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POLIZEI Fliegender Boxhandschuh

Mit Millionenaufwand lassen die Innenminister eine neue Distanzwaffe gegen renitente Demonstranten entwickeln. *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Die neue Wunderwaffe, abgeschossen aus einer Art Panzerfaust und beschleunigt durch Eigenantrieb, soll auf 60 Meter Entfernung ebenso wirksam sein wie auf zehn Meter. Der Marschflugkörper erreicht ein Tempo von 70 Metern pro Sekunde.

Eingefüllter Reizstoff, wissenschaftlich Chlorbenzylidenmalodinitril (CS) und populär »Kotzgas« genannt, soll beim Aufprall auf den menschlichen Körper »die Wirkung noch erhöhen«, so Winfried Müller, Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Polizeiakademie in Münster-Hiltrup.

Ingenieure des Ottobrunner Rüstungskonzerns Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) haben das Geschoß konzipiert, und die Innenminister von Bund und Ländern glauben, die seit langem gesuchte »polizeitypische Waffe«, die Demonstranten stoppen und Polizisten schützen kann, nun gefunden zu haben.

Die Minister hoffen, daß der Einsatz der kleinen Rakete die seit Jahren andauernde Diskussion um martialische Polizeieinsätze, um Gummischrot, schmerzhafte Hämatome und blutende Augäpfel beendet. Mit dem »fliegenden Boxhandschuh« (Müller) oder »Prellkörper mit Triebwerk«, wie der badenwürttembergische Landespolizeipräsident Alfred Stümper den MBB-»Wirckörperwerfer« beschreibt, soll Polizisten gelingen, was die Innenministerkonferenz (IMK) von einer Distanzwaffe erwartet: Demonstranten umzuwerfen, aber nicht ernsthaft zu verletzen.

Doch ganz sicher sind sich die Experten nicht über die Wirkung des Weichgeschosses aus der »Zimmermann-Orgel«, wie die linke »Tageszeitung« die Waffe nennt. Was die Technische Kommission der IMK am Tag der Brüsseler Krawalle an Dias, Zeichnungen und Modellen sichtete, beurteilt Karl-Heinz Hiersemann, Spitzenkandidat der Bayern-SPD, »mit großer Skepsis«. Auch der CSU-Landtagsabgeordnete Günther Beckstein konnte gegenüber Waffenentwicklungen vergangener Jahre »keinen qualitativen Fortschritt erkennen«. Selbst Stümper hat »Zweifel, ob das technisch wirklich machbar ist«.

Bedenken, die Mitglieder des Sicherheitsausschusses des bayrischen Landtages äußerten, nachdem sie im Februar das Modell bei MBB in Ottobrunn begutachtet hatten, haben sich bestätigt. CSU-MdL Beckstein sieht das Verletzungsrisiko zwar »vermindert«, aber er hält das Geschoß für »zu gefährlich, wenn es etwa die Schlagader trifft«;

Vorreiter in dem Bemühen der Polizeiminister, »die Lücke zwischen Schlagstock und Pistole zu schließen« (Müller), war Bayerns Gerold Tandler gewesen. »Als die Polizisten lädiert von Einsätzen aus Brokdorf nach Hause kamen«, erinnert sich ein IMK-Mitglied, »wurde die Forderung nach einer Distanzwaffe aus Bayern sehr laut.« Auch Roman Herzog, damals Innenminister in Stuttgart, war »in dieser Sache«, so ein IMK-Waffenexperte, »einmal sehr forsch«. Als Herzog »dann vorhatte, was anderes zu werden«, nämlich Präsident des Bundesverfassungsgerichts, »hat er das Thema schnell fallengelassen«.

Der Gedanke, Fensterkitt zu verschießen, wurde von den Ministern ebenso verworfen wie der Einsatz von Gummiwuchtgeschossen, mit denen die Polizei in Zürich Demonstranten lebensgefährlich verletzt hatte. Eine wuchtige Mehrzweckpistole fand nicht die Zustimmung der Gewerkschaft der Polizei. »Am liebsten«, mokiert sich Stümper über die Unentschlossenheit der Politiker, würden viele »nur Wattebäuschchen, mit Äther getränkt, gegen Demonstranten werfen« lassen.

Die Innenminister vergaben erst einmal Forschungsaufträge an die Industrie. Neben den MBB-Ingenieuren, die für 2,2 Millionen Mark die »Variante Prellkörper« testen, untersuchte das Frankfurter Battelle-Institut die Einwirkungen neuer Einsatzmittel auf Menschen.

Vorgeschlagen wurde beispielsweise die Entwicklung einer Luftstoß-Kanone mit einem Meter Durchmesser, die von einem Lastwagen aus auf Demonstranten gerichtet werden soll. Fazit der Studie: »Ähnlich würde eine Gasexplosion in der Nähe des Täters wirken.«

Auch der Einsatz von »Schall-Energien oberhalb der Schmerzschwelle«, über eine Reihe fest installierter Lautsprecher in Richtung Menschenkette gejagt, sollte nach den Vorschlägen der Battelle-Ingenieure für den Objektschutz getestet werden. Schädigungen, heißt es in dem Gutachten, seien »nicht zu erwarten, weil die Schallwirkung langsam bis zur Unerträglichkeit zunimmt und Personen, die die Barriere durchdringen wollen, die Möglichkeit haben umzukehren«.

Als »vielleicht aussichtsreich« (Battelle-Gutachten) werden schließlich »optische Einsatzmittel« empfohlen, die Lichtblitz-Effekte erzeugen, ähnlich den Blendschock-Granaten, mit denen die Grenzschutztruppe GSG 9 schon 1977 bei der Geiselbefreiung in Mogadischu erfolgreich war.

Ein umgekippter Lastwagen auf der Autobahn, der Erbsen geladen hatte, verhalf MBB-Ingenieuren zu einem anderen Einfall: Ein Wasserwerfer, so ihr Vorschlag, solle bei gewalttätigen Demonstrationen eine chemische Substanz versprühen, die sich auf der Straße in erbsengroße Kugeln verwandelt und niemandem mehr gestattet, sich auf den Beinen zu halten. »Die Möglichkeit, daß bei alldem nichts herauskommt«, bilanziert Stümper das Hiltruper Expertentreffen, »ist gegeben, aber der Vorwurf, man kümmere sich nicht um eine neue Waffe, ist mal vom Tisch.«

Die endgültige Entscheidung, ob die sogenannte Zimmermann-Orgel den Vorzug erhält, haben sich die Innenminister der Länder vorbehalten. Bis dahin, sagt Stuttgarts Stümper, »wird beim Alltagsdienst der Polizei entweder gekloppt oder geschossen«. _(Bundesgrenzschutzbeamte bei einer ) _(Demonstration in Bremerhaven, im Oktober ) _(1983. )

Bundesgrenzschutzbeamte bei einer Demonstration in Bremerhaven, imOktober 1983.

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