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»Finnlandisierung« - Vorbild oder Gefahr?

Bayerns Strauß erfand es, den Kniefall von Warschau diskreditiert es, die Finnen krankt es: das Wort »Finnlandisierung«, Etikett für das Verhältnis zwischen 249 Millionen Sowjets und 4,7 Millionen Finnen, die nur kämpfen oder kuschen konnten. Sie sind weder Satellit noch unabhängig, und modelhaft ist Finnland höchstens für Osteuropa.
aus DER SPIEGEL 17/1973

Europas Völker hörten Signale, die aus Moskau hätten kommen können. Doch sie kamen aus Helsinki: Finnlands Staatspräsident Urho Keckonen nahm sich die Freiheit, die westliche Welt zur Nachahmung der finnischen Rußland-Politik aufzufordern.

Kekkonen pries die finnische Abart von Koexistenz in einer Laudatio auf der 25-Jahr-Feier des russischfinnischen »Vertrags über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand« von 1948.

Zwar: Nicht diesen Vertrag, so der Präsident, wolle er »anderen Völkern als Muster« anbieten, aber doch dessen Ergebnis »ais Modell": »Eine vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit zweier Staaten mit unterschiedlicher Gesellschaftsordnung.«

Dann folgte ein verbitterter Ausfall: »Das ist die wahre »Finnlandisierung.« In diesem Sinne verstanden, »können wir dies neue Wort ... zum allgemeinen Gebrauch geradezu empfehlen«.

Das neue Wort hat die Finnen gekränkt, seit deutsche Christdemokraten es in die Welt setzten, um auszumalen, was hei Verträgen mit dem Osten herauskomme. Sowjet-Feind Strauß gebrauchte es erstmals 1970.

Frankreichs »Le Monde« deutete den gemeinten Zustand so: »Eine diskrete Satellitenposition.« Finnland muß, so die »FAZ« nach der Kekkonen-Rede, »die Geneigtheit der Vormacht ... ständig neu« durch Beschwichtigung erwerben.

In dieser Bedeutung ist »Finnlandisierung« -- ähnlich wie »Vietnamisierung« oder »Jugoslawisierung« -- inzwischen bis nach Peking hin in den Wortschatz von Journalisten und Politikern gedrungen: ein politischer Begriff unbestimmten, aber offenbar negativen Inhalts, ein Schlagwort, das den Zustand zwischen zwei Staaten für den politischen Tageskampf in anderen Staaten nutzen und eine bestimmte politische Position diskreditieren soll. »Finnlandisierung« ist das Negativ-Etikett für Entspannung wie Koexistenz, für Wandel durch Annäherung wie den Kniefall von Warschau.

Dabei beweist der Begriff, für den Finnland herhalten muß, im Grunde nur eines: Das finnisch-sowjetische Verhältnis ist ein Sonderfall, der sich trotz der Lobpreisung Kekkonens als Modell für Europa keineswegs eignet.

Denn den 4,7 Millionen Finnen, die eine über 1000 Kilometer lange Grenze mit Rußland haben, bleibt nichts übrig, als mit den 249 Millionen Sowjetbürgern zu leben und, wenn es dem großen Nachbarn nicht gefällt, um ihre Existenz entweder zu kämpfen oder zu kuschen.

Die Geschichte der russisch-finnischen Beziehungen hat nichts Exemplarisches, aber viel Tragisches. Über ein halbes Jahrtausend lang war Finnland -- als schwedische Provinz -- ständiger Kriegschauplatz; 1809 wurde es vom Zaren annektiert, 1918 erkämpfte es mit deutscher Hilfe die Unabhängigkeit.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wünschte Stalin von Finnland Garantien gegen seinen eigenen Verbündeten Hitler. Die Finnen lehnten ab, Stalin kündigte einen bereits bestehenden Nichtangriffspakt auf und griff am übernächsten Tag Finnland an.

