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KRAWATTEN-WERBUNG Flucht bei Nacht

aus DER SPIEGEL 38/1966

Zwei Jahre lang demütigte und beleidigte er Deutschlands Männer, verhöhnte sie als lächerliche Kleinbürger, schlimmer, als Versager. Nur wenige liebten, viele verabscheuten ihn, und gerade deswegen war er erfolgreich. Aber er darf nicht länger bleiben: In den kommenden Wochen wird der Krawatten -Muffel für immer vertrieben.

Seine eigenen Väter haben Angst vor dem miesen Männchen, das in die deutsche Umgangssprache einging und den lange stagnierenden Schlips-Umsatz 1965 um 20 Prozent, im ersten Halbjahr 1966 wieder um 18 Prozent anhob. Marktforscher haben gewarnt: »Es besteht die Gefahr einer Verfestigung der Abwehrreaktion.«

Schon dem neunköpfigen Ausschuß der Krawatten-Industrie, der die Muffelei der Düsseldorfer Werbeagentur Team unter vier Vorschlägen ausgewählt hatte, war ob der eigenen Courage nicht ganz wohl gewesen. Heinz Seidler, Geschäftsführer des Krawatteninstituts in Krefeld: »Die Muffel-Werbung war ein Ritt auf der Rasierklinge.« Als die Werbung anlief, war der Handel empört. Chefeinkäufer beschwerten sich: »Seine Kunden beschimpft man doch nicht.«

Ein Angestellter schrieb an das Institut: »Ich muß mich aufs höchste Maß bei Ihnen beschweren. Ich galt bisher als der bestangezogene Mann in der Firma nach meinem Chef. Nun muß ich mir von allen die boshaftesten Sticheleien gefallen lassen, sogar von untergeordneten Kollegen. Ich trage nun mal nicht viele verschiedene Krawatten. Ich fühle mich durch Sie in meiner Intimsphäre aufs stärkste verletzt.«

Ein Muffel-Grübler meldete: »Mich quält die Frage, wie ich mich Menschen gegenüber verhalten soll, die überhaupt keine Krawatte tragen. Also praktisch oben ohne durch die Straßen gehen und so das Schamgefühl vieler Mitbürger zu verletzen drohen.«

Selbst die in der Branche beispiellose Umsatzsteigerung konnte das schwelende Unbehagen über die triste Figur nicht vertreiben. Die Industrie bestellte bei dem Marktforschungsunternehmen Marplan eine Muffel-Studie.

Ergebnis: Der Fiesling habe zwar »das schlafende Krawatten-Gewissen geweckt«, jedoch »eine Fortführung wäre weder beim Publikum ... erwünscht noch aus psychologischen Gründen empfehlenswert«. Denn: »Die außerordentliche psychologische Kraft der Muffel-Figur enthält die Gefahr, daß die Figur über die Krawatte hinauswachsen und zum allgemeinen Spiegel menschlicher Befürchtungen über die eigene Unzulänglichkeit werden kann.«

Team muß sich nun von seinem negativen Star trennen und tut es mit Eklat. In Fernsehspots wird eine Muffel -Büste vom Podest gestürzt, Tomaten klatschen gegen sein Konterfei, er flüchtet bei Nacht und Nebel.

Anzeigen enthalten einen Verpflichtungsschein, auf dem westdeutsche Männer mit ihrer Unterschrift geloben können: »Ich will täglich die Krawatte wechseln, damit der Krawatten-Muffel nicht mehr wiederkommt.«

Abschieds-Anzeige für den Muffel

Angst vor miesen Männchen

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