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ISRAEL Fische im Wasser

Handgranaten gegen Friedensfreunde, Zeitbomben gegen arabische Bürgermeister - israelische Ultras erschüttern ihren Staat. *
aus DER SPIEGEL 8/1984

Es war die größte Demonstration in Jerusalems Geschichte. 50 000 Menschen zogen in einer kristallklaren Winternacht mit Fackeln zum Regierungsviertel der Stadt.

Erinnern sollte die Demonstration an eine ähnliche Veranstaltung ein Jahr zuvor, auf der - erstmals in Israel - ein Jude aus politischen Motiven von Juden ermordet worden war: Der Jerusalemer Student Emil Grünzweig, ein Anhänger der Frieden-jetzt-Bewegung, war damals einem Handgranaten-Anschlag rechter Extremisten zum Opfer gefallen.

In den besetzten Gebieten gehören Terrorangriffe jüdischer Untergrundgruppen, vorrangig gegen Araber gerichtet, zum Tagesgeschehen. Für Israel bildeten sie eine größere Gefahr als der arabische Terror, mahnte die »Jerusalem Post«, denn: »Sie erschüttern das Gefüge unserer Gesellschaft.«

Der Likud-Abgeordnete Ronnie Milo beschwichtigte, da seien »nur einige Verrückte am Werk«. Doch die Opposition glaubt an »einen organisierten jüdischen Untergrund auf dem Jordan-Westufer« (so der Abgeordnete Jossi Sarid).

Seit Beginn der israelischen Besetzung 1967 waren in Westjordanien etwa ein halbes Dutzend jüdische Untergrundorganisationen tätig. Sie nannten sich »Hasmonäer«, »Makkabäer« oder »Freiheitskämpfer«, oft traten sie ad hoc auf, ohne Tarnnamen.

Die militanten Kleinkrieger fanden ideologische Heimat sowie Hilfe und Zuflucht bei der Siedlerbewegung des rechten Bundes Gusch-Emunim, beim Verband der Siedlungen und bei der extremistischen Kach-Randgruppe des rabiaten Rabbi Kahane.

Besonders aktiv wurde in der letzten Zeit eine jüdische Untergrundorganisation, die sich TNT nennt, ein Akronym für den hebräischen Ausdruck »Terror gegen Terror«. Der Name war 1975 zum erstenmal aufgetaucht, als Unbekannte in Ostjerusalem einen arabischen Autobus angezündet hatten. Sie gaben sich später als TNT aus und lobten ihre Untat als Racheakt für den Überfall auf einen jüdischen Autobus in Ramallah.

Im Juni 1980 verletzten Höllenmaschinen die Bürgermeister von Ramallah und Nablus schwer. Seitdem mehren sich Anschläge militanter Gruppen: *___Im Februar 1982 zerstörten Ultras in Bet Hanina mehrere ____arabische Pkw. *___Im Juli 1982 entdeckten Israels Sicherheitsbehörden ein ____Komplott gegen den Felsendom in Jerusalem. *___Im Juli 1983 verübten Terroristen einen Anschlag auf ____die moslemische Universität in Hebron, bei dem drei ____Personen getötet wurden. *___Im Dezember 1983 starb ein arabisches Mädchen in Nablus ____bei einem Terroranschlag jüdischer Extremisten. Weitere ____Anschläge gegen moslemische und christliche ____Institutionen in Jerusalem und Betlehem folgten.

Ende Januar fanden israelische Sicherheitsbeamte bei der El-Aksa-Moschee in Jerusalem fünf Handgranaten und 13 Kilo Sprengstoff: Jüdische Extremisten _(Attentäter hatten im Juli 1983 in der ) _(islamischen Universität von Hebron drei ) _(Studenten getötet und 33 verletzt. Gegen ) _(arabischen Protest schritten israelische ) _(Soldaten ein. )

wollten das islamische Heiligtum verwüsten. »Das hätte eine nationale Katastrophe werden können«, sagte Staatspräsident Chaim Herzog.

Sicherheitsbehörden in den besetzten Gebieten glauben, daß sich in der jüdischen Terroristenszene zwei unterschiedliche Tätertypen tummeln: extremistische Siedler und die TNT-Gruppe.

