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Kuba Fidel an der Himmelstür

Von Carlos Widmann
aus DER SPIEGEL 48/1996

Der Generalvikar von Havanna will sich über seinen Freund und Nachbarn nicht mokieren, den er im Garten hin und wieder bei heidnischen Praktiken ertappt. »Morgens entblößt er seine Brust und peitscht sie mit einem vertrockneten Kräuterbüschel, um ein paar üble Geister auszutreiben«, erzählt Monseñor Carlos Manuel de Céspedes mit der Spur eines Lächelns. »Dabei ist der Mann kein Ignorant, sondern einer unserer besten Chirurgen.«

Im tropischen Treibhaus Kuba gedeihen seltene Blüten, ein surrealer Sozialismus sowie eine exotisch-vitale Mischreligion, die im Volk Santería genannt wird. Verwandt mit dem Voodoo in Haiti und der brasilianischen Umbanda, ist Santería eine manchmal orgiastisch ausufernde Vermählung von afrikanischem Geisterkult, katholischer Heiligenverehrung und karibischer Tanzparty.

»Unser Regime, das seit über 30 Jahren den wissenschaftlichen Atheismus durchsetzen will, hat gegenüber den Santeros stets ein Auge zugedrückt, manchmal auch zwei«, bemerkt der katholische Würdenträger ohne Ressentiment. »Unbestreitbar ist, daß die Revolution diesem Kult mehr Spielraum gewährt hat als der Kirche.« Die Folgen sind mit bloßem Auge zu erkennen: Dunkelhäutige Santeras in weißen afrikanischen Gewändern treten weitaus stärker in Erscheinung als katholische Nonnen oder Priester, von denen es nur knapp 200 im Land gibt.

Wurde die katholische Kirche auf Wunsch des einstigen Jesuitenzöglings Fidel Castro in eine Schattenexistenz gedrängt? Wird Papst Johannes Paul II., vom Comandante en Jefe am vergangenen Dienstag persönlich nach Kuba eingeladen, bei seinem ersten Besuch auf der Karibikinsel nächstes Jahr zu einer besiegten Minderheit sprechen?

Das würde der Fall sein, hätte die Führung des kubanischen Klerus im letzten Jahrzehnt nicht eine Wende vollzogen, eine stille Revolution eingeleitet. Seit der Bischofskonferenz vom Sommer 1986 hat sich das Verhältnis der Kirche zur Santería - und teilweise auch zum kubanischen Kommunismus - verändert. Der Ausdruck brujería (Hexenkunst) für die afrokubanischen Kulte ist aus dem Wörterbuch der Kanzelprediger verschwunden.

Die Pfarrer in ihren halbleeren Kirchen sind gehalten, die Konkurrenz der erfolgreichen Santeros mit »Respekt und Wertschätzung« zu betrachten; es habe sich herausgestellt, daß alle Schichten der Gesellschaft - »Weiße, Schwarze und Mestizen, Gebildete und Ungebildete, Junge und Alte, Frauen und Männer« - von ihren rhythmisch beseelten Riten gepackt und geschüttelt würden. Ein Hauptgrund für die Anziehungskraft der Santería wurde von den Bischöfen zart in einem Nebensatz versteckt, wo von »geringen ethischen Anforderungen auf dem Sexualgebiet« die Rede ist.

Der kubanische Klerus mußte erst lernen, den Multikulturalismus der Bevölkerung mit Sensibilität zur Kenntnis zu nehmen. Bis zu Fidel Castros Revolution von 1959 war die Kirche in Kuba ein verkalkter Verein, der sich um das Seelenheil der Oberschicht und des Mittelstands kümmerte und dem eher proletarischen Kuba aus dem Weg ging. Für ein hispanisches Land war die Insel erstaunlich unkatholisch, die intellektuelle Schicht war überwiegend antiklerikal.

Und der Klerus - in der Kolonialzeit ganz auf der Seite der spanischen Monarchen - hatte sich den Nationalisten im Bürgertum verdächtig gemacht, sich, schlimmster Frevel, am vielgeliebten Unabhängigkeitskämpfer José Martí vergangen; »der Apostel«, wie er heute in Kuba heißt, war als Freimaurer exkommuniziert worden. Ein knappes Jahr nach Castros Machtübernahme herrschte Panik im Klerus. Viele ältere Geistliche fürchteten eine blutrünstige Pfaffenjagd wie nach der mexikanischen Revolution oder wie im republikanischen Spanien der Bürgerkriegszeit.

Die Parole »Paredón!« (An die Wand) wurde auf den Straßen Havannas zwar auch gegen einige Priester ausgerufen, die mit dem gestürzten Diktator Batista liiert waren; zur Erschießung von Geistlichen kam es aber nicht. Es wurden, viel wirksamer, sämtliche katholischen Lehranstalten geschlossen.

Monseñor Carlos Manuel de Céspedes ist der direkte Nachkomme eines kubanischen Freiheitshelden des 19. Jahrhunderts sowie eines liberalen Präsidenten. Céspedes gilt im Klerus als einflußreicher Intellektueller, doch Kardinal konnte auf Kuba 1994 (nach über 30 Jahren ohne Purpurträger) nur ein Mann des Volkes werden: Jaime Ortega, Erzbischof von Havanna.

