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AFFÄREN / VIERHERRENWALD Fleckchen Erde

aus DER SPIEGEL 31/1967

Ulrike Haniel, Witwe des Ruhrindustriellen Richard Haniel, entstieg ihrem Cadillac und betrat ein Notariat an der Vincentistraße zu Baden-Baden. Drinnen vermachte sie ihr Waldgut »Vierherrenwald« im Hunsrück der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Das war am 17. März 1949. Heute herrscht »in Vierherrenwald Dr. Eugen Gerstenmaier, Präsident des Deutschen Bundestages. Die Kirche hat dem Oberkonsistorialrat die Aufsicht über das 448 Hektar große, zwei Autostunden von Bonn entfernte Anwesen übertragen. Hier pirscht der Christdemokrat feiertags zwischen Fichten, japanischen Lärchen und pazifischen Tannen auf Böcke, oder er trifft sich im Jagdhaus (15 Zimmer) mit einer populären CDU-Runde, dem »Vierherrenwaldkreis

Das Präsent der Ruhr-Witwe war, wie es scheint, großherzige Geste einer begüterten Dame von Welt. Aber Ulrike Haniel war damals bettelarm. Der Cadillac war geliehen. Und das Geschenk war ein Geschäft.

Befragt, wie sie zu dem stattlichen Besitz gekommen sei, spricht die Evangelische Kirche von einer »steuerbegünstigten Schenkung«. In Wahrheit aber war es ein strafwürdiger Handel im Namen der Barmherzigkeit.

Er geht zurück auf den Nachkriegswinter 1948/49. Damals bekam in seiner Villa bei Bern der Industrielle und Finanzmanager Dr. Jacques Koerfer -- einst Zigarettenfabrikant in Berlin, später Großaktionär bei BMW -- Besuch von seinem Schwiegervater aus Davos. »Da sitzt eine alte Freundin von mir«, berichtete der Gast, »der geht"s dreckig.« Ob man der Frau nicht helfen könne.

Die alte Freundin hieß Ulrike ("Ulla") Haniel. Ein beträchtliches Vermögen, das sie 1937 nach dem Tode ihres Mannes geerbt hatte, war dahingeschmolzen. Die Industriellen-Witwe war bei drei Schweizer Banken verschuldet und außerstande, die unbezahlten Rechnungen mehrerer Hotels einzulösen.

Jacques Koerfer leistete erste Hilfe. Zusammen mit dem Düsseldorfer Anwalt Dr. Eugen Langen, einem Studienfreund, reiste er nach Davos und besprach in Ulrike Haniels möblierter Mietvilla bei Hummer und Champagner die Lage. Der Finanzier besorgte für die arme Witwe Kredit bei einer Berner Bank und beglich aus eigener Schatulle die Hotelrechnungen.

Anwalt Langen untersuchte Frau Haniels Restvermögen: ein Rennstall nebst Gestüt bei Kreuzpullach, Aktienpakete von der Gutehoffnungshütte und der Kabelwerk Rheydt AG sowie das Waldgut Vierherrenwald. Jedoch: Die Pferde brachten nur Verluste ein, und die Aktien waren zu jener Zeit kaum verkäuflich. Für den Vierherrenwald gab es zwar Interessenten, die für Grund und Jagdhaus 800 000 Mark bezahlen wollten. Doch von diesem Erlös wären Ulrike Haniel bei den damaligen Steuersätzen nur eben 100 000 Mark geblieben.

Eugen Langen sah keine Chance, die Haniel-Immobilien in ausreichendes Einkommen zu wandeln. Doch da kam Caritas von wohltätiger Stelle. Bei Jacques Koerfer machte Dr. Wolf von Gersdorff Station, Geschäftsführer des Hilfswerks der Evangelischen Kirche »in Deutschland und ein alter Bekannter des Finanzmanns.

Koerfer bat den Nothelfer um Rat: »Hier sitzt jemand, der kann nicht mehr weiter, der muß den Offenbarungseid leisten.« Und Wolf von

* Im Vierherrenwald mit einem von ihr geschossenen Vierzehnender.

