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Am Rande Flucht der Helden

aus DER SPIEGEL 44/2000

Es sieht düster aus für die deutsche Leitkultur, der Nation kommen die Vorbilder serienweise abhanden. Da setzt sich Christoph Daum - verfolgt von türkischen Bauchtänzerinnen - mit flackerndem Blick ab, der korrekte Klausjürgen Wussow ("Klinik unter Palmen") unternimmt nichts gegen den Haftbefehl, von dem seine künftige Ex-Frau bedroht ist, und selbst Rudolf Scharping ignoriert das Gemeinwohl - egoistisch verweigert er informative Details seiner zarten, jungen Liebe. Nur Jenny Elvers lässt - mit breiter werdender Silhouette - die Öffentlichkeit am soliden Glück einer werdenden Mutter teilhaben.

Doch wächst auch Hoffnung auf neue nationale Vorbilder mitten aus dem Leben. Am vorletzten Sonnabend tauchte eines davon gegen 10.40 Uhr aus dem eiskalten Wasser der Hamburger Alster auf: »Harry, der Held« ("Bild"), der mit einem beherzten Sprung von der Kennedy-Brücke den lebensüberdrüssigen italienischen Kellner Gianpietro M. aus den Fluten gezogen hatte. Ein rührender Beleg für die Richtigkeit der These Gerhard Schröders, dass es auf die Zivilgesellschaft ankommt. Seitdem rollt, wogt, schäumt eine Welle der Hilfsbereitschaft durch die Hafenstadt, denn Harrys einziges Zuhause war bisher ein alter Schlafsack, den er unter der Brücke auszulegen pflegte. Die Sozialsenatorin empfängt ihn, er kann sich vor Jobangeboten kaum noch retten, ein Ingenieur hinterlässt an seinem Schlafplatz einen Zettel: »Habe Arbeit, Zimmer und Schnitzel«. Der nervenstarke Obdachlose wächst in seiner neuen Rolle als kulturelle Leitfigur über sich selbst hinaus: Vergangenen Freitag ließ er sich dazu herab, in der NDR-»Schaubude« aufzutreten. Den Erlös will er unter seinen Kumpeln aufteilen. Ein Held!

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