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Feuer im Blech

Kruppstahl, Flüssiggas und eine Lastwagen-Eskorte sichern das erste olympische Zeremoniell der XX. Spiele-den 1936 eingeführten Fackellauf von Alt-Olympia zum Schauplatz von 1972.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Mit den Münchner Spielen wird's ernst. Am letzten Wochenende ging Marathonläufer Hans-Werner von der Planitz, 70, auf dem Oberwiesenfeld an den Start.

Eine Strecke von 5538 Kilometern vor sich und ausgerüstet mit einem 200-Liter-Kühlschrank, einem Medikamentenköfferchen mit Kreislaufmitteln sowie zwei Signallampen der Deutschen Bundesbahn, will der betagte Athlet vor allem darauf achten, daß ihm »auf keinen Fall das Feuer ausgeht«.

Der Edelmann bewacht im Auftrag des Organisationskomitees (OK) das olympische Feuer. das während der nächsten Wochen von 5976 Sportlern im Dauerlauf -- jeder etwa 1000 Meter -vom antiken Olympia nach München weitergereicht wird.

Der ehemalige Langstreckler selber -- Zweitbester bei den deutschen Mannschaftsmeisterschaften 1934 in Köln -- bewältigt freilich die Griechenland-Exkursion nicht per pedes, sondern per Mercedes: Zwei Lastwagen mit 15 Mann Besatzung -- die zur Abkühlung auch in zwei vollklimatisierte Sechszylinder-Limousinen vom Typ Opel -- Diplomat umsteigen können -- werden 29 Tage und sieben Stunden den Fackelträgern auf den Fersen bleiben.

Die ersten 1000 Meter gehörten dem griechischen Sprintmeister Vassilios Papageorgopoulos. der -- am Freitag letzter Woche -- auf einem von Archäologen erst in den letzten Jahren freigeschaufelten marmornen Rillenbrett der antiken Olympia-Arena startete. Danach folgt der buntbemalte Olympia-Konvoi feuertragenden balkanesischen Hirtenknaben und mitteleuropäischen Jungathleten, ungarischen Reitern und bulgarischen Motorradfahrern » aber auch querschnittgelähmten Versehrtensportlern vom Rehabilitierungszentrum im oberbayrischen Murnau, die die Flamme auf Wunsch ihres Chefarztes je fünfhundert Meter weit im Rollstuhl befördern dürfen. Planitz: »Da müssen wir sehr aufpassen.«

Die acht Fahrer sind denn auch sorgfältig getestet und sogar zahnärztlich untersucht worden. Auf der strapaziösen Landpartie (Planitz: »Besonders öde ist es westlich des Olymp, da gibt es wildernde Hunde") darf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von zwölf Kilometern pro Stunde nicht überschritten werden. Bei Pannen an Autos, Kühlschrank oder Fackeln stehen vier graduierte Ingenieure bereit.

Über das wichtigste Reise-Requisit wacht der Reise-Leiter selber. In den mitgeführten Bundesbahn-Signallampen brennt original das »Olympische Feuer«, das »vor dem Tempel der Hera mittels eines silberbeschichteten Hohlspiegeis in einer der Allgemeinheit nicht zugänglichen Feier« (Olympisches Komitee) entzündet wird -- so wie es 1936 der Olympia-Organisator Carl Diem ("Sport ist der Büchsenspanner des Soldaten") vorschrieb.

Denn wie 1936, als Deutschlands Griechenland-Gesandter Pistor in Alt-Olympia politisch wurde ("Du Feuer nimm Deinen Lauf und grüße ... auch meinen Führer und sein ganzes deutsches Volk") führt auch 1972 der Olympia-Fackelzug wieder ausschließlich übers Land -- auf Umwegen über die Türkei und gelegentlich auch mal vor und zurück.

Und wenn -- ob am Bosporus oder am Brenner -- mal einem der Läufer die Flüssiggas-Flamme in der Kruppstahl-Fackel erlischt, dann kann der Diem-Verehrer von der Planitz ("Ich habe noch das alte olympische Ideal") neues Feuer reichen. Die Dauer-Brenner von der Bahn sollen jedenfalls mindestens sechs Wochen durchhalten und alle etwaigen Feuerpausen überbrücken helfen. Planitz zuversichtlich: »Das wird doch wohl bis München reichen.«

Es muß -- denn auf dem Münchner Königsplatz erwartet OK-Präsident Willi Daume am 25. August pünktlich um 19 Uhr den letzten der Langläufer. den ehemaligen deutschen Langstrecken-Meister Hermann Eberlein, um die griechische Flamme »in einer von musikalischen und folkloristischen Darbietungen umrahmten Veranstaltung« zu begrüßen.

Den Namen des allerletzten Läufers, der das Feuer anderntags, nach einer »Nachtruhe« auf dem Münchner Landtagsgebäude, zur Eröffnungsfeier ins Olympiastadion bringt, behält Willi Daume bis kurz vor dem Ereignis noch für sich. Der Geheimnisvolle -- soviel steht fest -- wird auf einem Stahlrohrgestell an der Osttribüne feierlich 21 blecherne »Brenntöpfe« entfachen -- das olympische Feuer.

»Ich dachte immer, dies sei dann das Ende«, so OK-Generalsekretär Herbert Kunze über das geheimnisvolle Feuer-Werk, »aber originellerweise laufen die ja noch weiter nach Kiel« -- mit neuen Gefahren: In Kassel wird die Flamme ein Stück auf der Fulda gerudert.

Planitz: »Hoffentlich fällt die da nicht ins Wasser.«

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* Im Begleitbus; links OK-Präsident Willi Daurne, rechts hinten Hans-Werner von der Planitz

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