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USA / LUFTAUFKLÄRUNG Flotte Bienen

aus DER SPIEGEL 49/1964

Als untätige Drohnen waren sie entwickelt worden, nichtsnutzig und dazu bestimmt, von ihren eigenen Stammesgenossen alsbald vernichtet zu werden. Als eifrige Suchbienen schwärmten ihre Nachfahren über dem Dschungel Südostasiens aus.

Eine der scharfäugigen Feuerbienen aus den USA hatte vorletzte Woche Feindberührung und stürzte, wie die offizielle rotchinesische Erfolgsmeldung lautete, »irgendwo in Zentral-Südchina« zu Boden.

»Ein großer Sieg«, jubelten die Chinesen. Und die Weltöffentlichkeit erfuhr, daß die Amerikaner ihre Luft-Aufklärung über dem roten Machtbereich mit einer neuen Generation von ferngelenkten Späh-Robotern perfektioniert haben. Bereits seit Wochen waren ganze Schwärme unbemannter Flugkörper vom Typ »Firebee« ("Feuerbiene") mit Kameras und Radar-Spürgeräten unterwegs, um in Nordvietnam lohnende Bombenziele und in Südchina mögliche Aufmarschbewegurigen auszumachen.

Die Feuerbienen sind die jüngste, Variante im vielfältigen Arsenal unbemannter Späher, die von den Amerikanern entwickelt wurden, seit im Mai 1960 russische Abwehrraketen den U-2-Fernaufklärer des US-Majors Gary Powers vom Sowjet-Himmel holten.

So starten schon seit Jahren regelmäßig amerikanische Geheimsatelliten der »Discoverer«-Serie vom Raketenschießplatz Vandenberg (US-Staat Kalifornien). Weit über hundert der mit hochempfindlichen Kameras ausgestatteten Entdecker-Satelliten - sie können aus 400 Kilometer Höhe selbst nachts, sofern es sternenklar ist, das Dach des Kreml photographieren - sind seit 1961 in den Weltraum geschossen worden. Sie liefern Tag für Tag ein komplettes Übersichtsbild des Imperiums hinter dem Eisernen Vorhang. Ihre Luftbild -Serien werden teils auf Magnetbändern gespeichert und über den USA erdwärts gefunkt, teils werden die belichteten Filmrollen über dem Pazifik in Kassetten zur Erde katapultiert. Im Zielgebiet stationierte Schiffe der US -Marine und Spezialstaffeln der Luftwaffe, die riesige Auffangnetze mit sich schleppen, sammeln dann die Bildausbeute ein.

Doch auch für risikoreiche Späh -Flüge im erdnahen Luftraum brauchen die Amerikaner ihre Piloten nicht mehr zu bemühen: In einer Zeit, da amerikanische Raumfahrttechniker über Hunderttausende von Kilometern hinweg Weltraum-Raketen zielgenau - und notfalls auch mit fernbefohlenen Kurskorrekturen - auf den Mond oder zur Venus lenken können, scheint die Aufgabe, ein Flugzeug fernzusteuern, vergleichsweise unproblematisch.

Elektronische Steuereinrichtungen vermögen den Piloten so vollkommen zu ersetzen, daß unbemannte Geisterflugzeuge fast ebenso beweglich manövrieren können wie bemannte Flugzeuge: Jede Phase des Programms für Flugkurs und -höhe kann vor dem Start auf Magnetbändern im Elektronengehirn der Maschine gespeichert oder während des Fluges durch Funk übermittelt werden.

Für mindestens zwei bewährte amerikanische Flugzeugtypen wurden denn auch bereits derartige elektronische Piloten konstruiert: für den Fernaufklärer RB 47, der mehr als 3000 Kilometer tief in Feindesland vordringen kann, und für eine Kamera-bestückte Version des Überschalljägers F 104.

Mit weit weniger Aufwand, doch nach denselben technischen Prinzipien wie die umgerüsteten Großflugzeuge erfüllen jene neuartigen Späher, die eigens für unbemannte Erkundungsflüge herangezüchtet wurden, ihre Aufgaben: die elektronischen Schwärmer vom Typ »Firebee«.

Die sieben Meter langen Düsen -Kleinflugzeuge, die nahezu 1000 Stundenkilometer schnell sind, waren ursprünglich als eine Art fliegender Zielscheibe - US-Militärjargon: »Ziel-Drohnen« ("Target Drones") - entwickelt worden. Ihr einziger Zweck war, als fast schallschnelle militärische Tontauben durch die Luft zu fliegen und den US-Jägerpiloten oder Flugabwehr-Raketen möglichst wirklichkeitsgetreu ein bewegliches Feindziel vorzutäuschen.

Mit einem Kamera-Bauch versehen, erwiesen sich die Drohnen als überaus nützliche und vielfältig einsatzfähige Nah-Aufklärer. Sie können, von einem Lastwagen gestartet, einige hundert Kilometer tief in Feindesland hinein- und wieder zurückhuschen - in Flughöhen bis zu 15 000 Meter. Und ihre Reichweite konnte beträchtlich vergrößert werden, als die US-Techniker den kleinen, flotten Bienen eine noch günstigere Startposition verschafften: Fliegende Transporter vom Typ »Hercules« wurden zu Mutterflugzeugen umgebaut; unter ihren weit ausladenden Tragflächen schleppen sie vier Feuerbienen bis in die Nähe des geplanten Einsatzgebietes. Dann werden die Späh-Roboter ausgeklinkt und fliegen - vom Mutterflugzeug oder von Bodenstationen ferngelenkt - ihren Kundschafter-Kurs. Wenn sie nach der Geister-Mission wieder freundliches Territorium unter sich haben, öffnen sich - wiederum auf Funkbefehl - Fallschirme, und die Späh-Bienen taumeln sanft zu Boden.

Mittlerweile hat jedoch die Evolution neuer Kundschafter-Insekten schon begonnen. Ein größerer Typ von elektronisch ferngesteuerten Nah-Aufklärern, den die amerikanische Flugzeugfirma Fairchild entwickelt hat (Typenbezeichnung: USD 5), ist einsatzbereit.

Er ist mehr als dreimal so schwer wie die Feuerbiene und birgt in seinem glasfaserverstärkten Kunststoffrumpf zusätzlich Infrarot-Kameras und Radargeräte. Mit ihnen kann die Super-Drohne auch noch durch Nacht und Nebel spähen.

Unbemannte US-Aufklärer »Firebee«, Trägerflugzeug »Hercules": Roboter über China

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