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MUSICAL / OSBORNE Finger raus, Nase rein

aus DER SPIEGEL 21/1959

Ein Priester in spitzenbesetztem Meßgewand, Zigarillo im Munde, beginnt den Trauergottösdienst; eine Anzahl Rock'n'Roll-Tänzer schaut zu! Der Geistliche legt den Rauchstengel weg und beginnt zu psalmodieren, bringt aber nur ein munteres Jazz-Kauderwelsch zustande. Der Sarg wird hereingetragen; es entwickelt sich ein toller Reigen mit dem Priester an der Spitze: Ohne Protest gegen dieses Treiben nehmen die Hinterbliebenen - eines gewissen Lord Mortlake - an der Zeremonie teil. Der Tod des konservativen alten Politikers hat sie nicht erschüttert. Sie wünschen nur, das Begräbnis streng nach den Regeln ihrer Welt zu begehen - der »Welt des Paul Slickey«.

Die blasphemische Totentanzszene bildet den Höhepunkt eines neuen Musicals, das - nach der üblichen Einspielreise durch, die Provinz - vorletzte Woche im Londoner Palace Theatre uraufgeführt wurde. Der Autor ist Englands »zorniger junger Mann Nummer 1«, John Osborne, 29 (SPIEGEL 48/1957). Er hatte sich nicht allein vorgenommen, das erste angeblich zeitgenössische Musical Englands zu schreiben, sondern auch Geldgeber gefunden, die bereit waren, das Wagnis mit 25 000 Pfund (300 000 Mark) zu finanzieren.

Osborne wählte die Form des Musicals der Abwechslung halber, und weil er - die zornige Attitüde gewagt variierend - dem Publikumsgeschmack entgegenkommen wollte. Thematisch wiederholt er nur, was er in den beiden Dramen gesagt hat, die seinen Ruhm begründeten - »Blick zurück im Zorn« (1956) rund »Der Entertainer« (1957): Durch Angriffe auf Englands Politik und Gesellschaftsordnung, auf Kirche und Presse, auf alle tonangebenden Kräfte des Landes, auf das sogenannte Establishment, bekundet Osborne, in neuer Manier seinen alten Weltschmerz.

Früher, als kleiner Schauspieler, hatte er die Gesellschaft nur gehaßt. Später, als seine Stücke aufgeführt wurden und es fashionable geworden war, Osborne zu bewundern, begann er das Establishment auch zu fürchten - weil es die Möglichkeit besaß, »Revolutionen dadurch zu entwaffnen, daß es sich den Anschein gibt, sie nicht zu bekämpfen«. Er hatte Sorge, auch die durch seine Theaterstücke eingeleitete. »Revolution« könnte vornehm entwaffnet werden. Nicht ohne Stolz erklärte Osborne erst vor kurzem: »Ich fühle mich absolut einsam absolut, völlig und unwiderruflich.«

Als Hauptperson seines Musicals erfand er sich einen Mitarbeiter des Boulevardblattes »Daily Racket«, der unter dem Namen Paul Slickey täglich die Klatschspalte füllt. Die Mottos, nach denen Slickey zu arbeiten hat, lernt der Zuschauer kennen, sobald sich der Zwischenvorhang hebt und einen Blick in die Redaktion gestattet. »Nimm den Finger raus - steck die Nase rein!« lautet eines der Rezepte. Ein anderes: »Ist es wahr? Unwichtig. Ist es ehrenwert? Uninteressant. Ist es neu? Todsichere Sache!«

Osbornes Erfahrungen mit der Presse waren zwiespältig. Ohne das Gebraus, das die Zeitungen anstellten, als das kleine Londoner Royal Court Theatre »Blick zurück im Zorn« aufführte, wäre dem jungen Autor kaum ein solcher Welterfolg - Osborne: »mein unwirklicher Erfolg« - beschieden gewesen. Die Presse ereiferte sich aber nicht nur über seine literarischen, soziologischen und politischen Qualitäten (worüber er sich nicht hätte beschweren dürfen), sondern sie schnüffelte auch nach Bettgeschichten und verfolgte ihn mit albernen Fragen über seine Finanzlage; Osborne verdient immerhin - was ja die Leser interessieren mußte - nach Auskunft einer Boulevardzeitung mit seinem

Zorn wöchentlich etwa 1000 Pfund (11 700 Mark) und hat sich schon ein Haus gekauft.

