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Filbinger: »Was heißt hier Todesurteile?«

Hans Filbinger ist nun doch von der Vergangenheit eingeholt worden. Nach seinen jüngst bekanntgewordenen Todesurteilen drängen auch die Parteifreunde von der Union auf Rücktritt des Ministerpräsidenten. Doch der ehemalige Marinestabsrichter bot allen erst einmal die Stirn. Weiterhin sieht er sich selbst als Nazigegner.
aus DER SPIEGEL 28/1978

Die Fernwirkung eines einzigen Urteils kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Hans Karl Filbinger, 1939. in seiner Dissertation.

Was meint ihr, sollen wir nicht nach Schweden fahren«, tuschelte es in der Fünf-Mann-Besatzung an Bord des im Oslofjord liegenden Hafenschutzbootes »NO 31« im März 1945. Der Zusammenbruch der großdeutschen Streitkräfte war längst unabwendbar geworden. Tags zuvor hatte der Kommandant des Bootes, ein Steuermannsmaat, der immer noch durchhalten wollte, sie »beim Abhören von Feindsendern« erwischt, mit Meldung und Kriegsgericht bedroht.

Im Morgengrauen des 15. März 1945 lief die »NO 31« aus. Der Maat -- »ein unkameradschaftlicher und schikanöser Vorgesetzter« -- schlief noch. Als das Boot schon auf hoher See tuckerte, schlich sich der Marineobergefreite Hans Werner Gallek*, die Maschinenpistole im Anschlag, an die Kommandanten-Koje heran und schrie: »Gehen Sie sofort nach vorn. Wir fahren jetzt nach Schweden.« Doch der Maat zog die Pistole, und da drückte Gallek ab.

»Warum hast du bloß geschossen?« erschrak ein Freund. Er wandte sich ab von der Leiche und erbrach.

»NO 31« erreichte schwedische Gewässer. Aber zwei Matrosen wollten, aus Angst vor den Folgen, nicht mehr mitmachen. Einer machte ein Rettungsboot klar und paddelte nach Norwegen zurück, ein anderer bestieg einen schwedischen Fischkutter, der ihn zu sei-

* Name von Redaktion geändert.

nem Standort zurückbrachte. Die übrigen drei Marinesoldaten setzten das Boot in dem kleinen schwedischen Hafen Strömstad auf Grund und wurden prompt interniert.

Die deutsche Seekriegsleitung meldete:

»Am 15. 3. wurde auf Hafenschutzboot NO 31 der HS-Flottille Oslo Kommandant (Steuermannsmaat) von Besatzung erschossen. Boot ... vermutl. nach Schweden geflüchtet. 1 Mann mit Gummiboot ausgesetzt.«

Schon am 16. März 1945 wurde der Marineobergefreite Gallek in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Das Todesurteil verhängte der Marinestabsrichter Dr. Hans Karl Filbinger*.

Die Nachricht von der gelungenen Fahnenflucht über See sprach sich unter den Marinesoldaten im Oslofjord schnell herum -- und beflügelte. »Nachdem das andere Schiff sich davongemacht hatte«, berichtete Karl-Heinz Harlos -- damals Funker auf dem Hafenschutzboot »NO 21« -- dem SPIEGEL, »kam auch bei uns das Gespräch darauf.«

Harlos weiß nicht mehr, wer den »Anstoß gab«. Aber bald waren sich der Kommandant, ein Obersteuermann -- »er war bestimmt kein Nazi« -- und dreizehn Mann der Besatzung einig, »daß wir bei der nächsten Gelegenheit abhauen«. Zwei Maate, »die noch an den Endsieg glaubten«, erfuhren nichts.

Die Gelegenheit kam am 16. April 1945. »Im Morgengrauen heizten wir an. Die beiden Maate schliefen. Die Geliebte unseres Kommandanten, die Leila, eine Norwegerin, nahmen wir gleich mit«, schildert der Funker -- dem dann doch »schwere Bedenken« kamen: »Ich dachte an meine Eltern und an meine Geschwister und an die Sippenhaft.«

Morgens gegen fünf Uhr machten die Heizer Dampf. »NO 21« setzte sich ab. ebenfalls nach Strömstad. Ein schwedisches Schiff stoppte das Boot mit einem Warnschuß.