Zu diesem »Winterkrieg« 1939/40 wäre es nicht gekommen, so behauptete Kekkonen jetzt in seiner Festrede, hätte Finnland damals nachgegeben.

Stalin schloß nach ein paar Monaten finnischer Selbstverteidigung 1940 Frieden und annektierte finnisches Gebiet. 400 000 finnische Karelier mußten umgesiedelt wenden. 1941 holten sich die Finnen an der Seite Hitler-Deutschlands das Verlorene zurück, bis sie 1944 den Sowjets unterlagen. Seither verlegt sich Finnland auf vorsichtiges Verhandeln mit der Sowjetmacht, so 1948, als der Kreml ein Militärbündnis wünschte, wie er es gerade mit Rumänien, Ungarn und Bulgarien geschlossen hatte: Wenn Moskau es für erforderlich hielt, sollten Sowjettruppen in Finnland einrücken dürfen.

Staatspräsident Paasikivi und der damalige Premier Kekkonen, beide bürgerliche Politiker, verhandelten geschickt gegen diese Einmarsch-Automatik. Moskau bekam 1948 nur den Vertrag, den das finnische Volk damals für ein unausweichliches Übel hielt, inzwischen aber als Gewinn betrachtet.

Denn der »gegenseitige Beistand« wird nur aktuell, falls die Sowjet-Union über finnisches Gebiet oder Finnland selbst angegriffen wird. Und ob Finnland russischen Beistand benötigt, kann nur gemeinsam bejaht werden.

Der Wortlaut dieses Vertrags begründet mithin keine »Finnlandisierung« im negativen Sinn, eher schon die Vorsicht, mit der Helsinki seither auf russische Einmischung reagiert, obgleich Vertragsartikel 6 die gegenseitige Nichteinmischung vorschreibt.

So protestierte Moskaus Helsinki-Botschafter Andrej Kowalow etwa gegen eine Parade von 2500 siebzigjährigen 1918er Veteranen am 50. Jahrestag ihres Siegs.

Die Greise marschierten dennoch. Und der Umsatz der finnischen Biermarke »Karajala« ("Karelien") stieg, nachdem Kowalow gegen ihr Flaschenetikett protestiert hatte, weil dieses das jahrhundertealte Wappen der Ostwehrprovinz Karelien zeigt: Germanenschwert und Krummsäbel. gegeneinander erhoben. Als Finnland. eingedenk seiner Abwehrpflicht, eine modernere Ausrüstung seiner Streitkräfte erwog, erklärte der Botschafter: »Finnlands Bewaffnung ist ausreichend!«

Auch die Sowjet-Presse beschränkt sich nicht darauf, Vorgänge in Finnland zu kritisieren. Sie mischt sich ständig ein, droht und erteilt Zensuren. Und sie druckt nach, was finnische KP-Blätter über reaktionäre, sowjetfeindliche und gar nazistische Umtriebe in Finnland erfinden ("Wie viele Hakenkreuzfahnen nehmen in Wohnungen ganz Finnlands noch Ehrenplätze ein? Wie viele Hitler-Bilder zieren die Wände?").

Moskau fordert nicht nur Wohlverhalten des finnischen Staates, sondern auch der finnischen Bürger. Und Finnlands Staatsführung fühlt sich gezwungen einzuschreiten, wenn der übermächtige Nachbar im Verhalten einzelner Finnen einen Verstoß gegen den Freundschaftsvertrag zwischen beiden Staaten sieht.

Staatspräsident Kekkonen scheute sich nicht, über Funk und Fernsehen finnischen Zeitungen vorzuhalten, sie leisteten in ihren Leserbriefspalten der Kritik an Moskau Vorschub. Auch das muß »Finnlandisierung« sein, denn Finnlands Verfassung garantiert Meinungsfreiheit.

Selbst Bücher werden in Finnland finnlandisiert: Verboten wurden zum Beispiel, auf Moskauer Wunsch, die bereits ausgedruckten Memoiren des früheren kommunistischen Innenministers Leino (mit Details über einen 1948 von der KPF geplanten Putsch) ebenso wie die »Chruschtschow-Memoiren«.

