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UMWELT Flockt wie Schnee

Bauexperten geben bundesweit Asbestalarm. Der Faserstoff zersetzt sich in Tausenden von Gebäuden zu krebserzeugendem Staub. *
aus DER SPIEGEL 12/1988

Wie zu Kriegszeiten wird seit Montag letzter Woche an vielen Hamburger Schulen unterrichtet: in Notquartieren.

Im Gymnasium Groß Flottbek pauken Schüler im ausgeräumten Theaterfundus. An einer Grundschule in Hamburg-Rotherbaum lernen 28 Steppkes im Lehrerzimmer, die Pädagogen essen ihre Butterbrote derweil in der Garderobe. Andernorts müssen Schüler in Bibliotheken oder Pausenräume ausweichen, manche ziehen gleich mit Sack und Pack in Nachbarschulen um.

Ausgelöst hat die Klassenwanderung von 10 000 Pennälern eine bundesweit einmalige Entscheidung der Schulbehörde. Aus »Gründen des Gesundheitsschutzes« hatte die Hamburger Schulsenatorin Rosemarie Raab kurzfristig die Schließung von 366 Klassenräumen an 47 Schulen angeordnet. Die sozialdemokratische Politikerin fürchtet, daß sich im Klassenzimmer einer der gefährlichsten Schadstoffe verbreitet: Asbeststaub.

Gefahr durch Berieselung mit Fasern des Baumaterials Asbest, das zu den krebserzeugenden Substanzen zählt (siehe Kasten Seite 55), besteht in 183 Schulpavillons der Frankfurter Herstellerfirma »Polensky & Zöllner«. Den Zementplatten für die Leichtbauten war in den fünfziger und sechziger Jahren Asbest zur Isolierung beigemengt worden. Jahrzehntelanges Pausengetobe und trockene Heizungsluft haben das Gemisch zermürbt. Asbest geht in winzigen Fasern über Lehrerpulten und Schülerbänken nieder.

Tatsächlich belegten erste Messungen durch den Technischen Überwachungsverein (TÜV) Norddeutschland einen schier unglaublichen Gefährdungsgrad. In einem Pavillon der Wandsbeker Grundschule wurden - bislang der Extremfall - in einem Kubikmeter Luft 300 000 Asbestfasern gezählt. Experten halten 1000 Fasern für gerade noch vertretbar. Wolfgang Schumacher vom TÜV: »Eine Katastrophe.«

Nachdem bekanntgeworden war, welche horrende Belastung in einzelnen Klassenzimmern herrscht, drohten Lehrer mit Streik, weigerten sich Eltern, ihre Kinder weiterhin in den Pavillons unterrichten zu lassen. Mitunter, berichtet ein Sprecher der Schulbehörde, sei es zu »hysterischen Reaktionen« gekommen. Die Senatorin gab Asbestalarm.

Die Hamburger »Vorsorgeaktion« (Rosemarie Raab) schreckte Beamte in anderen Städten auf. In Essen, wo 90 Pavillons eines anderen Herstellers stehen, ordnete das Schulamt sofort Stichproben an. Auch in Duisburg sollen die »Schuhkartons« (Schülerspott) aus Asbest geprüft werden. Das Düsseldorfer Arbeitsministerium schickte einen Schnellbrief an alle Kreise und kreisfreien Städte mit der »nachdrücklichen Bitte«, eine Bestandsaufnahme asbesthaltiger Gebäude zu fertigen. Die Vorsicht ist angezeigt.

Millionen Bundesbürger, Kleinkinder wie Alte, leben, meist ahnungslos, mit dem Asbestrisiko. Der Allzweckstoff wurde jahrzehntelang nahezu hemmungslos verbaut.

Wie eine Studie der Münchner Fraunhofer-Gesellschaft belegt, sind bundesdeutsche Dächer und Fassaden mit 300 Millionen Quadratmetern unbeschichteter Asbestzementplatten verblendet. Aufgeweicht durch Wind und sauren Regen, stoßen die Bauteile jährlich 1000 Tonnen Asbeststaub ab. Asbestbeläge in Bremsen und Kupplungen von 30 Millionen Kraftfahrzeugen setzen im gleichen Zeitraum schätzungsweise noch einmal zehn Tonnen Staub frei.

Die größte Gesundheitsgefahr geht vom Spritzasbest aus, der viel Asbest und wenig Zement enthält. Als Schall- und Wärmeschutz wurde das Gemisch vorwiegend bei Großbauten genutzt. Es klebt unter den Decken von Hallenbädern, Messezentren, Kaufhäusern und Kirchen; als Feuerschutz ummantelt es Stahlträger in Verwaltungsgebäuden, Gesamtschulen oder Kindergärten. Mit dem praktischen Zeug wurden Technikschächte ausgekleidet oder Belüftungsrohre beschichtet.

