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NACHWUCHS Flaute

aus DER SPIEGEL 38/1962

Bremerhavens Fischerschule hat volle Kassen, aber keine Fischer: Für jährlich 240 Schüler gebaut, hatte sie in diesem Jahr - drei Monate lang - nur 16 und stellte inzwischen den Lehrbetrieb ganz ein.

Obwohl das komfortabel ausgestattete Pennal, Bundesdeutschlands einzige Jungfischerschule, schon seit drei Jahren kaum noch begehrt ist, muß der Magistrat des größten kontinentalen Fischereihafens immer noch erhebliche Summen dafür aufwenden: Allein für 1962 etatisierte er 154 000 Mark als Zuschüsse.

Bremerhavens Schuldezernent, Stadtrat Alfons Tallert, meint heute, man habe »zumindest übereilt« gehandelt, als sich die Stadt 1956 bereit fand, den deutschen Trawlern Schlepperhilfe zu gewähren.

Mit Hinweis auf ihren prekären Personalmangel hatten sich die im »Verband der deutschen Hochseefischereien e.V.« (Sitz: Bremerhaven) verbündeten Fischdampfer-Reeder damals mit einem »äußerst dringlich« gehaltenen Antrag an die Stadt gewandt, eine Schule zur systematischen Aufzucht von Fischernachwuchs zu gründen.

Bremerhaven willfahrte dem Wunsch der Reeder, baute für 610 000 Mark ein Schulhaus mit Internat - der Bund, das Land Bremen und die Reeder steuerten je ein Viertel der Baukosten bei - und verpflichtete sich, für die Unterhaltung des Gebäudes, den Schulbetrieb und die Besoldung des Lehr- und Hilfspersonals zu sorgen.

Schuldezernent Tallert: »Als wir die Schule gründeten, haben wir das für ganz Deutschland getan.«

Der Reederverband, der für das Schulinventar und die Ernährung der Jungfischer aufkommen sollte, mochte sich finanziell nicht zu sehr engagieren. Zwar zahlt jedes Mitglied pro Bruttoregistertonne Schiffsraum unter seiner Flagge ein Fixum von 20 Pfennig jährlich; weitere 100Mark monatlich braucht der einzelne Reeder jedoch nur zu investieren, wenn er einen Nachwuchsfischer in den Drei-Monate-Lehrgang delegiert.

Die Kapazität der Jungfischerschule am Bremerhavener Seedeich wurde jedoch bereits im Jahre 1959 nur zu knapp zwei Dritteln genutzt.

1960 stand dann die Hälfte der Internatsbetten leer, 1961 überstieg die Zahl der Lehrer zeitweise die der Schüler. Der Unterrichtsbetrieb wurde vorübergehend stillgelegt, und spanische Fischerei-Gastarbeiter benutzten die Schule als Nachtquartier.

Die Jungfischer-Flaute war vor allem auf den allgemeinen bundesdeutschen Arbeitskräftemangel zurückzuführen: Um das Besatzungsoll auf ihren Schiffen überhaupt erfüllen zu können, musterten etliche Reeder die Nachwuchsfischer nicht als Jungfischer - mit dem niedrigsten Dienstgrad der Laufbahn bei den Hochseefischern -, sondern als Kochsmaate an.

Nach der ersten Reise, auf der diese Schiffahrts-Novizen dem Schiffskoch zur Hand gingen, tauchte der Kochsmaat in der Musterrolle bereits als Leichtmatrose auf.

Solche Praktiken sprachen sich schnell unter den Knaben herum, die von den Arbeitsämtern an die Hochseefischerei vermittelt wurden.

Auf neuerlichen Schulbesuch ohnehin nicht versessen, fiel ihnen die Wahl zwischen einem zwölfwöchigen Jungfischerkursus, zu dem sie ihr Taschengeld mitbringen müssen, und der Chance, als Leichtmatrose nach knapp vier Wochen rund 450 Mark Monatsheuer zu kassieren, nicht schwer. Denn gesetzlich ist ein Besuch der Jungfischerschule in Bremerhaven nicht vorgeschrieben.

Dazu Kapitän Walter Alves, derzeit kommissarischer Leiter der Jungfischerschule: »Wenn die Jungen mich fragen 'Muß ich denn zur Schule?', kann ich leider nur antworten 'Nein, das brauchst du nicht.'«

Zwar wollen Hochseefischer, Gewerkschaft und Bundesverkehrsministerium nun am 28. September in Bonn über eine gesetzliche Ausbildungsverordnung für Fischdampfer-Seeleute beraten. Aber bis entschieden ist, ob neue Ausbildungsvorschriften den Besuch der Jungfischeranstalt zur Pflicht machen, wurden drei ihrer vier Lehrkräfte - zwei altgediente Trawlerkapitäne und ein Netzmachermeister - in die Stadtbildstelle, das Einwohnermeldeamt und die Statistische Abteilung der Stadt abkommandiert.

Jungfischer beim Unterricht: Heuer ohne Lehrzeit

Jungfischerschule in Bremerhaven: Lehrer ohne Schüler

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