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Martin Morlock FIAT JUSTITIA

aus DER SPIEGEL 43/1964

Das Haus Nr. 9 in Hannover, Ziethenstraße, entbehrt des repräsentativen Glanzes. Hier also, staune ich, wohnt der Mann, der nach Meinung des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Berlins den »größten Skandal nach 1945 in der Bundesrepublik« verursacht hat; der Mann, der das Hamburger Abendecho« vor die Frage stellte: »Was unterscheidet ihn noch von Roland Freisler, dem blutgierigen 'Volksrichter'?«

»M. & Mme. Heinecke« steht auf dem Briefkasten.

Monsieur sei noch »in Geriischt«, sagt Madame mit ängstlichem Trutz, wobei sie bemüht ist, die Wohnungstür unter Zuhilfenahme zweier unmündiger, französisch plappernder Kinder zu verbarrikadieren. Den Grund für ihre Reserve erfahre ich später. Anonyme Antifaschisten haben fernmündlich Gewaltakte in Aussicht gestellt.

Schließlich darf ich doch eintreten und im Kalorienbeschuß eines Öl-Ofens wartend, die Lektüre des »Hitler -Anwalts« ("Bild«-Zeitung) in Augenschein nehmen: Nietzsche, Dostojewski, Kafka, Musil, Camus, Sartre, Nabokovs »Lolita«, Reiners' »Stilkunst« und, als außerbibliophilen Regalschmuck, einen Bierkrug mit der Inschrift: »Ein guter Trunk, ein frisch' Gesicht«.

Gerd Heinecke, 42, erscheint, und Ich frage ihn: »Stimmt es, daß Sie Hitlers Beweggründe für das Judenmassaker 'edelste Motive' genannt haben?«

»Nicht ganz«, antwortet der Verteidiger im Mordprozeß gegen ehemalige Angehörige der SD-Dienststelle Wlodawa, und seine Stimme klingt heiser vom (bislang zehnstündigen) Plädieren. »Ich habe Hitlers Motive mit denen früherer Päpste und Reformatoren verglichen und nur deren Leitgedanken bei der Verfolgung von Ungläubigen und Ketzern 'edel' genannt. Das ist ein Unterschied. Ich habe gesagt, daß man Hitler nicht niedrige Motive nach § 211 StGB unterstellen kann. Er war kein 'bleicher Mörder' im Sinne Nietzsches, sondern glaubte, eine heilige Aufgabe zu erfüllen.«

Daß man ihm, Heinecke, solchen rechtspflegerischen »Anti-Konformismus« krummnimmt, findet er betrüblich, aber »auch ein Arzt muß die Wahrheit sagen, wenn er merkt, daß es sich nicht um Typhus, sondern um Pest handelt«. Diese Pest sieht der Anti-Konformist vornehmlich in der seit langem grassierenden »Rechtsromantik«, in dem »So-tun, als ob die Rechtswirklichkeit zur Nazizeit so gewesen wäre, wie wir sie uns heute wünschen«.

Persönliche Gründe für sein forensisches Gebaren scheinen nicht vorzuliegen: Mit 17 ging er als aktiver Offiziersanwärter zum Infanterie-Regiment 65, wurde 1942 nach schwerer Verwundung für dienstuntauglich erklärt und studierte in Berlin, Lausanne und Göttingen die Rechte. Sein Vater gehörte der Bekennenden Kirche an, die Familie seiner Frau, einer Pariserin, war im Kriege der Resistance verschworen ("Ich war der erste Deutsche, dem sie die Hand gaben"). Seine Maxime: »Menschen in schwerer Rechtsnot zu helfen.«

Für den Verteidiger, sagt Heinecke, erhebt sich vor allem die Frage: War die Tat strafbar, als sie begangen wurde? - »Wir können das Problem nicht mit Gefühlen, sondern nur mit Gesetzen lösen.« Und er zitiert Hannah Arendt, die da schrieb, es sei »absurd«, subjektiv unschuldige »Bevölkerungspolitiker« wegen Mordes zu bestrafen; und liest mir aus dem

Buch »Völkerrecht und Militärbefehl« des Schweizers Pierre Boissier vor: »Damit eine Tat ein Verbrechen sei, genügt es nicht, daß sie Entrüstung erregt und gegen die Moral verstößt; es muß auch eine Gesetzesvorschrift da sein, die sie zum Verbrechen erklärt.«

Eine Gesetzesvorschrift gegen »Völkermord«, den § 220 a StGB, gebe es jedoch erst seit 1954. »Eine schlimme Realität, aber eine Realität.«

»So plädiert der Strafverteidiger«, sage ich, »und was meint der Staatsbürger Heinecke?«

»Daß eine grundsätzliche Klärung herbeigeführt werden muß. Wenn die Gerichte glauben, mit den gültigen Gesetzen nicht mehr Recht sprechen zu können, dann sollen sie die Akten dem Gesetzgeber zurückreichen.«

»Angenommen, Adolf Hitler hätte überlebt - was sollte nach Ihrer Ansicht mit ihm geschehen?«

»Man müßte ihn totschlagen. Leider ist der Tyrannenmord bei uns nicht üblich.«

»Und wenn er heute in Hannover vor Gericht gestellt würde, und Sie, Herr Heinecke, sollten ihn verteidigen - würden Sie es mit denselben Argumenten tun, die man Ihnen zum Vorwurf gemacht hat?«

»Wenn ich dazu gezwungen würde oder ein nationales Interesse bestünde, die historische Rechtswahrheit festzustellen - ja.«

Kein Zweifel, ich bin einem Juristen begegnet.

Heinecke

Martin Morlock
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