Die finnische KP erzwang gar von der Sibelius-Akademie die Streichung der Komposition eines liberalkommunistischen Tschechen aus dem Repertoire des Helsinkier Finnlandia-Konzerthauses. 1958 wurde der deutsche Spielfilm »Der Arzt von Stalingrad« verboten, zuletzt (1972) die Verfilmung der Solschenizyn-Erzählung »Iwan Denissowitsch«.

Trotz dieser evidenten Einschränkungen seiner Souveränität ist Finnland kein sowjetischer Satellitenstaat.

Die finnische KP saß (außer in den ersten Nachkriegsjahren) nur von 1966 bis 1971 in der Regierung, obschon sie es einmal auf 22 Prozent der Wählerstimmen brachte. Die Sowjet-Union hat nie versucht, ihr mit Gewalt zur Herrschaft zu verhelfen.

Aber: 1958 erzwang Moskau (mit Präsident Kekkonens Hilfe) den Rücktritt des gewählten sozialdemokratischen Premiers Fagerholm. 1961 drohte Moskau mit »Beistand« (Grund: Moskaus Berlin-Krise) und erreichte so den Verzicht eines Kekkonen-Gegenkandidaten.

Zwar versuchten die Russen zuweilen, Finnland zu unbenötigten Importen zu veranlassen, etwa Elektro-Lokomotiven zu kaufen, obgleich Finnland sie selber herstellt. Zwar legten die Finnen den unterschriftsreif ausgehandelten Freihandelsvertrag mit der EG auf Eis, signierten aber den vor kurzem ausgehandelten Kooperationsvertrag mit dem Ost-Wirtschaftsblock Comecon sofort. Doch über 80 Prozent des finnischen Außenhandels wurden stets mit dem Westen abgewickelt. Rußlands Anteil sank in den letzten Jahren von 15 auf 12 Prozent.

Sowjet-Truppen stehen nicht im Land, gemeinsame Manöver auf finnischem Boden gab es nicht. Finnlands Streitkräfte sind überwiegend mit russischen Waffen ausgerüstet, aber zu den sowjetischen haben sie inzwischen schwedische Kampfflugzeuge gekauft.

Moskau nimmt es hin, daß nur wenige Finnen in der Oberschule Russisch lernen, wesentlich mehr Deutsch, und daß Englisch in den Volksschulen erste Pflichtsprache ist. Kekkonen konnte es sich erlauben zu behaupten: »Die finnische Lebensart wird von den Kommunisten keineswegs verdorben oder bedroht.«

Die politische Schizophrenie, die Finnland und die »Finnlandisierung« zum Anti-Exempel für West-Europa (und zum Exempel höchstens für Osteuropa) macht, ist in Urho Kekkonen, 72, personifiziert. Denn der Präsident, kein Kommunist, diente als 17jähriger Schüler freiwillig in der Unabhängigkeits-Armee. Als Student war er Mitglied des nationalistischen »Akademischen Karelien-Bundes«, der für den Anschluß Russisch-Kareliens agitierte. Als Politiker sprach er sich 1940 gegen die Annahme der russischen Friedensbedingungen aus.

Der Staatspräsident Kekkonen aber trägt seit 1964 den sowjetischen Lenin-Orden und -- seit seiner Festrede zum 25. Jahrestag des Freundschaftsvertrags mit der Sowjet-Union -- auch den sowjetischen Orden der Völkerfreundschaft.

Er hält sich selbst für den besten Wahrer der finnischen Unabhängigkeit -oder dessen, was davon übrig ist. Mit dem Segen des Kreml verlängerte er sein bis 1974 befristetes Mandat soeben durch Ausnahmegesetz bis 1978.

Kekkonen: »Es ist ein Glück, Finne zu sein, aber auch eine Qual.«

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