Erst 1979 verbot das Bundesarbeitsministerium die Verwendung von Spritzasbest. Bis dahin, schätzt der Eschborner Asbestexperte und Bausachverständige Winfried Haas, »entstand kaum ein größeres Gebäude, bei dem das Teufelszeug nicht verbaut wurde«. Jährlicher Asbestumsatz der bundesdeutschen Bauwirtschaft damals: weit über 100 000 Tonnen.

Die Folgen zeigten sich erst in jüngster Zeit. Überall registrierten Baubehörden in abgenutzten Amtsstuben Asbeststaub, der »in Extremfällen beinahe wie Schnee von den Decken flockt« (Haas). So wurden etwa in Heidelberg das Finanzamt und die Justizgebäude teilweise geräumt und für 18 Millionen Mark saniert. In _(Elektronenrastermikroskop-Aufnahme der ) _(fadenähnlichen Asbestpartikel in 20 ) _(000facher Vergrößerung. )

München mußte die Rudi-Sedlmayer-Halle, in der sich sonst Sportler und Pop-Fans tummeln, monatelang wegen der gefährlichen Fasern dichtgemacht werden. Das Zeug unter der Decke wurde abgeschlagen, weil es, so ein städtischer Baubeamter, »droben bröselt hat«.

In Berlin waren fünf Gesamtschulen so mit Asbeststaub angefüllt, daß sie geschlossen werden mußten, 4000 Schüler wurden in andere Gebäude zwangsversetzt. Nun sollen zwei der Schulen in einem Dreijahresprogramm für insgesamt 80 Millionen Mark bis auf den Rohbau abgerissen und neu aufgebaut werden. Die Entscheidung, ob die drei übrigen Gebäude bis zu ihrer Sanierung wieder genutzt werden sollen, will der Senat von einer Abstimmung bei den Eltern abhängig machen.

Für Schlagzeilen ("Bild": »Die ersten fliehen aus dem Asbest-Haus") sorgte in Hamburg im Herbst letzten Jahres die Räumung eines Bürohochhauses an der Reeperbahn, in dem auch die Verwaltungsgerichte der Hansestadt ihren Sitz haben. Wegen hoher Asbestwerte in den Räumen wurden die Juristen evakuiert, nur ein Notdienst hielt die Stellung. Sicherheitshalber lösten sich diese Beamten alle zwei Stunden ab; sie trugen, wie Oberverwaltungsgerichtspräsident Jan Albers versicherte, »alle Mundschutz«.

Aufgeschreckt durch solche spektakulären Fälle, haben Aufsichtsbeamte in einigen Bundesländern bereits vor geraumer Zeit mit gründlichen Prüfungen begonnen. In Düsseldorf gab das Wohnungsbauministerium vor zwei Jahren einen Asbesterlaß ("Erkennen und Sanieren von schwach gebundenen Asbestprodukten in Gebäuden") an die Baubehörden aus. In Baden-Württemberg ordneten die Bauverwaltungen eine Untersuchung aller landes- und gemeindeeigenen Gebäude an. Für die Sanierung

stellte die Landesregierung einen Sonderfonds mit 30 Millionen Mark bereit.

Im Kieler Kultusministerium wurden im letzten Jahr die Bauunterlagen aller Schulen auf Asbestvermerke durchgesehen. Ergebnis der Prüfung: Für eine Gefährdung gebe es »keine Anhaltspunkte«. Auch das niedersächsische Kultusministerium meldete nach einer ähnlichen Aktion »Fehlalarm«. Das besagt allerdings nichts.

Aus den Bauplänen ist nicht immer ersichtlich, wo Asbest verspritzt wurde. Selbst wenn es in den Akten steht, wissen etliche Aufsichtsbeamte nichts damit anzufangen. Der Karlsruher Diplom-Ingenieur Jürgen Kleineberg, öffentlich vereidigter Sachverständiger für Asbestimmissionen, hat schon Bau-Fachseminare geleitet, auf denen Teilnehmer »nicht mal den Unterschied zwischen Spritzasbest und Asbestzement kannten«. Häufig, weiß auch Gutachter Haas, werde von Behörden »verdeckt, vertuscht, beschwichtigt und runtergespielt«.

Schlampereien bei der Sanierung bleiben da nicht aus. So berichtet Haas von angeblich entsorgten Gebäuden, wo er »in Hohlräumen noch ganze Büschel von Asbest gegriffen« hat. Typisch für den nachlässigen Umgang mit dem gefährlichen Stoff ist auch, wie in einer Frankfurter Schule Asbestdecken saniert werden sollten: Tapete drüber. Statt Asbestflächen mit Spezialkunststoffen zu versiegeln, wurde in einem anderen Fall eine Asbestwand mit gewöhnlicher Farbe überpinselt. Haas: »Es ist oft zum Haareausreißen.«

Selten haben Schludereien Konsequenzen wie in Frankfurt. Dort leitete die Umweltabteilung der Staatsanwaltschaft Ende letzten Jahres ein Ermittlungsverfahren (Aktenzeichen: 65 JS 28 889/87) gegen unbekannte »Verantwortliche der Stadt Ffm.« wegen des Verdachts der Baugefährdung ein. Die Staatsanwälte wollen herausfinden, wer für die schlampige Sanierung einer Schule zuständig war.