Die deutsche Seekriegsleitung meldete: »Hafenschutzboot NO 21 der Hafenschutzflottille Oslo ... mit Kdt. Ob. Strm. ... und 15 Mann nach Schweden geflüchtet ... Ankerboje auf letztem Liegeplatz gefunden.«

Am nächsten Tag wurde der Obersteuermann in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Das Todesurteil verhängte Marinestabsrichter Dr. Hans Karl Filbinger**.

»NO 31« und »NO 21« -- das war bislang kein Thema für den Alt-Maninerichter, das war verschwiegen und vergraben wie die anderen Fälle, die ihm erst aus dem Aktenkeller präsentiert werden mußten. Schon im Falle

* 1953 wurde der Fall in der Bundesrepublik vor einem Kölner Gericht neu aufgerollt. Gallek wurde wegen Totschlags zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt und saß sechseinhalb Jahre der Strafe ab.

** Siehe Titelbild: Seite aus der Strafverfahrensliste.

des Matrosen Walter Gröger, den er verurteilen und hinrichten half, war Filbinger erst 33 Jahre später, auf Vorhalt aus den Dokumenten, die Erinnerung wiedergekehrt -- »Erst als ich Schweden hörte, kam mir eine Erleuchtung«.

Ähnlich unvermittelt kam nun »NO 21« über ihn. Bei uriger Sommerfrische im Engadin, wo Bergsteiger Hans Filbinger mit Rucksack, Dosenwurst und schwerem Schuhwerk die Nähe der Natur sucht, saß er ganz zufällig am Fernseher, bei Freunden. Da ging, letzten Dienstag, das »Panorama«-Magazin mit den Urteilsbelegen über den Schirm.

Da war sie wieder, die Vergangenheit, beglaubigt durch Tinte und Stempel. Wieweit Hans Filbinger das Geschehene auch immer verdrängt haben mochte, eine patente Erklärung wußte er sofort. »Was heißt hier Todesurteile«, konterte der Belastete -- das waren in Wirklichkeit nur »Phantom-Urteile«, gnädig und nützlich zugleich. Hätten sie doch keinerlei Wirkung auf den Verurteilten und dienten obendrein noch zur »Abschreckung«.

Als ob die Deserteure, einen Tag nach der Flucht von der Fahne schon verurteilt, nicht doch noch hätten gefaßt werden können. »Null, null,

eindeutig null.«

»Phantom-Urteil«, das ist nun anno 78 auf einmal nicht mehr der von Filbinger blindlings praktizierte »Führer-Erlaß« gegen heute noch mit Grimm betrachtete Ungetreue. Das ist nun, Filbinger leichthin, »eine Quittung gewissermaßen für diejenigen, die bereits abgereist waren«.

Filbinger, der Phantom-Richter.

So schlank glaubte er von seinen fast noch druckfrischen Beteuerungen herunterzukommen, da gäbe es doch überhaupt keine Todesurteile des Mannestabsrichters Filbinger. »Ich habe kein einziges Todesurteil gefällt«, beteuerte er noch am 13. Mai vor ZDF-Kameras. Die Aussicht auf weitere Todesfälle aus dem Archiv, so Filbinger ins Rundfunkmikrophon, sei »null, null. eindeutig null«.

»Was heißt hier Todesurteile«, fragt Filbinger immer noch. Und er redet sich und den Parteifreunden ein, die Solidarität sei auch jetzt noch unverbrüchlich. Die CDU werde sich »hier nicht auseinanderdividieren lassen«; er habe mehr denn je »einhellig das Vertrauen«.

Tapfer erklärte er sich auch noch das beklommene Schweigen der Christdemokraten im Bund und in seinem Land mit »der Urlaubszeit«. Doch inzwischen, so scheint es, beschwindelt Filbinger auch noch sich selbst. Trutzig versuchte der angeschlagene Kabinettsherr die Schuld beim »linken Filbinger-Abschußkartell« zu placieren. Aber längst schon waren es rechtsliberale bis konservative Stimmen (siehe Presse-Kasten), die ihm den Mangel an »Demut und Betroffenheit« ankreideten (wie die »Rheinische Post"), die ihm »Konsequenzen« anrieten, wie Springers Blätter. Die »Welt« kündigte gar dem urlaubenden Filbinger in Abwesenheit die »Barmherzigkeit« auf.

