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AUSCHWITZ-PROZESS Feuerstelle 2

aus DER SPIEGEL 6/1964

Die Angeklagten erinnerten sich: Sie waren edel, hilfreich und gut. Sie bauten Spielplätze für Zigeunerkinder, beschafften Geflügel für KZ-Häftlinge und trieben Gymnastik mit den Lagerinsassen. Für sie waren Juden auch Menschen.

Und »der ganze Ton«, in dem sich die »alten Totenkopfstandartenleute« des Konzentrationslagers Auschwitz unterhielten, behagte dem ehemaligen SS -Hauptsturmführer Robert Mulka gar nicht. Von Hinrichtungen hatte er »nichts gesehen, nichts gemeldet, nichts befohlen«. Er erlitt einen Schock, weil »die Häftlinge in gestreiften Kleidern herumliefen«.

Heute trägt der Exportkaufmann Robert Mulka, 68, selbst gestreifte Kleidung: Im Stresemann erscheint er vor Gericht.

Zusammen mit 21 weiteren Angeklagten, der dritten Garnitur des NS-Vernichtungspersonals von Auschwitz, hat er sich wegen Mordes und Beihilfe zum Mord »in einer unbestimmten Vielzahl von Fällen« zu verantworten (SPIEGEL 51/1963).

Kein Gerichtssaal in Frankfurt war groß genug, Richter, Ersatzrichter, Angeklagte, Verteidiger, Staatsanwälte, Nebenkläger, Journalisten und Zuhörer aufzunehmen. So findet der Prozeß in Frankfurts guter Stube statt, im großen Saal des Römers.

Was sich in 13 Verhandlungstagen - während der Vernehmungen zur Person und zur Sache - abgespielt hat, faßte der Landgerichtsdirektor Hans Hofmeyer so zusammen: »Sie haben nichts gesehen, nichts gehört und nichts gewußt.«

Mulka über die Vergasungen: Ich habe selber nie eine Gaskammer betreten noch habe Ich Irgend etwas damit zu tun gehabt« Über die Unterbringung der Häftlinge: »Ich habe darüber keine Klagen bekommen.« Ober Vernichtungslager: »Ein Umerziehungslager, so etwas gibt es ja - Staatsfeinde.«

Der Vorsitzende: »Galgen, Sie werden doch wissen, was Galgen sind?« Mulka versteht nicht, weder »akustisch noch inhaltlich«. Was er, Mulka, denn in Auschwitz gemacht habe? - »Truppenbetreuung« mit allwöchentlichen Konzerten und Schauspielen; sonntags gab die »vorzügliche Lagerkapelle« Platzkonzerte.

Noch ahnungsloser als Mulka tritt sein Nachfolger als Adjutant des Lagerkommandanten, Karl Höcker, 52, auf. Er hatte geglaubt, »daß Häftlinge in Auschwitz grundsätzlich nicht getötet worden sind«.

Als der Vorsitzende einwendet, der Angeklagte sei doch die rechte Hand des - inzwischen verstorbenen - Auschwitz-Kommandanten Richard Baer gewesen, sagt Höcker: »Nur fiktiv.« Denn: Er habe als Kompaniechef »nur auf dem Papier« gestanden.

Seinen Bekundungen zufolge hat Höcker keine Fernschreiben gelesen, nichts befohlen, nichts unterschrieben, keine Akten abgelegt. Der Vorsitzende: Ich muß schon sagen, Ihre Kommandanten waren sehr fleißig, die waren sehr rücksichtsvoll ihren Adjutanten gegenüber.« Höcker: »Jawohl.«

Alle Kommandanten von Auschwitz sind tot.

Der ehemalige SS-Hauptsturmführer und Schutzhaftlagerführer Franz Hofmann, 57, Ist bereits in einem früheren Verfahren wegen Mordes in zwei Fällen, begangen im Konzentrationslager Dachau, zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt worden. »Herr Vorsitzender«; sagt er, »darf ich zeigen, wo ich den Kinderspielplatz einrichtete, mit Sand für die Kleinen zum Spielen?"'

Hofmann darf. »Können Sie folgen, Herr Vorsitzender?« Auf der Karte des Zigeunerlagers zeigt er auf den Aufenthaltsraum »für die lieben Kleinen«. Dann erklärt er, wie er mit Zigeunern »Sport« getrieben habe: »Herr Vorsitzender, wir haben Freiübungen gemacht«.

Landgerichtsdirektor Hofmeyer: Herr Hofmann, es ist hier kein Mensch, der Ihnen das abnimmt, das war doch Strafexerzieren, was dort geschah.«

Hofmann: »Nein, lediglich Bewegung in frischer Luft.« Der Angeklagte weint

- offenbar, weil er sich unverstanden

fühlt.

Frage des Vorsitzenden: »Wo sind die 50 Kinder geblieben, die im Stammlager untergebracht waren?« Hofmann: »Ich erinnere mich nicht.«

In SS-Akten aus Auschwitz ist es festgehalten. Hinter jedem Namen ist »B/II/F« vermerkt. Der Vorsitzende fragt, was das bedeute. Hofmann: »Birkenau, Feuerstelle 2.«

Aber damit habe er, so beteuert Hofmann, nichts zu tun gehabt. Immerhin habe er seine eigene Familie angehalten, während der NS-Zeit bei Juden zu kaufen - »abends durch die Hintertür«. Denn: »Juden sind auch Menschen.«

So empfanden - den Aussagen zufolge - auch andere Angeklagte. Der Zahnarzt Dr. Willi Frank, 60: »In meinem Elternhaus wurde schon immer mit Juden verkehrt. Ich hatte sogar eine Nenntante, die Jüdin ist.«

In Auschwitz habe er »nichts unversucht gelassen, um den Häftlingen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Sie haben maßgeschneiderte Anzüge und lange Haare getragen. Ich habe mich immer für das Wohl meiner Häftlinge eingesetzt«.

Franks Kollege Dr. Willi Schatz berichtet von seinem »fast freundschaftlichen Verhältnis« zu den Lagerinsassen: »Ich habe Hühner für die Häftlinge organisiert.«

An einer »überdimensionierten« Feuerstelle wurde das Geflügel gebraten; die Zahnärzte Dr. Frank und Dr. Schatz hatten sie - nach eigenen Bekundungen - gebaut. Das war vorgeblich die einzige Feuerstelle in Auschwitz, mit der sie direkt oder indirekt zu tun hatten.

Der frühere Lagerapotheker Dr. Victor Capesius, 56, verwahrt sich gegen den Vorwurf, an Menschenversuchen mitgewirkt zu haben. »Als mich die Häftlinge sahen«, sagt er, »weinten sie vor Freude und fielen sich um den Hals.«

Und Arthur Breitwieser, 53, der sich selbst als »Hauptmann« über das Giftgas Zyklon B bezeichnet: »Ich habe nur Kleider vergast, um sie zu desinfizieren.«

Nur einer der 22 Angeklagten, einer der jüngsten von ihnen, Hans Stark, 42, bekennt sich schuldig. Von der Schulbank weg war er als SS-Freiwilliger nach Auschwitz gekommen. Er habe, so sagt er aus, eigenhändig das Zyklon B in die Gaskammern geworfen und mehrere Häftlinge durch Genickschuß getötet. Stark: »Ich schäme mich.«

Auschwitz-Prozeß im Frankfurter Römer: »Können Sie folgen?«

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