Gersdorff wußte, wie sich das vermeiden ließe.

Der ehemalige Rechtsanwalt schlug vor, die Witwe Haniel möge den Vierherrenwald-Besitz der Evangelischen Kirche vermachen: als steuerfreies Geschenk. Der Gegenwert werde ihr in die Schweiz überwiesen, in bar und ohne Verlust -- aus Dollar-Spenden, die skandinavische Kirchen für die westdeutschen Protestanten aufgebracht hatten und die in jener Nachkriegszeit nicht transferiert werden konnten.

Die Art Geschäft war dem Kirchenmann nicht fremd. So hatte er einmal für einen Dollar-Betrag, der von amerikanischen Lutheranern für die Deutschen gespendet und bei den Eidgenossen hinterlegt worden war, in der Schweiz Stoffe gekauft, die Textilien daheim in D-Mark umgesetzt und damit Nächstenliebe geleistet.

Menschliche Güte ließ von Gersdorff nun auch im Falle Haniel walten. Mit Koerfer kam er zu dem Schluß, die Witwe, damals 60, werde das Geld binnen Monaten verbrauchen, falls sie den Vierherrenwald-Erlös auf einmal bekomme. So schlug Gersdorff vor: Der Betrag -- rund 100 000 Dollar -- solle nach Tilgung drängender Haniel-Schulden bei einer Liechtensteiner Bank deponiert werden. Monatlich werde dann das Institut 3000 Schweizer Franken (nach damaligem Kurs etwa 9000 Dollar im Jahr) an Frau Ulrike überweisen, solange Grundsumme und Zinsen reichten.

Umsichtig erkundigte sich Jacques Koerfer noch bei der Schweizer Verrechnungsstelle, »ob die Transaktion schweizerische Belange« berühre. Es kam kein Veto, und nach dem Ja-Wort der Witwe war der Handel perfekt.

Vergebens flehte der gerade erst eingestellte Vierherrenwald-Verwalter Hans-Erwin Weber aus dem Hunsrück seine »sehr verehrte gnädige Frau« an: »Schon der Gedanke, Ihrem Kinde dieses herrliche Fleckchen Erde ... zu erhalten, sollte meines Erachtens ein Grund für Sie sein, mit allen Mitteln den Vierherrenwald festzuhalten.«

Doch Ulrike Haniel überwand nicht nur familiäre, sondern auch religiöse Skrupel. Sie war während des Krieges in der Schweiz zum katholischen Bekenntnis konvertiert und hatte noch 1948 Kommunionsbilder ihrer Adoptivtochter Ulrike jr. in alle Welt verschickt. »Als Katholikin kann ich das doch nicht machen«, zögerte sie. Aber dann machte sL doch das Geschäft mit den Protestanten.

Unter dem Aktenzeichen 1 H 199/49 unterschrieb sie in Baden-Baden den Schenkungsvertrag, wonach »mit Wirkung vom 1. 4. 1949« Wald nebst Jagdhaus »zu Besitz und Genuß der Kirche übergeben« wurden.

Die Gegenzeichnung des Papiers und die Danksagung besorgte der damalige Leiter des Evangelischen Hilfswerks: Dr. Eugen Gerstenmaier. Und unmittelbar danach (Koerfer: »Ich glaube, einen Tag später") wurde in Bern der zweite Teil des Pakts besiegelt.

Von dem Dollar-Handel haben die deutschen Behörden bis heute keine Ahnung. Durch ihn hat das Hilfswerk zumindest den Straftatbestand der Beihilfe zur Steuerhinterziehung erfüllt -- wenn nicht gar der Mittäterschaft. Zudem haben die Samariter ein -- ebenfalls strafbares -- Devisenvergehen begangen.

