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SCHRÖDER-REISE Finger ab Abzug

aus DER SPIEGEL 49/1964

Den dick geschwollenen linken Oberarm bandagiert, die plagenden Lymphdrüsenschmerzen mühsam beherrschend, empfing Außenminister Gerhard Schröder im Appartement D 708 des Shoreham-Hotels zu Washington den Ministerfreund Dean Rusk zum Abschiedsbesuch. Für das wichtigste Thema seiner Amerika-Fahrt - die maritime Atomstreitmacht MLF - blieb dem Reisenden aus Bonn am vorigen Donnerstag nur noch ein Gespräch am Krankenbett.

Der Bundesaußenminister hatte die Visite bei seinen amerikanischen Bundesgenossen mit großen Hoffnungen angetreten. Er wollte sich in Washington neue Kraft für seinen Kampf mit den Gegnern in Bonn und Paris verschaffen.

Aber es wurde eine Reise voller Hindernisse. Außer dem persönlichen Mißgeschick, nach der gerade überstandenen Virusgrippe sich auch noch eine Impf-Infektion zuzuziehen, traf den Minister in der vergangenen Woche eine Serie politischer Nackenschläge. Diese Hiebe bezog Schröder von Frankreichs Charles de Gaulle, von Englands Premierminister Harold Wilson und vom eigenen Kanzler Ludwig Erhard.

Kurz vor der Fahrt zur Farm des amerikanischen Bonn-Botschafters McGhee in den Bergen Virginias, wo Schröder mit Frau Brigitte am vorletzten Sonntagnachmittag zu Gast war, erhielt er Textauszüge einer Straßburger Sonntagsrede des Franzosen.

Schröder beurteilte den neuen Appell des Generals, an die Deutschen durchweg negativ. Die kaum noch verschleierte Forderung, die Bundesrepublik solle sich zwischen Paris und Washington entscheiden und mithelfen, ein »europäisches Europa« zu schaffen, das im nuklearen Zeitalter sich selbst zu verteidigen in der Lage sein müsse, wertete Schröder als ernste Bedrohung des atlantischen Bündnisses.

Als ein Mitarbeiter meinte, de Gaulles Rede sei vielleicht doch nicht so schlimm, rügte der Minister: »Sie fangen wohl schon an, sich an das alles zu gewöhnen.«

Eine Stunde später verspürte Schröder das erste Pochen im linken Arm.

Am nächsten Morgen fuhr er ins State Department. Dolmetscher Kusterer blieb draußen vor der Tür, die Minister Rusk und Schröder Sprachen englisch unter vier Augen.

Der Bonner Gast erläuterte, warum er darauf beharren müsse, das MLF -Projekt »unbeirrt« weiterzuverfolgen: weil seine gaullistischen Feinde daheim ein Scheitern der MLF als Sieg Frankreichs und als Niederlage der USA und der von ihm, Schröder, verfolgten pro-amerikanischen Politik feiern würden.

Rusk antwortete verständnisvoll, aber zunächst unverbindlich. Der Amerikaner erläuterte, Präsident Johnson wolle über die internationalen Engagements der USA, einschließlich der MLF, erst nach der Bildung des neuen Kabinetts befinden. Schröder erfuhr auch, daß einflußreiche Präsidenten-Berater wie McGeorge Bundy darauf drängen, analog zum Versöhnungsstreben zwischen Moskau und Peking einen Ausgleich mit Frankreich, notfalls unter Verzicht auf die MLF, zu suchen.

Während der Nachmittagssitzung erhielten die Außenminister erste Nachrichten über eine Rede Premierminister Wilsons im Londoner Unterhaus. Tenor der Meldungen: England lehnt die MLF ab. Wilson: »Wir sind unwiderruflich gegen mehr Finger am (atomaren) Abzug.« Und: »Wir glauben, daß eine gemischt bemannte Überwasserflotte nichts zur Stärkung des Westens beiträgt, daß sie wahrscheinlich zu einer Kräfteverzettelung innerhalb des Bündnisses führt und die Schwierigkeiten einer Einigung zwischen Ost und West vergrößern kann.«

Schröder war alarmiert Die Unterhaus-Rede stand im Widerspruch zu dem, was Wilsons Außenminister Gordon Walker ihm eine Woche zuvor in Bonn zur MLF-Frage erklärt hatte (SPIEGEL 48/1964).

