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USA Flacher Ehrgeiz

Das Elend der Kinder armer Eltern ist zu einem heißen Thema im Wahlkampf geworden. *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Hinter dem Kandidaten wallten drei riesige Sternenbanner. Um ihn drängten sich die Arbeiterinnen der Fabrik in New Jersey, welche die Fahnen genäht hatten. Sie lauschten den merkwürdig nachdenklichen Worten, die George Bush von sich gab.

»Was ist denn der Sinn unseres Wirtschaftswachstums? Etwa nur, reich zu sein? Was für ein flacher Ehrgeiz!« sagte der Präsidentschaftskandidat der Republikaner.

Die Amerikaner dürften sich nicht damit begnügen, »fett und glücklich« zu sein, sie sollten vielmehr alles tun, um den Elenden, den Armen und vor allem jenen unglücklichen Kindern zu helfen, die inmitten von »Schrecken und Gewalt« in den Gettos amerikanischer Innenstädte aufwachsen müßten.

Das sind neue Töne in dem sonst üblichen Optimismus-Geschnatter der republikanischen Wahlkampfpropaganda.

Ronald Reagan hatte Armut noch als persönliches Versagen des einzelnen gesehen, als privaten Verrat am amerikanischen Traum. Wohlfahrtsempfänger denunzierte er gern als potentielle Betrüger.

Doch die soziale Realität, die Reagan hinterläßt, zwingt George Bush, das von seiner Partei ungeliebte Thema aufzugreifen. Zu dunkel hängen die Schatten über jenen Teilen der amerikanischen Gesellschaft, die nicht am Wirtschaftsaufschwung der Reagan-Ära teilhatten.

Die Zahl der Amerikaner, deren Einkünfte unter der offiziellen Armutsgrenze von 11611 Dollar im Jahr liegen, kletterte von 11,4 Prozent im Jahr 1978 auf jetzt 13,5 Prozent. Um die Hälfte erhöht hat sich seitdem die Zahl der »arbeitenden Armen«, derjenigen also, die mit ihrem Mindestlohn von 3,35 Dollar pro Stunde weit weniger verdienen, als sie zum Leben brauchen.

Jeder dritte schwarze Bürger der Vereinigten Staaten lebt in Not, Tendenz steigend. Gewachsen ist in Reagans Amerika auch das Heer der Obdachlosen. Der Bedarf an Behelfsunterkünften hat sich in den großen Städten verdreifacht. Viele einstige Angehörige der Mittelschicht sanken ab in die »neue Unterklasse«.

Deren Anwachsen nannte William Wilson, ein Soziologe von der Universität Chicago, »eine der wichtigsten sozialen Veränderungen« im Amerika des ausgehenden 20. Jahrhunderts.

Am schlimmsten aber geht es den sozial benachteiligten Kindern im reichsten Land der Welt. 13 Millionen junge Amerikaner leben in bedrückender Armut. Jedes zweite Kind wächst bei einer alleinstehenden Mutter auf, die entweder geschieden ist oder nie verheiratet war. Und jedes dritte dieser Kinder wird irgendwann von der Sozialhilfe leben.

Geradezu »heimgesucht« findet sich George Bush von der Vorstellung, was für ein erbärmliches Leben die Kinder in den amerikanischen Slums führen müssen.

Sein demokratischer Gegner Michael Dukakis versäumt selten, sein Publikum zu fragen: »Wie können wir sicherstellen, daß alle unsere Kinder eine faire Chance bekommen, am amerikanischen Traum teilzuhaben?«

Kinder seien »zum heißen Thema« dieses Wahlkampfes geworden, befand die »New York Times«.

Eine wichtige Teilfrage, die auch Familien der Mittelschicht betrifft, könnte sogar wahlentscheidend werden: die Betreuung von Kindern berufstätiger Eltern, das »Day Care«.

In jenem Amerika, das unter Ronald Reagan angeblich einen Beispiellosen Wohlstand genießt, müssen immer mehr Mütter Geld verdienen, weil ein Einkommen oft nicht mehr reicht, um eine Familie zu ernähren.

1977 arbeiteten 40,9 Prozent der Mütter mit Kindern unter sechs Jahren außer Haus; zehn Jahre später waren es 56,7 Prozent. Öffentliche Kindertagesstätten aber gibt es kaum in den USA. Die meisten der vorhandenen Einrichtungen werden von Kirchen oder privaten Trägern geführt und kosten sehr viel Geld - pro Kind 200 Dollar im Monat und mehr.

Nur 23 Prozent der Kinder, die tagsüber untergebracht werden müssen, verbringen ihre Zeit unter professioneller Aufsicht in Tagesstätten. Die überwiegende Mehrheit der anderen, 68 Prozent,

werden von bezahlten Babysittern versorgt.

Gerade vier Wochen alt war Elizabeth Cannada aus Hillsborough im Bundesstaat North Carolina, als ihre Mutter wieder arbeiten ging. Sechs Monate später war der Säugling schon von acht verschiedenen Tagesmüttern versorgt worden. »Meistens sagten mir die Frauen erst am Freitag, daß ich für den nächsten Montag Ersatz finden müßte«, erzählt die geplagte Mutter. Ihr Kind, inzwischen zehn Monate alt, leidet unter Schlafstörungen.

Das heißt nicht, daß Kinder, die in Day-Care-Centern untergebracht sind, bestens versorgt werden. Die Pflegerinnen verdienen selten mehr als 10 000 Dollar im Jahr - etwa soviel wie ein Parkwächter.

Bush und Dukakis wissen wohl, daß aus der Krise der Kinderversorgung reichlich Stimmen zu schöpfen sind - vor allem bei den Frauen, um die beide buhlen.

Während nach letzten Umfragen George Bush mit 45 Prozent der Wählerstimmen leicht vor Dukakis (41 Prozent) liegt, hat der Demokrat bei den Frauen einen knappen Vorsprung von 44 zu 40 Prozent. Diese »Geschlechterschere« könnte über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Beide Kandidaten haben daher Day Care zum Wahlkampfthema gemacht. Massachusetts-Gouverneur Dukakis beruft sich gern auf das Vorbild seines Bundesstaates, in dem einkommensschwachen Familien staatliche Zuschüsse zwischen 1000 und 2000 Dollar im Jahr für die Betreuung ihrer Kinder gewährt werden. Er unterstützt den von Demokraten eingebrachten »Act for Better Child Care« (ABC), ein Gesetz, das den Bundesstaaten 2,5 Milliarden Dollar für Kindertagesstätten zur Verfügung stellen soll. Um Mißbrauch zu verhindern, soll eine neue Kontrollbehörde in Washington geschaffen werden.

Dukakis wolle ein »Pentagon für Kinder« gründen, lästern seine konservativen Gegner. Der ABC-Plan befürworte die »Industrialisierung der Familie«, die wehrlosen Kleinen würden an »Kinderfabriken« ausgeliefert, schrieb in der »Washington Post« ein Pädagoge vom rechten »American Enterprise Institute«.

Dabei will auch George Bush öffentliche Mittel für die Betreuung von Kindern Berufstätiger lockermachen. Mindestens 2,2 Milliarden Dollar im Jahr würde sein Plan kosten, einkommensschwachen Familien einen Steuervorteil von 1000 Dollar im Jahr für Kinderbetreuung zu gewähren.

Die geheime Hoffnung der republikanischen Wahlstrategen zielt darauf, daß der Bush-Plan Mütter dazu bewegen könnte, ihre Jobs aufzugeben, um die Kinder selbst zu versorgen. Gerade arme Familien werden sich das aber nicht leisten können.

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