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Lebensmittel First Flush

Pestizidfunde in Bio-Tees sorgen für Zank unter Teehändlern - auch die Tester sind im Gerede.
aus DER SPIEGEL 17/1995

In der Eigenwerbung geben sich die alternativen Teehandelsfirmen sanft und philosophisch.

»Orte der Offenheit« und ein »Stück Utopie« verheißt die Berliner Teekampagne. Ein »Gleichgewicht der Natur« in den »ökologisch bewirtschafteten Teegärten« verspricht der Teeversand Nur Natur. Und der niedersächsische Teevermarkter Lebensbaum preist den »Schwarztee aus partnerschaftlicher Zusammenarbeit« an.

Tatsächlich bekriegen sich die Teehändler derzeit jedoch gegenseitig. »Ein gewaltiges Hauen und Stechen« beobachtet Conrad Bölicke-Steffens, Geschäftsführer der Berliner Teekampagne in der Branche. Gestritten wird um fette Gewinne: Aufschläge von »bis zu 80 Prozent« (Bölicke-Steffens) auf den Einkaufspreis machen die 237 Gramm Tee, die jeder Bundesbürger jährlich aufbrüht, zum goldenen Regen.

Insbesondere die Anbieter sogenannter Bio-Tees oder auch »rückstandskontrollierter« Ware verunsichern massiv die Verbraucher: In den angeblich ökoreinen Teeblättchen spüren Lebensmittelkontrolleure immer mal unerwünschte Zusätze auf, die im Etikett unerwähnt bleiben. »Wir wissen gar nicht mehr, was wir glauben sollen«, urteilt Elvira Hartmeier von der Bonner Verbraucherinitiative.

So hatte beispielsweise das Frankfurter Magazin Öko-Test Anfang April in einigen Bio-Tees »giftige Blätter« geortet. In einer der besten Teesorten der Welt, dem als besonders gesundheitsfördernd angesehenen grünen Tee aus der indischen Bergregion Darjeeling, entdeckten die Prüfer eine um das Sechsfache erhöhte Belastung mit dem Supergift PCP (Pentachlorphenol), als in Deutschland erlaubt. Das Zeug wird zur Schimmelbekämpfung in den Transportkisten eingesetzt.

Eine firmeneigene Probe des Tees brachte ebenfalls leicht erhöhte Werte des Pilzkillers PCP. Überdies fanden sich bei anderen Labortests in den braunen Blättern allerlei Schädlingsbekämpfer, etwa die Mittel Ethion, Dicofol und Quinalphos.

Betroffene Firmen wie Nur Natur im bayerischen Königsdorf reagierten rasch, sie gaben eigene Laboruntersuchungen in Auftrag. Doch bei einer Kontrollprobe mit schwarzem Darjeeling-Tee fanden, im Gegensatz zu dem von Öko-Test zitierten Labor, die neuerlichen Prüfer keine unstatthaft hohen Pestizidbeigaben.

Nur Natur setzte vergangene Woche eine Gegendarstellung bei Öko-Test durch. »Völlig rätselhaft«, urteilt hingegen ein Sprecher der Testzeitschrift.

Vielleicht nicht ganz. Nach einer Beschwerde der Darmstädter Arbeitsgemeinschaft ökologischer Landbau (Agöl) beim Deutschen Presserat haben die Öko-Tester womöglich »ihre Pflicht zur journalistischen Neutralität verletzt«. Das »prestigeträchtige« Testmagazin, argwöhnen die Öko-Landbauern, könne sich bei seiner Teekritik »auf die Seite einer Firma geschlagen« haben. Die Agöl-Kritiker nehmen Anstoß daran, daß einem von der Berliner Teekampagne (mit einer Auflage von 200 000 Stück) bundesweit versandten »Journal '94« kürzlich ein Werbezettel von Öko-Test beilag: »Seit zehn Jahren testen wir für Sie, testen Sie jetzt uns.«

Tatsächlich waren die Produkte des Berliner Unternehmens in der Öko-Postille besonders gut weggekommen. Als »empfehlenswert« wurden beispielsweise zwei Teekampagnen-Produkte der Darjeeling-Plantagen Pandam, Rungmuk und Makaibari bezeichnet, die sich derzeit in der Umstellung auf geringeren Pestizideinsatz befinden.

Verschwiegen wurde indes, daß der Großteil der jährlich 420 Tonnen Teekampagnen-Ware, die laut Firmenwerbung »nach dreifachen Kontrollen« mit einem eigenen »Rückstandssiegel« versehen wird, aus herkömmlichen Pflanzungen stammt: ohne Bio-Anbau.

»Wir kaufen unseren Tee auf den großen Auktionen in Kalkutta«, bestätigt Teekampagnen-Sprecher Bölicke-Steffens, »schließlich sind wir ein marktorientiertes Unternehmen.« Gegründet als »Projektwerkstatt«, die sich angeblich für unterbezahlte indische Lohnpflücker einsetzt, mischt der Alternativversand seit 1985 den bundesdeutschen Teemarkt auf.

Bereits drei Jahre nach der Gründung untersagte das Landgericht Hannover dem Unternehmen jedoch seine gefühlsorientierte Werbung, die unlauter an die »Mildtätigkeit der Kunden« appelliere. Nicht mal das in Öko-Kreisen begehrte Gütesiegel »Transfair« haben die Berliner.

Eine im Firmenprospekt ausgewiesene Förderung (rund 160 000 Mark) für ein »Dorfentwicklungsprojekt« ist ebenfalls umstritten. »Daß die immer noch mit uns werben, ist verwunderlich«, sagt ein Sprecher der Berliner Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt, die das Entwicklungsprojekt in Kerala betreut: »Mit der Teekampagne arbeiten wir seit Jahren nicht mehr zusammen.« Und über ein seit 1993 betriebenes Baumpflanzprojekt »serve«, das mit angeblich 267 000 Mark von der Teekampagne unterstützt wurde, berichtet ein Mitarbeiter des Tea Boards of India in Kalkutta: »Nach einer großen Fanfare wurde alles mangels Mitteln eingestellt.« Bei der Teekampagne weiß man davon nichts.

Daheim in Berlin mangelt es offenbar nicht an Geld. Demnächst wird die Teekampagne ein neugebautes Geschäftshaus im brandenburgischen Potsdam beziehen; mit einem jährlichen Umsatz von über 15 Millionen Mark gilt das Unternehmen als Marktführer für den Darjeeling-Versand. Etwa zwei Dutzend Nachahmer werben inzwischen mit einem ähnlich grünen Marketing - heftig befehdet vom Original.

Anfang Mai kommt aus den Teeplantagen im indischen Hochland der begehrte »first flush« aus der Ernte der feinsten Teespitzen auf den Markt. Tatsächlich wird jedoch weltweit viermal soviel Darjeeling-Tee angeboten, wie überhaupt angebaut werden kann.

Angesichts solchen Etikettenschwindels und des erbitterten Streits unter den Tee-Ökos empfiehlt Gisela Panzer vom Hamburger Verband des Tee-Einfuhr- und Fachgroßhandels »einen kühlen Kopf und eine Tasse guten Tee«. Mit kochendem Wasser aufgegossen, seien die Tees »als gesundheitlich vollkommen unbedenklich« einzustufen - das macht schon der Verdünnungseffekt. Y

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Tee nach Herkunftsgebieten in Prozent (1993)

[GrafiktextEnde]

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