Vorschriften für die Entsorgung gibt es nicht. Bislang ist noch nicht einmal gesetzlich festgelegt, bis zu welchem Grenzwert Asbeststaub überhaupt durch Räume wirbeln darf. Das Bundesgesundheitsamt hat lediglich einen »Orientierungswert« vorgegeben: »deutlich weniger als 1000 Asbestfasern pro Kubikmeter Luft«.

Gezählt werden für diesen Grenzwert allerdings nur Fasern einer bestimmten Größe, die vom Körper besonders schwer abgewehrt werden können und so beim Einatmen in die Lunge eindringen. Dies sei, klagt der Asbestfachmann des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Reinhold Konstanty, eine »äußerst dümmliche Eingrenzung«. Konstanty: »Schon eine Faser kann zuviel sein.«

Das Berliner Bundesgesundheitsamt spielt die Gefahr herunter. Auf einer Pressekonferenz rechnete letzte Woche der Leiter des Fachbereichs »Spezielle humanökologische Fragen«, Manfred Fischer, vor, wie ungefährlich Asbest angeblich ist. Wenn eine halbe Million Schüler zehn Jahre lang wöchentlich 48 Stunden Klassenluft mit 1000 Asbestfasern pro Kubikmeter einatmen, sei, rein statistisch, nur mit einem Krebstoten zu rechnen. Asbestgutachter Haas: »Ein zynisches, menschenverachtendes Zahlenspiel.«

Umstritten ist zudem, wie die Belastung durch Fasern überhaupt erfaßt werden soll. Zwar wird bei Messungen überall die gleiche Technik eingesetzt: Kompressoren saugen über goldbedampfte Filter Luft an, die hängengebliebenen Asbestfasern werden anschließend unter dem Elektronenmikroskop ausgezählt. Doch wie viele Geräte wo aufgestellt werden sollen, ist nirgendwo verbindlich festgelegt. Die Meßpraxis, konstatiert Haas, lasse denn auch durchaus »Raum für Manipulationen«.

In Hamburg etwa wurde bis Ende letzter Woche nicht jeder einzelne Klassenraum untersucht. Der TÜV begnügte sich »nur mit Stichproben-Messungen«, pro Schule bauten die Techniker lediglich zwei Meßstellen auf. TÜV-Experte Schumacher: »Jede Klasse einzeln schaffen wir doch gar nicht.« Selbst wenn sein Trupp »Tag und Nacht im Einsatz« sei, müsse für die Prüfprozedur mit »noch mindestens weiteren 60 Arbeitstagen« gerechnet werden.

Von »Meßorgien« hält Schumacher ohnehin nichts, bei dem elenden Zustand der Pavillons seien das »nur unverbindliche Momentaufnahmen«. Damit könnten die verantwortlichen Politiker lediglich Zeit gewinnen. Schumacher ist für eine Radikalkur: »Sanierung ist angesagt, notfalls Abriß.« Das wird teuer.

Die Kosten für die Entsorgung allein eines Klassenzimmers durch Versiegelung der Wände wird von Fachleuten des Senats auf etwa 80 000 Mark geschätzt. Der Abriß eines ganzen Pavillons durch ein Spezialunternehmen und der Transport des Schutts auf eine Sondermülldeponie kommt auf rund 25 000 Mark. Für eine Totalsanierung hätte die Hansestadt, die ohnehin an allen Ecken sparen muß, rund 15 Millionen Mark aufzubringen.

Dabei will der Senat nicht nur die Schulpavillons untersuchen und entsorgen lassen. Auf Beschluß der Stadtregierung sollen nun sämtliche landeseigenen Gebäude auf Asbest abgeklopft werden, vom Kindergarten bis zum Krematorium.

Die Asbestberieselung wird für die Stadt womöglich auch noch juristische Konsequenzen haben. Eine Lehrerin, die seit über zehn Jahren in den Pavillons unterrichtet hat, will den Senat auf Schmerzensgeld verklagen. Die Frau hat Lungenkrebs.

Die Frankfurter Herstellerfirma der Pavillons, die ihre Asbestprodukte angeblich nur nach Hamburg verkauft hat, kann von der kranken Frau nicht mehr belangt werden. Das Unternehmen ist voriges Jahr in Konkurs gegangen.

Elektronenrastermikroskop-Aufnahme der fadenähnlichen Asbestpartikelin 20 000facher Vergrößerung.

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