Nach dem Vierherrenwald-Kauf feilschte die Kirchenorganisation, die zuvor so großzügig über Paragraphen hinweggesehen hatte, vier Monate lang um die Details der Übergabe: um einen Posten Holz, der vom Verwalter Weber noch am Stichtag (1. April) für seine Herrin verkauft worden war, um die Pension für einen 71jährigen Holzfäller, einen Frigidaire-Eisschrank, ein paar Riedinger-Stiche, Geschirr und Wäsche.

Schließlich setzten sich am 28. Juli Frau Haniels Anwalt Eugen Langen und Eugen Gerstenmaiers Hilfswerk-Unterhändler ins Jagdhaus und protokollierten den Frieden. »Nach Ansicht von Herrn Dr. Langen«, so hieß es da, »ist es ein Irrtum und entspricht nicht den ... Vereinbarungen, wenn von den 15 vorhandenen Betten nicht einmal die zwei des Ehepaars Haniel diesem verbleiben sollen. Frau Haniel besitzt sonst in Deutschland ... noch nicht einmal ein Bett.«

Die Witwe, die unterdessen nach Westdeutschland umgesiedelt war, bekam ihr Bett. Den Überschuß aus Verwalter Webers Holzverkauf (4673,62 Mark) aber mußte sie der Kirche zurückzahlen -- »in Raten«, wie Anwalt Langen betonte.

Mitte Februar 1950 bat der Vermögensverwalter noch einmal um Barmherzigkeit: Das Finanzamt habe Frau Haniel wegen des Vierherrenwalds zur Soforthilfe-Abgabe herangezogen, für die der Besitzstand vom Juni 1948 maßgebend sei. Ob nicht die Kirche diesen Betrag (etwa 4000 Mark) übernehmen könne?

Sechs Monate später aber wurde Ulrike Haniel vom Finanzamt Baden-Baden gepfändet, weil sie die Soforthilfe nicht hatte aufbringen können. Nach der Botschaft ihres Anwalts, daß Rennstall und Gestüt bankrott seien und daß »in etwa drei Monaten ... sämtliche Aktien verkauft sind und Ihnen dann zum Leben nichts mehr bleibt«, verließ die Witwe endgültig Deutschland und verzehrte in der Schweiz ihre Hunsrück-Rente. Kaum war sie außer Landes, da schwärmten in der Bundesrepublik Fahndungsbeamte der Finanzbehörde aus. Bei Freunden und Bevollmächtigten Ulrike Haniels versuchten sie vergebens zu ermitteln, wieso die verarmte Ruhr-Erbin, deren Steuer-Schulden zwangsweise eingetrieben werden mußten, einen Wald nebst Haus verschenken könne.

Zur gleichen Zeit bekam auch das Hilfswerk. -- laut Eugen Gerstenmater »nicht irgendein Verein, sondern die Evangelische Kirche selber« -- Scherereien mit den Behörden. Doch nicht des Vierherrenwalds wegen, sondern im Zuge jenes Textilien-Tausches, durch den Geschäftsführer und Haniel-Wohltäter von Gersdorff einst US-Dollar in Mark verwandelt hatte.

Schon ein Jahr zuvor, im Spätsommer 1950, war es deswegen zu einem Zwist mit dem Stuttgarter Finanzministerium gekommen. Wolf von Gersdorff hatte damals 100 000 Mark Geldstrafe wegen Devisenvergehens zahlen müssen und war nach Chile ausgewandert.

Jetzt stritt sich noch einmal das württembergisch-badische Staatsministerium mit den Protestanten um diesen (und anderen) Gütervertrieb. Doch die Ministerialen ließen von einer Strafverfolgung ab,. und der neue Hilfswerk-Geschäftsführer Joachim von Lukowicz beteuerte, das alles sei nur geschehen, »um das ... in erster Linie benötigte Geld zu erhalten«.

