrikas Kapitalisten ins Geschäft gekommen: Für eine Milliarde Dollar Darlehen der Industriellendynastie De Beers übertrugen die Sowjets vorletzte Woche dem Diamantenkartell den Verkauf aller Diamanten in den nächsten fünf Jahren. Geschätzter Wert des Deals: fünf Milliarden US-Dollar. o

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