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Finnlands Verhängnis

aus DER SPIEGEL 4/1947

Die Finnen sehen der Unterzeichnung des Friedensvertrages am 10. Februar und seinem Inkrafttreten mit großer Bitterkeit entgegen. Sie wissen, was es für ihr Land etwa so groß wie Italien mit einer Bevölkerung wie London bedeutet, innerhalb eines Jahrzehntes zwei Kriege gegen eine Großmacht verloren zu haben.

Leere Läden, schäbige Bekleidung, vernachlässigte Häuser, unzureichende Ernährung, Anfänge einer Inflation und äußerste Einschränkung des Kraftfahrzeugverkehrs sind sichtbare Zeichen dafür, daß Finnland, wie Ministerpräsident Pekkala kürzlich sagte, auf der verkehrten Seite im Kriege war.

Dabei ist Finnland keineswegs besetztes Gebiet. Nur eine kleine englischrussische Kontrollkommission überwacht im Lande selbst die Durchführung des. Waffenstillstandes, den Finnland 1944 unterzeichnete.

Die im März 1946 gebildete Koalitionsregierung Pekkala besteht aus fünf Kommunisten oder kommunistischen Anhängern, fünf Sozialdemokraten, fünf Agrariern und einem Schweden. Das Kabinett hat keine Wege und keine Mühen gescheut, um den Frieden so erträglich wie irgend möglich zu gestalten. Es hat wenig Erfolg damit gehabt.

Im April des vergangenen Jahres ging Ministerpräsident Pekkala mit einigen seiner Minister nach Moskau, um den Russen den finnischen Standpunkt klarzulegen. In den Hauptpunkten - der Grenzfrage und der Ermäßigung der Reparationszahlungen von 300 000 000 Dollar auf 200 000 000 Dollar - erreichten die Finnen kein russisches Zugeständnis. Dafür stellten die Russen ihnen in Aussicht, den direkten Eisenbahnverkehr zwischen Helsinki und Turku durch das an die Russen abgetretene Porkkala-Gebiet zu erlauben, ebenso finnische Holztransporte auf dein Saima-Kanal, der den Saima-See und den Wiburger Teil der finnischen Bucht miteinander verbindet und dessen südlicher Teil auf neurussischem Gebiet liegt.

Finnland verpachtete dafür das 1934 erbaute, von den Deutschen 1944 zerstörte Janikowski-Kraftwerk, das die jetzt in russischer Hand befindlichen Petsamo-Nickelgruben mit Strom versorgt, an Rußland. Dieses Versprechen hat Moskau jetzt in den ersten Tagen des Jahres 1947 verwirklicht.

Bei den Verhandlungen in Moskau erließ Rußland ferner den Finnen weitere Kompensationen für die während des Krieges aus russischem Territorium entfernten Güter. Dieser Posten, der ursprünglich auf 22.000 000 Golddollar festgesetzt worden war, war etwa zur Hälfte bezahlt, so daß durch diese russische Geste Finnland 11 500 000 Dollar erlassen wurden. Außerdem verlängerte Rußland die Zahlungsfrist der Reparationen von sechs auf acht Jahre.

Die finnische Regierung setzte ihren Kampf gegen den geplanten Friedensvertrag, dessen Bestimmungen teilweise noch härter sind als die des Waffenstillstandsvertrages, auf der Pariser Friedenskonferenz fort. Aber die finnische Delegation, die aus Außenminister Enckell und Vertretern der vier Regierungsparteien bestand, hatte dort keinen Erfolg Es hatte auch nichts genützt, daß sich Amerika noch für eine Herabsetzung der finnischen Reparationen auf 100 000 000 Dollar einsetzte und daß selbst Kanada für den amerikanischen Vorschlag stimmte.

Es blieb bei dem, ursprünglich festgelegten Friedensbedingungen: 300 000 000 Dollar Reparationslasten, Abtretung des Hafens und der. Provinz Petsamo an die Russen, Verpachtung des Gebietes und der Gewässer von Porkkala, südwestlich von Helsinki, auf 50 Jahre zur Einrichtung eines russischen Flottenstützpunktes, Beschränkung der finnischen Armee auf 34000 Mann, der Flotte auf 4500 Mann und 10000 Tonnen Schiffsraum und der Luftwaffe auf 3000 Mann und 60 Flugzeuge. Die Kontrolle Finnlands wird bis zu 18 Monaten nach Inkrafttreten des Friedensvertrages fortgesetzt.

Diese Bestimmungen sind ein schwerer Schlag für Finnland. Sie bedeuten, daß Gebiete abgetreten werden müssen, die entweder für Finnland oder- für Rußland von großer strategischer Bedeutung sind. Die russische Grenze wird also nicht nur erheblich verstärkt, sondern die finnische Grenze und überhaupt die finnische Verteidigungsmöglichkeit erheblich geschwächt. Finnland verliert wertvolle Industriegebiete und einige der besten landwirtschaftlichen Gebiete. Man hat geschätzt, daß es etwa 10 Prozent seiner gesamten Produktionsmöglichkeit verliert und daß etwa 10 Prozent der Bevölkerung heimatlos werden.

Ein englischer Abgeordneter der Labour-Partei, der kürzlich Finnland besuchte, kennzeichnete die Lage folgendermaßen: Die Russen haben ihr Pfund Fleisch genau so berechnet, daß sie das saftigste Stück herausschneiden, ohne den lebenden Organismus zu vernichten.

Die finnische Regierung weiß, daß nur durch Verständigung und Zusammenarbeit mit der Sowjetunion eine Verbesserung der sehr schlechten Lage des Landes herbeigeführt werden kann. Erst kürzlich bekam sie wieder zu spüren, wie aufmerksam die Russen alle Vorgänge in Finnland beobachten.

Zum Jahreswechsel hatte nun ein Flügel der Sozialdemokraten, die sogenannten »Altgläubigen«, Neujahrsgrüße an den als Kriegsverbrecher im Gefängnis sitzenden ehemaligen sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Tanner gerichtet und seine Begnadigung gefordert. Sofort ließ die amtliche Sowjetagentur »Tass« eine außerordentlich scharfe Erklärung dazu los und beschwerte sich über »rußlandfeindliche Verleumdungen faschistisch gesinnter Professoren in Turku«.

Vom Kriege kaum berührt, leidet Finnlands Hauptstadt Helsinki heute unter schweren wirtschaftlichen Sorgen

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