Die im Siedler-Untergrund auftretenden Männer sind von einer fanatischen nationalistischen Ideologie getragene Aktivisten, gebürtige Israelis, die ihren Militärdienst in Elite-Einheiten geleistet haben, sich als Profis leicht Waffen und Sprengstoff beschaffen können, das Jordan-Westufer genau kennen und sogar Kontakte zur arabischen Bevölkerung haben. Sie sind auch zu koordinierten Einsätzen fähig, wie der Anschlag auf die Bürgermeister zeigt; sie meinen, die Angst vor ihrer Rache werde die Araber von Überfällen auf jüdische Siedlungen abhalten.

Der durchschnittliche TNT-Terrorist hingegen ist jünger, eher in Jerusalem als in den besetzten Gebieten aktiv und wird vorrangig von religiösen und weniger von nationalistischen Motiven getragen. Im Gegensatz zum Untergrund der Siedler nehmen die TNT-Täter vor allem spezifisch christliche und moslemische Ziele ins Visier. Die TNT-Mitglieder sind Ultra-Orthodoxe, die entweder aus der Kach-Bewegung des Rabbi Kahane kommen oder aus den Jeschiwoth, den höheren religiösen Schulen. Es handelt sich meist um Neueinwanderer sowohl aus den USA wie aus der Sowjet-Union. Nur wenige haben militärische Erfahrung oder Organisationsfähigkeiten.

Jüdische Terroristen werden selten gestellt. Vergangenen Monat verhaftete die Polizei zwar zwei des Grünzweig-Mordes Verdächtige, doch die meisten Anschläge auf arabische Opfer blieben bis heute ungeklärt.

Die linkssozialistische Zeitung »Al Hamischmar« bedauerte »die Unfähigkeit der Polizei, dieser Ultras habhaft zu werden«. »Haaretz« spekulierte, es bestehe der Eindruck, daß »oberste Regierungsstellen einer offenen Konfrontation mit rechtsradikalen Gruppen ausweichen« möchten.

Sicher können sich die jüdischen Ultras auf dem Jordan-Westufer nach dem Mao-Prinzip unter der Siedlerbevölkerung wie Fische im Wasser bewegen: Und bei der konservativ-klerikalen Regierungskoalition gelten die jüdischen Attentäter eher als Patrioten denn als Kriminelle. So meinte der religiös-nationale Abgeordnete Rabbi Chaim Druckmann nach dem Anschlag auf die arabischen Bürgermeister: »So sollen alle Feinde Israels enden.«

Sogar im jüdischen Kernstaat ergab unlängst eine Umfrage, daß mehr als 18 Prozent der Bevölkerung einen gegen die Araber gerichteten Gegenterror gutheißen würden.

Das ist kaum verwunderlich. Denn Mordanschläge gehören seit je zum politischen Kampf im Nahen Osten. Auch einige israelische Spitzenpolitiker von heute bedienten sich in der Zeit vor der Staatsgründung dieser Methode. Und natürlich weigern sich Ultra-Außenseiter wie Rabbi Kahane, die TNT-Attentate zu verurteilen.

Daß jüdische Aktivisten »eine implizite Unterstützung höchster Instanzen genießen«, stellte ein von der Staatsanwaltschaft abgefaßter Bericht fest. Das nach der Vize-Staatsanwältin Jehudit Karp genannte 33-Seiten-Dokument analysiert 70 von Arabern gegen jüdische Siedler vorgebrachte Anschuldigungen, deren Untersuchung entweder eingestellt wurde oder ohne Ergebnis ausging.

Israels Regierung beschloß nach der Veröffentlichung des Karp-Berichtes, die Polizei in den besetzten Gebieten auch gegen jüdische Missetäter intensiver einzusetzen. Doch solche Vorsätze dürften kaum realisiert werden: Die Bevölkerung in den besetzten Gebieten untersteht zwei verschiedenen Rechtssystemen - die Juden den israelischen Zivilgerichten, die Araber der härteren Militärjustiz.

Der jüdische Terror könnte für Israel fatale Folgen haben. Jerusalems Bürgermeister Teddy Kollek warnte bei der Grünzweig-Gedenkdemonstration: »Ein gegen uns gerichteter arabischer Terror einigt das Volk. Der jüdische Terrorismus hingegen schürt Zerfall und Zersetzung.« _(1980 verlor der später von den Israelis ) _(abgesetzte Bürgermeister von Nablus ) _(durch einen Sprengstoffanschlag beide ) _(Beine. )

Attentäter hatten im Juli 1983 in der islamischen Universität vonHebron drei Studenten getötet und 33 verletzt. Gegen arabischenProtest schritten israelische Soldaten ein.1980 verlor der später von den Israelis abgesetzte Bürgermeister vonNablus durch einen Sprengstoffanschlag beide Beine.

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