In Wahrheit wird Rücktritt erwartet. Denn längst steht nicht mehr nur das Rechtsverständnis des Marinerichters zur Debatte oder die Rechthaberei und Rechtfertigung des Ministerpräsidenten. Plötzlich geht es auch für die Union um Glaubwürdigkeit und Integrität einer ihrer Spitzenfiguren. Und schließlich geht es ja auch noch um die Reputation der Bonner Republik.

CDU-Chef Helmut Kohl redete am Telephon auf den unbeirrten Urlauber ein, vergebens. Jetzt sollen es Freunde versuchen. Wenn Filbinger schon nicht sofort aus dem Amt scheiden wolle, so solle er wenigstens »ein Zeichen setzen« und auf Wiederwahl verzichten.

Nun auf einmal drängt"s. Denn mit Filbinger scheint die CDU-Rechnung in Hessen nicht aufzugehen -- bei den Wahlen im Oktober Liberale von der FDP herüberzuziehen, so die Mehrheit zu erringen und damit auch, vorzeitig, die Macht in Bonn.

Doch der Ministerpräsident will nicht hören. »Nur keine Angst«, spottete die »Stuttgarter Zeitung«, »Hans Filbinger wird schon nicht zurücktreten.« Ähnlich klangen letzte Woche, freilich ganz im Ernst, auch die Lageberichte aus der schwer bedrängten Filbinger-Etage. Dort mochte der Chef gerade noch einräumen, er könne »auch ohne dieses Amt leben«, aber von Preisgabe war denn doch keine Rede. Filbinger: »In zwei Jahren kandidiere ich wieder.«

Allerdings: Je härter er mit Belegmaterial aus der Vergangenheit eingedeckt wurde, desto mühsamer, ja, verstiegener klangen die Durchhalteparolen. Der bequeme Weg, meint Filbinger, sei der des Rücktritts, aber dazu habe er »nicht das Recht«. Da sei die Pflicht, »für die politischen Wertvorstellungen auch in Zukunft einzutreten«, und der Bedrängte schreckte das Staatsvolk mit dumpfen Andeutungen der Sintflut nach ihm: »Mit der Räumung meiner Position, da würde naturgemäß auch etwas Sachlich-Inhaltliches in der deutschen Politik geändert werden.« Wie wahr.

Wie von Filbinger-Kennern nicht anders erwartet, hatte der Ministerpräsident nicht lange benötigt, über den »Panorama-Enthüllungen« vom Dienstagabend wieder zur altbewährten Vorwärtsverteidigung zu finden. Der Regierungschef, der sich die Materialveröffentlichungen nur als Kampagne, die Urheber nur als Kartell vorstellen kann, enttarnte letzte Woche auch den eigentlichen Zweck der Affäre: »Ich stehe vorne im Kampf gegen die Zulassung von Extremisten in den Staatsdienst« -- daher die »erbitterten« Angriffe gegen ihn.

Wendig hatte der Herr auf Reitzenstein schon immer alle Vorwürfe gekontert, mal mit Dreistigkeit -- das Material gegen ihn, so ließ er erklären, stamme aus der DDR -, mal salbungsvoll-zerknirscht. Über die von ihm besiegelten Schicksale redete er öffentlich zwar stets nur im Rechthaberstil« doch im stillen, gab Filbinger an, empfinde er »Betroffensein": »Es ist eine Tugend, Schweres mit sich selbst auszumachen.«

Nuancenreich taktierte er, wenn es galt, frühere Erklärungen und Positionen zurechtzurücken, weil sie wieder mal von der Beweislage überholt worden waren.

Was nicht länger als »böswillige Verunglimpfung« zu leugnen war, wurde verkleinert ("Vier Todesurteile -- ausgeschlossen") oder bagatellisiert -- das Todesurteil in absentia »ein reiner Formalakt"« »überhaupt nichts Aufregendes«.

Nach und nach, und stets nur auf Vorhalt, ließ der bedrängte Politiker mit dem »pathologisch guten Gewissen« (Erhard Eppler) seinem »pathologisch schlechten Gedächtnis« ("Süddeutsche Zeitung") aufhelfen. Wenn letztlich nichts mehr zu beschönigen war, argumentierte Hans Filbinger mit »schicksalsmäßiger« Fügung. die ihn zum Marinerichter bestimmte, oder dem »Inferno, das wir damals erlebt haben«.

