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Hören und Sehen FILMVERTRIEB - Horror frei Haus

Noch stemmen sich die Kinomogule in Hollywood gegen die Zeitenwende: Programme, die den Filmklau übers Netz erlauben, werden - wie MP3 in der Musikszene - für Wirbel sorgen.
aus DER SPIEGEL 12/2001

Der eine Held ist ein junger Surfer mit dem lässigen Softie-Look eines Leonardo DiCaprio - der Schöne. Treu an seiner Seite steht ein schmalgesichtiger Hacker mit Pferdeschwanz und nettem französischem Akzent - der Schlaue.

Wie einst Butch Cassidy, Sundance Kid und ihre Hole in the Wall Gang lehren sie gemeinsam mit ihren Mannen, die Decknamen wie Bulldog, Dr. X oder The Kid tragen, einen übermächtigen Gegner das Fürchten - in diesem Fall die Filmindustrie. Schauplatz: San Diego im Süden Kaliforniens.

Der neue Actionthriller kommt nicht aus Hollywoods Studios. Er spielt im wirklichen Leben. Die beiden Protagonisten sind Jordan Greenhall, 29, Chef der Startup-Firma DivX Networks, und der 27-jährige Franzose Jérome Rôta, dem Freunde einst, wie unter Hackern üblich, einen Künstlernamen gegeben haben: »Gej« (sprich: Djesch). »Das heißt so was wie 'verrückt' auf Okzitanisch«, sagt Rôta, der alten Sprache Südfrankreichs. Er und ein paar gleich gesinnte Software-Entwickler haben zum Entsetzen der Filmindustrie im Laufe des letzten Jahres langsam, still und leise ein Programm namens DivX;-) (sprich: Diwix) in die Internet-Welt gesetzt.

Wenn die Software sich weiter so fruchtbar aussät und gedeiht wie bisher, könnte sie für Hollywood zu dem heranwachsen, was die Internet-Tauschbörse Napster für die Musikbranche war: zu einem Monster, das droht, einen ganzen Brocken ihres Multimilliarden-Dollar-Geschäfts zu verschlingen. Das Zwinkergesicht, das Rôta an den Namen der Software gehängt hat, muss auf die Manager der großen Studios wirken wie blanker Hohn.

DivX;-) funktioniert wie eine Art Zauberköfferchen, in dem sich die gigantischen Datenmengen ganzer Spielfilme klein genug verpacken lassen, um durch die dünnen Kabel des Internet zu passen. Einen so zusammengeschnürten Film kann im Prinzip jeder, der über eine schnelle Verbindung ins Web verfügt, innerhalb von weniger als einer Stunde auf seinen Heimcomputer herunterladen. Auf der Festplatte bläht er sich wieder so weit auf, dass er in Bildschirmgröße angeguckt werden kann - Kino komplett ohne Eintritt oder Ausleihgebühr.

»DivX;-) wird sich genauso weit verbreiten wie MP3«, kündigt Greenhall an. »Überall wollen wir es haben, in Fernsehern, Computern, Handys, Set-Top-Boxen.« Inzwischen arbeiten Rôta und Kollegen an DivX;-) Deux, einer aufpolierten Version. Außerdem haben sie im Januar den Programmcode Software-Entwicklern auf der ganzen Welt zugänglich gemacht, die DivX;-) nun so ausfeilen sollen, dass zum Beispiel Macintosh- und Linux-Benutzer ebenso viel Spaß daran haben wie Windows-User.

Über zwölf Millionen Kopien der DivX;-)-Software haben sich Fans bereits heruntergeladen. Beobachter schätzen, dass Piraten inzwischen täglich 400 000 Filme über digitale Tauschbörsen wie Freenet oder Filetopia über die ganze Welt verbreiten. Längst kursieren Kultfilme wie »Matrix« oder »Gladiator« im Internet. Wer gewieft ist, kann sich amerikanische Produktionen lange vor ihrer offiziellen Deutschland-Premiere auf dem Bildschirm zu Hause ansehen.