Die Amerikaner suchten Schröder zu beruhigen: Man müsse erst den ganzen Wortlaut der Wilson-Rede abwarten. Rusk urteilte: »Der Premier will sicher

die Ausgangsposition für seine Gespräche mit Präsident Johnson aufwerten und seinen linken Parteiflügel bei Laune halten.«

Am Montagabend schickte Professor Bulle von der Georgetown-Universität den deutschen Minister mit 39,5 Grad Fieber ins Bett und verschrieb Eisbeutel, Aspirin-Stöße und Cortison-Spritzen.

Über das Bonner Auswärtige Amt gelangte anderntags, von den beiden amtlichen deutschen Unterhaus-Zuhörern, Luftwaffenattaché Oberst von Schrötter und Legationsrat Nipperdey erstellt, eine Rede-Analyse ans Krankenbett im Shoreham-Hotel. Sie ergab, daß Premierminister Wilson zwar seine Abneigung gegen die MLF zum Ausdruck gebracht, jedoch eine britische Initiative angekündigt habe, um eine »umfassendere Regelung« der atomaren Nato-Strategie zu erreichen. Der britische Premier habe offengelassen, ob innerhalb dieser Regelung eine Raketen-Flotte noch Platz haben würde oder nicht.

Unter diesen Umständen wies Schröder seinen Staatssekretär Carstens in Bonn an, die Entwicklung in London erst einmal in Ruhe abzuwarten. Dieses Abwarten lohnte sich. Am Mittwoch letzter Woche ließ der von seinem Premier desavouierte Gordon Walker durch seinen Bonner Geschäftsträger im Auswärtigen Amt mitteilen, daß Premier Wilson die MLF nicht habe torpedieren wollen.

Kanzler Ludwig Erhard dagegen war nicht so geduldig gewesen. Noch bevor die beruhigende Erklärung des britischen Außenministers in Bonn eingetroffen war, hatte er beschlossen, die Schröder-Weisung an Carstens mit Blick auf den SPD-Parteitag in Karlsruhe nicht zu beachten: Um die Unzuverlässigkeit sozialistischer Regierungen anzuprangern, ließ Erhard Staatssekretär von Hase vor der Bonner Presse den Unterschied zwischen Gordon Walkers Pro-MILF-Darlegungen der vorletzten Woche und den Anti-MLF -Tönen in der Wilson-Rede unterstreichen.

Tags zuvor schon hatte der Kanzler den französischen Botschafter de Margerie zu sich gebeten, um über die Straßburger Rede de Gaulles zu sprechen. Ludwig Erhard gab sich begeistert. Er schließe aus der Rede, daß der französische Staatspräsident jetzt bereit sei, die europäische Union voranzubringen.

Der Botschafter deutete an, daß de Gaulle darüber nachdenke, wie eine europäische Atommacht organisiert werden könne, die aber separate militärische Bindungen »außerhalb der europäischen Gemeinschaft«, wie etwa die MLF, ausschließen würde.

Erhard antwortete, die Bundesregierung sei zwar im Prinzip immer noch für die MLF, aber sie müsse »so europäisch sein wie möglich«. Deshalb halte er de Gaulles Gedanken für einen positiven Ansatz. Und: Er sei ganz froh, daß die MLF erst einmal auf Eis gelegt worden sei.

Der Bundeskanzler dachte dabei an eine Information aus Paris, wonach de Gaulle zu seinem Außenminister Couve de Murville kurz vor der Straßburger Rede gesagt haben soll: »Jetzt muß ein konkreter Plan für eine europäische Force de frappe auf den Tisch.«

Was für den Bundeskanzler ein Hoffnungsschimmer war, um den parteiinternen Streitereien über die Außenpolitik mit Hilfe de Gaulles zu entrinnen, war für Rusk und Schröder ein Alptraum. Damit der MLF-Wirrwarr nicht noch durch Zweideutigkeiten aus Washington vermehrt würde und somit der kranke deutsche Außenminister nicht mit leeren Händen nach Bonn zurückkehren müsse, unterzeichneten sie am vergangenen Donnerstag ein Kommunique, in dem sie erneut die Hoffnung zum Ausdruck brachten, daß eine Einigung über die MLF möglichst bald erzielt werden könne.

MLF-Kritiker Erhard, de Gaulle, Wilson: Nach der Fahrt zur Farm...

... Pochen im linken Arm: MLF-Unterhändler Rusk, Schröder

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