Der Autor hatte bereits mit der Arbeit an seinem Musical begonnen, als er von dem »Daily Mail«-Kolumnisten Paul Tanfield als »Original-Teddyboy« apostrophiert wurde. Da riß dem jungen Osborne die Geduld: Er strengte eine Verleumdungsklage an. Die »Daily Mail« beeilte sich, die Worte ihres Mitarbeiters zurückzunehmen. Sie bezahlte Osbornes Prozeßkosten und erklärte öffentlich, der Gegner habe sich kulant gezeigt und auf Schadenersatz -

Entschädigungen dieser Art können zigtausend Pfund betragen - verzichtet.

Den Helden seines Musicals nannte Osborne durchaus nicht zufällig Paul Slickey. Das englische Wort »slick« bedeutet »schlau, pfiffig, verschlagen«; in »Paul Slickey« berühren sich aber auch die Namen der beiden bekanntesten Londoner Boulevard-Kolumnisten: William Hickey vom »Daily Express« und Paul Tanfield.

Slickey zeigt sich als Geistesbruder des »Blick zurück im Zorn«-Helden Jimmy Porter. Beide sind Intellektuelle, beide hassen ihre Frauen, beide können sich mit der Welt nicht versöhnen. Jimmy Porter sondert sich ab, protestiert und bewahrt sich so seine Selbstachtung; Paul Slickey spielt das zynische Spiel mit, mokiert sich über die Welt und schämt sich insgeheim.

All dies ist freilich nur aus Andeutungen zu erraten. John Osborne, der als Dramatiker trotz seiner Jugend fast routiniert wirkt, zeigt sich auf dem Gebiet des Musicals als Dilettant. Die Handlung ist überkompliziert, streckenweise sogar unzusammenhängend; der Autor - als sein eigener Regisseur - änderte während der Probetournee in der Provinz noch viel.

Slickey steckt tief im Sumpf des heutigen England, wie Osborne es sieht. Er hat in die konservative - scheinheilige - Familie der Mortlakes hineingeheiratet und später ein Verhältnis mit Deirdre, der Schwester seiner Frau, angefangen. Deirdres Mann andererseits, der konservative Politiker Michael Rawley, hat Beziehungen zu Slickeys Frau Lesley angeknüpft.

Das Testament des alten Mortlake macht es den beiden Paaren unmöglich, sich scheiden zu lassen. Einen Ausweg glauben sie schließlich dadurch zu finden, daß sie mit Hilfe neuartiger Injektionen ihr Geschlecht wechseln. Wieso das die juristischen Schwierigkeiten lösen soll, ist nicht recht einzusehen; indes träumen die vier von den Wonnen, abwechselnd Mann und Frau zu sein. »Eine Frau am Wochenende, an Wochentagen ein Mann«, schwärmen die über Kreuz Verliebten in einem Quartett, das ihre sittliche Verruchtheit beweisen soll, aber eigentlich nur eine Geschmacksverirrung Osbornes bezeugt.

Slickey allerdings ist zu slick, um bei dem Kuhhandel ernsthaft mitzuspielen. Er läßt sich - komödiantisch - scheinbehandeln und animiert so seine Frau, sich als zweite die Spritze geben zu lassen. Lesley wird zum Mann, Slickey bleibt Mann; seine angebetete Deirdre aber verliebt sich in ihre - zum Mann gewordene - Schwester; Slickey ist frei, gibt den Posten bei der Klatschzeitung auf, reicht seiner bildhübschen Sekretärin den Arm; Vorhang.