»In Norwegen kann jeder Kampf angenommen werden.«

Zuzeiten stand die Truppe in Norwegen. lamentiert Filbinger, »in erhöhter Abwehr nach innen und nach außen«. Da waren die Gerichtsherren über Fahnenflucht »außerordentlich besorgt«. Denn schließlich: »Wer den Kameraden die Hilfe versagt, gefährdet sie auch.«

Tatsächlich stand in Norwegen noch eine hochgerüstete deutsche Armee in Stärke von 340 000 Mann, die ihr Oberbefehlshaber, der Gebirgsjäger-General Franz Böhme, um jeden Preis einsetzen wollte, um dem geschlagenen Reich noch in letzter Minute die totale Niederlage zu ersparen. Und zu diesem Zweck benötigte er auch Kriegsrichter, die, gewissenlos, von rechter Gesinnung, die Soldaten zur letzten Schlacht anspornten.

Das will nun freilich nicht zu der Einrede des Ministerpräsidenten Filbinger passen, der seine harten Schuldsprüche in den letzten Tagen des Krieges und noch in alliierter Gefangenschaft damit begründet, die von gänzlicher Auflösung bedrohte Norwegen-Armee habe durch abschreckende Urteile zusammengehalten werden mussen. In Wahrheit war sie disziplinierter als jeder andere der noch existierenden Kampfverbände.

Zwar gab es auf Kriegsschiffen »verhaltene Unruhe unter den Besatzungen«, doch der Dienstbetrieb lief nahezu reibungslos. Norwegen galt immer noch als militärische Idylle: Kaum ein Luftangriff des Gegners störte das Leben der Soldaten, der norwegische Widerstand hielt sich zurück.

General Böhme sah denn auch keinerlei Gefahren für seine Armee. Noch am 1. Mai meldete er dem in die Enklave Flensburg retirierten Hitler-Nachfolger Karl Dönitz, Munition, Verpflegung und Betriebsstoff seiner Armee reichten noch bis in den späten Sommer. Böhme: »In Norwegen kann jeder Kampf angenommen werden.«

Das entsprach ganz der Politik von Dönitz, der krampfhaft nach »Faustpfändern« suchte. mit denen er die herandrängenden britischen Armeen des Feldmarschalts Montgomery zu einem günstigen Separat-Waffenstillstand verlocken wollte. Norwegen war ein solches Faustpfand; die Briten konnten kein Interesse an einem Krieg in Norwegen haben, zumal dort eine baldige sowjetische Invasion nicht auszuschließen war.

So ermunterte Dönitz den General Böhme, den er am 3. Mai mit außerordentlichen Vollmachten ausstattete, seine Armee zum letzten Gefecht bereitzustellen. Das bedeutete auch verstärkte Arbeit für Filbinger und seine Kollegen in Norwegen: Sie hatten Befehl, jedem möglichen Widerstand gegen den Durchhaltekurs auf die Spur zu kommen.

Einer von ihnen, der Marineobersabsrichter Carl Lüder, entdeckte tatsächlich ein paar Unzufriedene auf dem Minensuchboot »M 253«. die ausländische Rundfunkstationen abhörten und im Fall eines Kampfes in Norwegen zu den Briten überlaufen wollten. Lüders Kriegsgericht verurteilte sie wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode, am 4. Mai gegen 18 Uhr wurden sie bei Kristiansand erschossen.

Als es dann kein Halten mehr gab die deutsche Wehrmacht am 8. Mai 1945 bedingungslos kapituliert hatte und britische Truppen nach Norwegen eingeschifft wurden, fürchteten die Befreier nichts mehr als die Aussicht, die von Tag zu Tag wachsenden Massen deutscher Kriegsgefangener könnten ihrer Kontrolle entgleiten. Deshalb befahlen sie, die Militärordnung müsse erhalten, die Autorität der deutschen Offiziere konserviert und die Disziplin um jeden Preis gewahrt werden. »Ihr Nazihunde, ihr seid schuld an diesem Krieg.«

Das hieß praktisch: Weiterarbeit der deutschen Kriegsgerichte. Die britischen Kommandeure überprüften oberflächlich jeden deutschen Kriegsrichter und setzten ihn dann wieder in rein alte Funktion ein. Manche Wehrmachtsrichter straften wie gewohnt -- mit Zuchtbausstrafen und Todesurteilen.

