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Südafrika Feuer ohne Warnung

Mit Massenaktionen nach DDR-Vorbild setzt Mandelas ANC die Regierung unter Druck.
aus DER SPIEGEL 38/1992

Ein Massaker trieb sie auseinander, ein Massaker bringt sie wieder zusammen. Südafrikas große politische Rivalen, Präsident Frederik Willem de Klerk und Schwarzenführer Nelson Mandela, wollen sich wieder an einen Tisch setzen.

Die Ermordung von 48 ANC-Anhängern im Ghetto Boipatong bei Johannesburg hatte im Juni zum Abbruch der Verhandlungen zwischen der Regierung und dem African National Congress (ANC) geführt. Die Gespräche sollen nun aber angesichts der 25 Toten und 200 Verletzten des Blutbads von Bisho im Homeland Ciskei, dem schwarzen Kunststaat, wiederaufgenommen werden.

»Wenigstens ein positiver Effekt«, urteilt die Schwarzen-Zeitung Sowetan. ANC-Vorstandsmitglied Mac Maharaj bedauert: »Das ist die Tragödie dieses Landes; die Regierung bewegt sich nur, wenn es einen riesigen Aufschrei und große Aktionen der Bevölkerung gibt.«

Seit dem Zusammenbruch der Verfassungsverhandlungen übte der ANC im Gespann mit dem Gewerkschaftsverband Cosatu und der Kommunistischen Partei mit anderen Hebeln Druck auf _(* Beim Marsch auf Bisho am Montag ) _(vergangener Woche. ) die Regierung aus. Inspiriert vom Fall der kommunistischen Staaten in Europa, will er das weiße Minderheitsregime durch »Massenaktionen« erschüttern; ANC-Radikale glauben gar, daß die »Leipzig-Option« die Regierung stürzen könnte.

Doch das ist wohl eine revolutionäre Fehleinschätzung: De Klerk ist zwar zu schwach, um effektiv zu regieren. Aber noch ist er zu stark, um zu fallen.

Zudem verliefen die Massenaktionen unterschiedlich: Anfang August marschierten 50 000 ANC-Anhänger zum Regierungssitz in Pretoria - eine eindrucksvolle Schau kontrollierter Stärke, bei der nicht eine Fensterscheibe zu Bruch ging. Zum Schluß der Kundgebung schüttelte Mandela dem verantwortlichen Polizeigeneral die Hand.

Am Montag vergangener Woche aber war der Konflikt kalkuliert: ANC-Organisatoren verkündeten von vornherein, sie wollten eine Gerichtsentscheidung mißachten und bis in die Ciskei-Hauptstadt Bisho marschieren. Die unerfahrenen schwarzen Truppen des Homelands feuerten ohne Vorwarnung in die Menge, die dem Aufruf des ANC zum Protest gegen den Diktator Oupa Gqozo gefolgt war.

Der Marsch auf Bisho lenkt die Aufmerksamkeit auf Südafrikas zehn Homelands, »Heimatländer« in meist kargen und rohstoffarmen Gebieten, in die nach burischem Rassentrennungsdogma 15 Millionen schwarze Südafrikaner auf etwa 14 Prozent des Territoriums abgeschoben werden sollten. Vier schwarze Staaten, allein von der Regierung in Pretoria anerkannt und ausgehalten - Transkei, Bophuthatswana, Venda und Ciskei -, wurden zwischen 1976 und 1981 »unabhängig«. Sechs weitere, darunter das bevölkerungsstarke Kwazulu, wurden von den weißen Südafrikanern zu semi-autonomen Gebieten innerhalb ihrer Republik erklärt.

40 Prozent des südafrikanischen Staatsbudgets schluckten die wirtschaftlich nicht lebensfähigen Geisterstaaten. Seit de Klerk die Apartheidsdoktrin widerrief, haben die Homelands der Wiedereingliederung in die Republik zugestimmt. Doch im Einklang mit ihren weißen Befehlsgebern befürworten die meisten Homeland-Führer einen dezentralisierten Bundesstaat, in dem sie als Regionalregime überleben könnten.

Der ANC vermutet hinter solchen Plänen einen Trick: Föderale Mechanismen sollen sicherstellen, daß eine Zentralregierung - etwa vom ANC - in ihrer Macht beschränkt bleibt.

Tatsächlich sucht Präsident de Klerks Nationale Partei Verbündete bei den anderen Bevölkerungsgruppen - den sogenannten Farbigen, den Südafrikanern indischer Herkunft, und vor allem bei all den Schwarzen, die in Opposition zum ANC stehen wie der Ciskei-Diktator Gqozo.

In dessen 800 000-Einwohner-Land flammten Ende voriger Woche blutige Unruhen auf. Truppen durchkämmten Siedlungen auf der Suche nach Teilnehmern am ANC-Marsch und schlugen Verdächtige brutal zusammen. Jugendliche rächten sich und brannten Häuser von Angehörigen der Sicherheitskräfte nieder.

Der weiße Geschäftsmann John Hall, der als Mitglied von Südafrikas überparteilichem Friedensrat versucht hatte, das Blutbad von Bisho zu verhindern, resigniert: »Wenn das ein Vorgeschmack auf kommende Ereignisse war, dann helfe uns Gott.«

* Beim Marsch auf Bisho am Montag vergangener Woche.

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