Freilich: Für den Vierherrenwald galt diese Bargeld-Regel plötzlich nicht mehr. Leicht hätte das Evangelische Hilfswerk sein Hunsrück-Objekt um 800 000 Mark veräußern können. Statt dessen wurden die Jagdgründe dem »Sondervermögen der Kirche« zugeschlagen. Den Erlös aus dem Holzeinschlag brachte das Hilfswerk als Gesellschafter-Kapital in die »Gemeinnützige Siedlungsgesellschaft« (GSG) ein. Aufsichtsratsvorsitzender dieses protestantischen Bauunternehmens ist heute Eugen Gerstenmaler.

Blieb das Jagdhaus, ein stattlicher Bau mit 15 großzügig bemessenen Räumen. Die Kirchenherren befanden, für karitative Zwecke -- etwa als Alters- oder Kinderheim -- sei die romantisch gelegene Waldvilla ungeeignet. In so mißlicher Lage mußte es den Hilfswerktätigen als eine Fügung erscheinen, daß Eugen Gerstenmaier nicht anstand, sich in dem Jagdhaus, das zu nichts nutze war, häuslich einzurichten.

Die GSG bestellte den Christdemokraten zum »Wahrer der kirchlichen Interessen«. Als Gegenleistung für diese Aufgabe gewährte sie dem frommen Waldhüter das Jagdrecht. Zunächst wohnte Gerstenmaier mietfrei, heute zahlt er für das Haus monatlich 223 Mark.

Der CDU-Landrat Dr. Herrmann Krämer, auf dessen Territorium der Vierherrenwald liegt, hält es für möglich, daß »vielleicht irgendein Makler aus Frankfurt auch 500 Mark monatlich für das Haus bieten würde«. Das erscheint nicht übertrieben, und von noch größerem Vorteil ist für den Bundestagspräsidenten die freie Jagd.

Denn das Land Rheinland-Pfalz zum Beispiel verpachtet erstklassige Staatsreviere um zehn Mark je Hektar -- rund 4500 Mark im Jahr für einen Forst von Vierherrenwald-Größe. Auf dem freien Markt müßte Eugen Gerstenmaier wenigstens 10 000 Mark jährlich für ein vergleichbares Revier bezahlen. Und der Jagdexperte Dr. Arthur Lindgens« der 1949 den Vierherrenwald im Auftrag der Kirche begutachtete, erwiderte auf die Frage, ob für Jagd und Jagdhaus nicht monatlich 1000 Mark zu erlösen seien: »1000 Mark? Das wäre doch verrückt! Dafür wird doch viel mehr bezahlt.«

Der Dollar-Handel mit Ulrike Haniel liegt für die Beteiligten schon im Dunkel der Nachkriegsgeschichte. Jacques Koerfer in der Schweiz weiß noch: »Frau Haniel ist ja 1955 gestorben. Zum Schluß sind vielleicht 80 000 Dollar geflossen.«

Der Bundestagspräsident erinnert sich nur schwer an das Geschäft. Erst eine Weile, nachdem er den Schenkungsvertrag in Baden-Baden unterzeichnet habe, sei Hilfswerk-Geschäftsführer von Gersdorff gekommen und habe ihm eröffnet, daß da an Frau Haniel -- aufgrund eines zweiten Vertrages -- für die Holzvorräte im Wald noch 100 000 Dollar bezahlt werden müßten.

Dr. Wolf von Gersdorff aber erinnert sich im fernen Chile anders. Er weiß von keinem »Vertrag, der sich nur auf den Wald oder das Haus oder Holzvorräte bezogen« hat. Gersdorff: »Die beiden Rechtsvorgänge -- einerseits in der Schweiz zwischen Spender und Frau Haniel und andererseits zwischen Frau Haniel und dem Hilfswerk in Deutschland -- sind nach meiner Überzeugung Zug um Zug vollzogen worden.«

Wie immer, Eugen Gerstenmaier kann weiterhin unbeschwert im Vierherrenwald auf Hirsche pirschen, seine Kirche dort unbehelligt Holz abfahren. Devisenvergehen, die auf alliierte Militärregierungsgesetze zurückgehen, werden heute nicht mehr verfolgt, Steuerhinterziehung verjährt nach fünf Jahren.

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