Zwar verbot das am 4. Mai von der britischen Militärregierung erlassene Gesetz 153 den deutschen Kriegsgerichten, Freiheitsstrafen über zwei Jahre ohne Genehmigung der Briten auszusprechen oder zu vollstrecken. Doch das scherte Marinerichter kaum. Ohne die Briten auch nur zu informieren, verhängten deutsche Marinegerichte Zuchthaus- und Todesstrafen. Britische Offiziere sahen ungerührt zu, solange es um »Unruhestifter« ging, von denen sie eine Irritation der Kriegsgefangenen befürchteten.

Auch für den Marinestabsrichter Filbinger war der Krieg am 8. Mai 1945 keinesfalls zu Ende. Drei Wochen nach der bedingungslosen Kapitulation verurteilte er in einem Kriegsgefangenenlager den Obergefreiten Kurt Olaf Petzold zu sechs Monaten Gefängnis wegen »Gesinnungsverfall«. Petzold soll seinem Batteriechef in betrunkenem Zustand zugerufen haben: »Ihr habt jetzt ausgeschissen. Ihr Nazihunde, ihr seid schuld an diesem Krieg.

Dieser Fall aus Filbingers Lagerjustiz ist aktenkundig. Nur dieser?

Höchst ungemütlich könnte es bald wieder werden, wenn diesmal das Stuttgarter Landgericht in Sachen Filbinger zum Griff in die Geschichte ausholt. Folgt nämlich im Rechtsstreit Filbinger kontra Hochhuth die 17. Zivilkammer an diesem Donnerstag einem Antrag der Hochhuth-Seite, dann kommen gleich dutzendfach die Filbinger-Sprüche aus Marinerichtertagen auf den Tisch.

Bis ins Detail ließen sich dann Filbingers Richterspuren beim »Gericht des Kommandanten der Seeverteidigung Oslofjord« verfolgen, wo der »Tartüff der Solitude« (Hochhuth über Filbinger) vom Jahresbeginn 1945 bis über das Kriegsende hinaus verkündete, was Recht sei, damals wie heute, denn, so Filbinger: »Was damals Rechtens war, das kann heute nicht Unrecht sein.

Zahlreiche Urteile aus jenen Zeiten lagern in der ehemaligen Abtei von Kornelimünster, einer Dependance des Bundesarchivs am Stadtrand von Aachen. Dabei sind Bestände der Kriegsmarine: Die Akten stammen von etwa vierzig Gerichten und aus 72 390 Verfahren. Mehr als 100 000 Strafverfahren sind darüber hinaus noch durch Strafverfahrenslisten und andere Unterlagen dokumentiert.

Rund siebzig Prozent aller Urteile der damaligen Marinegerichte sind erhalten geblieben. Und in zahlreichen Bänden steht der Name Filbinger. Vom »Gericht des Admirals der Norwegischen Polarküste, Zweigstelle Kirkenes«, wo der Marinestabsrichter vom Oktober 1943 bis Ende 1944 wirkte, gibt es heute in Kornelimünster zwar keine Strafverfahrenslisten mehr, wohl aber Akten über einzelne Kriegsgerichtsfälle.

Doch nicht jedermann darf jedes archivierte Aktenstück einsehen. Eine vom Bundesinnenminister schon 1969 erlassene Benutzungsordnung regelt die strengen Konditionen. So sind Prozeß- und Personalakten grundsätzlich »erst dreißig Jahre nach dem Tod des Betroffenen« zur Einsicht freigegeben.

Betroffener im Sinne dieser Benutzungsordnung sind laut Rechtsansicht der Archivleitung nur die Angeklagten oder Verurteilten, die damals vor dem Kriegsgericht gestanden hatten. Todesurteile aus dem Krieg oder den ersten Nachkriegswochen fallen deshalb -- soweit sie vollstreckt wurden -- nicht mehr unter diese Sperrfrist.

