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Rußland FINANZPUTSCH IN MOSKAU

Der Absturz des Rubel ließ Rußland in eine neue Krise taumeln. Präsident Jelzin beschuldigte seine Widersacher, mit einer Verschwörung die Anfänge einer wirtschaftlichen Gesundung zu unterlaufen. Doch die Misere ist selbstverschuldet, soziale Konflikte zermürben die Russen.
aus DER SPIEGEL 42/1994

Mit Pathos und schwerer Stimme hatte Rußlands Präsident noch am 4. Oktober den »beginnenden Aufschwung« und »soziale Stabilität« verkündet: »Wir sind auf dem richtigen Weg.«

Acht Tage später sah Zar Boris plötzlich die nationale Sicherheit bedroht. Über Nacht befahl er Premier Tschernomyrdin aus dem Schwarzmeer-Urlaub zurück, rief den Sicherheitsrat zusammen und mahnte seine Landsleute wie einst Josef Stalin beim Einfall der Deutschen zur Besonnenheit: »Verfallen Sie nicht in Panik.«

Die »nationale Katastrophe«, so die von der einflußreichen Most-Bank finanzierte Zeitung Sewodnja, hatte sich tags zuvor in der hauptstädtischen Devisenbörse zugetragen. In beinahe freiem Fall stürzte die Landeswährung binnen weniger Stunden um 845 Punkte und verlor über ein Viertel ihres Wertes. Ein einziger Dollar war plötzlich 3926 Rubel wert - der Durchschnittsbürger konnte sich nach diesem Kurs für seinen Monatslohn gerade mal noch 60 Dollar kaufen.

Verängstigte Russen, durch Geldreform und Aktienschwindel seit 1991 immer wieder um Erspartes gebracht, stießen eilends Milliarden angesammelter Rubel ab. In Moskauer Geschäften wurden doppelt so viele Fernseher und Kühlschränke wie gewöhnlich verkauft.

Autofahrer deckten sich an Tankstellen mit größeren Benzinreserven ein, Importwaren wurden schlagartig um 30 bis 50 Prozent teurer. Der jähe Kurseinbruch sei eine soziale Zeitbombe und nicht nur ein finanztechnischer Flop, beschworen Berater ihren nach USA-Visite und vor dem Queen-Besuch wieder ganz auf Ausspannen programmierten Präsidenten. Kreml-Sprecher Kostikow ortete einen »Finanzputsch«. Doch seinem Chef, »in entscheidenden Momenten immer in der richtigen Form«, fiel diesmal nichts Originelles ein.

Kreml-Hausherr Boris Jelzin entsann sich düsterer Nomenklatura-Methoden: Seine Stasi sollte in Banken und Börsen binnen dreier Tage die Schuldigen für den Rubel-Kollaps finden, seinen Finanzminister entließ er.

Bereits vor Ermittlungsbeginn wußte Geheimdienstchef Stepaschin: Es war der Versuch, einen »schweren Schlag gegen den Präsidenten und die Regierung zu führen«. Die Schuldigen müssen nur noch gestehen.

Prominente Ökonomen wie der ehemalige Kreml-Berater Leonid Abalkin, Präsidentschaftsanwärter Grigorij Jawlinski, ja selbst Ex-Premier Jegor Gaidar sind dagegen überzeugt, das Jelzin-Kabinett sei in seine eigene Propaganda-Falle getappt:

Um Kreditgeber zwischen Paris und Washington bei Laune und die von Preissteigerungen geplagten Wähler ruhig zu halten, hatte die russische Führung seit Jahresbeginn zunehmend geschönte Wirtschaftsergebnisse präsentiert. Für August meldete Vizepremier Alexander Schochin sogar den Durchbruch: Der Rückgang der Industrieproduktion sei gestoppt, die Inflationsrate auf vier Prozent gedrückt - die niedrigste seit der Preisfreigabe 1992.

Doch vor einem »taktischen Spiel mit Zahlen« hatte Ex-Finanzminister Boris Fjodorow den Westen bereits im Frühsommer gewarnt. Um Stabilität vorzutäuschen, so rügen heute Experten, habe die Moskauer Zentralbank mit ihren Dollar-Reserven (etwa sieben Milliarden) den Kurs seit Januar künstlich hochgehalten und gleichzeitig Billionen neuer Rubel gedruckt.

Innerhalb von neun Monaten halbierte sich der Wert des Rubel, während die Inflation - so ein Industrieller aus der Umgebung des Premiers - in Wahrheit monatlich fast zehn Prozent betrug. »So etwas geht bestenfalls ein paar Monate gut«, doziert Volkswirt Jegor Gaidar.

