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NIEDERLANDE / INDONESIEN-HANDEL Flucht aus Amsterdam

aus DER SPIEGEL 21/1959

Eine Anzahl holländischer Importgesellschaften sah sich in den letzten Wochen

veranlaßt, ihre alten Handelshäuser in Amsterdam durch Niederlassungen in der Bundesrepublik zu ergänzen. Ursache dieser Geschäftsverlegung ist der seit mehr als einem Jahr anhaltende politische Streit um die ehemals holländischen Kolonialbesitzungen in Indonesien, der Hollands Ostasienhandel stark gefährdet.

Durch das Nationalisierungsgesetz vom 31. Dezember vergangenen Jahres verfügte der Staatspräsident der jungen indonesischen Republik, Achmed Sukarno, die Konfiszierung des holländischen Eigentums in dem fernöstlichen Inselstaat. Von diesem Gesetz waren vor allem die holländischen Plantagenbesitzer betroffen, die in Indonesien seit über hundert Jahren vorwiegend Tabak, Kaffee, Tee und Ölsaaten anbauten.

Zwar sieht das Enteignungsgesetz ausdrücklich eine Entschädigung der Plantagenbesitzer vor, aber angesichts des weiterhin andauernden politischen Kleinkriegs zwischen Indonesien und Holland - Sukarno beansprucht den noch im holländischen Kolonialbesitz befindlichen Papua-Staat Neu-Guinea - wurden die Entschädigungsgelder bislang von Indonesien zurückgehalten.

In nahezu allen europäischen Ländern veröffentlichten die in Indonesien enteigneten holländischen Tabak-, Kaffee- und Tee-Plantagenbesitzer daraufhin Zeitungsinserate, in denen sie alle Importeure warnten, in Geschäftsbeziehungen zum indonesischen Staat zu treten. Angesichts der »bekannten völkerrechtswidrigen Enteignung« werde man gerichtlich gegen alle solche Fernostgeschäfte einschreiten.

Derartige Drohungen machten weder auf die indonesischen Staatshändler noch auf ihre Geschäftspartner in Übersee Eindruck. Bereits im vergangenen November bereiste eine Delegation des indonesischen Landwirtschaftsministeriums in aller Stille die Länder Belgien, Dänemark, Italien und Westdeutschland, um neue Umschlagplätze für die indonesische Tabakernte zu erkunden. Bislang war der gesamte indonesische Tabakexport und der Verkauf aller anderen indonesischen Erzeugnisse nach Übersee ausschließlich über Amsterdam abgewickelt worden.

In der Tat erwies sich die Rundreise der Indonesier als erfolgreich. In Bremen verhandelten sie mit vier renommierten Tabakhändlern, die schon seit Jahrzehnten führend in der westdeutschen Branche tätig sind, nämlich den Firmen Hellmering, Köhne & Co., Gebrüder Kulenkampff, Franz Kragh GmbH und Hoffmann & Leisewitz.

Die Bremer Kaufleute boten den Indonesiern an, mit ihnen gemeinsam in Bremen eine Gesellschaft für den Verkauf indonesischer Tabake zu gründen. Dieser Vorschlag war für die Indonesier insofern von einigem Reiz,; als sie nunmehr nicht nur an der Produktion, sondern auch am Handel mit ihren Erzeugnissen profitieren konnten.

Kurzentschlossen entschied der indonesische Landwirtschaftsminister Sadjarwo, die indonesischen Tabake künftig zentral von Bremen aus den Käufern in aller Welt anzubieten. Ende Februar wurde die Deutsch -Indonesische Tabakhandelsgesellschaft mbH gegründet, an der die staatliche indonesische Exportgesellschaft PPN-Baru mit 50 000 Mark und die vier Bremer Importfirmen mit je 12 500 Mark beteiligt sind.

Kaum jedoch war die erste indonesische Tabakladung auf dem englischen Frachter »Ulysses« in Bremen eingetroffen, als zwei holländische Firmen, die N. V. Verenigde Deli Maatschappijen und N. V. Senembah -Maatschappij, gegen den geplanten Verkauf eine Einstweilige Verfügung beantragten, da der Tabak weiterhin als holländisches Eigentum angesehen werden müsse.

Am 21. April lehnte das Bremer Landgericht den Antrag der niederländischen Firmen jedoch ab, da es nicht Aufgabe eines deutschen Gerichts sein könne, die völkerrechtliche Gültigkeit eines indonesischen Nationalisierungsgesetzes zu beurteilen.

In den nächsten Tagen muß sich ein belgisches Gericht in Antwerpen zu dem gleichen Antrag der holländischen »Vereinigung für Teekultur in Indonesien« äußern, die den Teehandel zwischen Indonesien und belgischen Importeuren verhindern will und Anspruch auf den im Antwerpener Hafen lagernden Tee erhebt.

Unterdes steht in Hamburg eine weitere Deutsch-Indonesische Handelsgesellschaft nach dem Muster der Bremer Handelsgesellschaft kurz vor der Gründung. Hamburg und Antwerpen möchten in Zukunft den bisher ebenfalls von Amsterdam aus zentral geleiteten indonesischen Tee-, Kaffee- und Ölsaaten-Handel übernehmen.

Um nicht völlig vom traditionellen Indonesienhandel ausgeschlossen zu werden, haben sich bereits vier ehemals in Amsterdam ansässige Tabak-Importfirmen in Bremen niedergelassen. Ein halbes Dutzend weiterer holländischer Kaffee- und Tee -Handelsgesellschaften hat unterdes im belgischen Antwerpen sowie in Hamburg um Niederlassungsrechte nachgesucht.

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