Todesurteile hingegen, die nicht vollstreckt worden sind, und alle Verurteilungen zu zeitlich begrenzten Strafen, sämtliche Akten also über Verfahren, deren Angeklagte entweder noch heute leben oder vor weniger als dreißig Jahren gestorben sind, sollen der Öffentlichkeit grundsätzlich verborgen bleiben. Dasselbe gilt für die entsprechenden Strafverfahrenslisten, weil sie personenbezogene Angaben enthalten.

Allein aus Filbingers Richterzeit am Oslofjord gibt es im Bundesarchiv heute noch 41 solcher Urteile oder zumindest Aktenvorgänge, die diese Verurteilungen belegen.

Das Tabu, das sie vor dem Bekanntwerden schützt, gilt allerdings nicht absolut: Jeder, der damals in Norwegen selber ein Opfer Filbingerscher (oder anderer Richter) Militärjudikatur wurde -- ebenso sein Erbe -, kann sich alle Unterlagen über das eigene Kriegsgerichtsverfahren entweder persönlich vom Archiv herausgeben lassen oder einem Anwalt, Wissenschaftler oder Journalisten Vollmacht zur Akteneinsicht erteilen.

Eingeweihte versprechen sieh Wirkung vom Bekanntwerden all jener Urteile, bei denen der Marinerichter Filbinger die Delinquenten zwar nicht in den Tod schickte, wegen geringfügiger Straftaten aber einsperren ließ. Tonart und Stil, mit denen er seine schriftlichen Urteilsbegründungen abfaßte, lassen sicherlich noch mehr Rückschlüsse auf die Gesinnung jenes Richters zu, der sich selber heute so zäh als tatkräftiger Gegner des NS-Regimes anpreist.

Den eigenen Hebel könnten jetzt die Stuttgarter Richter ans Archiv setzen. Nachdem nämlich die Prozeßparteien vom Bundesarchiv Auskunft über vorhandene Filbinger-Spuren erbeten hatten, waren sie nur mit Zahlen, Aktenzeichen, Tatbestand und Strafmaß bedient worden.

»Warten darauf, daß einer den ersten Stein wirft.«

Doch ganz bestimmt -- so sagen schwäbische Juristen schon voraus -- würden sich die drei Richter vom Stuttgarter Landgericht dem Wirken ihres prominenten Ex-Kollegen mit spezieller Sorgfalt widmen und sich keine Erkenntnisquelle verschließen wollen.

Stehen neue Namen, Schuldsprüche und Begründungen ins Haus?

Unter Stuttgarts CDU-Politikern jedenfalls schwindet die Gefolgschaft Filbingers dahin. Potentielle Nachfolger, so ein Mitglied der Stuttgarter Landtagsfraktion, »warten nur noch darauf, daß einer den ersten Stein wirft«. Die Männer hinter Filbinger blieben einstweilen noch halbwegs bedeckt. Innenminister Lothar Späth, 40, von vielen als Kronprinz betrachtet, will beim gegenwärtigen Informationsstand »die Solidarität nicht aufkündigen«. Manfred Rommel, Stuttgarts Oberbürgermeister, ließ aus den Bergen verlauten, es sei da nun doch »ein Sachverhalt, der politisch gewürdigt werden muß«, das habe man im Landesvorstand zwar »schon wiederholt getan«. aber man müsse es »sicher noch mal tun«. An der Solidarität. so der Oberbürgermeister sibyllinisch, »hat sich bislang nichts geändert«.

Oder doch? Rommel jedenfalls hat Interesse daran, daß Filbinger nicht allzu schnell abtritt. Der Marschallssohn hätte nämlich im Augenblick kaum Chancen. Ministerpräsident zu werden. Bei dessen Amtsverzicht wurde fast automatisch Innenminister Späth, fast sechs Jahre lang erfolgreicher und gewiefter Fraktionschef im Landtag. »um neuen Regierungschef gekürt. Die Fraktion, die den Ministerpräsidenten zu wählen hätte, steht geschlossen hinter ihm.