»Nein, es stimmt nicht, daß die Kirche erst wieder Zulauf hat, seitdem es wirtschaftlich scharf bergab geht«, sagt de Céspedes. »Die Ausübung der Religion nimmt in Kuba schon seit 1980 ständig zu, unter Katholiken, in der Santería, auch bei den Protestanten. Jedes religiöse Streben ist zu begrüßen, selbst die Hinwendung zu Magie und Zauberei: Es bedeutet, daß die Menschen mit der marxistischen Weltanschauung nichts mehr anfangen können.«

Im Jahr 1979, zwei Jahrzehnte nach Castros Revolution, gab es auf Kuba nur 7000 katholische Taufen; 1994 haben sich 34 800 Kubaner katholisch taufen lassen - und über 3000 davon waren Erwachsene. Bei den Beerdigungen ist das Verhältnis ähnlich. In der Kapelle des Traditionsfriedhofs Colón in Havanna wurde immer nur für 20 Prozent der Verstorbenen ein religiöses Begräbnis verlangt. Im letzten Jahrzehnt stieg der Anteil auf 70 Prozent.

Schon 1990 hat Fidel Castro monatelang Verhandlungen mit dem Vatikan führen lassen, um einen Papstbesuch vorzubereiten. Der Máximo Líder glaubte (und glaubt), genug Kontrolle über die kubanischen Massen zu haben, um ein solches Ereignis erfolgreich über die Bühne zu bringen. Und da der Vatikan seit jeher aus humanitären Gründen das US-Embargo gegen Kuba ablehnt, konnte Castro sich von einer Papstvisite außenpolitische Vorteile versprechen.

Nur, mit dem Zustrom von neuen Gläubigen ist auch das Selbstbewußtsein des kubanischen Klerus gewachsen. Ende 1991 richteten Kubas Bischöfe einen vertraulichen Brief an den Comandante, mit ominösen Hinweisen auf den Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa und vorsichtiger Kritik am kubanischen Auslaufmodell. Castro zog die Schrauben wieder an.

Damit brachen die Pläne für einen Papstbesuch zusammen, und von den Kirchenkanzeln war fortan Unerhörtes zu vernehmen: Die Aussöhnung mit einer Million Exilkubanern in Florida wurde gefordert, Kritik an der Allgegenwärtigkeit der Staatsideologie geübt, mehr Freiheit verlangt. Dieses Drängen störte die Bemühungen des Regimes, auf seine Weise mit der Kirche auszukommen: Castro hatte bereits die Vorschrift aufgehoben, die praktizierende Katholiken von der Mitgliedschaft in der KP ausschloß. Er war auch bereit, den Atheismus als Staatsreligion zu begraben.

Doch solche Zugeständnisse kamen arg spät: Nur wenige kubanische Katholiken drängte es, kurz vor dem Ende des 20. Jahrhunderts noch Parteibuch-Kommunist zu werden.

Der Höhepunkt katholischen Rebellierens wurde am 8. September 1993 erreicht, am Tag der Barmherzigen Jungfrau von El Cobre, die im Mittelpunkt des kubanischen Marienkultes steht und von Katholiken und Santeros gleichermaßen verehrt wird. In einem Hirtenbrief, der von allen Kanzeln verlesen wurde, kritisierten Kubas Bischöfe den erdrückenden Apparat der Staatssicherheit, die Lage der politischen Gefangenen sowie die Knebelung der Meinungsfreiheit - und sie forderten Reformen.

Die Kirche erreicht heute eine Öffentlichkeit, von der die kleinen, immer wieder unterdrückten Dissidentengruppen nur träumen können: Für alle anderen nichtstaatlichen Einrichtungen gilt eine Einschränkung der Versammlungsfreiheit, Gottesdienste und Gemeindetreffen sind fast die einzige Plattform für oppositionelle Gedanken. Zudem kann die Kirche für den »internen Gebrauch« Publikationen herausgeben und verteilen.

Klerus und Regime wollen vom Papst profitieren - und der Vatikan weist keinen Mächtigen oder Einflußreichen ab, auch den Altkommunisten Castro nicht. Johannes Paul II. hat auch schon Jassir Arafat zu einer Zeit empfangen, als dieser in den meisten Hauptstädten des Westens noch als Terrorist gebrandmarkt wurde.

Außerdem konnte Castro sich in seiner 35-Minuten-Audienz im Vatikan darauf berufen, daß er mit dem Pontifex maximus mindestens in einem übereinstimmt: Den Tanz ums Goldene Kalb - schrankenlosen Kapitalismus, alleinseligmachenden Profit - lehnen sie beide als Heilslehre ab.

Ein Besuch des Papstes im nächsten Jahr würde Fidel Castro die Aufmerksamkeit aller Christen sichern. Er kann damit rechnen, daß das Oberhaupt der Katholiken das US-Embargo scharf verurteilen wird, wie es kürzlich schon Erzbischof Tauran, »Außenminister« des Vatikan, bei einem Besuch in Havanna getan hat. Aber der Papst hat dafür auch Bedingungen gestellt: Er will die Orte seiner Auftritte und selbstverständlich die Themen seiner Predigten frei wählen.

Der Empfang im Vatikan durch den Comandante en Jefe ist zunächst einmal ein diplomatischer Sieg, und von Fidel heißt es, er sei nicht abergläubisch: Riskant ist der Besuch des Papstes auf Kuba vielleicht doch. Seine Besuche in der Heimat seit 1979 haben den Zusammenbruch des polnischen Kommunismus eingeläutet.

Und auch einige Diktatoren Lateinamerikas haben den Händedruck des Heiligen Vaters politisch nicht lange überlebt: Jean-Claude Duvalier in Haiti nur knapp drei Jahre, Alfredo Stroessner in Paraguay keine neun Monate.

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