Das finden die Herren der Hollywood-Studios nicht witzig. Sie verlören bereits vier Milliarden Dollar jährlich allein durch analogen Klau - also illegale Kopien von Videocassetten, schätzt Jack Valenti, Chef der Industrievereinigung MPAA (Motion Picture Association of America). »Die Opfer derjenigen, die umsonst benutzen, was anderen gehört«, klagt er, »sind die US-Wirtschaft, die Kreativen und diejenigen Bürger, die Unterhaltung zu fairen und vernünftigen Preisen wollen.«

Aber die Movie-Piraten finden, dass umsonst besser ist als 16 Mark für ein Kinoticket. Und nie war der Raub einfacher als in den Zeiten des Internet: Es reicht, wenn ein Filmdieb irgendwo auf der Welt, zum Beispiel in Fargo, North Dakota, den Kopierschutz einer »Star Wars«-DVD knackt, den Film hübsch klein in DivX;-) verpackt, ihn abholbereit auf einen mit dem Netz verbundenen Rechner stellt und zehn Freunden mitteilt, wie sie diesen Computer ansteuern können. Jeder von denen sagt jeweils zehn anderen Kumpels Bescheid; von da an wird sich diese Web-Adresse nahezu in Lichtgeschwindigkeit über den Erdball verbreiten.

Ein normaler Internet-Nutzer allerdings kommt immer noch so schwer an die begehrten Hollywood-Filme heran wie Opa an Dope. Denn die Illegalität ihrer Unternehmung zwingt die Filmpiraten, das Diebesgut oft und rasch von einer obskuren Web-Adresse zur anderen umzulagern. Von dem Umzug erfahren nur Eingeweihte.

Hinzu kommt, dass auch ein mit DivX;-) geschrumpfter Film mitunter immer noch 650 Megabyte groß sein kann - da dauert das Herunterladen mit einem 56k-Modem rund 27 Stunden. Da die große Masse der Nutzer aber immer noch auf solch langsame Verbindungen angewiesen ist - in den USA sind es 60 Prozent -, hält sich der illegale Tausch noch in Grenzen.

Doch auch MP3 hat mal klein angefangen. Es ist abzusehen, dass mit zunehmender Vereinfachung der Technik, Verkleinerung der Dateien und schnellerer Vernetzung der User Filme bald genauso leicht zu stehlen sein werden wie heute die Songs von Metallica.

Dann wird irgendwo im Netz eine leicht anzusteuernde Datenbank mit Abertausenden von Filmen stehen, je nach Laune klickt der Benutzer auf die neueste Tom-Hanks-Schnulze oder auf den x-mal gesehenen, aber immer wieder schönen alten James-Bond-Schinken. Innerhalb weniger Minuten saugt der Computer den Streifen der Wahl auf den Rechner - schneller, als der Pizzabote das Essen bringt.

»Nicht nur Musik ist anfällig«, sagt Andrew Frank, Leiter der Medien- und Unterhaltungsabteilung der New Yorker Beratungsfirma Viant. Die Filmstudios, denen er diese Botschaft überbracht habe, meint er, hätten sich »sehr aufgeschlossen gezeigt. Sie wollen nicht napsterisiert werden«.

Den Filmproduzenten in Hollywood, den Distributoren und Videotheken bleibt allerdings nach Meinung vieler Beobachter wenig Zeit, dem Ausweiden ihrer Branche etwas entgegenzusetzen. »Innerhalb der nächsten sechs Monate«, kündigte Valenti Ende Januar an, würden »einige Filmfirmen« eigene Internet-Unternehmungen starten.

Bisher hatten sich die großen Studios in ihrer Hilflosigkeit zumeist eher auf Schadensbegrenzung beschränkt, indem sie zum Beispiel im vergangenen Jahr die Filmtausch-Website Scour sowie Eric Corley, der die Software zum Knacken von DVDs verbreitet hat, erfolgreich mit Klagen überzogen.

Helfen tut das den Filmproduzenten wenig: Die DVD-Hackersoftware ist nun einmal losgelassen und zirkuliert wie ein Virus im Netz, und eine offizielle Website brauchen die Piraten auch nicht zum Dateientausch - das Untergrundnetz tut es auch.

Ende Januar ist Miramax als erstes Hollywood-Studio in die Offensive gegangen: In Zusammenarbeit mit der Internet-Firma Sightsound stellten die Filmproduzenten die Romanze »Guinevere« zum Herunterladen gegen ein Entgelt von 3,49 Dollar ins Netz. Eine eingebaute Software bewirkt, dass der Nutzer nur einen Tag Zeit hat, den Film anzuschauen.

Sony Pictures arbeitet offenbar an einem ähnlichen Service, von dem nicht viel mehr bekannt ist, als dass er MovieFly heißen soll. Geraunt wird, dass er auch Filme anderer Studios anbieten wird - eine Auswahl ähnlich der des Videoverleihs um die Ecke. Ebenso geheimnisumwittert arbeitet angeblich die Walt Disney Company gemeinsam mit anderen Produktionsfirmen an einem Internet-Angebot.