Rommel-Freunden blieb zuletit nur noch die Hoffnung, daß »man den Alten durchschleifen kann bis zu den Landtagswahlen im April 1980«. Der 49jährige Oberbürgermeister will sich bis dahin um ein Landtagsmandat bewerben. weil -- so die vordergründi-

* Für die Fernsehsendung »Heißer Draht«.

ge Erklärung -- »der Bürgermeister der größten Stadt im Land auch in den Landtag gehöre.

Rommel wie Späth kokettieren gegenwärtig noch mit Desinteresse am höchsten Amt im Ländle: »Man soll sieh zunächst bemühen. etwas zu sein, und sieh nicht bemühen, etwas werden zu wollen« (Rommel). »Ich mache meine Arbeit, das Taktieren überlasse ich den anderen« (Späth). Gleichwohl »sitzen sie in den Startlöchern«. wie ein Mitarbeiter in Filbingers Staatsministerium weiß. Sein Chef, so klagt er, habe »sowieso immer mehr abgebaut in letz ter Zeit«.

Dabei kommt es einigen CDU-Strategen ganz gelegen, daß Filbingers Tage gezählt scheinen. Zwischen dem [andesvorsitzenden und der Landespartei ist, so ein Mitarbeiter, »längst eine Fallwand runter«. Generalsekretär Gundolf Fleischer, einst Filbinger-Fan und vor drei Jahren vom Parteichef selbst engagiert. führt dort nun den Späthtrupp an.

Auch in den Parteigremien sind Späths Gefolgsleute bereits in Schlüsselstellungen. Und sogar enge Mitarbeiter Filbingers laufen jetzt offen zu Späth über: Der Staatssekretär in Filbingers Staatsministerium und Präsident des Bundesliga-Vereins VfB Stuttgart, Gerhard Mayer-Vorfelder (Spitzname: »Schlitzmayer-Ohrfelder"), wird bereits als Innenminister eines Regierungschefs Späth gehandelt; und Filbingers ehemaliger Pressesprecher Benno Bueble (Spitzname: »Benno Büchsenspanner"). der sich trüber darüber mokiert hatte. »daß sieh Späth immer wieder als Kronprinz ins Gespräch bringt«, dient dem Nachfolge-Aspiranten seit kurzem als Ministerialdirektor. »Den Hetzern wird bald schon der Stoff ausgehen.«

Rommel dagegen verfügt über keine Hausmacht. Dafür weiß er aber, »daß ihn breite Gruppierungen in der Landespartei stützen«. Kein Wunder. In Stuttgart präsentierte er sich bei der Oberbürgermeisterwahl als unschlagbarer Wahlkämpfer und strahlender Sieger. »Mit Rommel an der Spitze«, so fürchtet sogar der SPD-Fraktionsgeschäftsführer Claus Weyrosta, »marschieren die hei der nächsten Wahl auf die sechzig Prozent zu.«

Mit Filbinger da gegen. so rechnen die Parteistrategen. könnte die absolute Mehrheit dahinschmelzen. Denn bei den letzten Wahlen konnte (lic CDU sich noch all jenen anbieten. die im Stammland der Liberalen den Freidemokraten ihre Stimme verweigerten -- Wähler also, denen es nach den Enthüllungen um Filbinger schwer sein dürfte, dem einstigen Marinestabsrichter noch einmal ihr Vertrauen zu geben.

Um Rommel seine Chance offenzuhalten, wurde deshalb Ende letzter Woche ein Übergangskandidat gehandelt: das nächst dem Chef dienstälteste Kabinettsmitelglied Finanzminister Robert Gleichauf. Selbst die Reaktivierung des gegen seinen Willen entlassenen Ex-Kultusministers Wilhelm Hahn wird nicht mehr ausgeschlossen.

Das freilich wäre »ein zusätzliches Nachtreten gegen Filbinger«. weiß ein Mann aus der Unionsfraktion. denn Wie beiden haben sich immer gehaßt«. Hahn gehörte im Dritten Reich zum aktiven Widerstand in der Bekennenden Kirche.

Nun kam Hans Karl Filbinger doch noch vorzeitig aus dem Urlaub zurück, was er eigentlich gar nicht wollte. Noch nicht ganz vom Berg herab, verhieß er »eine sehr wirkungsvolle Dokumentation« -- abermals zur eigenen Verteidigung. Mit seiner Frau Ingeborg hofft er: »Irgendwann geht den Hetzern der Stoff aus.«

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