Statt Wettbewerb und innovative Produktion zu fördern, schanzten Jelzins Minister der Agrarlobby und Rüstungsbetrieben noch im Juli und August 13 Billionen Rubel Billigkredite zu. Der Zentralbankchef Wiktor Geraschtschenko, ein Fossil aus Sowjetzeiten, senkte den Zins dafür von 210 auf 130 Prozent.

Doch die Spritzen zeigten kaum noch Wirkung: In den letzten Wochen machten zahlreiche Betriebe dicht. Ihre Bosse, erzählen sich erzürnte Arbeiter, hätten das billige Staatsgeld an der Börse schleunigst in sichere Dollar gewechselt. Staatsangestellte, Kolchosbauern, ganze Belegschaften dagegen warten oft Monate auf ausstehende Gehälter.

Zudem erwies der künstlich verteuerte Rubel nur höchst einseitige Wohltaten: Statt einheimische Exporteure zu stützen, verhalf er allein der neuen Händlerklasse zu relativ billigen Westimporten. Geschirrspülmittel aus Jordanien, Speiseeis aus Dänemark, Butter aus Frankreich und Wodka aus Deutschland haben längst die weniger attraktiven vaterländischen Produkte verdrängt - zumindest in den großen Städten: Moskau und St. Petersburg leben inzwischen zu 90 Prozent von ausländischer Konsumware.

Der Dollar, dessen Besitz zu Sowjetzeiten noch bis zu acht Jahren Haft eintragen konnte, ist längst die inoffizielle Landeswährung. Betriebe, die ihren Lieferanten Rubel-Billionen schulden, kaufen zugleich Dollar auf und schaffen sie auf Fluchtkonten ins Ausland. Rund 20 Milliarden Dollar sollen so vom russischen Binnenmarkt abgezweigt worden sein.

Rußland hat in diesem und im vorigen Jahr für 27 Milliarden Dollar mehr exportiert als eingeführt, einen Teil davon hat die Staatsbank gebunkert. 20 Milliarden an US-Geld zirkulieren zwischen St. Petersburg und Wladiwostok, umgerechnet das Volumen des gesamten russischen Geldumlaufs.

Weil der Staat für Rubel-Einlagen Zinsen zahlt, die den Inflationsverlust noch immer auch nicht annähernd ausgleichen, tauschen selbst Pensionäre ihre kargen Renten lieber in grüne Scheine um. »Selbstkolonisierung«, erregt sich ein Moskauer Fachmann: Die galoppierende Flucht aus dem Rubel erzwang förmlich den Kurseinbruch der vergangenen Woche.

Um vom eigenen Versagen abzulenken, setzte der Jelzin-Apparat eifrig Legenden über den Finanzkrach in Umlauf: Mächtige Moskauer Privatbanken hätten den Dollar-Kurs mit fiktiven Rubel-Offerten oder alten Parteigeldern in irreale Höhe getrieben. Jelzins Kanzleichef Filatow raunte von hohen Staatsbeamten, denen befreundete Banker zuvor den Umtausch aller Rubel-Ersparnisse geraten hätten; einige seien per Rücktausch über Nacht zu Rubel-Milliardären geworden.

Der Duma, Rußlands Unterhaus mit regierungsfeindlich gestimmter Mehrheit, kam der Finanzkrach zum Auftakt ihrer Herbsttagung gerade recht. Innenpolitische Stabilität, hatte der Kommunist und Parlamentschef Rybkin schon vor Tagen gewarnt, hänge allein von der wirtschaftlichen Lage ab. Droht eine neue Preiswelle, wittert die seit Monaten zahnlos-zerstrittene Jelzin-Opposition Morgenluft.

»Jede Woche zwei Minister, dann sind wir im Dezember die ganze Regierung los«, lobte Rechtsextremist Schirinowski höhnisch die jüngsten Jelzinschen Personalentscheidungen. Anderen Volksvertretern dauert das zu lange.

Die Duma-Mehrheit vertagte die Abstimmung über den Zentralbankchef und bestellte statt dessen die Regierung für den 21. Oktober zur Vertrauensabstimmung ein.

Premier Tschernomyrdin dagegen sieht seine Finanzpolitik bei der Staatssicherheit offenbar in besten Händen. Schon am Ende der Krisenwoche kehrte er zum Baden ans Schwarze Meer zurück. Staatsbankchef Geraschtschenko erhöhte die Zinsen auf Kredite und kaufte wieder für 123 Millionen Dollar an der Börse die eigene Währung. Dann trat er zurück.

Der Rubel erholte sich. Er ist nach Banker-Einschätzung mit einem Kurs von knapp 3000 pro Dollar nun wieder »stark überbewertet«, die nächste Krise ist programmiert. Y

[Grafiktext]

_171_ Rußland: Wechselkurs Dollar/Rubel u. Inflationsrate (Jan. -

Sept.

_____ ''94)

[GrafiktextEnde]

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