Geschlechtswechsel-Scherze und Rock'n'-Roll-Begräbnis verbergen schlecht, daß Handlung und Dialoge des Osborne-Musicals eben jenen vom Establishment geschätzten Salonkomödien ähneln, die der Autor als Fluch des Londoner Theaters betrachtet. In Richtung Gesellschaftskritik bietet »Die Welt des Paul Slickey« einiges Besondere: ein Duett gegen die Einkommensteuer, einen Song zur Wiedereinführung des Köpfens. Sonst aber werden nur reichlich alte politische Witze, wenig aufgefrischt, präsentiert. »Er respektiert gewaltig das Privatunternehmertum - er ist Gewerkschaftsfunktionär«, heißt es da. Oder der Slickey-Schwager und konservative Politiker Michael begreift nicht, warum er in einem scheinbar sicheren Wahlkreis durchgefallen ist: »In meinen Reden«, klagt er, »hatte ich empfohlen, den Deutschen die H-Bombe zu geben. Da die halbe Stadt im Krieg zerstört worden war, dachte ich, die Wähler würden sich für Außenpolitik interessieren ...«

In dem Widerwillen gegen das Establishment war Musical-Unternehmer John Osborne immerhin konsequent genug, bei der Besetzung auf berühmte Namen zu verzichten. Als Titelheld Slickey agiert der bisher als Sänger in einem Jazzorchester erprobte Südafrikaner Dennis Lotis. Der 31jährige Komponist Christopher Whelen schrieb für Osbornes »Welt des Paul Slickey« einen Cha-Cha-Cha und Songs; die Musik kann es an Frechheit nicht mit der französischen Unterwelt-Phantasie »Irma La Douce«, an Rhythmik nicht mit der New Yorker Halbstarken-»West Side Story« aufnehmen - zwei Musicals, die gegenwärtig mit großem Erfolg in London, laufen.

Osbornes Impresario entschloß sich, die hauptstädtische Premiere um zwei Tage vorzuverlegen, als eine Ballett-Galavorstellung zu Ehren des Schahs von Persien den ursprünglich vorgesehenen Termin blockierte: Den Mortlakes und allen anderen Mitgliedern des Establishment sollte die Möglichkeit bleiben, auch dem ungezähmten Osborne zu huldigen. In die Huldigungen mischten sich mehr und mehr »Boo«-Rufe von der Galerie und aus dem Parkett. Adrienne Corri - temperamentvolle Titelhelden-Gattin »Lesley« - war empört und schickte beim Schlußappell Vokabeln von ungewöhnlicher Grobheit ins Auditorium.

Diesen Osborne verwarf das Establishment. »Ich kann nicht einmal im Zorn auf das Stück zurückblicken«, rügte der »Daily Mail«-Rezensent, »sondern nur in Bestürzung - darüber, daß Osbornes brillantes Talent ... sich so grob fehlleiten ließ.« Die »Times« strafte den Autor mit einer zweizeiligen Überschrift: »Die langweilige Welt des Paul Slickey«.

Bitter konterte der Zornige: »Nicht ein Kritiker der Londoner Tagespresse besitzt genügend intellektuelle Ausrüstung, um ein Stück ordentlich zu besprechen.« Kurz vor der Premiere hatte Osborne noch behauptet, ein Verriß würde ihm nichts bedeuten - er fühle sich imstande, auch ohne Unterstützung der Zeitungen das Publikum zu erobern.

Szenenbild aus Osbornes »Welt des Paul Slickey*. Eine Frau am Wochenende ...

Entertainer Osborne

... an Wochentagen ein Mann

* Dennis Lotis als Paul Slickey. Maureen Quinney als Schwägerin Deirdre im Londoner Palace Theatre.

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