Das Netz birgt paradoxerweise nicht nur Verderben für die Studios - gleichzeitig ermöglicht es ihnen, ihre Produkte direkt an den Verbraucher daheim zu verkaufen: Videoverleihe und Fernsehsender werden überflüssig. Als Marketinginstrument benutzen die Filmfirmen das Netz ohnehin schon, indem sie Trailer, Interviews mit den Stars und interaktiven Schnickschnack auf spezielle Websites stellen.

Projekte aber wie das Bezahlvideo von Miramax kranken vorerst an einem allen gemeinsamen Problem:

* Entweder ist ein digital übertragener Streifen mindestens so störfrei und hübsch anzusehen wie ein VHS-Band - dann bedarf es immer noch riesiger Datenmengen, das Herunterladen dauert länger als der Gang zum Videoladen. Allein ein Zweieinhalb-Minuten-Trailer für den Film »Matrix«, den die Warner Brothers im Netz zum Download anbieten, umfasst mehr als 31 Megabyte, der Download dauert, auch bei einer Verbindung, schneller als ISDN, noch fünf Minuten.

* Oder die Datei ist klein genug, um leicht und schnell durchs Netz auf die Festplatten zu flutschen - dann kann sie ruckeln und surren wie ein alter Stummfilm.

Die von Sightsound benutzte Technologie arbeitet mit einer Software, die der von DivX;-) ähnlich ist: Sie quetscht die Daten, aus denen der Film besteht, für den Transport zusammen und packt ihn am Ziel der Reise durchs Netz wieder aus.

Im Prinzip arbeiten auch DVD-Player oder die Geräte, mit denen Hotelgäste sich Filme aufs Zimmer bestellen können, mit solchen Komprimierungsprogrammen. Allerdings beruhen die alle noch auf einem alten Industriestandard zur Videokomprimierung, MPEG-2 genannt.

DivX;-) dagegen, ebenso wie die Sightsound-Technologie zur Verbreitung von »Guinevere«, beruhen auf MPEG-4, der neuen Version, die erst im Juli letzten Jahres von der Industrie verabschiedet wurde. »Aber wir liegen vorn«, triumphiert Greenhall, »und wir sind die Besten.« Mit einer Action-Szene aus »Matrix« im DivX;-)-Format tritt er den Beweis an: Nachtvögeln gleich, fliegen Carrie-Anne Moss und Keanu Reeves durch die Lüfte, ohne hängen zu bleiben an stolprigen Megabytes.

Den Zeitvorsprung hat Firmenchef Greenhall seinem Kumpanen Rôta zu verdanken, der schon 1999 eine frühe MPEG-4-Software von Microsoft geplündert hatte. Darauf baute er das erste DivX;-) auf. Inzwischen haben Rôta und seine Kollegen angeblich jede Zeile Programmcode neu geschrieben - wer legt sich schon gern mit Microsoft an?

Überhaupt würden Greenhall und Rôta gern das Rebellen- und Piraten-Image abschütteln und sich lieb Kind machen bei den Industriegrößen der Unterhaltungsbranche. Harvard-Absolvent Greenhall hat erkannt, dass sich aus Rôtas Hackerarbeit von gestern schon heute Gewinn schlagen ließe. »Wir möchten ja, dass die Hollywood-Studios irgendwann unsere Software nutzen, um ihre Filme übers Internet zu verbreiten«, erklärt Greenhall.

Wenn erst mal die ganze Welt DivX;-) nutzen wird, wenn das Programm den Computernutzern überall so vertraut geworden ist wie heute MP3 oder gar Microsoft Word, schätzt der Start-up-Chef, hätten die Studios keine andere Wahl mehr, als seine Software zum Standard für ihre Internet-Geschäfte zu machen. Das Problem ist nur, dass DivX;-) derzeit beinahe zum Synonym geworden ist für Filmklau im Netz.

Deshalb zieht Greenhall jetzt - welche Ironie - lautstark gegen die Piraten zu Felde, die dem Produkt, das er verkaufen will, erst zur Berühmtheit verholfen haben.

Alles muss er tun, um zu vermeiden, dass er und »Gej« als Protagonisten eines Horrorstreifens mit dem Titel »Napsters Brut« in die Geschichte Hollywoods eingehen. RAFAELA VON BREDOW

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